Das Erbe des protestantischen Arbeitsethos

Die einen meinen, wir seien zu freizeitorientiert, andere behaupten, unsere Cyberwelt und Konsumgesellschaft mache uns zu Workaholics. So mancher stellt die Frage, ob die Technologie den arbeitenden Menschen wirklich dauerhafte Vorteile gebracht hat. Angesichts der Tatsache, dass immer häufiger beide Elternteile arbeiten müssen, um die Familien zu versorgen, erhebt sich auch die Frage, ob es auf Dauer gut sein kann, wenn die Erwerbstätigkeit so tief in die persönliche Zeit und das Familienleben einschneidet? Diese und andere Fragen illustrieren die Kontroverse um das, war uns am meisten beschäftigt: Arbeit. Um zu verstehen, warum wir heute mit solchen Fragen konfrontiert sind, ist es hilfreich, einige Aspekte der jüngeren Geschichte zu betrachten und die Wurzeln unseres modernen Arbeitsbegriffs aufzudecken und zu überdenken.

Die protestantische Reformation, eine Zeit großer Umbrüche in Europa, spielte in mehrfacher Hinsicht eine zentrale Rolle. Die enormen Herausforderungen und Veränderungen jener Epoche hinterließen ihre Spuren in den politischen und religiösen Institutionen und prägten nachhaltig die Entwicklung der abendländischen Kultur.

Zwei Reformatoren des 16. Jahrhunderts, deren Einfluss bis in die moderne Gesellschaft von heute zu spüren ist, waren Martin Luther und John Calvin. Dem Letzteren wird zu Recht oder zu Unrecht die Urheberschaft des so genannten protestantischen Arbeitsethos zugeschrieben, der von manchen Kreisen als die Grundlage von Amerikas Aufstieg zu wirtschaftlicher und politischer Macht im 19. und 20. Jahrhundert gesehen wird.

GEGENSÄTZLICHE KULTUREN

Die protestantische Reformation zeigte die implizite Spannung zwischen dem materiellen und dem geistigen Bereich des menschlichen Daseins auf. Frühere Kulturen hatten der Arbeit nicht generell einen eigenen geistigen Wert beigemessen; in manchen Fällen sah man Arbeit sogar als etwas Erniedrigendes an, für das die Klasse der Sklaven zuständig war. Zur Zeit Luthers sah die vorherrschende Kultur der römisch-katholischen Kirche einen höheren Wert im mönchischen Leben des Gebets und der Kontemplation als in körperlicher Arbeit. In Einklang mit dem Feudalsystem des Mittelalters bestätigte sie allerdings den Wert solcher Arbeit, indem sie den Beruf eines Menschen mit seiner geistlichen Berufung gleichsetzte. Als Augustinermönch lehrte Luther, der Mensch solle in dem Beruf und Stand bleiben, in dem er war, als er berufen wurde, denn Gott habe ihn dorthin gestellt; und er solle seinen Lebensunterhalt verdienen, statt Reichtümer anzuhäufen.

Gleichzeitig wandte sich Luther öffentlich dagegen, dass die Kirche praktisch „Zertifikate“ für gute Werke verkaufte (Ablässe), mit denen die Menschen Gottes Zorn über ihre Sünden besänftigen sollten. Der Kauf von Ablässen sollte den Sünder vor der Strafe im Fegefeuer bewahren. So setzte Luther eine Bewegung in Gang, die die Kirche herausforderte - in vielleicht mehr Aspekten, als er selbst beabsichtigt hatte. Der Wert guter Werke im Alltag wurde durch seine neuen theologischen Vorstellungen über Sün-dentilgung herabgesetzt.

In seiner Furcht vor der ewigen Pein entwickelte Luther eine Lehre des Gerechtwerdens, der „Rechtfertigung“ vor Gott durch den Glauben allein an Stelle von „Werkgerechtigkeit“ (Gutes tun), auf der die Ablässe beruhten. Der Gedanke der Rechtfertigung durch den Glauben allein ermöglichte es ihm, seine sündige Natur anzunehmen und dennoch ein positives Bild vom ewigen Leben als Gottes Gnadengabe zu haben. Wie Luther schreibt: „Sündige tapfer, aber glaube [noch] tapferer und freue dich in Christus, der Sieger ist über Sünde, Tod und Welt!“ (Brief an Philipp Melanchthon vom 1.8.1521; WA, Briefwechsel 2, Nr. 424). Für Luther war das Gute, das menschliche Arbeit und Mühe bewirken konnte im Vergleich zu dem Heil, das der Glaube allein brachte, unbedeutend. Insofern stand der Wert von Arbeit im Denken Luthers weit unter den geistlichen Werten.

Calvins Lehre hingegen ging in eine andere Richtung. Statt die geistliche Zukunft des Menschen von seinem irdischen Streben zu trennen, führte Calvin beides zusammen. Seine Einstellung gegenüber der Arbeit entwickelte sich aus seiner revolutionären Auslegung der Vorherbestimmung. Dieser „Prädestinationslehre“ zufolge beruft Gott bestimmte Menschen - die Auserwählten - zum Heil und schenkt ihnen Gnade, während er andere verwirft und zur ewigen Verdammnis bestimmt.

Dieses Denken wurde entscheidend für die Bewertung des menschlichen Strebens. Da die Berufenen Seite an Seite mit den Nichtberufenen standen, wie konnte man dann wissen, ob man zu den Auserwählten gehörte? Anders als Luther sah Calvin einen großen Wert in weltlicher Aktivität: Die bewussten guten Werke des Christen dienten der größeren Ehre Gottes. Weil nur die Erwählten Gott verherrlichen konnten, mehrte ihr Erfolg in menschlichen Bestrebungen nicht nur die Ehre Gottes, sondern sie war auch ein Beweis der Berufung. Aus dem Erfolg eines Menschen konnte man sozusagen seine Erwählung ableiten.

Als dieser Gedanke reifte, wurde er als „Bundestheologie“ bekannt. Gottes Gnade wurde nur den Erwählten zuteil, und dies bedeutete praktisch, dass der Berufene einen Bund oder Vertrag mit Gott eingegangen war, der seine Erlösung gewährleistete. Bei einem Vertrag haben allerdings beide Parteien Bedingungen zu erfüllen. Gottes Vertragsleistung war die Zusage der Erlösung, und die Leistung des Erwählten war die Zusage, bestimmte moralische Verpflichtungen zu erfüllen, durch die er sicher sein konnte, wirklich einer der Erwählten zu sein.

Mit Calvin entstand eine neue Theologie, die allen Berufen Würde verlieh und das Recht des Menschen sicherte, seine Arbeit selbst zu wählen. In engem Zusammenhang damit stand die Vorstellung, dass die Berufenen Gottes Reich auf Erden erbauen sollten, indem sie hart arbeiteten, Wohlstand ansammelten und diesen ständig reinvestierten.

In manchen Kontroversen über die freie Marktwirtschaft wurde die Frage gestellt, ob nicht tatsächlich das protestantische (calvinistische) Ethos die Quelle war, aus der der moderne Kapitalismus entsprungen ist.

Der Calvinismus verbreitete sich in Westeuropa und mit ihm die Vorstellung, dass Arbeit an sich etwas Gutes sei und dass der Verdienst aus harter Arbeit, das Streben nach beruflichem und wirtschaftlichem Erfolg, nicht hoch genug zu schätzen sei. In manchen Kontroversen über die freie Marktwirtschaft wurde die Frage gestellt, ob nicht tatsächlich das protestantische (calvinistische) Ethos die Quelle war, aus der der moderne Kapitalismus entsprungen ist.

EINE NEUE ASKESE

Einen wesentlichen Beitrag zur Diskussion um das moderne Arbeitsethos und das Aufkommen des Kapitalismus leistete der Soziologe Max Weber. Weber merkt an, dass Protestanten, insbesondere Calvinisten, bei den wirtschaftlichen Erfolgen des frühen 20. Jahrhunderts eine führende Rolle spielten. Er spricht vom „ganz vorwiegend protestantischen Charakter des Kapitalbesitzes und Unternehmertums sowohl, wie der oberen gelehrten Schichten der Arbeiterschaft, namentlich aber des höheren technisch oder kaufmännisch vorgebildeten Personals der modernen Unternehmungen“ (Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, S. 18).

Darüber hinaus zeigt er auf, dass ein damit verbundenes Merkmal des modernen Lebens seinen Ursprung in einem religiösen Phänomen hat, das älter ist als der Protestantismus: „Einer der konstitutiven Bestandteile des modernen kapitalistischen Geistes, und nicht nur dieses, sondern der modernen Kultur: die rationale Lebensführung auf Grundlage der Berufsidee ist ... geboren aus dem Geist der christlichen Askese“ (ibid., S. 202) - nicht der Askese der monastischen Weltentsagung, sondern der strengen Selbstregulierung in der Welt.

Einer der Unterschiede des Protestantismus zum Katholizismus bestand darin, dass er keinen Priester zwischen den Gläubigen und Gott stellte. Dem Katholiken war der Trost der Vergebung, Buße und Lossprechung zugesichert durch das Sakrament der Beichte, das der Priester spendete. Der Protestant hatte diese Möglichkeit nicht. Der calvinistische Protestant glaubte, es sei sein Los, Gottes Ehre auf Erden durch ständige Leistung im Alltagsleben zu mehren. In der Gnade zu leben bedeutete, dass jeder Augenblick und jede Handlung von dem ständigen Druck der Denkprozesse geleitet zu sein hatte. Es ist nicht schwer zu verstehen, wie das zu einer asketischeren Lebenseinstellung führen konnte, in der Arbeit und Leistung alles andere überdeckte.

Der Calvinismus wurde zum Stamm eines Baumes, der unterschiedliche regionale und kulturelle Äste und Zweige entwickelte. Jeder hatte asketische Tendenzen, die sich in einer Einstellung zur Arbeit ausprägten.

IM WANDEL DER ZEIT

Während der drei Jahrhunderte nach der Reformation hat das calvinistische Denken über die Arbeit einen allmählichen Wandel erfahren. Wenn Arbeit als Beweis der göttlichen Berufung dienen sollte - sowohl für den Einzelnen als auch für die ganze Welt -, konnte der Begriff Arbeit nicht nur die Erwerbstätigkeit betreffen, sondern musste das ganze Leben umfassen. Religiöse Erwählung konnte deshalb nicht nur durch bezahlte Tätigkeiten demonstriert werden, sondern auch durch politischen Aktivismus. Die Herrschaft Elizabeths I. (1558-1603) in England förderte solchen Aktivismus bei den Protestanten. Ihr Ziel war es, die englische Staatskirche zu „säubern“(u. a. durch Hinrichtung von Katholiken), nachdem sie von der harten Hand der katholischen Queen Mary befreit war. Elizabeth hatte jedoch gemäßigtere Ansichten, und die Säuberer wurden zur politischen Randerscheinung.

Dann wurde James I. König. Er und die nach ihm folgenden Stuart-Könige waren nach außen hin Protestanten, aber mehr als tolerant gegenüber dem Katholizismus - für Englands vorwiegend protestantische Bevölkerung eine alarmierende Tatsache. Die weniger Duldsamen unter ihnen, die „Separatisten“, trennten sich von der englischen Staatskirche und gingen im Jahr 1620 über das Exil in Holland nach Plymouth in Massachusetts, USA. Eine weit größere Gruppe arbeitete jedoch weiter innerhalb des politischen Systems und der Staatskirche für die religiöse Reinheit und etablierte sich als „Puritaner“. Auch ein Teil dieser Gruppe wanderte in den späten 1620er-Jahren aus und ließ sich in Neuengland nieder.

Entsprechend ihrer asketischen Haltung war der Lebensstil dieser ersten Welle von Puritanern in Neuengland karg, und im Mittelpunkt stand die Arbeit - eine Haltung, die wir heute als protestantisches Arbeitsethos kennen. Sie stand für harte Arbeit, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit, und sie förderte die Entwicklung der Neuen Welt während der nächsten 200 Jahre.

Als er zu Ende war, hatte sich die religiöse Haltung gegenüber der Arbeit durch den Säkularismus und die industrielle Entwicklung verändert.

Eine zweite Welle der Veränderung kam mit dem amerikanischen Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert. Als er zu Ende war, hatte sich die religiöse Haltung gegenüber der Arbeit durch den Säkularismus und die industrielle Entwicklung verändert. Der Geschichtsprofessor Gary Scott Smith schreibt: „Im Jahr 1870 begannen viele Männer der Kirche in Amerika zu begreifen, dass der Bürgerkrieg eine kulturelle Wasserscheide in der Geschichte ihres Landes bedeutete. Neue Herausforderungen kamen auf, und sie zu bewältigen würde große Anstrengungen erfordern. Evolutionstheorien, Bibelkritik und utilitaristische Ethiksysteme stellten die traditionellen Vorstellungen vom Ursprung des Menschen, der Autorität der Schrift und der Absolutheit moralischer Standards in Frage“ (The Seeds of Secularization, 1985).

Nach dem Umbruch des Bürgerkrieges begann der Calvinismus als religiöse Barriere gegen humanistische Lehren zu bröckeln. Neue Ideen über „heilige“ Dinge kamen auf. Die Folge war, dass sich der Kernbegriff der Arbeit allmählich wandelte. Sie war nicht länger „Berufung“, sondern ein Beitrag zum Wohl der Allgemeinheit. Schritt für Schritt wurde die Arbeit von den religiösen Werten getrennt, wie der Staat von der Kirche getrennt wurde.

WELTLICHE WERTE

Der Säkularismus trat als wichtiger Aspekt der amerikanischen Gesellschaft an die Seite der Religion, und er trug zum wachsenden Pluralismus des Landes bei.

Heute kommt die Spannung von der Frage, welches Weltbild das öffentliche Leben beherrschen sollte. Humanisten wollen religiöse Werte an den Rand drängen, während die religiös Gesonnenen - besonders diejenigen mit starken calvinistischen Wurzeln - finden, dass jede private und öffentliche Aktivität von heiligen Werten geleitet sein sollte. Doch für die meisten ist die Verbindung zwischen Arbeit und Berufung getrennt. Im heutigen kulturellen Umfeld ist Arbeit fest an weltliche Werte gebunden.

Wie wir mit Weber feststellten, veränderte sich während der Entwicklung des protestantischen Arbeitsethos die Natur der Arbeit, und der Kapitalismus fasste in Europa, Großbritannien und später Amerika Fuß. Das protestantische (calvinistische) Ethos des 18. und 19. Jahrhunderts war in der Tat ein entscheidender Faktor in der Entwicklung der Neuen Welt. Doch dieses Ethos gibt es nicht mehr. Sollten wir deshalb versuchen, uns im 21. Jahrhundert wieder mit diesen Wurzeln zu verbinden? Schließlich ist doch offensichtlich, dass der weltliche Ersatz für das protestantische Ethos nicht erfüllt und nicht glücklich macht.

Das Problem ist, dass beide Einstellungen von vornherein fehlerhaft sind.

Das protestantische Arbeitsethos baute auf einem fehlerhaften Fundament auf, das sich in den kulturellen Umwälzungen als nicht tragfähig erwies. Zwar ist der Ärger der Reformatoren über die katholische Kirche verständlich, doch falsch plus falsch ergibt nicht richtig. Statt das Wort Gottes zu nehmen und das theologische Fundament der Kirche auf dieser Grundlage zu hinterfragen, tappten Luther und Calvin in die Falle, ihre theologischen Überlegungen durch persönliche Neigungen beeinflussen zu lassen.

Das protestantische Arbeitsethos baute auf einem fehlerhaften Fundament auf, das sich in den kulturellen Umwälzungen als nicht tragfähig erwies.

Luthers Lehre von der Erlösung durch den „Glauben allein“ war ein Produkt seiner Furcht vor der Bestrafung der Sünde, und Calvin konnte sich dank seiner Prädestinationslehre der Welt so zuwenden, wie es die Kirche zuvor nicht getan hatte. Doch die Besessenheit von Wohlstand als Zeichen der Gottgefälligkeit kann letztlich nur an die negativen Aspekte des menschlichen Wesens anknüpfen. Wie es sich trifft, bestätigt die Schrift keine der beiden Lehren.

Der säkulare Humanismus jedenfalls macht keinen Hehl daraus, dass er Gott oder die Vorstellung einer absoluten Wahrheit ablehnt, und verlässt sich vollkommen auf den Menschen selbst. Ihm überlässt er die Entscheidung, welche Werte die Grundlage für menschliches Glück und Erfüllung darstellen. Da die Menschheit sich nicht einigen kann, was diese Werte sein sollen, bietet auch der Säkularismus nur ein instabiles, unsicheres Fundament.

DAS ARBEITSETHOS DER BIBEL

Schon eine flüchtige Lektüre der Bibel zeigt, dass Arbeit ein wichtiger Faktor im menschlichen Leben ist. Nach der Erschaffung des Menschen gab Gott ihm den Auftrag, alles zu bebauen und zu bewahren (1. Mose 2, 15). Sechs Tage sollen wir arbeiten und alle unsere Werke tun, und dann am siebten Tag ausruhen, so sagt es eines der Zehn Gebote. In der Bibel werden Menschen zu Arbeit und Fleiß angehalten.

Luthers Ansicht, dass man sich durch Werke (aller Art) nicht das ewige Leben „verdienen“ könne, war und ist zweifellos richtig. Sein Irrtum lag darin, zu denken, dass Werke deshalb unbedeutend seien. Unser Glaube drückt sich auch in unseren entsprechenden Handlungen aus - wie Jakobus in der Schrift sagt: „So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber“ (Jakobus 2, 17). Wenn man Vers 24 liest, wundert es nicht, dass Luther den Jakobusbrief als „Stroh-epistel“ titulierte: „So seht ihr nun, daß der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein“ (wie Luther lehrte; Betonung hinzugefügt). Das ewige Leben ist ein Geschenk Gottes (Epheser 2, 8), aber der Lohn, den die Nachfolger Christi empfangen werden, bemisst sich nach ihren Werken (Offenbarung 22, 12).

Durch verantwortungsvolle Arbeit erweisen wir uns als Nachfolger Christi, denen anbefohlen wird, so zu arbeiten, als gelte es dem Herrn (Epheser 6, 7). Im Gleichnis von den anvertrauten Pfunden (Lukas 19, 11-23) zeigt Jesus, dass von uns erwartet wird, mit dem, was uns anvertraut ist (was immer es ist), tüchtig und vernünftig zu arbeiten, Gewinn, Zuwachs zu erzielen.

Fleißige, tüchtige Arbeit ist die Folge unseres Glaubens, nicht der Beweis unserer Erwählung, wie Calvin irrtümlich behauptete. Die Meinung, dass Erfolg immer Recht gebe, ist sicher eine Auslegung von Calvins Prädestinationsthese, aber nicht Teil des biblischen Arbeitsethos. Der verbissenen Arbeitsbesessenheit und dem süchtigen Erfolgsstreben als Selbstzweck hält die Schrift entgegen: „Besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind“ (Prediger 4, 6).

Es gibt noch andere, wichtige Gebiete, für die wir Zeit und Energie brauchen - die Workaholics übersehen, dass die Familie, die Ehe, die Kinder, der geistliche Mensch nicht vom Broterwerb allein leben, sondern Zeit und Muße brauchen. Es gibt ein wichtiges Leben neben der Berufsarbeit.

Arbeiten, um daraus Gewinn zu ziehen, ist durchaus ein biblisches Prinzip. Schon vor Jahrtausenden war bekannt, dass dort, wo man arbeitet, Gewinn ist (Sprüche 14, 23) und dass eine fleißige Hand die Grundlage von Reichtum darstellt (10, 4). Der Apostel Paulus schreibt: „... Wer pflanzt einen Weinberg und ißt nicht von seiner Frucht? Oder wer weidet eine Herde und nährt sich nicht von der Milch der Herde?“ (1. Korinther 9, 7). Die Arbeit soll uns versorgen, das schließt aber nicht aus, dass durch ordentliches Haushalten „die Kammern voll kostbarer, lieblicher Habe“ sein können (Sprüche 24, 4). Andererseits widerspricht das habsüchtige Streben nach Reichtum als Ziel an sich dem biblischen Arbeitsethos (Epheser 5, 5).  

Dass es nichts Besseres gibt, als dass ein Mensch fröhlich ist in seiner Arbeit, guten Mutes ist bei all seinen Mühen, mit Freuden isst und trinkt, erkannte man schon in früher Zeit (Prediger 3, 12-13. 22). Das biblische Arbeitsethos ist trotz der Prophezeiung, dass wir „im Schweiße des Angesichts unser Brot essen werden“, dass Arbeit mit Anstrengung verbunden ist, keineswegs menschenfeindlich. „Wer arbeitet, dem ist der Schlaf süß“, schreibt Salomon über die Auswirkung erfüllender Tätigkeit. Arbeit ist keine Strafe, sondern eine Gelegenheit, seine Talente zum Wohle der Gemeinschaft einzusetzen und daraus Freude und Erfüllung zu erfahren. Die Kirche Christi wird in 1. Korinther 12 mit einem Leib verglichen, der viele Glieder hat, die alle ihre Aufgaben verrichten, um dem ganzen Körper Harmonie und Funktionsfähigkeit zu geben. Eine wunderbare Definition eines über das Ich hinausreichenden, höheren Arbeitsethos.

Mein Vater hat bis jetzt gearbeitet, und auch ich arbeite“, sagte Jesus Christus (Johannes 5, 17; Jüdisches Neues Testament) und dokumentiert dadurch, dass das Wirken Gottes und Christi als Arbeit zu sehen ist. Insofern ist Arbeit, seine Talente, sein Können einzusetzen, gewissermaßen eine Tätigkeit auf „göttlicher Ebene“.  

Der Sinn von menschlicher Arbeit geht aus biblischer Sicht über den bloßen Erwerb alles Nötigen hinaus. Es geht um die Entwicklung moralischer Stärke oder Qualität. Mit anderen Worten: um die Entwicklung von gerechtem Charakter.

Die Heilige Schrift enthält eine breite Vielfalt äußerst sinnvoller moralischer Leitlinien, deren Befolgung alle Aspekte unseres Lebens in richtige Bahnen lenkt und die Grundlage gerechten Charakters bildet. Wenn wir uns nach diesem Moralkodex richten, erlangen wir in unserem Tun (dazu gehört natürlich auch unsere Arbeit) ein Gefühl der Erfüllung und des Glücks, das wir auf andere Weise nicht erreichen. Diese Richtlinien lassen sich in dem einfachen Gebot zusammenfassen, unseren Nächsten zu lieben wie uns selbst (Römer 13, 9), andere so zu behandeln, wie wir selbst behandelt werden möchten (Matthäus 7, 12).

Dieses Prinzip verlangt z. B. von den Arbeitgebern ein echtes Interesse am Wohlergehen ihrer Mitarbeiter, und von den Arbeitnehmern vollen Einsatz, ehrliche und fleißige Arbeit.

Würden sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer die biblischen Lehren als Grundlage eines neuen Arbeitsethos anerkennen, ließe sich außerdem ein konstruktives Gleichgewicht zwischen den Anforderungen und Bedürfnissen des Unternehmens und der familiären Verantwortung und den Bedürfnissen der Arbeitnehmer und deren Familien erreichen. Wie der Psalmist vor 3000 Jahren schrieb: „Wohl dem, der den HERRN fürchtet und auf seinen Wegen geht! Du wirst dich nähren von deiner Hände Arbeit; wohl dir, du hast's gut“ (Psalm 128, 1-2).

Es ist in der Geschichte des Menschen eine Menge schief gelaufen, auch in Bezug auf Arbeit und Arbeitsethos. Leider haben Luther und Calvin, die protestantischen Reformatoren, nicht das wahre biblische Arbeitsethos wiedereingeführt.

Die Bedingungen in der Arbeitswelt als Einzelne zu ändern liegt natürlich über unseren Kräften - aber was hindert uns, in unserem Bereich, bei uns selbst anzufangen?