Tschernobyl – das schweigende Museum

Als sich das Erdbeben und der folgende Tsunami am 11. März 2011 im Nordosten Japans ereignete legten diese Naturkatastrophen die Ersatzkühlsysteme der Reaktoren und daraufhin das Atomkraftwerk Fukushima lahm. Es kam zur teilweisen Kernschmelze und Zerstörung mehrerer Reaktoren nur wenige Wochen vor dem 25. Jahrestag von Tschernobyl - der größten Katastrophe des Atomzeitalters (siehe Fukushima: Nur ein Holperer auf dem Weg zu sicherer Atomkraft?). 

Kurz vor diesem schlimmen Unfall, interviewte Vision einen Mitplaner einer Veranstaltung im Gedenken an die Opfer von Tschernobyl und stellte die Frage: „Kann eine verlassene Stadt, und die Erinnerung an eine unsagbare Tragödie, uns zu einem neuen Denken über unseren Umgang mit der Umwelt und die Gestaltung unserer künftigen Energiewirtschaft inspirieren“ ?

Wiesen geben uns generell ein Gefühl von Frieden und Gelassenheit – doch gibt es einen Ort, wo sie eher Angst machen.

Diese Wiese „sieht sehr grün und saftig aus, aber unter ihr ist es gefährlich“, erklärte Jörg Altekruse, der Gründer der neuen Organisation SHINE (Share Human Intelligence Nobility Energy), die zu Nachhaltigkeit auf lokaler und globaler Ebene inspirieren will. „Unter diesen Umständen kann man der Natur nicht mehr trauen.“

In einem Interview mit Vision schilderte Altekruse erschüttert, wie er zum ersten Mal durch die ukrainische Landschaft – und über diese trügerische Wiese – zu der Stadt Pripyat kam. Pripyat war für die Angestellten des berüchtigten Kernkraftwerks Tschernobyl gebaut worden, das vor 25 Jahren explodierte und ausbrannte. Damals wurde die gesamte Umgebung nuklear verseucht, und über den ganzen europäischen Kontinent trieben radioaktive Wolken. Die Region ist noch immer radioaktiv und Pripyat eine Geisterstadt geblieben.

„Am unheimlichsten war die Stille“, bemerkte Altekruse in Erinnerung an die Beklemmung, die er empfand, als er dort war. „Da ist man in einer relativ großen Stadt, umgeben von Hochhäusern, und man hört kaum einen Laut. Keine Autos, keine Stimmen, keinen Baulärm. Nur ein paar Vögel und den Wind, der durch die zerbrochenen Fenster der verfallenen Gebäude weht. Und jedes Geräusch, das man macht, kommt als vielfaches Echo von all den leeren Fassaden zurück.“

IN MEMORIAM

Altekruse arbeitet fieberhaft an der Vorbereitung eines „Events“ zum Gedenken an die Katastrophe und ihre Opfer. Es wird von SHINE veranstaltet und soll am 26. April 2011 in Tschernobyl stattfinden. (Im Folgenden wird als Veranstaltungsort Pripyat genannt.) Es wird eine von vielen derartigen Veranstaltungen in ganz Europa sein, die an jenen Unglückstag im Jahr 1986 erinnern, als Reaktor Nr. 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl schmolz.

Offiziell wurde der Unfall mit einer Kombination aus überholter Technik und Fehlern der Betreiber begründet, die ironischerweise gerade die Sicherheitsprozeduren des Reaktors testeten. Es war die tödlichste Kernreaktorkatastrophe aller Zeiten; sie setzte 400-mal mehr Strahlung in die Erdatmosphäre frei als die Atombombe, die 1945 über Hiroshima abgeworfen wurde.

In der Umgebung, die die Ukraine, Russland und Weißrussland umfasst, wurden Städte und Dörfer schwer verstrahlt; mehrere Millionen Menschen waren und sind bis heute betroffen. Über 300.000 Einwohner im Umland des Reaktors mussten ihr Zuhause für immer verlassen. Doch auch andere Regionen Europas wurden hochgradig kontaminiert; mit den Wetterfronten zogen die Wolken nach Norden und Osten bis Skandinavien und Großbritannien, nach Süden und Westen bis über den Balkan, Deutschland, Österreich und die Schweiz, Italien und Griechenland. Wie viele direkte Todesopfer dem Unfall zuzurechnen sind, ist höchst umstritten; es werden Zahlen zwischen 4.000 und mehreren Hunderttausend genannt.

Welche Zahlen auch stimmen – die Tragik des Ereignisses wird nicht geringer, besonders weil es schwerwiegende Folgen für Kinder hat. Die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) meldete, dass über 4.000 Kinder in der Region an Schilddrüsenkrebs erkrankten, vor allem weil Milch und andere Nahrungsmittel durch die Strahlung kontaminiert waren.

Nicht umstritten sind die enormen sozioökonomischen Folgeschäden der Katastrophe in dieser schon zuvor armen, ums Überleben ringenden Region der Erde. Unsicherheit über die Wirkung der Verstrahlung, widersprüchliche und verwirrende Informationen von allen Seiten und Parteien, die Entwurzelung ganzer Ortsgemeinschaften – all diese Faktoren lösten Angst und emotionalen Stress bei den Millionen aus, die dort lebten und arbeiteten, selbst wenn sie nicht ihre Häuser verlassen mussten. Laut dem früheren Generaldirektor der IAEO, Mohammed El-Baradei, haben die betroffenen Einwohner doppelt so viel Angst wie normal; Depressionen und Belastungsstörungen sind weit häufiger. Viele Tausend Arbeitsplätze gingen verloren; riesige landwirtschaftliche Flächen und Waldgebiete konnten nicht mehr genutzt werden. Fische und Wild aus der Region sind noch immer kontaminiert und für den menschlichen Verzehr nicht geeignet.

Tschernobyl ist ein Wort, das wir alle gern aus unserem Gedächtnis löschen würden. Es erinnert an ein Ereignis im April 1986 – die Explosion eines Kernreaktors –, das im Denken der Menschen eine Büchse der Pandora öffnete, voller unsichtbarer Feinde und namenloser Ängste.“

Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung Humanitärer Angelegenheiten: „Chernobyl: a Continuing Catastrophe“ (2000)

Altekruse hofft, dass die Not der Opfer nicht vergessen wird. Darum arbeitet er seit mehreren Jahren an der Planung der Gedenkfeier für Tschernobyl. Auf einer Bühne in wenigen Kilometern Entfernung von der Stelle, wo Reaktor 4 explodierte, wird das Symphonieorchester der Ukraine eine neue Komposition aufführen, die eigens zum Gedenken an die Tragödie geschrieben wurde. Wenn die Musiker um 1:23 Uhr früh zu spielen beginnen – zu exakt der Uhrzeit, an der der Unfall 1986 geschah –, werden sie ins Leere starren, und dies in mehrfacher Hinsicht. Das Seltsame wird sein, dass keine Zuschauer in der Nähe sind, die hören könnten, wie die Musik von der Freilichtbühne durch die Stadt widerhallt. Pripyat wurde nicht nur evakuiert, sondern darf seit der Reaktorschmelze praktisch nicht mehr betreten werden. Das Gebiet ist durch langsam zerfallendes radioaktives Material noch immer so verseucht, dass um die Stadt ein 30 Kilometer breiter Gürtel Niemandsland eingerichtet wurde, zu dem der Zugang streng beschränkt ist. Aus diesem Grund wird das Orchester vor leerem „Haus“ spielen. Diese Entscheidung beruht primär auf den Sicherheitsbestimmungen der Regierung, doch könnte sie auch eine kreative Idee der Konzertplaner gewesen sein, um die Verlassenheit Pripyats hervorzuheben, wo einst rund 50.000 Menschen lebten.

Es wird allerdings Zuschauer geben, und ihnen sollte die Eindringlichkeit der öden Kulisse als machtvolles Symbol dafür dienen, was die nicht beherrschbare Kerntechnik anrichtet. Das Konzert wird live und zeitlich versetzt ausgestrahlt – nicht nur über Internet, Fernsehen und Radio, sondern auch in Theatern, Konzertsälen und Hörsälen in aller Welt. Auftritte von Musikern und anderen Künstlern an vielen dieser Standorte werden auf die Bühne in Pripyat projiziert und in die Livevorstellung mit einbezogen. Alle Darbietungen werden einen Bezug zu der Tragödie in Tschernobyl haben. In Sydney (Australien) wird z. B. eine Aboriginal-Truppe Tänze und Gesänge ihres Volkes vorführen, um auf deren eigenen Konflikt mit der Kernindustrie aufmerksam zu machen; ihr Lebensraum wurde durch den Uranabbau negativ beeinflusst.

Neben dem Konzert gehört zu dem Event eine technologische Neuheit, die, so Altekruse, noch nie zuvor versucht wurde. Jeder Auftritt während der dreistündigen Vorstellung wird in Echtzeit als dreidimensionale „Energieskulptur“ in den Himmel über Pripyat projiziert. Laut Altekruse wird sie bis in eine Entfernung von 100 Kilometern zu sehen sein.

UMSTRITTENE ERGEBNISSE

Die Folgen von Tschernobyl für die Umwelt sowie die Gesundheit der von dem Unfall und der anhaltenden Verstrahlung Betroffenen wurden durch offizielle Institute untersucht. Diese sind darauf bedacht, die langfristigen Folgeschäden der Katastrophe nicht zu überzeichnen. Die Weltgesundheitsorganisation schloss 2006 eine Untersuchung ab und berichtete, Schätzungen der Todesfälle, die sich direkt auf das Ereignis zurückführen ließen, seien von „erheblicher Unsicherheit umgeben“. Ähnliche Schlussfolgerungen veröffentlichte der Wissenschaftliche Ausschuss der Vereinten Nationen zur Untersuchung der Auswirkungen atomarer Strahlung (United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation, UNSCEAR) im selben Jahr: „Es gibt keinen Hinweis auf eine größere Auswirkung für die Gesundheit der Bevölkerung, die man 20 Jahre nach dem Unfall der Strahlenbelastung zuordnen könnte. Es gibt keinen wissenschaftlichen Hinweis auf Anstiege der Inzidenz oder Mortalität an Krebs allgemein oder an nicht bösartigen Gesundheitsstörungen, die mit Strahlenbelastung in Beziehung gebracht werden könnten.“ Beide Berichte wurden von der IAEO-Arbeitsgruppe „Tschernobyl-Forum“ erstellt.

Kritiker jener Ergebnisse halten diese Organisationen allerdings für voreingenommen – insbesondere die IAEO, die seit Langem für Kernenergie eintritt.

Eine Stadt wie Pripyat direkt neben dem Reaktor wird für Hunderte, wahrscheinlich Tausende von Jahren für Menschen unbewohnbar sein.“ 

Joerg Altekruse

Doch wessen Beurteilung auch treffender ist oder wie sicher die Industrie Kernkraftwerke irgendwann machen kann: Es liegt in der Natur der Sache, dass Kernkraftwerke immer ein gewisses Risiko darstellen. Manche Fachleute warnen, dass Kernenergie, so sehr die Technik sich entwickeln mag, nie zu 100 Prozent störungssicher gemacht werden kann. In einem Bericht, der 2006 erschien und von Befürwortern der Kernenergie heftig angefochten wurde, behauptete Greenpeace, seit 1986 seien fast 200 drohende Kernschmelzen in US-Atomreaktoren mit knapper Not verhindert worden. Verstärkt wird das Problem durch die Schwierigkeit, geeignete und sichere Lagerstätten für den Atommüll von diesen Anlagen zu finden. Und angesichts der offenen Drohungen von Terrororganisationen mit „schmutzigen Bomben“, die einen tödlichen, radioaktiven Staub verteilen – und sogar mit regelrechten Atombomben –, hat die Atomindustrie die enorme Aufgabe, Atommüll so sicher zu lagern, dass der Zugang zu dem Material für solche Bomben unmöglich ist.

MACHT UND VERANTWORTUNG

Trotz dieser Sorgen und vieler Veranstaltungen, die an Tschernobyl erinnern, gewinnt die Kernenergie als Alternative zu fossilen Brennstoffen wieder an Zustimmung. Sogar Umweltschützer beginnen für sie zu plädieren. (Siehe dazu, Fukushima: Nur ein Holperer auf dem Weg zu sicherer Atomkraft ?)

Was also soll der durchschnittliche Stromverbraucher tun? Wir haben keine Möglichkeit, festzustellen, wessen Zahlen die richtigeren sind oder wessen Prognose fundierter ist. Doch ist Kernenergie, wie gesagt, von Natur aus mit einer gewissen Gefahr verbunden. Sollen wir uns für zu unbedeutend halten, um etwas zu bewirken, und einfach das Risiko akzeptieren?

Altekruse sagt, dass ein neues Denken erforderlich ist – eines, das wirklich anders ist. Und das kann nur beim einzelnen Menschen beginnen.

Einige seiner Ideen klingen vertraut. Andere sind dagegen sehr progressiv, nicht nur im Hinblick auf die künftige Stromerzeugung und ihre Quellen, sondern auch im Hinblick auf die Stromversorgung. „In Deutschland haben wir vier Energiekonzerne, die den gesamten Strom liefern“, sagte er. „So ist es seit der Nazizeit. Sie haben die Stromversorgung in der Hand. Sie machen Fortschritte bei erneuerbaren und sauberen Energieträgern, aber alles muss groß sein“, damit es sich als neues Geschäft trägt. Mit kleinen Größenvorteilen halten sich diese Energieriesen nicht in ihrer marktbeherrschenden Position. „Sie investieren z. B. massiv in Windparks überall in der Nordsee und riesige Solarparks in Nordafrika, und von dort aus werden sie den Strom nach Europa leiten. Aber diese Anlagen müssen groß, groß, groß sein, damit sie für ihr Geschäftsmodell funktionieren.“

Er fuhr fort: „Die Alternative ist Dezentralisierung – mit kleineren, lokalen Unternehmen, Verbrauchergemeinschaften und sogar Einzelhaushalten, die ihren eigenen Strom erzeugen und intelligent anschließen, sodass sie eine Art virtuelles Elektrizitätswerk werden.“

Altekruse räumte ein, dass es nicht leicht sein wird, weil die meisten Menschen zu einer solchen Umstellung nicht willens oder nicht fähig sind. „Die Leute wissen, dass sie von diesen Energiekonzernen unabhängig werden wollen, aber sie haben nicht den Mut oder die Zeit oder das nötige Geld, um diese schwierige Umstellung anzugehen. Es ist zu leicht, einfach an das bestehende Stromnetz zu gehen.“

Unabhängige Energieversorgung für Kommunen und Personen ist ein kühnes, gewagtes Ziel. Wird sie erreichbar und praktikabel sein? Das bleibt abzuwarten, und sicher dauert es lange, bis sie realisiert wird. Eines ist allerdings klar: Wir werden für unsere Erzeugung und unseren Verbrauch von Energie ein neues und innovatives Denken brauchen, um sicherzustellen, dass Umweltkatastrophen wie Tschernobyl (und nun auch in Fukushima, Japan) nicht mehr vorkommen.

Den Entscheidungsträgern in den Konzernen kommt in dieser Hinsicht eindeutig eine besondere Verantwortung zu. Doch ob sie sich ihr entziehen oder nicht, ändert nichts an der Verpflichtung jedes Einzelnen, in seinem eigenen Leben zu tun, was richtig ist. Es gibt Dinge, die jeder von uns als Verbraucher tun kann. Wir können damit beginnen, indem wir unseren Lebensstil in diesem Zeitalter moderner Technologien überprüfen und darüber nachdenken, wie er sich direkt und indirekt auf unseren Energieverbrauch auswirkt. Möglicherweise wird es erforderlich, dass wir unsere Energieabhängigkeit verringern, indem wir intelligenter entscheiden, welche Produkte, Nahrungsmittel und Technologien wir erwerben und nutzen wollen. Wir sollten ein klares Bewusstsein dafür entwickeln, wo und wie wir Energie verbrauchen. Es geht darum, persönlich die Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen. Zusätzlich können wir von unseren Energielieferanten fordern, dass sie in saubere Energien und erneuerbare Ressourcen wie Sonnen- und Windenergie investieren und sie nutzen.

Es kann sein, dass sich Altekruses Vorstellungen nicht durchsetzen, doch hat er recht damit, dass der Weg in die Zukunft nicht allein Energiekonzernen, Regierungen und Umweltschützern überlassen werden darf. Wir alle müssen uns beteiligen. Letztlich geht es um das allgemein bekannte, aber selten praktizierte biblische Prinzip: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Unser Nächster ist jeder Mitmensch auf der Welt – und viele von ihnen müssen die Folgen unseres übermäßigen Energieverbrauchs tragen, sei es in Form von lokaler Energieknappheit oder von Schadstoffen in Luft, Boden und Wasser. Doch unsere Nächsten sind auch unsere Kinder, die morgen mit unseren Handlungsweisen und Entscheidungen von heute leben müssen. Wenn diese primär von wirtschaftlichen Motiven und Profitdenken bestimmt sind, sind wir auf dem falschen Weg, sei es als Person, als Unternehmen oder als Staat.

EIN BLEIBENDES MAHNMAL

Wird die zum Schweigen gebrachte Stadt Pripyat das Symbol für die Herrschaft des Menschen über die Erde sein – ein Vorzeichen dafür, wie andere Städte einmal aussehen werden? Oder wird sie stattdessen ein einzigartiges Museum werden, das uns an eine Zeit erinnert, in der wir in unserem Denken einer gefährlichen Vergangenheit verhaftet waren? Altekruse hofft, dass Pripyat eine Gedenkstätte wird – und künftige Generationen daran erinnern wird, wie fragil unser Zusammenspiel mit der Natur ist, und dass wir unsere Beziehung zu ihr radikal überdenken müssen. Die Arroganz, zu glauben, wir könnten die Ressourcen der Erde aufbrauchen oder mit Kräften im Inneren des Atoms spielen, um unsere Sucht nach materiellen Dingen und exzessivem Konsum zu befriedigen, können wir uns nicht mehr leisten.

Vielleicht wie eine Ausstellung zur Medizingeschichte, die uns heute das mangelhafte Wissen früher Generationen über die Behandlung von Krankheiten zeigt, sollte das Vermächtnis von Tschernobyl unsere Enkel schaudern lassen und dankbar dafür machen, dass ihre Großeltern einen Weg aus dem finsteren Atomzeitalter gefunden haben.