Auf dem Weg zur Ewigkeit

Wir Menschen haben als einzige Lebensform auf Erden nicht nur ein Bewusstsein des eigenen Ichs, sondern auch ein schmerzliches Wissen um unsere Sterblichkeit – unser endliches, flüchtiges Dasein vor dem tiefen, dunklen Hintergrund räumlicher und zeitlicher Ewigkeit. So ist es nicht überraschend, dass viele Mythen davon handeln, unserer unentrinnbaren Verabredung mit dem Tod zu entgehen.

Die Suche nach ewigem Leben und die Taten unsterblicher Helden sind stetig wiederkehrende Themen in Legenden und Literatur. Auch der heute weitgehend vergessene britische Schriftsteller Sir Henry Rider Haggard wusste dies zu nutzen. Sein berühmtester Roman wurde unter dem Titel King Solomon’s Mines verfilmt. Doch unter Haggards zahlreichen Werken aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert finden sich auch zwei andere Romane: She and Ayesha: The Return of She.

She“ („Sie“) ist die Göttin Ayesha, deren Name von dem arabischen Wort Aisch = Leben abgeleitet und auch eng mit dem hebräischen Ischa = Frau verwandt ist. Die etwas dubiose Heldin findet dadurch das ewige Leben, dass sie in einer geheimen, unterirdischen Höhle in eine Feuersäule eintaucht. Als sie später in das Feuer des Lebens im Herzen eines Vulkans zurückkehrt, taucht sie jedoch schrecklich alt wieder auf. Ehe sie scheinbar stirbt, bittet Ayesha ihren am Boden zerstörten Liebsten, sie so in Erinnerung zu behalten, wie sie in ihrer Jugend und Schönheit war. In der Fortsetzung wird die Göttin, die doch noch lebt, wieder eingeführt, dazu ihr Liebster, der Engländer Leo Vincey. Doch ihre Wiedervereinigung ist nicht von Dauer; trotz aller Anstrengungen erlangt Leo das ewige Leben am Ende nicht. 

Rider Haggards Figuren waren enorm populär – sicher zum Teil, weil er an die unstillbare menschliche Sehnsucht nach Unsterblichkeit appellierte. Die allgemeine Angst der Menschen vor dem Tod und dem, was danach sein könnte, erklärt vielleicht, warum manche Mythen erzählen, wie das ewige Leben fast gewonnen wurde. 

Ist es möglich, dass diese Vorstellungen vom verlorenen Paradies eine einzige Quelle haben? Liegt ihr vielleicht ein Originalbericht zugrunde, der nur ungenau verstanden wurde? Und ist es möglich, dass wir, wenn wir ihn entdecken, auch den Weg finden, das Verlorene wieder zu erlangen? 

EINE URALTE FASZINATION 

Das Streben nach ewigem Leben ist so alt wie die Geschichte selbst. Eine der ältesten und berühmtesten Darstellungen des menschlichen Suchens nach Ewigkeit ist das Gilgamesch-Epos. Dieses mesopotamische Epos aus dem 2. Jahrtausend v.Chr. wurde vor über hundert Jahren von Keilschrifttafeln ins Englische übersetzt. 

Weinend, als wäre ich eine Frau, irre ich über Pfade und Küsten unbekannter Orte und sage: Muss auch ich sterben? Muss Gilgamesch so sein? Da erwiderte dem Gilgamesch die verschleierte Siduri: Welcher Sterbliche kann ewig leben? Das Leben des Menschen ist kurz. Nur die Götter können ewig leben.“

Gilgamesh: A New Rendering in English Verse, David Ferry” (Eigene Übersetzung)

Gilgamesch kommt der Unsterblichkeit verführerisch nahe, als er in den Besitz einer besonderen Pflanze vom Meeresgrund gelangt, die Jugend verleiht. Doch während er in einem See badet, bekommt eine Schlange Witterung von der Kostbarkeit und frisst sie; so entgeht Gilgamesch das ewige Leben, dem er so nah gekommen ist. 

In einer anderen Überlieferung aus Mesopotamien, dem Adapa-Mythos, bietet der Gott Anu dem Helden – einem Führer unter den Völkern – Speise an, die ewiges Leben verleiht. Doch Adapa wurde davor gewarnt, zu essen oder zu trinken. „Sie brachten ihm das Brot des Lebens, doch er aß nicht. Sie brachten ihm das Wasser des Lebens, doch er trank nicht. . . . Anu beobachtete ihn und lachte ihn aus. ,Komm, Adapa, warum hast du nicht gegessen? Warum hast du nicht getrunken? Wolltest du nicht unsterblich sein?‘“ Anu schickt Adapa zurück auf die Erde. Zu spät begreift dieser, welche Chance er vertan hat – ein weiterer unglücklicher Held, dem das ewige Leben entgeht. 

GILGAMESCH, GÄRTEN UND GRIECHEN 

Es ist interessant, dass gerade das Zweistromland Mesopotamien zwischen Euphrat und Tigris (der biblische Ort des Gartens Eden) reich an Mythen um das tiefe menschliche Bedauern über die Unerreichbarkeit des ewigen Lebens ist. Das Scheitern Gilgameschs und Adapas erinnert an die Überlieferung von Adam und Eva im Garten. Das 1. Buch Mose zeigt uns, dass der Baum des (ewigen) Lebens leicht zugänglich war, doch die Schlange überlistete Eva, dass sie von einem anderen Baum aß, den Gott verboten hatte: dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Dann überredete Eva Adam, auch davon zu essen. Daraufhin verwehrte Gott ihnen den Zugang zum Baum des Lebens und vertrieb sie aus dem Garten Eden; nun mussten sie die Folgen ihrer Entscheidung tragen: Schmerz, schwere Arbeit und den unentrinnbaren Tod (1. Mose 2, 16-17; 3, 1-24). 

Während Gilgamesch mit großer Anstrengung Zugang zur Unsterblichkeit erlangt hatte, die ihm dann gestohlen wurde, hatten Adam und Eva freien Zugang zu ihr, entschieden sich aber für eine verheerende Alternative, die Leid und Sterblichkeit nach sich zog. 

Auch in den griechischen Mythen spielt das Streben nach ewigem Leben eine Rolle. In die Homer zugeschriebenen Epen Ilias und Odyssee dürften mehrere Elemente aus älteren mesopotamischen Überlieferungen eingegangen sein: Der edle Odysseus lehnt das von einer Göttin angebotene ewige Leben ab. Der oberste Gott Zeus lässt sich durch die Tränen von Memnons Mutter Eos rühren und verleiht ihm Unsterblichkeit. Den Zwillingen Kastor und Pollux, aber auch dem Kentaur Chiron gibt er eine Art Unsterblichkeit, indem er sie zu himmlischen Konstellationen macht. 

Auch an Adams und Evas trauriges Schicksal finden sich Anklänge in der griechischen Mythologie: In der Geschichte von Pandora und ihrer berühmten „Büchse“ erschafft Prometheus den ersten Mann. Um sich an Prometheus zu rächen, erschafft Zeus daraufhin Pandora als erste Frau und „schenkt“ sie als Gattin Prometheus’ Bruder Epimetheus, der sie in das Reich der Menschen mitnimmt. Pandora weiß nicht, was in der Dose ist, die Zeus ihr mitgegeben hat, öffnet sie aus Neugier und lässt damit vielen Übeln der Menschheit freien Lauf. 

KULTURÜBERGREIFENDE THEMEN 

Ein weiteres, immer wiederkehrendes altes Thema ist der Garten, der Wasser und Pflanzen, besonders aber einen Baum mit dem ewigen Leben verbindet. Jack Tresidders Complete Dictionary of Symbols sagt hierzu, der Garten sei „in antiken Traditionen ein Bild der vollkommen gewordenen Welt, kosmischer Ordnung und Harmonie – des verlorenen und wiedergewonnenen Paradieses . . . ein Vorgeschmack der Freuden der Unsterblichkeit“. 

In einigen Glaubensrichtungen verband der Baum die Gewässer der Unterwelt mit dem Himmel. In anderen entspringt bei dem Baum eine Quelle, die Fons Vitae, von der Wasser in die vier Himmelsrichtungen strömt. Das Wasser des Lebens spielt auch eine Rolle im Mythos von Ischtar, die in die Unterwelt hinabsteigt. In der germanischen Kosmologie verbindet die riesige Weltesche Yggdrasil die unteren, mittleren und oberen Regionen des Kosmos miteinander. Zu Füßen dieses Baumes entspringen drei Quellen – eine von ihnen ist die Quelle der Weisheit –, und eine seiner drei Wurzeln reicht bis in die Unterwelt. 

In der chinesischen Legende werden die Akazie, die Tamariske und mehrere Nadelbäume mit der Unsterblichkeit verbunden, und die Pfirsiche des ewigen Lebens wachsen an Bäumen, die von der Königinmutter des Westens gehegt werden. In der tibetanischen Überlieferung ist die Weide der Baum des ewigen Lebens. In Ägypten ist es der Maulbeerfeigenbaum, in anderen Traditionen des Mittleren Ostens der Ölbaum, die Palme oder der Granatapfelbaum. 

Auch hier könnte man fragen: Haben diese Legenden einen gemeinsamen Ursprung, vielleicht die biblische Überlieferung vom Baum des Lebens, der mitten im Garten Eden stand? 

EINE AHNUNG DER EWIGKEIT 

Der biblische König Salomo verstand, dass der Mensch ein unter allen Geschöpfen einzigartiges Bewusstsein von Ewigkeit hat und dass er sich nach etwas sehnt, das über dieses zerbrechliche, schwierige, sterbliche Leben hinausgeht. Salomo schrieb: Gott „hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur daß der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende“ (Prediger 3, 11; Betonung hinzugefügt). 

Der Mensch hat immer versucht, auf unterschiedlichen Wegen sowohl die ferne Vergangenheit als auch die endlose Zukunft zu verstehen. Der Tod – so sicher, so endgültig – ist der Feind, dem keiner von uns entrinnen wird, obwohl einige in der Legende wie in der Geschichte es versucht haben. Doch wie nie zuvor glaubt der Mensch heute, er beginne durch Naturwissenschaft und Biologie zu „ergründen das Werk, das Gott tut“. Wird die moderne Menschheit endlich einen Weg finden, den Tod zu überlisten oder wenigstens das Leben erheblich zu verlängern? Und wenn ja – was dann?

Im heidnischen Denken war der Tod der Moment, in dem der Mensch endlich die Ewigkeit fand, wenn sie auch nicht immer angenehm war. Das Bemerkenswerte an von Menschen erdachten Mythen und Legenden über das ewige Leben, und selbst an den menschlichen Bemühungen, das Unvermeidliche einfach hinauszuzögern, ist, dass sie keine wirkliche Hoffnung geben. Sie bieten keine Verheißung, dass wir je den Tod besiegen – keine Hoffnung, dass das Leben im Jenseits je alles umfassen wird, das die Menschen ersehnen. Selbst die Vorstellung der glücklichen Aufnahme in den Himmel oder eine andere Art Paradies scheint die trauernden Hinterbliebenen selten völlig zufriedenzustellen. Und so sehr es überraschen mag: Die Bibel – das Buch, das die Christen als Grundlage ihres Glaubens beanspruchen – nennt nirgends den Himmel als letzte Bestimmung der Erlösten.  

Das Wort Gottes gibt jedoch eine Antwort auf die Frage nach dem ewigen Leben: die „Auferstehung der Toten“. Dies ist auch die Antwort auf den verlorenen Zugang zum Baum des Lebens, den die Mythen vieler Kulturen widerspiegeln. Paulus schreibt: „Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden. . . . Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod“ (1. Korinther 15, 20-22. 26).

Echos der biblischen Überlieferung vom Kampf des Menschen gegen die Sterblichkeit gibt es überall. Doch welche dieser anderen Überlieferungen bietet eine solche Hoffnung?