Das Herz voller Gewalt

Woodrow Wilson, der 28. Präsident der Vereinigten Staaten, war vielleicht der größte Idealist unter den modernen amerikanischen Präsidenten. Zwar führte er sein Land gegen Ende des Ersten Weltkrieges gegen Deutschland, doch erst dann, nachdem er sich gegen den Krieg als bevorzugte Lösung gewandt hatte. Im Anschluss entwickelte er seine berühmten Vierzehn Punkte, welche die deutsche Regierung dazu veranlassten, die Waffen niederzulegen, ohne ihre Niederlage einzugestehen.

Bei der Pariser Friedenskonferenz von 1919 setzte sich Wilson für die Schaffung des Völkerbundes ein, um friedliche internationale Beziehungen zu fördern. Später, im selben Jahr, wurde er für seine Bemühungen mit dem Friedensnobelpreis geehrt. 

Als hochintelligenter Mann von tiefer Frömmigkeit widmete sich Wilson dem Streben nach Frieden. Doch er konnte sein Ziel nicht erreichen. Nicht nur, dass der US-Senat den Eintritt Amerikas in den Völkerbund ablehnte – innerhalb von 20 Jahren nach Kriegsende wurde die ganze Welt erneut von furchtbarer Gewalt erfasst. „Der Krieg, der alle Kriege beendet“, erwies sich als verlorene Hoffnung und der Völkerbund als untaugliches Instrument. Einer späteren Generation von Staatslenkern gelang es, die Nachfolgeorganisation des Völkerbundes, die Vereinten Nationen, zu gründen; und dennoch ist das Ziel, Kriege zu verhindern, bis zum heutigen Tag unerfüllt geblieben. Es scheint fast so, als ob die Menschheit trotz der höchsten Ideale, die manche ihrer Führer verkünden, einen gewissen Hang zur Lösung von Problemen mittels Gewalt nie überwinden konnte.

Vielleicht sehen Sie das nicht so drastisch. Können wir angesichts fortwährender Kriege wirklich leugnen, dass wir das Erbe der Gewalt angetreten haben, die das vergangene Jahrhundert bestimmt hat?

Dies ist das Thema des Werkes Humanity: A Moral History of the 20th Century (Die Menschheit: Eine Moralgeschichte des 20. Jahrhunderts) von Jonathan Glover, Professor für Ethik am King’s College in London. Sein Buch behandelt die Gewalt der vergangenen 100 Jahre, insbesondere „die Psychologie, die den Nazi-Völkermord, Hiroshima, den Gulag, die chinesische Kulturrevolution, Pol Pots Kambodscha, Ruanda, Bosnien und viele andere Gräuel möglich machte“. 

Diese erschütternde Liste erinnert uns daran, wie sehr Massengewalt die moderne Welt beherrscht hat – aber die Absicht des Buchs geht auf die vielleicht paradoxe Sehnsucht der Menschen zurück, die Gewalt in uns zu überwinden. Die Botschaft des Buchs, so Glover, „ist nicht einfach Pessimismus. Wir müssen einigen Monstern in uns genau und klar in die Augen schauen. Doch das gehört zu dem Projekt, sie in einen Käfig zu stecken und zu zähmen.“

Doch auch wenn wir die Krankheit zu kennen glauben – Heilung scheint nicht in Sicht. 

GEWALT VON ANFANG BIS ENDE

Natürlich gibt es weit mehr zu bedenken als nur das vergangene Jahrhundert, wenn es um die Geschichte der Gewalt geht. Glover zufolge ist es „ein Mythos, dass Barbarei ausschließlich ein Attribut des 20. Jahrhunderts ist: Die gesamte Menschheitsgeschichte ist voller Kriege, Massaker, Folter und Grausamkeit jeder Art“.

Im Licht dieser Feststellung ist es bedeutsam, dass im „Buch der Bücher“, der Bibel, der Ursprung der Gewalt bereits vor den Beginn der Menschheitsgeschichte gelegt wird.

Die Propheten Jesaja und Hesekiel berichten beide von einem Engelwesen, das verworfen wurde, bevor es Menschen auf der Erde gab. Jesaja bezeichnet dieses Wesen mit dem hebräischen heylel („der Leuchtende“ oder „Morgenstern“), manchmal auch unglücklich übersetzt als „Luzifer“ („Lichtbringer“ vom lateinischen lux, lucis = „Licht“ und ferre = „tragen“). Er war von einem Engel des Lichts zu einem Engel der Finsternis geworden. Danach wird er in der Bibel als Ankläger oder Feind (hebräisch: Satan) bezeichnet. Hesekiel zeigt, dass Frevel im Sinne gewalttätiger Aggression sein Werkzeug wurde. Infolge seiner Verderbtheit wurde er von Aggression beherrscht: „Durch deinen großen Handel wurdest du voll Frevels [Gewalttätigkeit/Bosheit] und hast dich versündigt. Da verstieß ich dich vom Berge Gottes und tilgte dich, du schirmender Cherub, hinweg aus der Mitte der feurigen Steine“ (Hesekiel 28, 16). 

Das hebräische Wort, das der deutschen Übersetzung von „Frevel“ zugrunde liegt, lautet hamas und wird in der Menge-Übersetzung einiger anderer Schriftstellen auch mit „Gewalt“/ „Gewalttätiger“ übersetzt (Hesekiel 8, 17; 2. Samuel 22, 3. 49; Psalm 140, 5). Vines, Expository Dictionary of Biblical Words erklärt unter „violence“ (Gewalt) die Bedeutung von hamas mit Gewalt, Bosheit, Unrecht, Arglist. 

Es überrascht nicht, dass Satans Erscheinen in der Welt der Menschen zu weiterem Verderben führte. Der Bericht der Genesis über seine Verführung der menschlichen Stammeltern ist bekannt. Was Adam und Eva taten, bedeutete Frevel (Bosheit) gegen ihren Schöpfer, und sie wurden zur Strafe aus Eden, dem Garten Gottes, vertrieben.

Nicht lange danach geschah der erste Mord der Geschichte, die erste Gewalttat gegen ein Familienmitglied. Adams Sohn Kain erschlug seinen Bruder Abel. Dies war der Anfang einer langen Reihe von Gewalttaten. Kains Nachkomme Lamech war ebenfalls ein Mörder, und der biblische Bericht lässt erkennen, dass er für seine Sünde sogar noch weniger Reue zeigte als Kain.

Im sechsten Kapitel der Genesis (1. Buch Mose) lesen wir, dass die menschliche Gesellschaft in Bezug auf Gewalt und Bosheit schon zu jener Zeit tief gesunken war: „Als aber der HERR sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, da reute es ihn, dass er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen. […] Aber die Erde war verderbt vor Gottes Augen und voller Frevel [hamas – Gewalt/Bosheit]. Da sah Gott auf die Erde, und siehe, sie war verderbt; denn alles Fleisch hatte seinen Weg verderbt auf Erden“ (Vers 5-6. 11-12).

In den viel späteren Berichten der Evangelien im Neuen Testament steht geschrieben, dass Jesus in die ferne Zukunft schaute und vor einer Zeit höchster Gewalttätigkeit warnte. „Denn dann wird sein eine Not, schlimmer, als sie je gewesen ist von Anbeginn der Welt bis jetzt, und es wird nie wieder etwas Ähnliches sein! Wahrhaftig, wenn die Dauer dieser Zeit nicht begrenzt wäre, würde niemand überleben; doch um derer willen, die erwählt wurden, wird ihre Dauer begrenzt sein“ (Matthäus 24, 21-22; Das Jüdische Neue Testament).

Diese prophetische Aussage Jesu steht in Einklang mit anderen im Buch der Offenbarung, wo es heißt, dass Satan und seine gefallenen Anhänger am Ende der Zeit noch einmal einen Auftritt haben und die Erde zur Gewalt aufrühren werden. Die Albrecht-Übersetzung von Offenbarung 16, 14 lautet: „– es gibt ja böse Geister, die Wunderzeichen tun –. Die zogen aus zu den Königen der ganzen Erde, um sie zu sammeln für den Kampf, der an dem großen Tage Gottes, des Allgewaltigen, gehalten werden soll.“ Gott sei Dank, dass er die Vernichtung der Menschheit nicht zulassen wird, wie wir in der oben zitierten Passage aus dem Matthäusevangelium lesen. 

DER GEIST DER GEWALT 

Obwohl Gewalt die Geschichte der Menschen von Anbeginn besudelt hat und sie nach der Schrift bis zum Ende der Zeit trüben wird, verkündete Jesus eine ganz andere Welt: ein kommendes Gottesreich des Friedens. Seine Botschaft versichert uns, dass sich der Einzelne in unserer von Gewalt bestimmten Welt nicht für Gewalt entscheiden muss. Man braucht jedoch Verständnis und Anstrengung, um solch einen anderen Weg zu gehen.

Leider ist uns nicht immer bewusst, welchen Einfluss die Welt, in der wir leben, auf uns hat. Jesus sah sich einmal gezwungen, seinen eigenen Jüngern zu erklären, wie weit ihre Geisteshaltung von der seinen entfernt war. Auf dem Wege nach Jerusalem kam er durch ein Samariterdorf. Als die Samariter ihn mit Verachtung behandelten, wollten zwei seiner Jünger Feuer vom Himmel rufen, um sie zu vernichten. „Jesus aber wandte sich um und wies sie zurecht und sprach: »Wisst ihr nicht, welches Geistes Kinder ihr seid?«“ (Lukas 9, 52-55).

Die Jünger dachten sicher, das Böse müsse sofort und radikal ausgetilgt werden; die Antwort Jesu muss sie ziemlich ernüchtert haben. Doch die Lösung, die den Jüngern richtig erschien, wäre Vergeltung ‒ „Böses mit Bösem“ ‒ gewesen und eine Gewalttat, die weder Erbarmen noch Verständnis für Unwissenheit gezeigt hätte.

Welches Geistes Kinder waren sie? 

Die Bibel lehrt, dass uns Menschen ein Geist innewohnt, der uns einzigartig macht und uns grundsätzlich von Tieren unterscheidet. Das menschliche Gehirn unterscheidet sich qualitativ vom Gehirn der Tiere. Die Fähigkeit, über den eigenen Bereich hinauszudenken, oder Kunst zu schaffen und zu genießen, um nur einige Beispiele zu nennen – ja, sogar unsinnige widernatürliche Entscheidungen zu treffen, ist den Tieren verschlossen. Dazu gäbe es noch viel mehr zu sagen (siehe unseren Artikel „Was macht uns zu Menschen?“ in der Ausgabe Herbst 2007). 

Die Bibel offenbart ferner, dass es zwei weitere geistige Kräfte gibt, mit denen sich der menschliche Geist verbinden kann und die sein Denken in unterschiedlicher Weise beeinflussen können – zum Guten oder zum Bösen, zum Richtigen oder zum Falschen (1. Korinther 2, 12). Ein Geist, schreibt der Apostel Paulus, ist von dieser Welt, der andere von Gott. Paulus zeigt ebenfalls, dass die Welt generell unter dem Einfluss eines verkehrten Geistes steht: „Auch ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden, in denen ihr früher gelebt habt nach der Art dieser Welt, unter dem Mächtigen, der in der Luft herrscht, nämlich dem Geist, der zu dieser Zeit am Werk ist“ (Epheser 2, 1-2). Er nennt ihn auch den „Gott dieser Welt“ (2. Korinther 4, 4), der die Menschen verblendet.

Angesichts dessen, was wir über die Rolle des Feindes (Satans) in der Geschichte der Menschen wissen, sollten wir uns über das Ergebnis nicht wundern, wenn unser Denken von diesem falschen Geist beeinflusst wird. Ein Merkmal der Verderbtheit des menschlichen Geistes, wenn er sich mit dem Geist der Welt, dem Geist des Ungehorsams verbindet, ist Gewalt. Die vorher angeführten Jünger, die über andere die (vermeintlich gerechtfertigte) Vernichtung herbeiführen wollten, dachten nach der Weise dieses Geistes. 

EINE GRENZE IM HERZEN

Jahrhunderte später schrieb der russische Dichter Fjodor Dostojewski, der die fast natürliche Neigung des Menschen zu Gewalt erkannte: „Man spricht gelegentlich von der ,viehischen‘ Grausamkeit des Menschen, doch das ist sehr ungerecht und beleidigend gegenüber den Tieren: Ein Tier kann nie so grausam sein wie ein Mensch, so erfinderisch, so kunstreich in seiner Grausamkeit.“ Seine Bemerkung führt uns zu einer weiteren Ebene unserer Betrachtung gewalttätigen Verhaltens.

Ein Tier kann nie so grausam sein wie ein Mensch, so erfinderisch, so kunstreich in seiner Grausamkeit.“

Fyodor Dostoyevsky

Wir leben in einer Welt, in der Grausamkeit und Gewalt immer noch verherrlicht werden. Filme über Horror und unaussprechliche Gewalt sind häufig Kassenhits. So mancher Kriegsfilm dient ja nicht so sehr der Aufarbeitung der Geschichte, sondern befriedigt eher die Lust am Betrachten von Gewalttaten. Einer der abscheulichsten Horrorfilme zeigte das Portrait eines Sadisten, stellenweise sogar mit einem Ausdruck von Sympathie, der Körperteile seiner Opfer aß, während sie noch lebten. Filmkritiker empfahlen, in diesen Film mit seinen zutiefst widerlichen Szenen keine Kinder mitzunehmen. Man muss sich jedoch fragen, warum überhaupt so viele Leute derlei abscheulichen Horror sehen möchten …

Glover konstatiert, dass „das Festival der Grausamkeit in vollem Gange ist“, und fragt: „Was ist das im Menschen, das solche Handlungen möglich macht?“ Er beantwortet die Frage wie folgt: „Drei Faktoren scheinen entscheidend zu sein. Es gibt einen Hang zur Grausamkeit. Auch behaupten sich emotional gestörte Menschen oft mit Dominanz und Grausamkeit. Und die moralischen Kräfte, die Grausamkeit hemmen, können neutralisiert werden. […] Tief in der menschlichen Psyche gibt es Triebe, Menschen zu demütigen, zu quälen, zu verletzen und zu töten.“

Tief in der menschlichen Psyche gibt es Triebe, Menschen zu demütigen, zu quälen, zu verletzen und zu töten.“ 

Jonathan Glover

Glover merkt an, dass seine These an die Worte des verstorbenen, öffentlichkeitsscheuen russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn erinnert, der in Der Archipel Gulag von seinen Erlebnissen im sibirischen Exil erzählt. In Betrachtung der Tatsache, wie wenig sich Aufseher und Gefangene im Grunde unterscheiden, sagt er: „Wenn nur alles so einfach wäre! Wenn das nur irgendwie böse Menschen wären, die heimtückisch böse Taten verübten, und man müsste sie nur von uns anderen trennen und vernichten. Doch die Grenze zwischen Gut und Böse durchschneidet das Herz jedes Menschen. [...] Eigentlich hat es sich nur durch die Umstände so ergeben, dass sie die Ausführenden waren und nicht wir.“

Was die Bibel über die verborgene Natur des Menschen offenbart, ist die Antwort auf diese uralte Frage nach dem Grund, der Menschen manchmal zu schockierender, sinnloser Gewalt treibt. Eindrucksvoll beschreibt Jesaja, wie wir uns entwickeln können: „[…] man verlässt sich auf Trug und redet Täuschung, man geht schwanger mit Unheil und gebiert Verderben […] ihre Werke sind Unheilswerke, und Gewalttätigkeit liegt in ihren Händen […] Verwüstung und Zerstörung bezeichnen ihre Bahnen. Den Weg des Friedens kennen sie nicht, und kein Recht gibt es in ihren Geleisen; sie schlagen krumme Pfade ein: wer immer sie betritt, lernt den Frieden nicht kennen“ (Jesaja 59, 4-8; Menge-Übersetzung; Hervorhebungen hinzugefügt).

IM DIENSTE GOTTES?

Im Neuen Testament finden wir viele Beispiele, dass selbst die nach außen religiösesten Menschen ein Herz voller Gewalt haben können. Schließlich waren viele, die Jesus Christus verfolgten und seinen unsagbar grausamen Tod planten, fromme Anhänger ihrer Religion. Religiöser Glaube ist eindeutig kein Indiz für den richtigen Geist. Die Religionskriege der Geschichte legen dafür ebenfalls ermahnendes Zeugnis ab. 

Jesus sagte sogar, es werde eine Zeit kommen, „dass, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit. Und das werden sie darum tun, weil sie weder meinen Vater noch mich erkennen“ (Johannes 16, 2-3). Das bedeutet, dass solche Verfolger nicht mit dem Denken Gottes in Einklang stehen, sondern von einem anderen Denken beherrscht werden.

Selbst der Apostel Paulus beteiligte sich vor seiner Bekehrung an der Verfolgung und Hinrichtung der Anhänger Jesu. Apostelgeschichte 8, 3 berichtet: „Saulus aber suchte die Gemeinde zu zerstören, ging von Haus zu Haus, schleppte Männer und Frauen fort und warf sie ins Gefängnis.“ Warum tat er das? Aus völlig irregeleiteter religiöser Überzeugung.

Es musste Paulus geoffenbart werden, dass seine Gewalttätigkeit nicht vom Geiste Gottes kam. Trotz seines religiösen Eifers für Gott war er Gott so fern, wie er es nur sein konnte. Er stand unter dem Einfluss des falschen Geistes. 

SIE UND ICH

Sie sagen sich jetzt zu Recht: „So etwas habe ich doch nie getan. Ich habe niemals jemanden überfallen oder ermordet und würde das auch nie tun – Gewalttaten liegen mir absolut fern.“ Aber Gewalt beginnt nicht erst mit einem vollbrachten Mord, sondern manchmal schon sehr lange davor und auf unterschwellige Weise.

Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass nicht nur ein körperlicher Angriff Gewalt ist. Wir tun einander auf vielfältige Weise Gewalt an, wenn wir eine feindselige Geisteshaltung zu unserer eigenen werden lassen. Wir begehen manchmal sogar mit dem, was wir zu anderen sagen, eine Gewalttat, oder was wir über sie verbreiten (z. B. Rufmord), oder mit dem, wie wir sie unmenschlich behandeln – Mord ist lediglich der Gipfel der Gewalttaten.

Paulus bekennt offen, dass er vor seiner Bekehrung „ein gewalttätiger Frevler“ gewesen sei (1. Timotheus 1, 13; Menge-Übersetzung). Die Folge war, dass er sich an der tödlichen Verfolgung der Urchristen beteiligte. Der springende Punkt ist, dass dem Handeln Gedanken und Einstellungen vorausgehen – die Entwicklung von Ablehnung, Feindseligkeit, Hass.

Auch Jesus hatte etwas über die geistige Einstellung zu sagen, die der körperlichen Gewalt vorausgeht: „Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: ,Du sollst nicht morden; wer aber mordet ist in Gefahr des Gerichtes.‘ Ich aber sage euch: Wer seinem Bruder ohne Grund zürnt [im Hebräischen eine Steigerung von Zorn: Wut, Rage], ist in Gefahr des Gerichtes. Und wer zu seinem Bruder sagt ,Raca!‘ [ein aramäischer Ausdruck der verachtenswürdigen Wertlosigkeit], ist in Gefahr des Hohen Rates. Wer aber sagt: ,Du Narr‘ [hebr. moros: ein Ausdruck abgrundtiefer Verachtung], ist in Gefahr des höllischen Feuers“ (Matthäus 5, 21-22; Übersetzung aus der New King James Version).

Jesus ging es um die innere Einstellung, die hinter der Ausführung eines Mordes steht. Es geht um die „mörderische Gesinnung“. Es beginnt mit Dingen, die uns Menschen überaus vertraut sind: verletzende Beleidigungen, ohne Grund „sauer zu sein“, jemanden mit Verachtung als Idioten betrachten, jemanden in tiefster Verachtung als wertlos ansehen. Das Ende solcher Gesinnung können durchaus Grausamkeit, Terror aller Art (inklusive Stalking), Folter (in moderner Form: Mobbing am Arbeitsplatz) und Mord sein. Die Gewalttaten innerhalb von Familien sind fast ausschließlich keine Spontanreaktionen ohne jede Vorgeschichte. 

Es existieren noch andere, subtilere Ausdrucksformen, mit denen wir ein gewalttätiges Herz offenbar machen können. Wir tun einander auch Gewalt an, wenn wir ein giftiges Menü in „der Gerüchteküche“ aufkochen. Den Begriff „Rufmord“ haben wir ja bereits vorher angeführt. Wir können uns natürlich damit verteidigen, dass wir ja nur Informationen weitergeben, die andere uns gegeben haben. Doch die göttlichen Verhaltensregeln sind ganz klar: „Du sollst nicht als Verleumder umhergehen unter deinem Volk. Du sollst auch nicht auftreten gegen deines Nächsten Leben; ich bin der HERR.“ (3. Mose 19, 16) Gott sagt uns: „Tod und Leben stehen in der Zunge Gewalt“ (Sprüche 18, 21). Wir beschädigen eine Beziehung, wenn wir Gerüchte weitergeben oder jemanden verleumden. Interessanterweise lautet das hebräische Wort für „Verleumder“ auch satan – ein Hinweis auf die Herkunft der Verleumdung.

Obwohl es widersprüchlich scheinen mag, kann man sogar durch Passivität gewalttätig sein.

Wir können mithin auch Verleumdung, Tratsch, Gemeinheit oder Zorn als Formen der Gewalt definieren. Obwohl es widersprüchlich scheinen mag, kann man sogar durch Passivität gewalttätig sein. Wir können z. B. eine Beziehung zerbrechen oder Unheil anrichten, indem wir nicht entsprechend reagieren, wie es nach der göttlichen Ordnung richtig wäre.  

DER MORALISCHE KERN

Wie fangen wir es also an, die Gewalt in den Griff zu bekommen, die anscheinend ein so natürlicher Teil von uns ist? Wir müssen uns bewusst machen, dass unser Denken beeinflussbar ist – von vielen Seiten, auch von unseren Emotionen. Ein starkes Bewusstsein der persönlichen moralischen Identität (eine starke Überzeugung, ein Glauben an Werte, an Richtig und Falsch) ist jedenfalls entscheidend. Ein klares Wissen, wofür und wogegen wir sind, ist heutzutage nicht modern, fungiert indes als Bollwerk gegen emotionale Fehlentscheidungen. Diese moralische Identität erfordert eine frühe und stete Bildung des Charakters: zu lernen, was richtig und falsch ist, und seinen Willen anzustrengen, um es zu tun. Glover schreibt: „Das Bewusstsein moralischer Identität ist ein relevanter Aspekt des Charakters. Wer ein starkes Gefühl dafür hat, wer er ist und was für ein Mensch er sein will, hat eine zusätzliche Abwehr gegen eine Konditionierung zu Grausamkeit, Gehorsam oder einer Ideologie.“

Er fährt fort: „Manchmal erscheint das Handeln von Menschen losgelöst von ihrem Gefühl dafür, wer sie sind. Dies kann daran liegen, dass sie stufenweise und unmerklich in das Mitmachen hineinrutschen, sodass sich nie das Bewusstsein der Grenzüberschreitung meldet. Dieses allmähliche Hineinrutschen kann zur Ausbildung von Folterknechten gehören. Dies war es, was die Nazis mit der Anwerbung von Kollaborateuren in besetzten Ländern erreichen wollten. Bei der Atombombe geschah das Hineinrutschen stufenweise – zuerst wurde sie nur zur Abschreckung gegen Hitler gebaut, dann für den tatsächlichen Einsatz gegen Japan.“

Wir müssen achtgeben, dass wir nicht allmählich zu Teilnehmern an Grausamkeit oder Gewalt werden. Eine gut ausgebildete persönliche moralische Identität sollte das verhindern, doch wir lassen uns viel zu oft kompromittieren. Hier gilt es, über unsere geistige Einstellung zu wachen. 

EINE WELT KOMMT ZUR RUHE

Wie können wir gewaltfreie Menschen im vollsten Sinn werden? Hebräer 12, 14 rät den Anhängern Jesu: „Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird.“

Zum Jagen nach Frieden gehört, dass man Menschen nicht als Material sieht, welches man benutzen kann; dass man anderen geistigen Raum gibt, wie man ihn für sich selbst haben möchte. Es bedeutet zweifellos auch, dass man im täglichen Leben vermeidet, Menschen zu nötigen oder ihnen durch das eigene Verhalten Gewalt anzutun. 

Jakobus, einer der Autoren im Neuen Testament, schreibt: „Die Frucht der Gerechtigkeit aber wird gesät in Frieden für die, die Frieden stiften“ (Jakobus 3, 18). Frieden stiften ist ein aktiver Prozess und bedeutet, aufgrund richtiger Prinzipien zu handeln. In richtiger Weise zu leben und in den Beziehungen mit Menschen auch auf das zu achten, was für sie gut ist, also Gottes Gebote zu halten, führt zu Frieden und Versöhnung. Dies sind Dinge, die wir jetzt tun können.  Der Weg zum wirklichen Erfolg in dieser Hinsicht bedeutet, danach zu streben, sein Leben unter die Führung des Geistes Gottes zu stellen – des Geistes, der unseren menschlichen Sinn an die Werte Gottes bindet. Wer willens ist, die Herausforderung anzunehmen, jetzt unter Gottes Hoheit zu leben, erfährt persönlichen Frieden als Vorgeschmack dessen, was die ganze Menschheit erwartet.

Gott wird eingreifen, um die Menschheit von ihrer ultimativen Aggression zu erlösen. Zu dieser Zeit wird dann die Gewalt auf dieser Welt in all ihren Ausdrucksformen ein Ende nehmen. Der Tag kommt, an dem, wie es in der Offenbarung steht, „hinausgeworfen [wird] der große Drache, die alte Schlange, die da heißt: Teufel und Satan, der die ganze Welt verführt“ (Offenbarung 12, 9). Schlussendlich wird der Urheber und Schürer von Gewalt, Satan, gebunden und sein Einfluss gestoppt werden. Die Geschichte der Gewalt wird um ein neues Kapitel bereichert werden, das ihre wirksame und dauerhafte Kontrolle beschreibt. Der neue Zustand der Welt wird Frieden und Sicherheit bringen, und zwar durch ein Leben nach den ewigen Werten des Gesetzes Gottes – angewandt auf alle Bereiche des Lebens.