Wurde das Christentum „entwurzelt“?

Mehrere Jahrhunderte lang verdrängte das griechische Denken das hebräische Fundament der Botschaft Jesu – so entstand eine ganz andere Religion, als er gewollt hatte.

Die Wurzeln des Christentums zu überprüfen ist ein vorrangiges Anliegen in der Erforschung des Neuen Testaments geworden. Der Versuch, nach dem Holocaust bzw. der Shoah das Judentum besser zu verstehen, hat zu überraschenden Eingeständnissen und notwendigen Korrekturen der Sicht von Jesus von Nazareth, Paulus von Tarsus und der Urkirche geführt. Eine allgemeine Erkenntnis ist, dass das Christentum des 1. Jahrhunderts in seinen Glaubensinhalten weit jüdischer oder hebräischer war, als man seit fast 2000 Jahren angenommen hatte.

Ein Fachmann, der über die Bedeutung dieser wiederentdeckten Wurzeln nachgedacht hat, ist John Garr (JG), Präsident der Restoration Foundation, die darauf spezialisiert ist, das hebräische Erbe dessen, was heute Christentum heißt, bekannt zu machen. Vision-Herausgeber David Hulme (DH) hat ihn für sein Fernsehprogramm Meeting the Real Paul interviewt.

 

DH Sie haben geschrieben: „In der Mitte des 2. Jahrhunderts wurden die hebräischen Grundlagen des christlichen Glaubens durch die erste große Irrlehre angegriffen, die die Kirche herausforderte.“ Und Sie merken an: „Einige Gedanken dieser Irrlehre drangen so tief in die kollektive Psyche der Kirche ein, dass sie ihr religiöses und biblisches Gleichgewicht noch immer nicht ganz wiedergefunden hat.“ Was war diese Irrlehre, und was waren ihre spezifischen Folgen?

JG Die Irrlehre wurde Marcionismus genannt. Ihr Urheber Marcion war ein sehr reicher Mann, der stark von der hellenischen Kultur, dem Denken Platons und der Gnosis beeinflusst war. Marcion wollte das Christentum vollständig vom Judentum und dem Gesetz abkoppeln. Er sagte, das Alte Testament sei der Bericht einer gescheiterten Religion, die abgeschafft werden sollte und tatsächlich von Jesus selbst abgeschafft worden sei. Er ging sogar so weit, Matthäus 5, 17 umzuschreiben, wo Jesus in der Bergpredigt sagt: „Ihr sollt nicht meinen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen.“ Marcion kehrte dies um - tatsächlich habe Jesus gesagt: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten zu erfüllen; ich bin nicht gekommen zu erfüllen, sondern aufzulösen.“ Darüber hinaus nahm er einige Paulusbriefe und einige Abschnitte des Lukasevangeliums und redigierte sie so, dass jede Verbindung mit dem Judentum oder dem Alten Testament ausgemerzt wurde. Die Folge seines Handelns war, dass die Kirchenführer ihn schließlich als Ketzer brandmarkten und exkommunizierten.

Angesichts dieser Tatsachen sollte man denken, dass Marcions Spur sich in der Geschichte verlor, doch unterschwellig hat sein Einfluss die christliche Kirche bis in die Gegenwart hinein durchdrungen. Er lässt sich wohl am besten als Antinomismus bezeichnen - die Einstellung, gegen das Gesetz [Anm. d. Red.: gr. nomos = Gesetz] zu sein, die in vielen christlichen Gemeinschaften eine große Rolle spielt. Viele Antinomianer würden sagen, dass sie das Evangelium der Gnade Gottes predigen; Gnade und Gesetz seien unvereinbare Gegensätze und könnten nicht nebeneinander existieren. Die Vorstellung, das Gesetz sei völlig ungültig geworden, das Alte Testament habe keine Bedeutung mehr, Jesus sei gekommen, das Gesetz aufzulösen und die Gläubigen stünden heute nur unter der Gnade Gottes, ist somit im Grunde ein Neo-Marcionismus.

DH Was halten Sie von der Ansicht, dass Paulus kein Christ war, weil es zu seiner Zeit keine Christen gab?

JG Zu Paulus' Zeit gab es keine Christen im modernen Sinn des Wortes. Natürlich war Jesus selbst kein Christ - in seiner Zeit gab es das Wort ja noch gar nicht. Der Begriff Christen kam als Bezeichnung für die Anhänger „des Gesalbten“ (griechisch christos) auf. Man hätte sie leicht auch „Messianer“ nennen können, um sie als Anhänger des Messias Jesus zu identifizieren.

Paulus sah sich nie als Christ in der Weise, wie wir dies heute definieren. Er hätte sich nur in dem Sinn als Christ bezeichnet, dass er ein Jünger des Juden Jesus war, den er als Messias oder Christus erkannte. Er war ganz zweifellos ein Mitglied der jüdischen Gemeinschaft seiner Zeit.

Interessanterweise gab es zurzeit von Jesus oder Paulus kein monolithisches, festes Judentum. Es gab viele Ausprägungen des Judentums, und die früheste christliche Bewegung war einfach eine von ihnen. Es gab das herodianische Judentum, das essenische Judentum, das pharisäische Judentum, das sadduzäische Judentum und so weiter. Ich glaube, James Charlesworth hat etwa 150 verschiedene jüdische Sekten identifiziert, die alle im 1. Jahrhundert existierten. Am Anfang wurde das Christentum also überhaupt nicht als Christentum erkannt; es war einfach eine der vielen Sekten des Judentums des Zweiten Tempels.

Am Anfang wurde das Christentum also überhaupt nicht als Christentum erkannt; es war einfach eine der vielen Sekten des Judentums des Zweiten Tempels“.

Tatsächlich bekannte sich Paulus dazu, „daß ich nach dem Weg, den sie eine Sekte nennen, dem Gott meiner Väter so diene, daß ich nach allem glaube, was geschrieben steht im Gesetz und in den Propheten [in der Thora und den Neviim]“ (Apostelgeschichte 24, 14). Damit sagte Paulus einfach, dass er Gott - den Gott seiner Väter - in einer Weise anbetete, die andere innerhalb der jüdischen Gemeinschaft als eine der jüdischen Sekten erkannt hätten.

DH Die Römer nannten die Anhänger Jesu christiani - das Suffix -ianus/-iani bezeichnete die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Partei oder Gruppe, nicht wahr?

JG Ja, und nicht nur das, sondern ursprünglich hatte das Wort christiani eine negative Bedeutung; es war ein Spottwort, ebenso wie das Wort iudaei (Juden), als es zuerst gebraucht wurde. So wurden die Menschen vom Stamm Juda genannt, und es war eigentlich ein Ausdruck der Rassendiskriminierung. Das Gleiche gilt für den ursprünglichen Gebrauch des Wortes Christen [christiani], als Anhänger Jesu in Antiochia zum ersten Mal „Christen“ genannt wurden. Es war zuerst ein negativer Ausdruck, den Menschen außerhalb der Kirche verwendeten; doch mit der Zeit wurde er von der Gemeinschaft der Gläubigen angenommen, wie auch der negative Ausdruck Juden von der jüdischen Gemeinschaft als Selbstidentifikation übernommen wurde.

DH Paulus nennt sein Glaubenssystem „den Weg“ - dass Menschen Nachfolger auf „dem Weg“ wurden. Was steckt hinter diesem Begriff?

JG Es war nur natürlich, dass die früheste Jesusbewegung „der Weg“ genannt wurde, denn die ganze hebräische Auffassung von der Beziehung mit Gott bedeutete ein „Wandeln mit Gott“.

Tatsächlich ist das „Wandeln mit Gott“ älter als das Judentum und das Christentum, und in gewisser Weise ist es beiden übergeordnet. Es geht zurück auf den Garten Eden, wo Adam und Eva mit Gott wandelten. In der siebten Generation nach Adam wandelte Henoch mit Gott und war Gott wohlgefällig [1. Mose 5, 22]. Gottgefällig sein bedeutet das Gleiche wie Wandeln mit Gott. Die Verwendung des Ausdrucks der Weg passte sehr gut in die jüdische Vorstellungswelt. Wenn man wandelt bzw. geht, gibt es einen Weg, auf dem man geht, oder eine Straße, auf der man geht. In der jüdischen Gemeinschaft hieß der Standard für akzeptablen „Lebenswandel“ halacha, wörtlich „der Weg, auf dem man wandeln sollte“. So war es nur natürlich, dass der vorherrschende Ausdruck der ersten Jünger Jesu für die Beschreibung ihrer Erfahrung „der Weg“ war.

DH Könnten Sie etwas zu der Ansicht sagen, dass eigentlich Paulus, nicht Jesus der Gründer dessen war, was wir als Christentum kennen?

JG Paulus trug einfach das Erbe weiter, das er von seinen Vätern erlernt hatte. Es ging ihm nicht darum, sich davon zu lösen und eine neue Religion zu gründen. Ich würde sagen, er sah sich wahrscheinlich bis zu seinem Todestag als Pharisäer, denn seine Ansichten ähnelten denen der pharisäischen Partei mehr als denen irgendeiner anderen Partei im Judentum. In Apostelgeschichte 23, 6 bekennt er: „Ich bin (nicht „Ich war“] ein Pharisäer.“ [Anm. d. Red.: Er betonte hier aus taktischen Gründen seine Abstammung als Pharisäer]. In Philipper 3, 6 erklärt er sogar, im Hinblick auf die Thora, das Gesetz, sei er untadelig [gewesen] - eine ziemlich weit gehende Aussage.

Die Vorstellung, Paulus habe eine neue Religion gegründet, ist etwa so absurd wie die Vorstellung, Jesus sei gekommen, um eine neue Religion zu gründen“.

Paulus und die anderen Apostel versuchten einfach, ihre Sicht von Jesus als Messias zur normativen Sicht für die gesamte jüdische Gemeinschaft zu machen. Es ging ihnen nicht darum, sich von der jüdischen Gemeinschaft zu lösen und eine völlig neue Religion zu gründen. Die Vorstellung, Paulus habe eine neue Religion gegründet, ist etwa so absurd wie die Vorstellung, Jesus sei gekommen, um eine neue Religion zu gründen. Erst in der dritten Generation nach dem Apostel Paulus begann das „Christentum“ Gestalt anzunehmen, das letztlich zur „Christenheit“ wurde.

DH Im frühen 20. Jahrhundert schrieb der deutsche Theologe Adolf von Harnack: „Es war Paulus, der die christliche Religion vom Judentum befreite. ... Er war es, der das Evangelium zuversichtlich als eine neue Kraft ansah, die die Religion des Gesetzes ablöst“ [Rückübersetzung]. Dies klingt sehr nach Marcion.

JG Es ist sehr interessant, dass Sie das sagen. Von Harnacks Denken war in dieser Hinsicht wirklich eine reine Form des Neo-Marcionismus. Er ging so weit, zu sagen, wenn die Kirche den Mut dazu gehabt hätte, hätte sie anerkannt, dass Marcion Recht hatte; dann wäre das Judentum abgeschafft und das Gesetz aufgelöst worden. Hiervon war er felsenfest überzeugt. Tatsächlich hätte von Harnack aus vollem Herzen mit Julius Wellhausen übereingestimmt, der sagte, Paulus sei „der große Pathologe des Judentums“ gewesen. Diese ganze Denkrichtung glaubte, Jesus habe dem Judentum ein Ende bereitet, und Paulus habe es begraben. Dieses Denken gründete in den Vorurteilen des Germanismus gegen das Judentum, in seiner starken, offenen Judenfeindlichkeit, aber auch in dem beginnenden Antisemitismus, der schließlich im Holocaust des 20. Jahrhunderts gipfelte. Die Vorstellung, Paulus sei irgendwie derjenige, der offenbart habe, dass das Judentum eine gescheiterte, leblose Religion war, die nichts weiter brauchte als einen Sarkophag, um sie zu bestatten, steht in völligem Gegensatz zu allem, was Paulus von sich selbst und seinem Glauben dachte und vertrat.

DH In einer führenden Nachrichtenzeitschrift war kürzlich zu lesen: „Jahrhundertelang besuchten viele Christen von Kleinasien bis Afrika weiterhin die Gottesdienste in der Synagoge und feierten die jüdischen Hochfeste.“ Dann zitierte der Artikel die Theologin Paula Fredriksen: „Die Heidenchristen des 4. Jahrhunderts behielten trotz der antijüdischen Ideologie ihrer eigenen Bischöfe den Samstag als Ruhetag bei, ließen sich von jüdischen Freunden zum Passafest Mazzen schenken und feierten sogar noch immer dann Ostern, wenn die Juden das Passafest feierten.“ Hat dieses Beispiel irgendeinen Bezug zur Urkirche in Antiochia und ihren Praktiken?

JG In der Gemeinde von Antiochia - und vielen, wenn auch nicht allen heidenchristlichen Gemeinden der ersten Zeit - war es eine Selbstverständlichkeit, die jüdischen Feste und den Sabbat zu feiern. Es gab in der Urkirche keine Bestrebungen, sich von diesen historischen und biblischen Praktiken zu lösen, denn die ersten Gläubigen blieben einfach Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft. Es ist sehr interessant, dass Paulus den Heidenchristen in 1. Korinther 5, 7-8 die Feier des Passafestes empfiehlt, wenn nicht sogar anmahnt: „Auch wir haben ein Passalamm, das ist Christus, der geopfert ist. Darum lasst uns das Fest feiern ... im ungesäuerten Teig der Lauterkeit und Wahrheit.“ Er spricht spezifisch vom Fest der Ungesäuerten Brote, zu dem das Passafest gehört.

Erst als die Kirche im Westen, im lateinischen Sprachraum Einfluss gewann, begann sie, darauf Wert zu legen, weniger mit den Juden zu tun zu haben“.

Die Kirche behielt dieses Fest also bei. Ich glaube, es gibt keinen Zweifel daran, dass das Passafest zur Zeit des Paulus und bis ins frühe 2. Jahrhundert hinein gefeiert wurde. Erst als die Kirche im Westen, im lateinischen Sprachraum Einfluss gewann, begann sie, darauf Wert zu legen, weniger mit den Juden zu tun zu haben. Der Konflikt wurde immer größer, bis die westliche Kirche jegliche Verbindung mit dem jüdischen Volk loswerden wollte. Deshalb gab es Bestrebungen, die Daten für die Feier von Jesu Tod, Begräbnis und Auferstehung so zu ändern, dass sie nicht mit dem jüdischen Festkalender übereinstimmten. Natürlich wurde das sofort umgesetzt, als Konstantin im Jahr 325 in einem seiner Briefe, der fast einem kaiserlichen Edikt gleichkam, schrieb [Anm. d. Red.: Zitat aus dem Original ergänzt]: „Als beim Konzil von Nicäa die Frage des heiligen Festes Ostern aufkam, wurde einstimmig beschlossen, dass dieses Fest von allen und überall am gleichen Tag gefeiert werden sollte. Denn es erschien jedem eine äußerst unwürdige Tatsache, dass wir in diesem äußerst heiligen Fest den Gewohnheiten der Juden folgen sollten, welche - verdorbene Schufte! - ihre Hände befleckt haben mit einem ruchlosen Verbrechen.... Es ist daher passend, wenn wir die Praktiken dieses Volkes zurückweisen und in aller Zukunft das Begehen dieses Festes auf eine legitimere Art feiern. Lasst uns also nichts gemeinsam haben mit diesem äußerst feindlichen Pöbel der Juden.“ (Eusebius, De vita Constantini, III 18f., zit. in Jörg Ulrich, Euseb von Caesarea und die Juden, Berlin/New York 1999,     S. 239). Dies war die Zeit, in der das zentrale Ereignis der Geschichte, die Entstehung des christlichen Glaubens, aus seinem jüdischen Kontext herausgerissen wurde.

DH Lukas schreibt, dass Paulus von einer seiner Reisen zur römischen Kolonie Philippi in Makedonien zurückkehrte: „Wir aber fuhren nach den Tagen der Ungesäuerten Brote mit dem Schiff von Philippi ab“ [Apostelgeschichte 20, 6]. Einige Theologen würden sagen, Lukas verwende das biblische Fest nur, um das Datum zu markieren. Was ist Ihr Eindruck?

JG Paulus muss das Passafest und die Tage des Ungesäuerten Brotes gefeiert haben, zuerst mit den Mitgliedern seiner eigenen jüdischen Gemeinschaft, seiner eigenen jüdischen Familie. Doch er muss das Passafest auch mit denen gefeiert haben, die an Jesus glaubten und keine Juden waren. Paulus dachte, dass diese Menschen, die in der Vergangenheit „Heiden“ gewesen waren (diese Bedeutung bekam das Wort für „Nichtjuden“), Mitglieder des Volkes Israel in einem weiteren Sinne geworden waren, weil sie durch ihren Glauben an Jesus als Messias in Gottes Familie aufgenommen waren.

DH Zurück zu dem Artikel: Er führt weiter aus, dass die Trennung zwischen Judentum und Christentum durch die Politik innerhalb des Römischen Reiches und Konstantins Entscheidung zugunsten des Christentums entstand. Er merkt an, dass unter Kaiser Konstantin der Sabbat auf den Sonntag verlegt und den Christen verboten wurde, sich mit Rabbinern über die Datierung von Ostern (oder richtiger Passa) auszutauschen. Nach dem, was wir über Paulus wissen - wie hätte er wohl auf diese Situation reagiert, wenn er noch gelebt hätte?

JG Ich denke, Paulus hätte ziemlich negativ, wahrscheinlich äußerst negativ auf die Idee reagiert, die Grundwahrheit der Heiligen Schrift zu verfälschen, um den politischen Machthabern entgegenzukommen. Obwohl Paulus eigentlich ein recht entgegenkommender, flexibler Mann war, meine ich, dass für ihn bestimmte theologische Dinge nicht verhandelbar waren. Und meiner Meinung nach hätte er sich nicht an einem solchen Unterfangen beteiligt, Dinge abzuschaffen, die offensichtlich göttlichen Ursprungs waren, und sie durch Dinge zu ersetzen, die offensichtlich menschlichen Ursprungs waren.

DH Peter Tomson schrieb 1990 in Paul and the Jewish Law: „Ein angemessenes Verständnis des Paulus erfordert eine korrekte Sicht des alten Judentums; und beides setzt eine reflektierte Distanz zur christlichen Tradition voraus.“ Er schreibt: „Dieses Desideratum erfordert nichts weniger als einen Paradigmenwechsel in den grundlegenden Vorstellungen, Zielen und Methoden der etablierten christlichen Theologie.“ Er spricht davon, das gesamte theologische System zu kippen.

JG Oh, da stimme ich ihm zu. Ich denke, wir haben es in der Tat mit der Notwendigkeit, ja der Forderung zu tun, die Grundlagen des christlichen Glaubens zu überprüfen, denn das Christentum ist im Lauf der Jahrhunderte so hellenisiert und latinisiert worden, dass leider ein Großteil des christlichen Glaubens mehr im Denken griechischer Philosophen wurzelt als im Denken der hebräischen Propheten und Apostel. Wir befinden uns also in einem Paradigmenwechsel. Ich glaube aber, er wird noch größer und wahrscheinlich noch massiver sein, als wir uns je vorgestellt haben.

Das Christentum, wie wir es heute kennen, ist das Ergebnis einer bewussten Anstrengung, das hebräische Gedankengut mit der neoplatonischen Philosophie zu vermischen. Die beiden passen einfach nicht zusammen“.

Das Problem ist, dass das Christentum, wie wir es heute kennen, das Ergebnis einer bewussten Bestrebung ist - die im 2., 3. und 4. Jahrhundert einsetzte und bis zur Gegenwart anhält -, das hebräische Gedankengut mit der neoplatonischen Philosophie zu vermischen. Die beiden passen einfach nicht zusammen. Sie haben nicht die gleiche Weltsicht; sie haben nicht die gleiche Geisteshaltung. Sie sind direkte Gegensätze. Deshalb ist es philosophisch wirklich problematisch, beides zu vereinen. Wir wissen, dass einige der griechischen Kirchenväter, namentlich Origenes und Tertullian, das hebräische und platonische Denken zu synkretisieren versuchten. Thomas von Aquin versuchte später, das hebräische Denken mit dem Aristotelismus zu vereinen. Es funktioniert einfach nicht. Das ist das Problem, das wir heute haben: Wir müssen unseren christlichen Glauben und unsere christlichen Praktiken daraufhin überprüfen, was davon in der hebräischen Geisteshaltung und Weltsicht wurzelt. Wenn wir das tun, werden wir finden, was im Denken Jesu und der Apostel wurzelt - die alle Juden waren.

DH Ihre Analyse zeigt in der Tat, dass es früher oder später große Änderungen geben muss.

JG Der Kern der Sache ist die Unwandelbarkeit Gottes, die Tatsache, dass Gott sich nie ändert. Wenn man einmal von dieser Wahrheit überzeugt ist, dann fragt man nicht mehr: „Sollen wir den Sabbat halten, oder sollen wir den Sabbat nicht halten?“ Dann fragt man: „Was sollen wir tun? Wie sollen wir ihn halten?“ Das Gleiche gilt für die heiligen Feste, wie für so vieles andere. Die Frage ist nicht „Sollen wir oder nicht?“ Die Frage ist „Wie sollen wir es machen?“

Deshalb finde ich es so wichtig, zu dieser grundlegenden Einsicht der Unwandelbarkeit Gottes zu kommen - diese Unwandelbarkeit ist Teil seines Wesens und Charakters. Gott ändert sich nie. Und wenn es stimmt, was in Hebräer 13, 8 steht - „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“, dann ist der Jesus, der im 1. Jahrhundert lebte, derselbe Jesus, der dem alten Israel das Verständnis der Thora gab, und er wird in Ewigkeit derselbe sein.

Wenn wir die grundsätzliche Unwandelbarkeit Gottes einsehen, können wir erwarten, dass sein Handeln mit der Menschheit Kontinuität hat. Dann begreifen wir, dass Gott nicht eine Religion gestiftet, sie 1500 Jahre betrieben und bestätigt hat, um plötzlich zu beschließen: „Das funktioniert einfach nicht; wir müssen diese Religion aufgeben und etwas anderes versuchen.“ Diese Vorstellung suggeriert, dass Gott ständig etwas Neues ausprobiert, dass er hofft, etwas zu finden, das funktioniert. Wenn Gott das Judentum ausprobiert und schließlich aufgegeben hat, weil es „einfach nicht funktioniert“, mit welcher Berechtigung glauben wir dann, dass das Christentum funktionieren wird? Gott ist derselbe. Er ist konsistent.

DH Was muss dann Ihrer Ansicht nach innerhalb des traditionellen christlichen Glaubens geschehen, um ihn dahin zurückzubringen, wo er begonnen hat?

JG Nun, das ist ein großes Projekt. Als Erstes müssen wir zurückschauen und unsere christlichen Lehren und Praktiken überdenken. Natürlich ist alles, was wir im Christentum tun, in etwas begründet, das wir glauben, und deshalb müssen wir diese Glaubensinhalte überdenken und herausfinden, was in den hebräischen Grundlagen des Glaubens verwurzelt war und ist.

Allem voran müssen wir wohl anerkennen, dass das, was wir das Alte Testament nennen, die Bibel Jesu und der Apostel war. Der Begriff Altes Testament ist inzwischen fast abwertend, als wäre es tot und hätte sehr wenig zu bedeuten. Manche Glaubensrichtungen sagen das sogar. In Wirklichkeit war das Alte Testament die Bibel für Jesus und die Apostel. Als Paulus schrieb: „Alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt“ [2. Timotheus 3, 16-17], meinte er damit die überlieferten Worte von Genesis bis Maleachi. Die Evangelien waren noch nicht niedergeschrieben, und die Paulusbriefe waren gerade erst im Entstehen.

Wir müssen zurückgehen und eine neue Wertschätzung der Bibel Jesu und der Apostel finden, denn sie ist das Fundament unseres Glaubens. Wir müssen ein für allemal begreifen, dass der Glaube Jesu und der Apostel ein hebräischer Glaube war, fest verwurzelt in der hebräischen Schrift. Dann müssen wir beginnen zu klären, was von unserem christlichen Tun und Glauben im Buch begründet ist. Was es nicht ist, müssen wir dann neu bedenken, neu bewerten und reformieren. Und wir müssen durch Wiederherstellen reformieren. Wir müssen zurückgehen zum Buch - eine echte Zurück-zur-Bibel-Bewegung, wenn man so will -, darin lesen, was dort steht, und es so deuten, wie es dort steht. Nur dann können wir entdecken, was von unserem Tun nicht in ihr begründet ist, und es entsprechend ändern. Wir werden mit Sicherheit feststellen, dass jeder authentische Ausdruck christlichen Glaubens eine jüdische Wurzel hat.