Johannes: Im Licht der Zukunft

Das letzte Buch des Apostels Johannes, die Offenbarung, bildet den Abschluss der Schriftensammlung, die wir das Neue Testament nennen. Es wird auch als Apokalypse bezeichnet, nach dem griechischen Wort apokalypsis – „Offenbarung“ oder „Enthüllung“ (in diesem Fall auf künftige Dinge bezogen). Weil es voll seltsamer Visionen, Blut und Rauch, grausiger Schlachten, furchterregender Bestien und böser Herrscher ist, liest sich das Buch zu einem großen Teil wie ein Albtraum [BP1]der schlimmsten Sorte, obgleich an seinem Ende eine neue, friedliche Welt steht, die ewig ist. Dass Johannes die Offenbarung geschrieben hat, wird von vielen bezweifelt. Doch konservative Bibelwissenschaftler halten sie aufgrund der frühesten Überlieferungen für ein echtes Werk des Apostels. Ihre Themen führen das Evangelium des Johannes und seine drei pastoralen Briefe fort und zeigen der Kirche eine wesentliche Perspektive auf die Ereignisse der Endzeit und die Entwicklung dieses Menschenzeitalters auf. 

Für die meisten Menschen, die sich die Zeit nehmen, diese Schrift zu lesen, bleibt „die Enthüllung“ dennoch ein Rätsel. Selbst namhafte Theologen sind über ihre Inhalte gestolpert. In seiner „Vorrede zur Offenbarung“ früherer Auflagen schrieb der Bibelübersetzer und Reformator Martin Luther die berühmten Worte: „Endlich meine davon jedermann, was ihm sein Geist gibt.“ Er hielt den Bericht von Johannes’ Visionen „weder für apostolisch noch für prophetisch“, gelangte jedoch mit der Zeit zu einer anderen Auffassung. Der englische Bibelforscher J. B. Phillips brachte im 20. Jahrhundert ähnliche Vorbehalte zum Ausdruck. In der Einleitung zu seiner Übersetzung schrieb er: „Ich war natürlich versucht, dieses Buch ganz aus meiner Übersetzungsarbeit herauszuhalten.“ Wie er anmerkte, hatte Johann Calvin in seinem Kommentar zum Neuen Testament genau das getan. 

Der Überlieferung zufolge wohnte Johannes gegen Ende seines Lebens in Ephesus, im Westen der heutigen Türkei. Wahrscheinlich trieben ihn zunehmende Anfeindungen gegen die Anhänger Jesu ins Exil auf der nahe gelegenen römischen Insel Patmos. Dort wurde er zu seinem letzten Werk inspiriert. Später, vielleicht wieder in Ephesus, verfasste er die Offenbarung – dem Gebot gehorchend, spezifische Botschaften und die Einzelheiten seiner Visionen niederzuschreiben. Johannes beschreibt seine Erfahrung: „Ich […] war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes willen und des Zeugnisses von Jesus […] und hörte eine Stimme […], die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch“ (Offenbarung 1, 9b, 11a).

ABSENDER UND ADRESSATEN 

Die Apokalypse beginnt mit einer Erklärung über die Herkunft ihres Inhalts, ihren Urheber und ihre Absicht: „Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die ihm Gott gegeben hat, seinen Knechten zu zeigen, was in Kürze geschehen soll; und er hat sie durch seinen Engel gesandt und seinem Knecht Johannes kundgetan, der bezeugt hat das Wort Gottes und das Zeugnis von Jesus Christus, alles, was er gesehen hat“ (Offenbarung 1, 1-2). 

Gott der Vater übergab Jesus die Botschaft über die künftigen Ereignisse. Jesus wiederum übermittelte sie durch einen Engel und durch Visionen an einen seiner Jünger – Johannes –, damit das Volk Gottes (seine „Knechte“) schon im Voraus etwas von dem wusste, was am Ende dieser Phase der menschlichen Geschichte kommen würde. Der Anfang des Textes enthält zudem für die Anhänger Jesu wichtige Informationen darüber, wie sie angesichts dieser künftigen Geschehnisse mit ihrem soziopolitischen Umfeld umgehen sollten. Zu beachten ist, dass Johannes dieses Buch nicht als sein persönliches Werk bezeichnete. Wie bereits angemerkt, war er beauftragt worden, alles niederzuschreiben, was er sah und hörte, und es in Form eines langen Briefes an sieben Gemeinden zu schicken (Offenbarung 1, 11; 19).

INTERNES WISSEN

Der Eröffnungsvers des Buches besagt deutlich, dass die Offenbarung ursprünglich nur für die Knechte Gottes bestimmt war. Johannes ist „euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus“ (Offenbarung 1,9). Zur Zeit ihrer Entstehung war dies keine Botschaft an die Allgemeinheit. Heute ist sie natürlich öffentlich in dem Sinn, dass sie in Hunderten von Sprachen und Dialekten und in Abermillionen von Bibeln veröffentlicht ist. Das bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass dieses breitere Publikum sie verstanden hat oder verstehen wird. Die Rezeptionsgeschichte des Buches beweist das Gegenteil. Obwohl es leicht zugänglich war, blieb es für die meisten Menschen doch ein „Buch mit sieben Siegeln“. 

Und die Jünger traten zu ihm und sprachen: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? Er antwortete und sprach zu ihnen: Euch ist’s gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen, diesen aber ist’s nicht gegeben.“

Matthäus 13, 10–11

Der Grund findet sich in einer selten verstandenen biblischen Wahrheit im Matthäusevangelium. In der Öffentlichkeit sprach Jesus oft in Bildern. Matthäus überliefert eine Serie solcher Gleichnisse über das Himmelreich. Viele meinen, Jesus habe so gesprochen, um zu verdeutlichen, was er meinte. Matthäus aber zeigt etwas anderes. Jesus hatte in einer öffentlichen Rede das Gleichnis vom Sämann verwendet: „Und die Jünger traten zu ihm und sprachen: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? Er antwortete und sprach zu ihnen: Euch ist’s gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen, diesen aber ist’s nicht gegeben“ (Matthäus 13, 10-11). 

Das Wort Geheimnisse ist die Übersetzung des griechischen mysterion – „der nicht manifestierte oder private Ratschluss Gottes, (Gottes) Geheimnis, die geheimen Gedanken, Pläne und Fügungen Gottes, […] die dem menschlichen Verstand ebenso verborgen sind wie allem anderen Verstehen unterhalb der göttlichen Ebene, und die entweder der Erfüllung oder der Offenbarung an jene harren, für die sie bestimmt sind“ (W. F. Arndt, F. W. Danker, W. Bauer, A Greek-English Lexicon of the New Testament and Other Early Christian Literature, 2000). 

Im privaten Kreis seiner Jünger kommentierte Jesus das Gleichnis vom Sämann so: „Darum rede ich zu ihnen in Gleichnissen. Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht und mit hörenden Ohren hören sie nicht; und sie verstehen es nicht“ (Matthäus 13, 13). Die Jünger gehörten zu einer anderen Kategorie: „Aber selig sind eure Augen, dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören“ (Matthäus 13,16). 

In seinem Evangelium erhellt Johannes dieses interne Wissen noch weiter. Er überliefert, dass Jesus ungläubigen Zuhörern erwiderte: „Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, ihn ziehe der Vater“ (Johannes 6, 44). Viele, die zunächst für Jesus offen gewesen waren, kehrten ihm wegen dieser Worte bald darauf den Rücken: „Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm“ (Johannes 6, 66). So überrascht die Feststellung nicht, dass die Allgemeinheit im Buch Offenbarung überwiegend sehr negativ auf Gott und seine Botschaft reagiert, und dass das Buch für das Volk Gottes bestimmt ist, das die Wiederkunft Christi erwartet. 

Johannes spricht also die Kirche an, wenn er schreibt: „Ihm, der uns liebt und uns erlöst hat von unsern Sünden mit seinem Blut und uns zu Königen und Priestern gemacht hat vor Gott, seinem Vater, ihm sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen. Siehe, er kommt mit den Wolken, und es werden ihn sehen alle Augen und alle, die ihn durchbohrt haben, und es werden wehklagen um seinetwillen alle Geschlechter der Erde. Ja, Amen“ (Offenbarung 1, 5b-7). Diese Botschaft mit ihren Aussagen über den Vater, über Christus und sein Opfer, über seine Wiederkunft, seine Rolle und die Zukunft seines Volkes würde für Außenstehende kaum einen Sinn ergeben.

Für Menschen außerhalb der Kirche hätte auch das Folgende keinen Sinn: „Du bist würdig, zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn du bist geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erkauft aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen und hast sie unserm Gott zu Königen und Priestern gemacht, und sie werden herrschen auf Erden“ (Offenbarung 5, 9-10). Diesen Lobpreis der Engel für Christus überliefert Johannes für die Kirche

Darauf, für wen die Offenbarung bestimmt ist, wird im gesamten Buch immer wieder hingewiesen, u. a. in Kapitel 6, 9-11 im Zusammenhang mit dem Martyrium der Gläubigen, in Kapitel 7, 1-4, wo vom Schutz für das Volk Gottes die Rede ist, in Kapitel 8, 1-4 mit dem Gebet der Heiligen und in Kapitel 12 mit der Identität und der Geschichte der Kirche. 

Die Kapitel 2 und 3 der Apokalypse sind besonders kirchenorientiert; sie enthalten spezifische, detaillierte Sendschreiben an die sieben Gemeinden, die bereits in Kapitel 1 (Vers 11) genannt wurden. Zwar werden die Gemeinden nach den ersten drei Kapiteln nicht mehr einzeln aufgezählt, doch im Schlussteil des Buches heißt es: „Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt, euch dies zu bezeugen für die Gemeinden. Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der helle Morgenstern“ (Offenbarung 22, 16, kursiv vom Autor). So beginnt und endet die Offenbarung mit einem Hinweis auf ihre spezifische Zielgruppe.

SIEBEN SENDSCHREIBEN 

Die sieben Gemeinden befanden sich in der römischen Provinz Asia. Von Ephesus aus bildeten sie ein Oval in Richtung Norden und Südosten, dann in Richtung Nordwesten über Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea und zurück nach Ephesus. Doch lagen auf der Reiseroute des Johannes nur sieben Stationen? Gab es in der Region nur sieben Gemeinden? Das ist wenig wahrscheinlich. Wie wir wissen, gab es wenige Jahre zuvor Gemeinden in Troas, nordwestlich von Pergamon (Apostelgeschichte 20, 5), möglicherweise in Milet, südlich von Ephesus (Apostelgeschichte 20, 17-18) und im Lykostal in Kolossä und Hierapolis, nahe bei Laodizea (Kolosser 1, 2; 4, 13). 

Es ist aufschlussreich, dass das Buch Offenbarung viele Siebenergruppen enthält: sieben Sterne, sieben Engel, sieben Leuchter, sieben Siegel, sieben Posaunen, sieben Häupter, sieben Kronen, sieben Schalen des Zorns und sieben letzte Plagen. In der biblischen Literatur bedeutet die Zahl Sieben Vollständigkeit, Gesamtheit, Ganzheit. Die sieben Gemeinden repräsentieren somit die gesamte Kirche, und die Sendschreiben an sie gelten für die Kirche bis zum heutigen Tag. Jede Gemeinde erhielt ein für sie spezifisches Sendschreiben von Christus selbst (Offenbarung 1, 11-20), doch alle sieben sollten es jeweils im Kontext des gesamten Buches lesen. Johannes überbringt diese Sendschreiben und wiederholt in Kapitel 2 und 3 siebenmal: „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!“ (s. auch 2, 23).

Obgleich die Sendschreiben individuell sind, zeigen sie Gemeinsamkeiten, die zu dem Schluss führen, dass sie die gleichen zentralen Aussagen siebenmal wiederholen, um die maximale Wirkung zu erzielen. Die Möglichkeit einer Abweichung vom Glauben ist in allen Gemeinden erkennbar, doch die auffälligeren Gemeinsamkeiten sind Lob (außer in dem Brief an Laodizea), Tadel (außer in den Briefen an Smyrna und Philadelphia), Ermahnung und eine ermutigende Verheißung für alle, die zu der notwendigen persönlichen Umkehr bereit sind.

EPHESUS: NACHLÄSSIG GEWORDEN 

Ephesus war eine wichtige Hafenstadt mit etwa 200 000 Einwohnern und das Verwaltungszentrum der Provinz Asia. Es lag am westlichen Ende einer wichtigen Handelsstraße und war der Standort des Tempels der Artemis oder Diana, der in der Antike als eines der sieben Weltwunder galt. Seinetwegen trug die Stadt den Beinamen neokoros (Tempelwächter) oder „Hüterin der großen Diana“ (Apostelgeschichte 19, 35). Daneben hatte Ephesus einen Tempel, der Caesar und der Göttin Roma geweiht war, und weitere für Augustus sowie später Hadrian. Wenn eine Stadt Geld und Gunst von Rom wollte, bat sie um Erlaubnis, einen solchen Tempel zu bauen, und in manchen Fällen erhielt sie dann den Titel neokoros. Gegen Ende des ersten Jahrhunderts schlugen die Stadtväter von Ephesus vor, ein Heiligtum für Kaiser Domitian (81-96 n. Chr.) und seine Dynastie zu bauen. Er stimmte zu, und die Familie der Flavier, zu der auch die Kaiser Vespasian und Titus gehörten (die Verantwortlichen für die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70), wurde in einem Tempel verherrlicht, dessen Grundriss noch heute in den Ruinen der Stadt zu erkennen ist. Durch Domitians Gunst wurde Ephesus um 89 n. Chr. zur Hüterin des Kaiserkults in der Provinz Asia ernannt. Im Rahmen dieses Kultes wurden u. a. Opfer vor Kaiserstatuen zelebriert. 

Johannes’ Aufenthalt auf Patmos fällt wahrscheinlich in die Regierungszeit Domitians. Dem griechischen Autor Philostratos zufolge waren die Inseln vor der Westküste damals voller Exilanten. Hatte sich Johannes geweigert, am Kaiserkult teilzunehmen, und war deshalb von Gegnern angezeigt worden? Welchen Grund sein Aufenthalt auf Patmos auch hatte – er dauerte nicht lange. Domitians Nachfolger Nerva (96-98 n. Chr.) amnestierte alle Exilanten, die keine schweren Straftaten begangen hatten. Wenn Johannes dann nach Ephesus zurückkehrte, war er dort frei und konnte niederschreiben, was er gesehen und gehört hatte. 

Das Sendschreiben Christi an die Gemeinde von Ephesus beginnt so: „Ich kenne deine Werke und deine Mühsal und deine Geduld und weiß, dass du die Bösen nicht ertragen kannst; und du hast die geprüft, die sagen, sie seien Apostel und sind’s nicht, und hast sie als Lügner befunden und hast Geduld und hast um meines Namens willen die Last getragen und bist nicht müde geworden“ (Offenbarung 2, 2-3). 

In den Anfangsjahren der Gemeinde von Ephesus waren Glaubenseifer, Geduld unter schwierigen Umständen und aufopfernde gute Werke kennzeichnend für sie gewesen. Sie war sogar bereit, die Autorität angeblicher Apostel infrage zu stellen, die mit einer falschen Botschaft kamen. Als Knotenpunkt von Verkehrswegen zog Ephesus bestimmte Arten von Menschen an – auch Wanderprediger. 

Ein Beispiel hierfür aus der Zeit des Paulus in Ephesus findet sich in der Apostelgeschichte. Lukas schreibt: „Es unterstanden sich aber einige von den Juden, die als Beschwörer umherzogen, den Namen des Herrn Jesus zu nennen über denen, die böse Geister hatten, und sprachen: Ich beschwöre euch bei dem Jesus, den Paulus predigt“ (Apostelgeschichte 19, 13). Die späteren Irrlehrer, die sich als Apostel ausgaben, passen in diese Kategorie der Wanderprediger. Die Christen in Ephesus waren in vielfacher Hinsicht treu geblieben und hatten sich von solchen Leuten nicht zu Abweichungen verführen lassen. Doch in anderer Hinsicht hatten sie enttäuscht. Sie waren nachlässig geworden und ihre guten Werke keine Entschuldigung dafür, dass sie sich nicht änderten, wo sie sich ändern mussten. Daher standen in Johannes’ Brief auch warnende Worte von Christus: „Aber ich habe gegen dich, dass du die erste Liebe verlässt. So denke nun daran, wovon du abgefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke! Wenn aber nicht, werde ich über dich kommen und deinen Leuchter wegstoßen von seiner Stätte – wenn du nicht Buße tust“ (Offenbarung 2, 4-5).

Der niedrige Charakter des gesellschaftlichen Umfeldes hatte auf die Gemeinde abgefärbt. Ihre Begeisterung für die Wahrheit, die einst Paulus gelehrt hatte, hatte nachgelassen. Nun, 30 bis 40 Jahre später, war der Eifer der Gemeinde für ihr neues Wissen nicht mehr so stark wie zuerst. Das kann jedem geschehen. Aus diesem Grund sagte das Sendschreiben der Gemeinde in Ephesus, sie solle aufwachen, ihren traurigen Zustand erkennen und Buße tun, d. h. umkehren, sich ändern. Christus ermahnte sie, sich an die Begeisterung ihrer ersten Entscheidung für seinen Weg des Lebens zu erinnern. Er wusste, dass sie standhaft sein konnte. Dies drückt sein nächster Satz aus: „Aber das hast du für dich, dass du die Werke der Nikolaïten hassest, die ich auch hasse“ (Offenbarung 2, 6). Offenbar waren die Epheser noch fähig, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, soweit es diese Gruppe betraf – die Anhängerschaft eines Mannes namens Nikolaus, der lehrte, es sei möglich, gläubig zu sein und trotzdem noch unmoralisch zu handeln. Dies wäre ein willkommenes Argument für diejenigen gewesen, die Kompromisse mit der Welt wollten. 

Die Gemeinde von Ephesus hatte also in ihrem Eifer nachgelassen, doch sie hatte dem Druck, von ihren hohen moralischen Idealen abzuweichen, nicht völlig nachgegeben. Das Sendschreiben Christi an die Epheser endet mit einer Warnung und einer Verheißung an seine Gemeinden durch alle Zeiten: „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem will ich zu essen geben von dem Baum des Lebens, der im Paradies Gottes ist“ (Offenbarung 2, 7).

SMYRNA: „SEI STANDHAFT“ 

Etwa 65 Kilometer nördlich von Ephesus lag Smyrna. Die Stadt mit ihren rund 100 000 Einwohnern war bekannt für Reichtum, schöne Bauwerke, guten Wein, Wissenschaft und Medizin. Als erste Stadt in Asia hatte Smyrna 195 v. Chr. der Göttin Roma ein Heiligtum errichtet. Dies war ebenfalls eine Hafenstadt, die mit Ephesus und dem benachbarten Pergamon um die Gunst der Kaiser wetteiferte, indem ihnen dort Tempel errichtet wurden. Im Jahr 23 n. Chr. erhielt sie die Erlaubnis, einen Tempel zu Ehren des Kaisers Tiberius, seiner Mutter Livia und des Senats zu bauen. Für diesen Tempel verlieh Tiberius Smyrna den begehrten Titel neokoros – Tempelwächter seines Kaiserkults. 

Zur Zeit des Johannes hatten die Juden in Smyrna offenbar begonnen, die Nachfolger des Lebensweges zu bekämpfen. Er gibt die Eröffnung des Sendschreibens Christi wieder: „Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden: Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – du bist aber reich – und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden und sind’s nicht, sondern sind die Synagoge des Satans“ (Offenbarung 2, 8-9). Die Konfrontation zwischen Juden und den Nachfolgern Christi hatte sich zugespitzt, und möglicherweise denunzierten die Juden sie wegen Romfeindlichkeit bei der Obrigkeit. Belegt ist jedenfalls, dass es unter Kaiser Trajan (98-117) in der Nachbarprovinz Pontus-Bithynia solche Denunziationen und darauf folgende Bestrafungen gab; es geht aus einem Brief hervor, den Plinius d. J. zwischen 110 und 113 an den Kaiser schrieb.

Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! […] Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“

Offenbarung 2, 10

Das Sendschreiben Jesu an die Gemeinde von Smyrna war eine Ermutigung, standhaft zu sein: „Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“ (Offenbarung 2, 10). Es war eine Zeit intensiver Verfolgung. Und manche in Smyrna würden für ihren Glauben sterben müssen. Die Gemeinde brauchte eine Botschaft, die denen Kraft gab, die ihren Glauben mit dem Leben bezahlen mussten. 

Unter Androhung von Leiden, das Richtige, jedoch Unbequeme zu tun, ist zu allen Zeiten von größter Bedeutung. Das zweite Sendschreiben schließt mit einer Ermutigung, trotz der Hindernisse den Weg weiterzugehen, weil der Lohn unvergleichlich ist – das ewige Leben: „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode“ (Offenbarung 2, 11). Der „zweite Tod“ ist das Schicksal derer, die sich bewusst dem Weg Gottes verweigern, nachdem ihnen die Augen geöffnet wurden. 

Das Potenzial für eine Abweichung vom Glauben lag im Fall Smyrnas darin, der Unterwerfung unter Menschen Vorrang vor der Treue zu Gott zu geben. 

PERGAMON: THRON DES SATANS 

Pergamon (oder Pergamos) hat eine Geschichte, die mindestens bis ins 4. oder 5. Jahrhundert v. Chr. zurückreicht. 133 v. Chr. vererbte der letzte Herrscher der Dynastie von Pergamon, Attalos III., die Stadt an Rom. Sie war für ihr hohes kulturelles Niveau bekannt und förderte schon früh Vorformen der heutigen Medizin und Psychotherapie. Mit Heilquellen und einem medizinischen Zentrum, das nach dem griechisch-römischen Gott Asklepios/Aesculapius benannt war, zog Pergamon Menschen aus der gesamten bekannten Welt an. 

Du hältst an meinem Namen fest und hast den Glauben an mich nicht verleugnet. […]“ 

Offenbarung 2, 13

Zur Zeit des Johannes war Pergamon mit rund 120 000 Einwohnern eine der größten Städte in der Provinz Asia. Auch hatte sie verschiedene heidnische Heiligtümer. Ihr Athene-Tempel war an eine Bibliothek angeschlossen, die mit 200 000 Büchern der großen Bibliothek im ägyptischen Alexandria Konkurrenz machte. Die Technik, Tierhäute so zu behandeln, dass man auf ihnen schreiben konnte, und sie zu Büchern zu binden, war in Pergamon vervollkommnet worden – daher der Name „Pergament“. Das kunstvolle Herzstück der Stadt bildete der Zeus-Altar, der Pergamons Sieg über die Gallier im Jahr 190 v. Chr. verherrlichte. Ein großer Teil des Altars wurde im späten 19. Jahrhundert abgebaut und ist heute im Berliner Pergamonmuseum zu sehen. Es heißt, an diesem Altar seien 24 Stunden pro Tag und sieben Tage pro Woche Opfer zelebriert worden. Die beherrschende Position dieses heidnischen Bauwerks, das auf einem Vulkanstotzen hoch über seiner Umgebung emporragte, könnte erklären, warum in dem Sendschreiben an die Gläubigen dort vom „Thron des Satans“ die Rede ist (Offenbarung 2, 13). Die Assoziation von Altar und Thron gab es schon sehr lange. Möglicherweise bezieht sich „Thron des Satans“ auch auf den Kult des Asklepios, dessen Symbol eine Schlange ist (in Offenbarung 12, 9 wird Satan als „die alte Schlange“ bezeichnet). Eine weitere mögliche Erklärung ist die Tatsache, dass Pergamon der Sitz des römischen Obergerichts war, und dass somit von dort aus diejenigen verfolgt wurden, die den Kaiserkult verweigerten. Schließlich war die Stadt die erste in Asia, die einem Kaiser (Augustus) einen Tempel widmete, und sie wurde generell zum Zentrum des Kaiserkults in der Provinz. Bald nachdem Johannes die Offenbarung niedergeschrieben hatte, wurde neben dem Zeus-Altar ein neuer Tempel für Kaiser Trajan (98-117) gebaut. 

Durch sein Sprachrohr Johannes identifiziert Christus sich als derjenige, „der da hat das scharfe, zweischneidige Schwert“ – d. h. das ermutigende und ermahnende Wort Gottes, das aus seinem Mund hervorgeht. Er fährt fort: „Ich weiß, wo du wohnst: da, wo der Thron des Satans ist; und du hältst an meinem Namen fest und hast den Glauben an mich nicht verleugnet, auch nicht in den Tagen, als Antipas, mein treuer Zeuge, bei euch getötet wurde, da, wo der Satan wohnt“ (Offenbarung 2, 12-13). 

Antipas gilt als der erste Nachfolger Christi, der in Pergamon als Märtyrer starb. Einer späteren Überlieferung zufolge erlitt er unter Kaiser Domitian ein grausiges Schicksal – er wurde in einem Bronzekessel langsam zu Tode geschmort.

Nicht alles, was in der Gemeinde von Pergamon geschah, war lobenswert. Das Sendschreiben Christi enthielt auch einen Vorwurf: „Aber einiges habe ich gegen dich: Du hast Leute dort, die sich an die Lehre Bileams halten, der den Balak lehrte, die Israeliten zu verführen, vom Götzenopfer zu essen und Hurerei zu treiben. So hast du auch Leute, die sich in gleicher Weise an die Lehre der Nikolaïten halten. Tue Buße; wenn aber nicht, so werde ich bald über dich kommen und gegen sie streiten mit dem Schwert meines Mundes“ (Offenbarung 2, 14-16).

Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!“

Offenbarung 2, 17

Die Erwähnung Bileams bezieht sich auf ein Ereignis, bei dem ein heidnischer Priester den Moabitern einen listigen Rat gab, wie sie die Israeliten des Alten Testaments zur Sünde verführen konnten (4. Mose 22, 3-6; 25, 1-5; 31, 16). Er tat dies, indem er sexuelle Unmoral mit Götzendienst vermengte. Dies erklärt die zweite Erwähnung der Nikolaïten in der Offenbarung. Zur Zeit des Johannes waren die Anhänger des Nikolaus nicht nur in Ephesus, sondern auch in Pergamon aktiv, und der Druck, sich in Bezug auf unmoralisches Verhalten falschen Lehren anzupassen, muss sehr hoch gewesen sein. Das Sendschreiben an die dortige Gemeinde schließt mit einer Aussage für jeden Nachfolger Christi, der sich auf eine abweichende Sexualmoral einlässt: „Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem will ich geben von dem verborgenen Manna und will ihm geben einen weißen Stein; und auf dem Stein ist ein neuer Name geschrieben, den niemand kennt als der, der ihn empfängt“ (Offenbarung 2, 17). Gläubigen, die sich nicht darauf einlassen, d. h. standhaft sind oder überwinden, wird das ewige Leben gegeben – hier symbolisiert durch Zugang zu Gottes geistlicher Nahrung im Gegensatz zu „Essen vom Götzenopfer“ –, ein Freispruch (der weiße Stein) und ein neuer Name, der sie als Gottes eigene, unsterbliche Kinder kennzeichnet.

ZUSAMMENFASSUNG 

Die ersten drei Gemeinden, die in der Offenbarung genannt werden, waren mit den Forderungen des Kaiserkults konfrontiert; alle drei Städte an der Westküste Asias wetteiferten miteinander um Ansehen und Status in den Augen Roms. Jede von ihnen übte eine eigene Art von Abweichungsdruck aus: persönliche Nachlässigkeit (Ephesus), soziale Anpassung (Smyrna), sexuelle Unmoral (Pergamon) – sie alle spielten eine Rolle. Jedes der sieben Sendschreiben enthält Botschaften, die für die Nachfolger Christi heute ebenso dringlich sind wie damals: Seid standhaft gegenüber dem Anpassungsdruck der Gesellschaft; weicht nicht ab von Grundüberzeugungen des Glaubens oder vom Beispiel Christi. Obgleich die soziale Umwelt damals ganz anders war als die Welt des 21. Jahrhunderts, sind die Herausforderungen ähnlich. 

In der nächsten Ausgabe befassen wir uns mit den übrigen vier Sendschreiben an Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea.dav