Tod und Auferstehung Jesu – die Beweislage

Jedes Jahr im Frühjahr begeht die Christenheit ihren höchsten Feiertag. Skeptiker halten es für eine Legende, dass Jesus gestorben ist und wieder auferweckt wurde, aber die meisten bekennenden Christen akzeptieren dies als Tatsache. Nur wenige wissen allerdings, was die Bibel tatsächlich über Jesu Kreuzigung und Auferstehung überliefert, oder nehmen sich die Zeit, über die Beweise für diese Ereignisse nachzudenken.

Der Neutestamentler Craig A. Evans von der Acadia University und Vision-Herausgeber David Hulme führten ein Gespräch über einige dieser Beweise.

   

DH Sie haben darauf hingewiesen, dass in der Öffentlichkeit weitgehend biblischer Analphabetismus herrscht. In jüngster Zeit scheinen Filme wie Noah und Exodus das noch zu verstärken. Welche Schritte empfehlen Sie, um gegen diese Art von Analphabetismus vorzugehen?

CE Fehlende Bibelkenntnis ist in unserer Gesellschaft vor allem die Schuld der Kirche selbst. Es besteht ein Trend – sei es in der Predigt von der Kanzel oder bei dem, was Kindern in der Sonntagsschule vermittelt wird –, Dinge zu popularisieren und sie ein wenig relevanter für unsere Kultur erscheinen zu lassen. Das geht auf Kosten der tatsächlichen biblischen Inhalte (ich verallgemeinere das hier). Wenn also Menschen, die in der Kirche aktiv sind – bekennende Christen –, die Bibel nicht sonderlich gut kennen, warum sollte man dann erwarten, dass die säkulare Welt die Bibel kennt, Menschen außerhalb der Kirche? Diese populären Filme können sich alle möglichen Freiheiten mit der Geschichte erlauben, ohne dass der Durchschnittszuschauer davon etwas ahnt.

DH In Filmen über Jesus wie beispielsweise Mel Gibsons Die Passion Christi ist die Kreuzigung ein zentrales Element. Was wissen wir über diese Hinrichtungsform zur Zeit Christi?

CE Wir haben sehr viel über die Kreuzigung in Erfahrung gebracht, und natürlich ist das grausig. Wir haben literarische Texte, aber wir haben auch etliche bildliche Darstellungen gefunden. Einige sind auf verputzten Wänden aufgetragen, eine davon, die in Rom gefunden wurde, bezieht sich eindeutig auf Jesus. Er wird mit einem Eselskopf dargestellt, verhöhnt, als Gott betrachtet; der Eselskopf ist wahrscheinlich als Beleidigung des Judentums gemeint. Die Figur am Kreuz trägt ein colobium – ein Hemd, wie Sklaven es trugen – und stammt aus dem späten zweiten Jahrhundert.

Diese Darstellung zeigt, dass Jesus als Gottheit gesehen wurde. Sie suggeriert, er sei wie ein Sklave gestorben und sei damit vielleicht die Art von Gott, die ein Sklave anbeten würde. Das ist tatsächlich sehr aufschlussreich und passt zu vielem, was wir über das Christentum im späten ersten und darauf folgenden zweiten Jahrhundert wissen. Wir haben Kenntnisse darüber, wie Kreuzigungen durchgeführt wurden, wer gekreuzigt wurde. Und natürlich haben wir Überreste von Skeletten gefunden; am spektakulärsten ist das rechte Fersenbein eines Mannes namens Jehohanan, der wahrscheinlich auf Befehl von Pontius Pilatus gekreuzigt wurde, unserer Datierung nach zwischen 20 und 30 n. Chr. Der Eisennagel steckt noch in seinem Fersenbein. Wir haben 138 Eisennägel in Gräbern und Ossuarien [Knochenbehältern] gefunden, viele davon mit Kalziumanlagerungen – was darauf hinweist, dass einige dieser Gekreuzigten mit den Nägeln in ihren Handgelenken, Händen, Füßen usw. bestattet wurden.

Man könnte sich fragen, warum alle diese Nägel noch da sind. Ein Nagel von einer Kreuzigung war eine Kostbarkeit. In der Antike galt er als Glücksbringer, wie eine Hasenpfote. Das ist bizarr. Aber wenn wir solche Dinge erfahren, ergibt das einen Sinn, denn in magischen Texten stehen Dinge wie „Dieser Zauber wird wirken, wenn du einen Kreuzigungsnagel hast“ – jetzt verstehen wir, warum. Und natürlich wird das, was uns die Evangelien über Jesus berichten, im Licht dieser sehr hilfreichen archäologischen Funde verständlich.

Zwei solche Nägel wurden im Ossuarium des Kaiphas gefunden, und jemand hat gemeint, sie seien bei der Kreuzigung Jesu verwendet worden. Das ist nun eine weit hergeholte Spekulation, aber ich meine, es bestehen kaum Zweifel daran, dass diese beiden Nägel als Glücksbringer in sein Ossuarium gelegt wurden. Interessant ist, dass sie noch immer Anhaftungen von Kalzium aufweisen, das erkennbar menschlich ist. Es sind also Kreuzigungsnägel; sie dienten nicht nur dazu, Personennamen auf die Ossuarien zu ritzen.

DH Sie sagen, dass die Archäologen 138 Nägel gefunden haben, die zum Teil – vielleicht zum großen Teil – für Kreuzigungen verwendet wurden. Es wird oft behauptet, aus der Zeit Jesu sei nur ein Nagel erhalten – der aus dem besagten Fersenbein.

CE Nein, das ist falsch. Ich weiß, dass unser guter Freund John Dominic Crossan das vor 20 Jahren geschrieben hat, und ein Teil seiner Argumentation lautete, dass Jesus wohl nicht bestattet wurde, weil so wenig dafür spricht. Wir hätten nur einen Nagel und ein Skelett, meinte er fast weinerlich. Nein, haben wir nicht; wir haben 138 Nägel. Das ist die aktuelle offizielle Zählung von Rachel Hachlili [einer israelischen Archäologin]. Ich habe sie im Juni 2014 bei sich zu Hause in Jerusalem besucht, um mir das bestätigen zu lassen. Außerdem haben wir noch weitere Skelette.

Ein Nagel von einer Kreuzigung war eine Kostbarkeit. In der Antike galt er als Glücksbringer, wie eine Hasenpfote.“ 

DH Was ist denn die dokumentarische Grundlage der Vorstellung, dass diese Nägel zu Glücksbringern wurden?

CE Die dokumentarische Grundlage liegt in direkter Form vor, in tatsächlichen, schriftlichen Texten, die ich erforscht habe – magischen Texten usw. Eigentlich ging es mir um Heiden, die den Namen Jesu für Heilungen und zum Schutz gegen böse Geister anriefen. Das finde ich faszinierend. Jesu Ruf (wir haben Belege dafür aus seiner Lebenszeit) eilte ihm weit voraus, wodurch er Macht besaß. Er wird schon zu Lebzeiten mit König Salomo verglichen. Folglich ist es nicht überraschend, dass die Menschen beginnen, sich auf seinen Namen zu berufen. Ich habe alle magischen Texte gelesen, die zugänglich sind, und gelegentlich steht dort geschrieben (nicht in Bezug auf Jesus), dass dieser Zauber oder jene Beschwörung besonders wirksam sei, wenn man einen Finger oder Haare von einem Gekreuzigten beschaffen könne, inbesondere aber einen Nagel, der für eine Kreuzigung verwendet wurde.

DH Das erinnert mich an Mao Zedong. Heute kann man in seinem Heimatort einen Zaubertrank bekommen, der angeblich Frauen im Namen Maos gegen Unfruchtbarkeit hilft.

CE Das klingt sehr ähnlich, und natürlich war Unfruchtbarkeit eines der Probleme in der Antike.

DH Der Apostel Paulus berichtet von Augenzeugen für Christi Tod und Auferstehung. In skeptischen Beiträgen über die Zuverlässigkeit des Neuen Testaments insgesamt werden Augenzeugenberichte oft unterbewertet. Heute laden wir Zeugen vor Gericht, wir nehmen sie ins Kreuzverhör, und ihr Zeugnis hat Gewicht. Wie wichtig sind Augenzeugen im Neuen Testament?

CE Ich denke, Augenzeugenberichte sind im Neuen Testament sehr wichtig, und das ist umfangreich belegt. Richard Bauckhams Arbeit auf diesem Gebiet ist sehr gut. Sie muss fortgesetzt und aktualisiert werden, denn in einigen von Skeptikern vorgelegten Studien wird argumentiert, dass auf die Erinnerungen von Menschen kein Verlass sei. Wir reden aber nicht von einem einmaligen Ereignis, bei dem jemand an einer Straßenecke steht; es geschieht ein Unfall, den jeder Zeuge anders sieht, oder die Anwesenden bringen später die Details durcheinander. Wir reden über Menschen, die sich daran erinnern, was Jesus lehrte, und zwar immer und immer wieder lehrte. Es wird sehr bewusst, sehr pädagogisch präsentiert. Die Absicht ist, dass die Menschen sich einprägen und lernen, was er lehrt. Und ich denke, dies zeigt sich überall in den Evangelien. Hier spricht ein Rabbi – so wird er genannt. Er unterweist seine Jünger – das sind seine Schüler. Wir haben also Schüler, die die Lehre ihres Meisters, ihres Rabbi erlernen.

Vielen Menschen ist eines allerdings nicht klar: Um die Lehre eines Meisters zu beherrschen, genügt es nicht, sie Wort für Wort auswendig zu lernen. Es geht darum, sie zu verstehen. Und der Beweis dafür ist die Fähigkeit, sie mit eigenen Worten zu paraphrasieren, zu erweitern, zu verdichten, anzupassen, in einen neuen Kontext zu stellen, aber dabei immer dem ursprünglichen Sinn treu zu bleiben. Wir sehen das in den Evangelien und ihrer Beziehung zueinander. So zeigt sich in den Evangelien selbst – in dem, was wir aus den alten, aus der Antike erhaltenen „Lehrbüchern“ erfahren haben –, dass es wirklich eine Augenzeugentradition in den Evangelien gibt; sie überliefert die Lehre Jesu zuverlässig und präsentiert sie in einer Form, die in einer Vielfalt von Kontexten sehr effektiv ist.

DH Als Paulus an die Korinther schrieb, betonte er, dass 500 Menschen, von denen viele noch am Leben seien, Jesus nach seiner Auferstehung gesehen hatten. Er scheint damit sagen zu wollen: „Und ihr könntet sie persönlich fragen, wenn ihr wolltet.“ Wie sehen Sie das?

CE Ich meine, genau deshalb macht Paulus die Bemerkung, dass zusätzlich zu den Aposteln und Jakobus, dem Bruder Jesu, 500 Menschen auf einmal den auferstandenen Jesus gesehen hatten und dass viele von ihnen noch am Leben waren. Wenn man in 1. Korinther 15 weiterliest, wird deutlich, warum er das schrieb. Er wandte sich gegen skeptische Stimmen in Korinth, die meinten: „Auferstehung? Wirklich? Wer braucht das?“ Diese Haltung spiegelt wahrscheinlich die griechische Geringschätzung von Körperlichkeit und Körper wider; wenn es also eine Auferstehung gibt, dann nur als Geist oder etwas in der Art. Ich glaube, aus diesem Grund erwähnt Paulus, dass ein auferstandener Jesus – nicht eine Geisterscheinung, sondern ein auferstandener Jesus – tatsächlich von 500 Menschen auf einmal gesehen wurde. Es ist nicht der Traum oder die Halluzination eines Einzelnen, sondern das Erlebnis einer ganzen Gruppe. Als Paulus den Brief mindestens 20 Jahre später schreibt, sind viele von diesen Menschen noch am Leben, also: „Wenn ihr mir nicht glaubt, geht hin und fragt sie.“

DH Der Apostel Johannes schrieb später über das, „was wir gehört haben, was wir mit eigenen Augen gesehen haben, was wir angeschaut haben und betastet haben mit unseren Händen“ (1. Johannes 1, 1, Gute Nachricht Bibel). All das sind handfeste, körperliche Beweise, oder nicht? Wir sprechen über die Zuverlässigkeit des Alten Testaments, die durch archäologisches Material bestätigt wird, aber hier haben wir Augenzeugen – Zeugenaussagen.

CE Aussagen von Augenzeugen werden stets in unterschiedlicher Form vorgetragen. Es kann ein schriftlicher Bericht sein, eine Art Kommentar, eine Art Beschreibung; die Aussage kann von einer Einzelperson stammen oder von einer Gruppe; und sie kann alle menschlichen Sinne mit einbeziehen. Und nun sind da Leute, die sagen: „Also, am Anfang waren wir nicht sicher, wer es war. Und dann plötzlich dämmerte es uns. Wir begriffen, dass es Jesus war; aber wir erkannten ihn erst, als wir uns setzten und er etwas Vertrautes tat. Er brach das Brot, und dann war alles wieder da: Das ist kein anderer als Jesus!“ Diese Aussagen weisen Eigenheiten und Phänomene auf, die man von einer echten Augenzeugenüberlieferung erwartet; sie wirken nicht, als kämen sie aus der Konserve, folgen keinem formelhaften Muster. Man fragt sich, wie sich das alles zusammenfügt, aber es gibt eine solche Vielfalt von Aussagen – viele verschiedene Beispiele –, dass man nicht den Eindruck bekommt, als wären die Beschreibungen inszeniert oder manipuliert.

DH Entscheidend sind wohl die Details, die so ungemein lebensecht sind. Sie geben wieder, was normale Menschen unter derartigen Umständen tun. Das ist nicht erfunden, sondern gleicht einem Schnappschuss, auf dem wir die Details sehen können.

CE Viele spätere Schriften (aus dem zweiten Jahrhundert) sind gnostisch. Sie beinhalten eine formelhafte Darstellung, von der man geblendet wird: Da ist ein helles Licht. Jesus erscheint. Er sieht erst aus wie ein Jugendlicher, dann wie ein alter Mann. Einmal sieht er so aus, dann wieder so, fast wie beim Auftritt eines Illusionisten – er zieht eine Riesenshow ab, die seine Jünger absolut umhaut. Und natürlich sind die Apostel alle da, sie werden einer nach dem anderen beim Namen genannt. Tatsächlich ist der Bericht von einem der Apostel sogar in der Ichform verfasst.

Im Neuen Testament gibt es so etwas überhaupt nicht. Dort ist stattdessen die Rede von ein paar Männern, die eine Landstraße entlangwandern. Da sind eine verängstigte Frau – oder auch zwei – und ein leeres Grab oder dieses oder jenes. Wir stoßen auf Vielfalt und Realismus und sogar ein kleines bisschen Ungewissheit, Angst und Infragestellen. Mit anderen Worten: Was die Evangelien aus dem ersten Jahrhundert berichten, schmeckt nach Realismus. Spätere Darstellungen, die von apologetischen Zielen usw. bestimmt sind, klingen ehrlich gesagt sehr nach Konserve, sehr künstlich.

DH Die biblischen Auferstehungsberichte sind überraschend, um es milde auszudrücken. Was würden Sie zu der dokumentierten Auferstehung Jesu sagen?

CE Die Auferstehung Jesu ist gut dokumentiert, denn wir haben nicht nur vier Evangelien und die Apostelgeschichte; die Auferstehung wird viele Male in den Paulusbriefen und anderen Schriften des Neuen Testaments angesprochen; dabei wird sie entweder als gegeben vorausgesetzt oder ausdrücklich erörtert. Die Dokumentation ist überwältigend.

Paulus war keiner von Jesus’ guten Freunden und auch nicht sein Jünger. Man könnte sagen, die anderen Jünger standen unter dem Einfluss von psychischem Druck und Wunschdenken – sie konnten nicht glauben, dass Jesus tatsächlich tot war –, und in diesem Zustand kam ihnen das Gerücht zu Ohren, dass er vielleicht doch noch lebte. Auf Paulus lässt sich das nicht übertragen (ich weiß, manche Skeptiker tun es trotzdem), weil Paulus nicht in dieser Weise psychisch involviert war. Paulus war gegen Jesus, bis er ihm auf der Straße nach Damaskus begegnete. Dieses Aufeinandertreffen änderte sein Leben vollständig. Natürlich teilte er seine Erfahrung anderen mit, die Jesus bereits nachfolgten, und stellte daraufhin fest, dass seine Erfahrung tatsächlich sowohl mit deren Erfahrung als auch mit der Lehre Jesu übereinstimmte. Deshalb gaben sie ihm, wie es heißt, „die Hand zum Zeichen der Gemeinschaft“ (Galater 2, 9) und erkannten die Gültigkeit sowohl seiner Bekehrung als auch seiner Berufung zum Apostel an.

Das passt also gut zusammen. Man hat vielfältige Quellen, vielfältige Kontexte, unterschiedliche Menschen. Die Auferstehung Jesu lässt sich nicht einfach als eine Art Legende oder Mythos abtun, als etwas, das sich im Lauf der Jahre entwickelt hat. Sie ist der Funke, der die Entstehung der Kirche auslöst. Pfingsten ist nur wenige Wochen nach der Kreuzigung; da springt der Funke über, und die Kirche nimmt ihren Anfang. Das ist nicht das Ergebnis einer jahrelangen Legendenbildung, sondern geschah genau zu dem Zeitpunkt. Jeder, der Jesus kannte, war davon betroffen, und das finde ich sehr überzeugend.