Radikale Wiederherstellung

Der folgende Essay des Vision-Herausgebers David Hulme erscheint im Februar 2011 in Access, Not Excess: The Search for Better Nutrition bei dem britischen Verlag Smith-Gordon. Herausgeber des Buches, das sich mit den parallel verlaufenden und globalen Problemen von Übergewicht und Unterernährung befasst, ist der Biochemiker Charles Pasternak, Gründungsdirektor des Oxford International Biomedical Centre.

Über Charles Pasternaks vorangegangenen Sammelband What Makes Us Human? schrieb ein Rezensent bei Amazon: „Unsere wissenschaftlichen und religiösen Weltbilder in Einklang zu bringen, ist vielleicht das Wichtigste, das wir tun können, um die Herausforderungen des Bevölkerungswachstums und der globalen Schäden zu bewältigen, mit denen wir heute konfrontiert sind.“

Ein idealer Ausgangspunkt für dieses Kapitel, das Zugang und Überfluss – Mangel und Maßlosigkeit im Hinblick auf Land, Nahrungsmittelproduktion und Wirtschaft aus biblischer Sicht betrachtet. Wenn die Mehrheit unserer Mitmenschen Mangel leidet und von den übrigen viele mit den Folgen der Maßlosigkeit zu kämpfen haben, ist es vielleicht an der Zeit, sich in diesem Zusammenhang die Weisheit des jüdisch-christlichen Schrifttums und einiger moderner alternativer Denker zu vergegenwärtigen, die aus der gleichen Quelle geschöpft haben.

KLEIN IST IMMER NOCH FEIN  

In seinem einflussreichen Werk Small Is Beautiful: Economics as if People Mattered schrieb Ernst Friedrich Schumacher: „Wenn menschliche Laster wie Habgier und Neid systematisch kultiviert werden, ist das unvermeidliche Ergebnis nichts Geringeres als der Zusammenbruch der Intelligenz.“ Gier treibt das Streben nach Überfluss an und verweigert vielen den Zugang zum Notwendigen. Schumachers Worte waren eine Reaktion auf Äußerungen, die sein Mentor John Maynard Keynes 1930 während der großen Weltwirtschaftskrise gemacht hatte.

Überraschenderweise hatte Keynes gedacht, die Zeit weltweiten Wohlstands sei nahe. Doch – so zitierte ihn Schumacher – „noch mindestens hundert Jahre müssen wir uns und allen anderen vormachen, dass das Anständige falsch und das Unredliche richtig ist. Denn das Unredliche ist nützlich, das Anständige nicht. Habgier, Wucher und Absicherung müssen noch für eine Weile unsere Götter bleiben. Nur sie können uns aus dem Tunnel wirtschaftlicher Notwendigkeiten in das Tageslicht hinausführen."

Gibt es nicht wirklich genügend ‚Zeichen der Zeit‘, die zeigen, dass ein Neubeginn nötig ist?“

E.F. Schumacher, Small Is Beautiful

In den 1970er-Jahren hatte Schumacher erkannt, dass Maßlosigkeit – das unablässige Streben nach materiellen Dingen – sowohl die Menschen als auch ihre Umwelt zerstört. Die Kapazität der Erde, Wachstum zu tragen, ist nicht grenzenlos, und die moralische Entwicklung der Menschheit darf nicht ignoriert werden. So zitierte Schumacher die Worte, mit denen Jesus auf die Versuchung des großen Menschheitsfeindes reagierte: „Es gibt einen revolutionären Ausspruch, der lautet: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes geht.“ Geistliche Probleme sind nicht mit materiellen Mitteln zu lösen. Wie Einstein gesagt haben soll: „Kein Problem kann auf derselben Bewusstseinsebene gelöst werden, auf der es entstanden ist.“

Schumacher war nicht von Anfang an ein alternativer Denker. Er war der Sohn eines deutschen Professors für Volkswirtschaftslehre, wurde 1930 Rhodes-Stipendiat am New College in Oxford und blieb während der Nazizeit in England; nach dem Krieg war er 20 Jahre lang leitender Wirtschaftsberater des National Coal Board.

Als Schumacher Small Is Beautiful schrieb, war er auf seiner spirituellen Reise über den Buddhismus zum Katholizismus gekommen. Auf dieser Reise hatte er den Essay „Buddhist Economics“ geschrieben. Darin befasste er sich u. a. mit der Frage des Zugangs zu Ressourcen auf lokaler Ebene und schloss: „Produktion aus lokalen Ressourcen für den lokalen Bedarf ist die rationalste Weise des Wirtschaftens.“ Schumacher erkannte auch den Wert der geistlichen Wahrheiten, die in den Evangelien des Neuen Testaments zum Ausdruck kommen. Er schrieb: „Es könnte keine prägnantere Feststellung […] unserer Situation geben als das Gleichnis vom Verlorenen Sohn. Es klingt merkwürdig, doch die Bergpredigt gibt eine recht präzise Bauanleitung für eine Sichtweise, die zu einer Wirtschaftsordnung des Überlebens führen könnte.“ Das Gleichnis vom verlorenen Sohn ist natürlich eine lehrreiche Geschichte von Vergeudung und Reue/Erlösung, von materieller Maßlosigkeit und geistlicher Umkehr. Der Sohn, der alles verprasst hat, kommt heim zu Vergebung und neuem Leben. Und die große Predigt Jesu auf dem Berg handelt von der Entdeckung einer geistlichen Moral als Voraussetzung für ein ausgewogenes, maßvolles Leben, mit Achtung vor Gott und seiner Schöpfung einschließlich der Mitmenschen.

Mit Schumachers frühzeitigem Tod im Jahr 1977 war die Diskussion nicht zu Ende. Im selben Jahr erschien The Unsettling of America: Culture and Agriculture von Wendell Berry. Er war ebenso besorgt um die zerstörerischen Auswirkungen des modernen Wachstums- und Technikwahns. Und drei Jahre später gründeten einige Freunde und Anhänger Schumachers gemeinsam die E. F. Schumacher Society, um sein Werk weiterzutragen.

KULTUR UND AGRIKULTUR 

Wendell Berry versteht sich in erster Linie als „ein Farmer aus Kentucky“, doch darüber hinaus ist er ein renommierter Autor von Essays, Gedichten und Romanen. Eines seiner Hauptthemen ist der globale Kult der Größe und das Unbehagen, das er verursacht. Es steht natürlich in Zusammenhang mit der Entwicklung von Technologie um ihrer selbst willen. Obgleich es in vielen Werken Berrys um ökologische Anliegen geht, befasst er sich auch mit dem Menschsein in einem weiteren Sinn und der Wiederherstellung von Gesundheit und Frieden.

In The Unsettling of America zeigt Berry, dass das Verschwinden der bäuerlichen Agrikultur ein Zeichen für den Niedergang der Kultur selbst ist. Die Maschine hat den Menschen abgelöst, die Landwirtschaft ist industrialisiert und der Mensch entwurzelt. Zudem sind es die künftigen Formen unserer Technologie, deren Sklaven wir sind. Und der Druck ist nicht nur in der Landwirtschaft zu spüren:

„Alle unsere Gerätschaften – Autos, Traktoren, Küchengeräte usw. – wurden vom modernen Denken stets als etwas wahrgenommen, das in einer Art Fortschritt oder auf einer Pilgerreise zu seiner künftigen Form ist. Das Auto-der-Zukunft, die Küche-der-Zukunft, das Klassenzimmer-der-Zukunft sind seit langem präsenter in unseren Vorstellungen, Plänen und Wünschen als die Versionen, die wir jetzt haben können. Wir haben vor langer Zeit den Wunsch aufgegeben, Dinge zu besitzen, die angemessen oder sogar hervorragend sind; statt dessen wollen wir Dinge haben, die auf dem neuesten Stand sind. Auf dem neuesten Stand zu sein ist allerdings eine Ambition mit eingebauter Panik: Unsere Besitztümer können nur für einen Augenblick auf dem neuesten Stand sein – es sei denn, wir könnten die Zeit anhalten oder sie irgendwie überholen. Die einzige Möglichkeit, zufrieden zu sein, ist jetzt in seinem künftigen Auto zu fahren.

Wir sind gespalten zwischen Ausbeuten und Pflegen. […] Das Ziel des Ausbeuters ist Geld, Profit; das Ziel des Pflegers ist Gesundheit – für seinen Grund und Boden, sich selbst, seine Familie, sein soziales Umfeld, sein Land.“ 

Wendell Berry, The Unsettling of America

Natürlich achtet die Wirtschaftsmaschinerie, die solche „Errungenschaften“ unablässig antreibt, kaum oder gar nicht auf die Erschöpfung von Ressourcen, die Verschmutzung der Umwelt oder die Entwurzelung des Menschen. Sie ist abhängig von der Illusion grenzenloser Mengen. Damit diese Realität würde, schreibt Berry, „müssten wir sowohl das Endliche als auch das Unendliche entwürdigen; wir müssten sowohl das Fleisch als auch den Geist preisgeben. Es ist eine alte Geschichte. Das Böse bietet uns die Welt an: ‚Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.‘ Und wir haben nur die alte, paradoxe Antwort: Wenn wir unter dieser Bedingung alles annehmen, verlieren wir alles.“ Wie Schumacher führt Berry das Problem in seinem Kern auf den Versucher Christi zurück – den Erzfeind des Menschen.

In The Gift of Good Land von 1981 ergründete Berry im Zusammenhang mit einer Reise nach Peru die Tragödie des „Fortschritts“ durch Entwurzelung. Die Bauern des Hochlands bauten dort einst mit kleinbäuerlichen Techniken und organischen Methoden Kartoffeln in enormer Vielfalt an – dann gaben sie das Land ihrer Vorfahren auf und wurden entwurzelt, indem sie freiwillig in die Elendsviertel Limas abwanderten, wo sie im Fernsehen amerikanische Unterhaltung sehen konnten.

Jahrzehnte nach diesen Büchern plagen Berry noch immer viele der damaligen Sorgen und die Probleme, die durch die globale „Ordnung“ entstehen. Anders ist nur, dass es um die Natur jetzt noch schlechter bestellt ist. Was nicht anders geworden ist, sind die geistlichen Grundsätze und die biblischen Aussagen, die seinem Rezept für Heilung zugrunde liegen. Er schreibt: „Die meisten wichtigen Gesetze für die menschliche Lebensführung sind wahrscheinlich religiösen Ursprungs – Gesetze wie diese: Sei barmherzig, sei versöhnlich, liebe deinen Nächsten, sei gastfreundlich zu Fremden, sei gut zu anderen Geschöpfen, kümmere dich um die Hilflosen, liebe deine Feinde. Kurz, wir müssen andere Menschen und andere Geschöpfe lieben und uns um sie kümmern. Ausnahmen dürfen wir nicht machen. Die Pflicht jedes Menschen gegenüber der Schöpfung ist in zwei Worten von Genesis 2, 15 zusammengefasst: bebauen und bewahren.“ Es ist faszinierend, dass er das geistliche Gesetz als Basis des rechten Gebrauchs versteht.

Eine weitere, damit verbundene Sorge Berrys lautet, dass das amerikanische Christentum seinen Gründungsdokumenten nicht gerecht geworden ist. In seinem ausschließlichen Bestreben, im Land Seelen zu retten, ohne sich darum zu kümmern, auf dem Land Religion zu praktizieren, hat es die Heiligkeit der Schöpfung und ihrer Gesetze nicht erkannt. In diesem Zusammenhang zitiert Berry Professor Ellen Davis, die schreibt: „Tragfähige landwirtschaftliche Praxis hängt von dem Wissen ab, dass sie gleichzeitig chemisch und biologisch, wirtschaftlich, kulturell, philosophisch und (nach dem Verständnis der meisten Bauern der meisten Orte und Zeiten) religiös ist. Landwirtschaft hat mit Wertfragen und folglich mit moralischen Entscheidungen zu tun – ob wir das zugeben mögen oder nicht.“

Im Folgenden werden Werte der Bibel näher betrachtet.

HEBRÄISCHE GESETZE 

Die schöne, unvergessene hebräische Geschichte von Rut der Moabiterin spielt in einer antiken bäuerlichen Gesellschaft, weit entfernt von unserer verstädterten Welt. Sie handelt von den Werten, die für die soziale Gemeinschaft, die Familie und die Verantwortung des Einzelnen wesentlich sind. Die junge Witwe Rut bittet ihre ebenfalls verwitwete Schwiegermutter Noomi: „Rede mir nicht ein, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte“; dies garantiert der älteren Frau, dass bis zum Tod für sie gesorgt wird. „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.“

Derselbe Gott hatte durch Gesetz festgelegt, dass die Versorgung der Benachteiligten zum System der Gemeinschaft gehören sollte. Eines der ersten Dinge, die Rut tat, um ihre Schwiegermutter zu unterstützen, war, Ähren aufzulesen. Das durfte sie, denn das hebräische Gesetz schrieb vor: „Wenn du dein Land aberntest, sollst du nicht alles bis an die Ecken deines Feldes abschneiden, auch nicht Nachlese halten. Auch sollst du in deinem Weinberg nicht Nachlese halten noch die abgefallenen Beeren auflesen, sondern dem Armen und Fremdling sollst du es lassen; ich bin der HERR, euer Gott.“

Diese Passage steht in dem Teil des 3. Buches Mose (Kapitel 17-26), der das vom Volk Israel verlangte heilige Leben betrifft. Weil ihr Gott heilig ist, sollen seine Auserwählten Merkmale annehmen, die sie heiligen oder von anderen Völkern abheben; sie sollen heilig werden. Hier finden sich viele Grundprinzipien für richtige Beziehungen: Fürsorglichkeit und Achtung gegenüber Eltern, Rücksicht auf Mitmenschen in gleichem Maß wie Selbstliebe, Achtung vor fremdem Eigentum, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Mitgefühl mit den weniger Glücklichen. Die spezifischen Vorschriften, die im Buch Rut Anwendung finden und nach denen Bedürftige liegen gebliebene Reste der Ernte aufsammeln durften, gehören zu den „Bestimmungen, die der starken menschlichen Versuchung zu Habgier trotz vorhandener Fülle entgegenwirken“. In einer solchen Wirtschaftsordnung nützt Zugang zum Überfluss dem Bauern, dem keine Arbeitskosten entstehen, und er bedeutet Würde für die Armen, die ihre Bedürfnisse durch eigene Arbeit decken. Ein Kommentator schreibt: „Dies war das früheste Gesetz zugunsten der Armen, von dem wir im Rechtskodex irgendeines Volkes lesen.“

Zwei spezifische Vorschriften innerhalb dieses langen Abschnitts betreffen das Sabbatjahr für das Land und das Erlassjahr. Diese beiden ungewöhnlichen Einrichtungen sorgten dafür, dass in einem fünfzigjährigen Zyklus alle sieben Jahre das Land sich erholen konnte und Schulden erlassen wurden. Nach sieben solchen Sabbatjahren bzw. in jedem 50. Jahr war Land zurückzugeben, weitere Schulden waren zu erlassen und Schuldknechte freizulassen. Dahinter steht die Tatsache, dass Land als Gabe Gottes verstanden wird – etwas Heiliges, zu treuen Händen überlassen. „Darum sollt ihr das Land nicht verkaufen für immer; denn das Land ist mein, und ihr seid Fremdlinge und Beisassen bei mir“; es ist „das Land […], das ich euch geben werde“. Dieses Verständnis, dass Gott der Eigentümer des Landes ist und sein Volk die Pächter und Verwalter, ist die Basis dafür, das Land nach seinem Gebot ruhen zu lassen, es den früheren Besitzern zurückzugeben (wenn diese aus irgendwelchen Gründen enteignet wurden) und Schulden zu erlassen.

Im Sabbatjahr für das Land war reguläres Ernten nicht erlaubt, doch durfte der Besitzer sammeln, was er, sein Haushalt und seine Tiere brauchten. Ein Merkmal des Gesetzes war, dass seine Befolgung mit der Garantie verbunden war, im siebten und achten Jahr und bis zur Ernte des neunten Jahres ausreichend Nahrung zu haben.

Das Einlösen (der Rückkauf) von offenem Land musste während des gesamten Zyklus von 50 Jahren zugelassen werden. Wenn weder der ursprüngliche Besitzer noch seine Verwandten genügend Mittel hatten, um das Land einzulösen, musste es zum Anfang des Erlassjahres dennoch an diese Familie zurückgegeben werden. Darüber hinaus gab es Regeln gegen die Übervorteilung verarmter Hebräer, die ihr Land verkaufen mussten. Auch durfte Geld nicht gegen Zinsen verliehen werden.

Dieser gesamte Teil der Thora spiegelt den Wunsch der Gottheit wider, zu verhindern, dass sich die Lage von Menschen kontinuierlich verschlechtert, bis sie keinen Zugang zu Land, Nahrung und Freiheit mehr haben. Wenn Überfluss gebraucht wird, schenkt Gott ihn, wie z. B. zusätzliche Nahrung vor, während und nach dem Sabbatjahr. Wenn finanzielle Unterstützung gebraucht wird, ist die nächste Verwandtschaft verpflichtet, sie zu leisten. Wenn alles andere scheitert, bewirkt die Nivellierung durch den Schuldenerlass, die Freilassung von Schuldknechten und die Rückgabe verkauften Landes im Erlassjahr die wirtschaftliche und soziale Wiederherstellung. Das Ziel ist eine Gesellschaft, die frei von Schulden und Armut ist.

Der lokale Rahmen war der beste für die Lösung lokaler Probleme. Klein war damals fein.

ZURÜCK ZUR GEGENWART 

Heute muss alles riesig sein. Vor 50 Jahren gab es in den USA sechs Millionen Bauern. Heute produzieren 400 000 Großbetriebe 94 % der amerikanischen Nahrungsmittel. Dies ist eine Reaktion auf das Trompetensignal der Agroindustrie: „Get big or get out“ – groß oder gar nicht. Die 1,6 Millionen Bauern, die die übrigen 6 % produzieren, stehen mit Sicherheit unter Druck.

Die Maßlosigkeit des globalen Fleischkonsums hat dazu geführt, dass „weltweit die Hälfte des Weizens, der meiste Mais […] und fast alle Sojabohnen“ an Mastrinder verfüttert werden. Man muss nur durch das Central Valley in Kalifornien fahren, um das Endergebnis maßloser Fleischproduktion zu erleben – Berge von Mist, dazwischen intensive Tierhaltung, und keine grüne Weide, so weit das Auge reicht. Hinzu kommen 1 600 Milchbetriebe im selben Tal, die laut Ellen Davis mehr Abfall produzieren als eine Stadt mit 21 Millionen Einwohnern.

Doch der Kult der Größe hat nicht gehalten, was er versprochen hat. „In jedem Land, für das Daten verfügbar sind, zeigt sich, dass kleinere bäuerliche Betriebe 200 % bis 1 000 % produktiver pro Flächeneinheit sind.“

Das liegt zum Teil daran, dass die Produktion in kleineren Betrieben der Qualität und Quantität der Pflege zugute kommt. Sie beruht oft auf organischen Prinzipien. Dies gehört zu einem Wissen, das seit Urzeiten gewachsen ist. Wie Schumacher schrieb, brauchen wir eine „Wirtschaft der Dauerhaftigkeit“. Dabei ginge es darum, mit weniger zufrieden statt bestrebt zu sein, den Luxus von gestern zur Notwendigkeit von heute zu machen. „Kleine Betriebe sind, wie zahlreich sie auch sein mögen, immer weniger umweltschädlich als große, einfach weil ihre jeweilige Kraft gegenüber den Selbstheilungskräften der Natur klein ist.“

Die Welt der Maßlosigkeit konfrontiert uns täglich mehr mit der Frage, was wir dagegen zu tun gedenken. Schumacher wurde viele Male danach gefragt. Seine Antwort war nicht überraschend: Es beginne mit kleinen Schritten zu persönlicher Veränderung. Baut ein wenig Gemüse an, geht in Kontakt mit der Natur und unterstützt diejenigen, die Alarm schlagen und Lösungen bieten. In der Überzeugung, dass die Antwort im Kern eine religiöse ist, zitiert er die vier Kardinaltugenden, die man üben sollte: Prudentia, Iustitia, Fortitudo und Temperantia. Prudentia – Umsicht – hat mit realistischer Einschätzung der Lage zu tun, Temperantia – Mäßigung – mit Ausgewogenheit, dem Erkennen von Grenzen und Vermeiden von Maßlosigkeit. Schumacher vervollständigt das Bild, indem er zwischen Iustitia (Gerechtigkeit) und Fortitudo (Stärke) einen Zusammenhang zu Wahrheit und Güte herstellt.

Wendell Berrys frühes Werk The Unsettling of America ist noch immer beunruhigend. Zur Frage, was zu tun wäre, bemerkt er: „Wenn unsere persönliche Verbindung zu dem, was falsch ist, klar wird, dann müssen wir uns entscheiden: Wir können weitermachen wie bisher, unsere Unehrlichkeit erkennen und mit ihr leben, so gut es geht; oder wir können anfangen, uns zu bemühen, unser Denken und unser Leben zu ändern.“ Wie das Gleichnis vom verlorenen Sohn weist dies uns nur in die Richtung des geistlichen Zugangs zur Befreiung von unserem destruktiven Streben nach Überfluss.

Haben die uralten Wahrheiten, die das tägliche Leben der Hebräer bestimmten, Jahrtausende danach noch irgendeine Bedeutung? Was die Überwindung von Habgier und Neid, ein einfacheres Leben, lokales Denken und Handeln, Achtung vor dem Land wie den Mitmenschen und das Streben nach geistiger Zufriedenheit statt nach materiellem Luxus zusammen bewirken würden, ist schwer vorstellbar. Doch genau das sind die Werte, die unsere derzeitige Lage erfordert.