Paulus – vom Juden zum Heiden?

James D. Tabor ist Vorsitzender der Abteilung für religiöse Studien an der University of North Carolina in Charlotte. Er befasst sich mit biblischen Studien mit dem Schwerpunkt christliche Ursprünge und antiker Judaismus. Er sprach mit dem Herausgeber von Vision, David Hulme.

 

DH Wie war der Judaismus zurzeit von Jesus und Paulus? Viele Menschen sehen ihn als ein monolithisches [aus einem Stein gehauenes] System.

JT Die Vorstellung, dass es zurzeit Jesu eine einzige Form von Judaismus gegeben hätte, ist weitgehend falsch.   Richtigerweise müsste man von Judaismen sprechen. Sogar eine unserer besten zeitgenössischen Quellen, der jüdische Historiker Josephus, spricht von drei Richtungen des Judaismus: Pharisäer, Sadduzäer und Essener. Von anderen Quellen erfahren wir von 20 zusätzlichen Variationen. Die Entdeckung der Qumran-Rollen hat das wirklich klar gemacht. Wenn man im ersten Jahrhundert gesagt hätte: „Er ist jüdisch“, wäre das heute vergleichbar mit: jemanden ohne jegliche Differenzierung als Christen zu bezeichnen. Es würde nicht viel aussagen.

DH Wie würden Sie die Nachfolger Christi des ersten Jahrhunderts einordnen?

JT Wenn man das Neue Testament öffnet, ist eine der interessantesten Fragen: „Wie wurden sie genannt?“ In der Apostelgeschichte, die unsere früheste interne Aufzeichnung der Gruppe ist, finden wir zwei Dinge. Ers-tens, sie werden eine beträchtliche Zeit lang nicht Christen genannt, erst als sie in die hellenistische Stadt Antiochia kommen. Dort bekommen sie den Namen „Christen“ - ungefähr ein Jahrzehnt nachdem die Bewegung entsteht. Aber es ist ganz eindeutig kein dominanter Name. Der Name, der aufkommt, ist ein beschreibender Terminus: „Die Leute des Weges“ oder „Die Nazarener“. Wenn man in einer Zeitmaschine in das erste Jahrhundert zurückgehen könnte, um das antike Judentum zu studieren, müsste man sie dort inkludieren.  

DH Einige sagen, dass Paulus kein Christ war, weil es in jenen Tagen gar keine Christen gab.

JT Wenn man irgendjemanden als Christen bezeichnen könnte, würde man zuerst an Paulus denken, solange man das nicht ein bisschen distanzierter betrachtet. Ich weise oft meine Studenten darauf hin, dass er den hebräischen Gott predigt, Yahweh oder Jehowa. Er berichtet den Heiden über die hebräische Bibel. Sie wird ins Griechische übersetzt, aber es ist im Grunde Abraham, Isaak und Jakob. Anstatt über Zeus, Apollos und das Panteon zu lesen, hören sie jüdische Geschichten. Wenn Sie die Paulusbriefe betrachten, bezieht er sich auf Geschichten, als ob sie bekannt sind oder sein sollten: „... unser Vater Abraham“, „... betrachtet Isaak“. Er erwartet von diesen Heiden, sehr judaisiert zu sein. Er zeigt ihnen eine sehr jüdische Form von Moral, eine jüdische Sicht von Zeit und Zukunft (Eschatologie) - sehr apokalyptisch. Wenn man das alles zusammenfasst, wie würde man sie nennen? Für mich ist sehr klar, dass diese Bewegung im ersten Jahrhundert als Teil des Judentums zu sehen ist.  

DH Paulus' Schriften wurden jedoch über die Jahrhunderte als Unterstützung für eine anti-jüdische Position herangezogen.

Ich denke, das größte Problem beim Lesen von Paulus ist für uns heute, dass wir ihn aus dem Blickwinkel Martin Luthers und der protestantischen Reformation lesen.“

JT Ich denke, das größte Problem beim Lesen von Paulus ist für uns heute, dass wir ihn aus dem Blickwinkel Martin Luthers und der protestantischen Reformation lesen. Paulus wird zum Verfechter einer protestantischen Version des Christentums. Wenn wir allerdings zurückgehen und uns von Paulus leiten lassen, finden wir einen guten Pharisäer, der sich durch seine Kenntnisse des Judentums auszeichnete, der das Passafest kannte, das Pfingstfest und das Laubhüttenfest. Er kannte den Sabbat und wusste nichts von christlicher Geschichte und Tradition. Wenn wir ihn in diesem Kontext sehen, ist Paulus kein Protestant. Er protestiert nicht gegen die katholische Kirche. Paulus ist vor allem eine Art Visionär einer jüdischen Zukunft, die die ganze Welt einschließt. Ich denke, die zwei Menschen, die Paulus am meisten missverstanden, indem sie ihn nicht in seinem historischen, jüdischen Kontext sahen, waren Augustinus und Luther.

DH Was hätte Paulus von den Nichtjuden oder Heiden, die Jesus als den Messias annahmen, erwartet? Wie „jüdisch“ mussten sie sein? Was waren ihre Bräuche?

JT Alles deutet darauf hin, dass solche Heiden sich einem Lebensstil angepasst haben, der von Außenstehenden als jüdisch bezeichnet werden würde. Sie treffen sich nicht am Sonntag, sie halten Gottesdienste nicht in einer Kirche, sie wissen nichts von Ostern oder Weihnachten oder einem christlichen Kalender. Sie besuchen Versammlungen am Sabbat, dem siebten Tag, am Samstag.

Eines der Dinge, die wir in den Paulusbriefen und in der Apostelgeschichte feststellen, ist die offensichtliche Annahme von Seiten der Autoren, dass sie größtenteils nichtjüdische Zuhörer ansprechen, die an der jüdischen Kultur teilnehmen. Zum Beispiel, als Paulus nach Philippi kommt, geht er am Sabbat an einen Platz, wo der denkt, dass sich Menschen zum Gebet treffen. Man könnte es Kultur nennen, aber es ist jüdische Kultur, nicht heidnische Kultur. Sie treffen sich an einem jüdischen Festtag, sie richten gewissermaßen ihre Gebet an den jüdischen Gott, lesen die jüdischen Schriften; und doch sind sie Nichtjuden. Diese Nachfolger des Paulus folgen im Grunde dem Rhythmus jüdischen Lebens. Sie sind mit dem [jüdischen] Kalender sehr vertraut, den heiligen Tagen, und es ist klar, dass sie aus diesen Tagen eine gewisse Bedeutung ableiten.

DH Der römische Dichter und Satiriker Juvenal aus dem 1. Jahrhundert macht sich über einige seiner Mitbürger lustig, weil sie den Sabbat und jüdische Speisegebote einhalten. Warum würden sie so etwas getan haben?

JT Wenn man in griechisch-römischen Quellen nachforscht, wie man die Juden in den ersten 300 Jahren gesehen hat, sieht man ein interessantes Spektrum von Gegensätzen. Einerseits machen sich viele über die Juden lustig - sie verschwenden ein Siebtel ihres Lebens im Nichtstun (bezogen auf den wöchentlichen Ruhetag) oder haben seltsame Essgewohnheiten. Man findet aber auch Hinweise, dass das Judentum populär war - Leute nehmen jüdische Bräuche an und finden diese attraktiv und interessant. Und dies stammt von heidnischen Schreibern. Noch interessanter wird es, wenn wir einen Sprung ins Antiochia des 4. Jahrhunderts machen, in die Zeit [des Kirchenlehrers] Johannes Chrysostomos. Er ist sehr judenfeindlich und stolz, dass das Christentum das Judentum ersetzt hat. Aber in der Hälfte seiner Predigten sagt er den Leuten: Geht nicht in die Synagogen, hört auf mit dem Sabbathalten, hört nicht auf eure jüdischen Nachbarn und darauf, was ihr essen sollt! Es wird hier sehr klar, dass Christen noch im 4. Jahrhundert Kontakt mit den Juden hatten und Interesse an jüdischen Dingen zeigten. Wenn wir nun 300 Jahre zurückgehen, in die Zeit Paulus', wo es an sich kein Christentum gibt, sehen wir Nichtjuden, die sich der Paulinischen Bewegung anschließen und so eigentlich im kulturellen Sinne zu Juden werden. Sie schließen sich einem Nebenarm an, einer Art Judentum für Nichtjuden.