Die vielen Gesichter der Vergebung

Da Unrecht im menschlichen Handeln ständig vorkommt“, schreibt der Philosophieprofessor Charles L. Griswold von der Boston University, „stellt sich ständig die Frage, ob (und wie) es zu vergeben ist“ (Forgiveness: A Philosophical Exploration, Cambridge University Press, 2007).

Doch angesichts der endlosen Vielfalt theologischer und philosophischer Auffassungen von der Bedeutung des Vergebens ist es nicht immer leicht, einen konstruktiven, zukunftsgerichteten Weg zu finden – ob wir nun Unrecht getan oder Unrecht erlitten haben. Dennoch, so meint Griswold, erfordert „die tägliche Konfrontation mit Unrecht“ genau dies.

In dem nachfolgenden Interview mit dem Vision-Herausgeber David Hulme beleuchtet Professor Griswold das Thema „Vergebung“: was sie ist, was sie nicht ist, und welche Rolle sie in unserer politisierten Welt, aber auch in unserem persönlichen Leben spielt.

 

DH Warum haben Sie beschlossen, ein Buch über Vergebung zu schreiben?

CG In den vergangenen Jahren schrieben Philosophen wieder über einige der großen Fragen des menschlichen Lebens. Inzwischen gibt es eine ganze Literatur über das Wesen des Glücks – ein klassisches philosophisches Thema. Dann gibt es in der Philosophie eine Menge neuer Arbeiten über Fragen der Sterblichkeit und sogar den Sinn des Lebens. Vergebung ist ein sehr wichtiger moralischer Begriff im normalen Leben. Wie einige andere Philosophen möchte ich die Fähigkeiten und Ressourcen meines Faches bei diesen großen Fragen zum Tragen bringen.

Hinzu kommen noch eine intellektuelle und auch eine biografische Motivation für dieses Buch. In meinen Anfangsjahren als Wissenschaftler habe ich mich intensiv mit Platon und der Frage des platonischen Perfektionismus beschäftigt. Ich wurde sehr unzufrieden mit der perfektionistischen Moral und mit politischen Theorien, laut denen wir die Dinge anhand irgendeines Maßstabs übermenschlicher Vollkommenheit beurteilen sollen. Ich begann, Alternativen zu durchdenken, die die elementaren Unvollkommenheiten des menschlichen Lebens akzeptieren und konstruktive Antworten geben. Mit der Vergebung habe ich mich beschäftigt, weil ich verstehen wollte, welche Tugenden zwar gut zu einem Akzeptieren der unvermeidlichen Unvollkommenheiten der Welt passen, aber nicht mit Resignation oder Quietismus auf sie reagieren, oder mit dem Bestreben, in eine andere Welt zu fliehen. Wie mir klar wurde, ist Vergebung in der Tat eine solche Tugend.

In biografischer Hinsicht erging es mir wie den meisten Menschen, die in die mittleren Jahre kommen: Eines Tages wacht man auf und erkennt, dass man eine Menge Unrecht sowohl erlitten als auch selbst begangen hat. Das wirft für mich die Frage nach der Vergebung auf. Darüber hinaus war man wahrscheinlich auf die eine oder andere Weise an Entscheidungen beteiligt, die Schaden angerichtet haben, oder von solchen Entscheidungen betroffen. Auch sie werfen die Frage nach der Vergebung auf. Ich wurde vor etwa acht Jahren geschieden, und genau da begann ich umso eindringlicher über diese Frage nachzudenken – ob man Fehler vergeben und Vergebung erlangen kann.

DH Hat es Sie irgendwie verändert, darüber zu schreiben?

CG Es steht mir wahrscheinlich nicht zu, auszusprechen, ob ich mehr oder weniger bereit bin, zu verzeihen; aber auf jeden Fall ist mir viel klarer, was Vergeben bedeutet, und was ich tue, wenn ich von dem Zorn auf jemanden ablasse, der mir Unrecht getan hat – oder dem Zorn für jemanden, dem Unrecht geschehen ist. Auf der politischen Seite war mir der Unterschied zwischen Vergebung und Entschuldigung vorher überhaupt nicht klar. Nun, da ich eine ausgearbeitete Sicht darauf habe, ist mein Urteil darüber, was im politischen Bereich angebracht ist, ebenfalls viel klarer als früher.

DH Was wollen Sie Ihren Lesern mitgeben?

CG Ein neues Verständnis, warum Vergebung eine Tugend ist, unter welchen Bedingungen sie eine Tugend ist, was Vergeben bedeutet, welche Bedingungen beide Seiten in dieser Transaktion erfüllen müssen und inwiefern sich Vergebung von anderen Begriffen derselben Begriffsfamilie unterscheidet, mit denen sie leicht verwechselt wird, z. B. Entschuldigung, Begnadigung, Erbarmen, Bedauern usw.

DH Wenn wir das Wort „Vergebung” hören, denken viele von uns an etwas Theologisches. Doch Ihre Herangehensweise ist weltlich. Können Sie den Unterschied zwischen den beiden Sichtweisen näher ausführen?

CG Der Begriff hat in der Tat religiöse Konnotationen, und ich würde sagen, es gibt viele verschiedene religiöse Auffassungen davon, nicht nur eine. Wie er sich in das Judentum einfügt, ist z. B. eine äußerst interessante Frage. Ich glaube nicht, dass er sich dort in der gleichen Weise einfügt wie in das Christentum. Wie fügt er sich in den Islam ein? Was für eine Rolle nimmt er im Buddhismus ein? War er im griechischen oder römischen Polytheismus von Bedeutung? Es gibt also nicht nur eine, sondern viele religiöse Sichtweisen, und sie sind vielleicht nicht miteinander vereinbar. Ich vermute stark, dass es selbst innerhalb der Geschichte des Christentums tatsächlich konkurrierende Sichtweisen des Begriffs gibt.

Trotzdem sehe ich keinen Grund, warum man nicht eine weltliche Sicht des Themas entwickeln kann – die nicht von der Behauptung ausgeht, dass Gott nicht existiert, sondern die religiöse Dimension einfach offen lässt. Die Logik einer solchen Sicht wird ganz anders sein als die Logik einer Sicht, die die Existenz Gottes oder von Göttern voraussetzt.

DH Was sagen Sie zu der Behauptung, die jüdisch-christliche Ethik biete ein reicheres Verständnis, weil sie Vergebung aus einer ganz anderen Richtung hereinbringt – von einem Gottwesen?

CG Ich denke, diese Behauptung ist falsch. Zeigen Sie mir, dass dieses andere Verständnis reicher ist, und erklären Sie mir, was „reicher“ bedeutet. Ich finde nicht, dass es reicher ist, ich finde, es ist anders. Ich habe den Eindruck, dass die jüdische und die christliche Sicht selbst voneinander abweichen. Das Hauptargument, das oft für die These angeführt wird, das christliche Verständnis sei reicher oder höherwertig (um in diesen breiten Verallgemeinerungen zu sprechen), bedeutet, dass man, wenn man einen verzeihenden Gott voraussetzt, eine Lösung für Probleme hat, die das weltliche Verständnis nicht klären kann. Es wird behauptet, im christlichen Verständnis sei eine Art bedingungslose Vergebung vorgesehen – Vergebung, gleichgültig, was der Übeltäter tut –, und das Vorbild hierfür sei Gott, der bedingungslos vergibt. Wer ein schreckliches Unrecht nicht vergeben kann, bekommt eine Art moralische oder geistliche Unterstützung von Gott, der ihm hilft zu vergeben; oder wenn er es nicht kann, vergibt Gott an seiner Stelle und gibt damit dem Übeltäter die Chance auf ein neues Leben oder eine neue Chance auf ein moralisches Leben. Die Behauptung ist, im weltlichen Verständnis sei das nicht vorgesehen, und das sei ein Mangel.

DH Ich unterscheide zwischen biblischem Prinzip und dem, was wir christliches Prinzip nennen; beides ist, glaube ich, nicht unbedingt das Gleiche. Jesus und Paulus nahmen die Hebräischen Schriften [das Alte Testament] als Basis. Die weithin akzeptierte christliche Sichtweise, die von frühen Kirchenvätern wie Origenes oder Augustinus kommt, kann im Gegensatz zur biblischen Definition stehen.

CG Ja. Meine Kollegin Ilaria Ramelli schreibt an einem Essay für einen Sammelband, der der Frage nachgeht: „Ist Vergebung im Urchristentum bedingungslos?“ Und ihre Antwort wird Nein sein, und dass dies eine spätere Entwicklung ist. Nicht einmal Gott vergibt bedingungslos. Man muss alle möglichen Dinge leisten, z. B. bereuen und anderes mehr.

Nicht einmal Gott vergibt bedingungslos. Man muss alle möglichen Dinge leisten, z. B. bereuen […] .“

DH In Ihrem Buch führen Sie aus, dass eine politische Entschuldigung nicht das Gleiche ist wie eine Bitte um Vergebung.

CG Ja. Vergebung sehe ich in einem zwischenmenschlichen Kontext. Es geht um die moralische Haltung eines Opfers gegenüber einem Täter. Es geht um Zorn und Groll, um Anerkennung, um Achtung; um erkennbare Anzeichen dafür, dass jemand sein Verhalten wirklich ändert und sich dadurch Vergebung verdient – darum geht es. Und dabei kommt auch ein ganzer Komplex moralischer Ideale zum Tragen; das hat damit zu tun, Menschen an bestimmten moralischen Standards zu messen und diese Standards zu erfüllen, indem man ein anderer Mensch wird.

Die Bitte um Entschuldigung ist sicher Bestandteil der zwischenmenschlichen Vergebung, doch im politischen Kontext gibt es auch eine Bitte um Entschuldigung ohne Vergebung: Eine Bitte um Entschuldigung setzt nämlich voraus, dass man die Verantwortung übernimmt – aber diese zu akzeptieren, setzt nicht voraus, dass man seinen Groll aufgibt. Man verzichtet auf Rache, aber man kann eine Entschuldigung auch akzeptieren, ohne den Groll aufzugeben. Ich denke, für die Dynamik eines politischen Kontexts ist das angemessen, auch angesichts der Tatsache, dass diese Transaktion oft nicht zwischen zwei Personen stattfindet, sondern zwischen einer Person und einer Körperschaft oder zwischen zwei Körperschaften – Staaten oder Unternehmen oder Kirchen. In dem Buch betrachte ich den Fall von Präsident Clinton, der sich im Namen der USA bei den im Zweiten Weltkrieg zu Unrecht internierten japanischen Amerikanern und ihren Nachkommen entschuldigte. Präsident Clinton hatte persönlich nichts mit dem betreffenden Unrecht zu tun. Also spricht er als Vertreter einer Körperschaft, deren Angehörige zu einem großen Teil ebenfalls nichts damit zu tun hatten, eine Entschuldigung aus. Und manche von denen, an die die Entschuldigung gerichtet wurde, waren persönlich nicht in den Lagern. Das bedeutet nicht, dass diese Entschuldigung nicht real oder moralisch wichtig wäre; es ist einfach etwas anderes als im zwischenmenschlichen Kontext des Vergebens.

DH Hier geht es Ihnen wohl mehr um sprachliche Genauigkeit?

CG Es geht um sprachliche und begriffliche Genauigkeit, aber das ist keine bloße Semantik, denn die Bedingungen für die zufriedenstellende Ausführung einer Entschuldigung sind nicht die gleichen wie für Vergebung, obwohl sie sich zum Teil überschneiden. Bei einer politischen Entschuldigung wie bei der Vergebung wird anerkannt, dass man zur Wahrheit stehen muss. Wenn man sich entschuldigt, gehört dazu, dass man erklärt, wofür man sich entschuldigt, und das bedeutet, dass der Tatbestand offengelegt wird. Das trifft auch für die Vergebung zu: Wenn ich jemandem das und das vergebe, wird er mich um Vergebung gebeten und auch erklärt haben, wofür er um Vergebung bittet. Dagegen muss derjenige, der sich für ein Unrecht entschuldigt, nicht derselbe sein, der es begangen hat, und derjenige, der die Entschuldigung entgegennimmt, könnte das auch im Namen eines anderen tun. Und die Rolle, die hierbei ein moralisches Empfinden, z. B. Groll, spielt, ist eine ganz andere. Die Unterscheidung ist also nicht nur semantisch.

DHGehört für Sie die jüngste Entschuldigung der australischen Regierung bei den Aborigines in dieselbe Kategorie wie die Entschuldigung der Clinton-Regierung bei den japanischen Amerikanern?

CG Ja. Und wie ich in den Zeitungen gelesen habe, war die Entschuldigung des australischen Premierministers übrigens gut gemacht, denn sie war sehr explizit darin, als Körperschaft die Verantwortung zu übernehmen; er hat ausdrücklich gesagt, dass es wirklich ein Unrecht war, und dass sich die Regierung wirklich dafür entschuldigt. Außerdem wurde das Unrecht, das begangen wurde, benannt.

DH Den Fall von Präsident Richard Nixon sehen Sie dagegen ganz anders.

CG Präsident Nixon hat sich nie wirklich entschuldigt. David Frost fragte ihn in dem berühmten Interview: „Entschuldigen Sie sich?“, und Nixon sagte so etwas wie „Es könnte keine größere Entschuldigung geben als den Rücktritt vom Amt des Präsidenten.“ Das ist ein klassisches Ausweichmanöver. Ein Rücktritt vom Amt des Präsidenten könnte alle möglichen Gründe haben. Das ist keine Entschuldigung. Um sich zu entschuldigen, muss man sagen, dass man sich entschuldigt.

DH Eines der bemerkenswerten Dinge, wenn man Vergebung sucht, ist, dass es von Herzen kommen muss, und die Vergebung muss auch von Herzen kommen. Welche Bedeutung hat das für die weltliche Tugend, die Sie beschreiben?

In einem erfolgreichen Ablauf des Vergebens zwischen Menschen gibt derjenige, der Unrecht getan hat, nicht nur eine Erklärung, wie er dazu gekommen ist, und versteht, wie es sich auf den anderen ausgewirkt hat – er ändert wirklich sein Verhalten.

CG Eine ganz direkte. Ich verwende diese Metapher nicht, aber was sie ausdrückt, passt zu dem, was ich sage. In einem erfolgreichen Ablauf des Vergebens zwischen Menschen gibt derjenige, der Unrecht getan hat, nicht nur eine Erklärung, wie er dazu gekommen ist, und versteht, wie es sich auf den anderen ausgewirkt hat – er ändert wirklich sein Verhalten. Es wird also mit Worten und Taten gezeigt, dass man wirklich willens ist, sich zu ändern. Das Gleiche gilt aber auch für das Opfer, denn der Mensch, dem Unrecht geschehen ist, verzichtet nicht nur auf Rache, sondern verändert sich innerlich, da er von einem berechtigten Zorn ablässt. Aber er ändert auch sein Bild vom Übeltäter. In der philosophischen Literatur wird dies als „Umdeutung“ [refraiming] bezeichnet. Man kommt dazu, den Täter anders zu sehen. Dies sind grundlegende Veränderungen. Sie kommen „von Herzen“, wenn Sie so wollen.

DH Kann eine Einzelperson eine Gruppe um Vergebung bitten? Nehmen wir den Bankberater, der die Konten seiner Kunden plündert und dann um Vergebung bittet. Nehmen wir an, er bittet tatsächlich von Herzen. Passt das in Ihr Modell?

CG Ich halte es sicher für möglich und angebracht, dass er sich entschuldigt, und zwar von Herzen. Doch die Vorstellung, dass eine abstrakte Größe wie eine Gruppe etwas vergibt, erscheint mir nicht sinnvoll. Ich glaube nicht, dass Gruppen vergeben können. Vergeben ist etwas, das Personen tun.

DHSie sagen, dass das populäre Modell der Vergebung in manchen Fällen einfach nicht passt, und dass in bestimmten Fällen eine Entschuldigung als gleichbedeutend mit einer Bitte um Vergebung gelten könnte.

CGDas ist richtig, und ich finde es sehr nützlich, das zu wissen. Das ist eine der Formen, in der uns diese philosophische Analyse helfen kann, zu verstehen, was man in verschiedenen Kontexten in angemessener Weise verlangen sollte und was nicht. Und das gilt auch für die Wiedergutmachung. Nichts von dem eben Gesagten berührt die Frage der Gerechtigkeit. Was auch immer der Bankberater, der das Geld der Sparer gestohlen hat, hinsichtlich Schuldbekenntnis oder Vergebung getan hat – er muss vielleicht trotz allem der Gerechtigkeit Genüge tun. Er muss z. B. vielleicht die Leute entschädigen, deren Geld er genommen hat, oder eine Haftstrafe verbüßen, oder was auch immer angemessen ist. Keine Entschuldigung oder Vergebung der Welt schafft die Notwendigkeit aus der Welt, für Gerechtigkeit zu sorgen, wo es angebracht ist.

DH Das führt uns zum Begriff „Barmherzigkeit“ – was Barmherzigkeit und Gnade ist und was nicht. Mir ist oft aufgefallen, dass Leute hier etwas falsch verstehen; sie wollen weichherzig sein und sind letztlich nur naiv. Die Leute haben nebulöse Vorstellungen davon, was es bedeutet, zu vergeben, und sie finden nie zur Gerechtigkeit.

CG Das sehe ich auch so. Wenn wir Geld veruntreuen und beide geschnappt werden und uns dafür entschuldigen, Ihre Sparer allerdings geneigt sind, Gnade walten zu lassen und das Gericht mit Erfolg ersuchen, Sie nicht zu verfolgen oder zu bestrafen, meine hingegen nicht dazu geneigt sind und ich für genau das gleiche Verbrechen bestraft werde, das Sie auch begangen haben – dann stellt sich wirklich die Frage der Fairness; und es ist naiv, sie einfach vom Tisch zu wischen, weil ja Gnade eine Tugend sei. Nicht dass es im Rechtssystem keinen Raum für Gnade oder Milde gibt, doch sollte ihretwegen nicht außer Acht gelassen werden, was in diesem Kontext angemessen ist.

DH Ich spreche das an, weil Sie auch über eine Kultur der Entschuldigung und Vergebung schreiben, die sich offenbar entwickelt hat. Wie ist es dazu gekommen, was sind die Vor- und Nachteile?

CG Ich vermute, dass sie vor Kurzem entstanden ist, als Produkt der therapeutischen Selbsthilfebewegung auf der einen und einer bestimmten Auslegung des Christentums auf der anderen Seite. Und zwischen beiden gibt es große Überschneidungen. Wenn Sie sich die Berge nichtphilosophischer Literatur über Vergebung anschauen, sehen Sie häufig Überschneidungen zwischen der Herangehensweise der Selbsthilfe und einer religiösen oder christlichen Sicht mit Betonung der bedingungslosen Vergebung. Außerdem hat sie tiefe Wurzeln in Vorstellungen von Erbarmen, von öffentlicher Transparenz und der Erwartung, dass Leute im politischen Leben sich nicht über das Volk hinwegsetzen. Wahrscheinlich gehört sie zu einem Aufblühen der demokratischen Kultur, und man könnte vermutlich eine Menge darüber lernen, wie es dazu gekommen ist, wenn man Leute wie De Tocqueville liest; aber ich habe keine soziologische Untersuchung über das Thema angestellt, und tatsächlich ist mir auch keine bekannt.

Was die Vor- und Nachteile betrifft – in dem Buch spreche ich einige der Gefahren an, denen eine solche Kultur ausgesetzt ist, und eine von ihnen ist, dass Vergebung und Entschuldigung reines Theater werden. Sie kommen nicht mehr von Herzen, und das nimmt ihnen einen großen Teil ihrer moralischen Ernsthaftigkeit. Es gibt sogar die Befürchtung, dass Vergebung und Entschuldigung, wenn sie zu etwas in der Kultur und in der Öffentlichkeit Erwartetes werden, einen Zwang darstellen, und wer sie nicht korrekt ausführt, wird bestraft.

DH Kann man sich bei Menschen, die tot sind, für Unrecht entschuldigen, das andere ihnen angetan haben?

CG Das ist eine komplizierte Frage – es geht ja nicht nur darum, sich bei Toten zu entschuldigen, sondern sich für andere bei Toten zu entschuldigen. In eine solche Frage ist Vergebung für Dritte eingebaut. Das wirft weitere Überlegungen auf, aber die erste ist, ob es sinnvoll ist, sich bei Toten zu entschuldigen – sei es für Dritte oder nicht. Ich würde sagen, ja, und unter bestimmten Umständen ist es tatsächlich möglich, von Toten Vergebung zu erlangen. Ich weiß, das klingt zunächst seltsam, aber stellen Sie sich den Fall bildlich vor: Jemand hat Ihnen Unrecht getan, dann ist er gestorben, und Sie finden auf seinem Totenbett einen ausführlichen Brief mit einer reuevollen Entschuldigung und der glaubwürdigen Erklärung, dass dieser Mensch, hätte er weitergelebt, alles Angebrachte getan hätte, um Ihre Vergebung zu suchen. Nun ist er tot. Ist es möglich, einem solchen Menschen zu vergeben? Ich glaube ja, wenn man eine Geschichte konstruieren kann, wie ich sie gerade erzählt habe.

Das gilt auch für den Fall der Entschuldigung bei Menschen, die tot sind. Wenn man eine Geschichte konstruieren könnte, in der sie bei ihnen ankäme – und dadurch wirklich eine Entlastung von der Schuld geschähe –, und wenn man aufrichtig andere wichtige Dinge tut, um Vergebung zu erlangen, warum sollte man sich dann nicht vorstellen können, dass diese Toten aus gutem Grund vergeben? Doch das sind unvollkommene Fälle von Entschuldigung und Vergebung. Ich meine, wünschenswert ist, dass der Betroffene nicht tot ist, und dass man sich bei jemandem entschuldigt, der dies wahrnehmen kann, oder dass man jemandem vergeben kann, der sich diese Vergebung zur richtigen Zeit und in der richtigen Weise verdient hat.

DH Wenn wir über Vergebung sprechen, meinen wir gewöhnlich, von Erbitterung und Groll gegen jemanden abzulassen. Was ist mit Leuten, die sagen: „Vergeben – ja, aber vergessen – nie“? Sie meinen damit, dass sie noch immer eine Menge Groll hegen. Sie haben nicht wirklich vergeben.

CG Genau! Das ist in der Tat keine Vergebung. Man kann nicht vergeben und weiter seinen brodelnden Groll aufrechterhalten. Von dieser Erbitterung abzulassen, das gehört zum Vergeben. Wenn „nicht vergessen“ also „weiter böse sein“ bedeutet, dann ist das ein Widerspruch.

Man kann nicht vergeben und weiter seinen brodelnden Groll aufrechterhalten. Von dieser Erbitterung abzulassen, das gehört zum Vergeben.“

DH Hier kommen wir zu dem Thema, jemandem etwas nachzutragen. Eine der großen Herausforderungen im Leben sind Situationen, in denen jemand kein Bedauern zeigt; jemand hat Ihnen Unrecht getan, aber wird sich dem nie stellen. Wie lebt man mit solchen Erinnerungen weiter? Es ist schwierig, wenn man nicht dahin gelangt, dass man sein Leben leben kann, ohne nachtragend zu sein. Ist es möglich, in einem Zustand der „Bereitschaft zur Vergebung“ zu sein?

CG Es macht perplex und wütend, wenn ein Mensch, der uns Unrecht getan hat, nicht einmal die grundlegendsten Dinge tut, um unsere Vergebung zu verdienen. Die eine oder andere Variante dieser Situation dürfte leider die Norm sein. So sind wir oft in einer Situation festgefahren, in der wir prinzipiell gern vergeben würden, aber gewissermaßen daran gehindert sind. Vergebung ist nicht die Zauberformel, die all diese Probleme löst – einschließlich der Reaktion auf uneinsichtiges Fehlverhalten und die vergiftende Wirkung des Zorns, den man dann empfindet. Dann muss man andere Dinge tun: wie Therapie oder Vergessen, die Sache irgendwie hinter sich lassen oder möglicherweise eine Geschichte konstruieren, die erklärt, warum dieser Mensch nicht imstande ist, sich selbst zu entschuldigen – etwa weil er vielleicht moralisch und psychisch gestört ist –, und auf dieser Basis irgendwie den Vorgang entschuldigen (was nicht dasselbe ist wie vergeben). Es gibt wohl eine ganze Palette von Reaktionen, mit denen man sich bei diesem sehr alltäglichen Problem vielleicht behelfen muss.

Es macht perplex und wütend, wenn ein Mensch, der uns Unrecht getan hat, nicht einmal die grundlegendsten Dinge tut, um unsere Vergebung zu verdienen. Die eine oder andere Variante dieser Situation dürfte leider die Norm sein.“

DH Wenn also jemand sein Unrecht nicht eingesteht, ist es für uns sehr schwer, wirklich zu vergeben; es ist tatsächlich unlogisch.

CG Was man tatsächlich tut, ist nicht vergeben. Und noch einmal, dies ist nicht nur eine semantische Frage – es stellt durchaus einen Unterschied dar, wie man es nennt.

Ich sehe hier eine weitere tief greifende Frage im Zusammenhang damit, ob jemand wissentlich Unrecht tut oder nicht. Alles, was ich über Vergebung gesagt habe, geht von der Voraussetzung aus, dass jemand in dem einen oder anderen Sinn des Begriffs wissentlich Unrecht tut (wenigstens zeitweise). Ein Sokratiker würde hier argumentieren, dass die Voraussetzung falsch ist, und dass Menschen, wenn sie Unrecht tun, tatsächlich nicht wissen, dass es Unrecht ist. Sie halten es für gut oder recht. Und wenn das wahr ist, dann ist die angemessene Reaktion nicht Vergeben, sondern Verstehen und Entschuldigen in dem Sinn, dass man ihnen das Unrecht nicht als Schuld anrechnet.

DH Sie könnte auch darin bestehen, es ihnen aus diesem Grund nicht nachzutragen.

CG Absolut. Und ich denkeshub, dieses „nicht als Schuld anrechnen“ kann Groll oder Zorn mindern. Ob es eine Lossagung vom Zorn erfordert, ist etwas, das ich noch nicht durchdacht habe. Wahrscheinlich tut es das, aber ich müsste darüber nachdenken.

DH Ist Vergebung unverzichtbar für Versöhnung?

CG Das kommt ganz darauf an, was Sie mit Versöhnung meinen. Wenn Sie die Einstellung von Feindseligkeiten meinen, dann nicht. Zur Einstellung von Feindseligkeiten kommt es aus allen möglichen Gründen, die mit Vergebung nichts zu tun haben. Man könnte sie vorübergehend einstellen, um einen Vorteil zu gewinnen oder einen Nachteil zu vermeiden; oder man hat genug vom Krieg und zieht irgendeinen Modus vivendi vor. Nichts von alledem hat mit Vergebung zu tun.

Wenn Sie mit Versöhnung eher etwas wie die Wiederaufnahme der vorherigen Beziehung in einem zwischenmenschlichen Kontext meinen, dann ist der Zusammenhang viel enger. Ich würde sicher sagen, dass das Ziel von Vergebung Versöhnung ist, und dass vollzogene Vergebung versöhnt; doch ich würde nicht sagen, dass jede Art Versöhnung von Vergebung abhängt.

DH Das bringt uns zurück dazu, dass zuerst eine Form der Reue da ist, und wie wir vorhin besprachen, dass etwas von Herzen kommt. Wenn man sich so weit bringt, dass man bereit ist, eine vergebende Haltung einzunehmen – mit den Nuancen, die Sie ansprachen –, dürfte das zu weiteren Verhaltensänderungen führen: dem althebräischen Begriff shub, umkehren und in die andere Richtung gehen. Wir sind also wieder bei dem Zusammenhang zwischen religiösen Vorstellungen und weltlichen Tugenden, denn wir sprechen über die Werte in unserem Leben.

CG Ja, dem stimme ich vollkommen zu. Es wäre sehr interessant, eine interkulturelle Analyse der Vergebung in verschiedenen religiösen Kontexten zu erarbeiten. Ich glaube z. B. nicht, dass im altgriechischen Denken, das stark religiös geprägt war (außer bei den Philosophen, und selbst dort war das moralische Denken oft in einem gewissen Sinn religiös), viel Raum für Vergebung ist. Es gibt einen reichen Schatz an Forschungen über das Thema „Religionen und Vergebung“, den es noch systematisch und philosophisch aufzuarbeiten gilt.