Scheiterhaufen für einen Gott aus Stroh

Wie zur Bekräftigung der bekannten Nietzsche-Aussage „Gott ist tot“ sind gegen Ende des Jahrtausends mehrere Bücher über den Tod der Gottheit erschienen. 

Kann Gott - sollte dieser Gott - endgültig zur Ruhe gelegt werden, während wir uns ins neue Jahrtausend aufmachen? Schließlich dauert die Totenwache schon unverhältnismäßig lang - nach einigen Berechnungen über drei Jahrhunderte.

DER SCHEITERHAUFEN WIRD AUFGESCHICHTET 

Eines der Bücher, mit denen der Scheiterhaufen für Gott aufgeschichtet wird, ist „God's Funeral“ vom einflussreichen britischen Biographen, Journalisten und Romancier A. N. Wilson. Wilsons fundiertes und gelehrtes Werk handelt von der Ablehnung des Glaubens an einen Gott bei vielen Philosophen und Denkern im viktorianischen England und davon, wie sie ihm „den Garaus machten“ - jedenfalls waren sie zu ihrer eigenen Zufriedenheit davon überzeugt. Für einen Großteil des Restes der englischsprachigen Welt zerschmetterten sie die einst absolute Wahrheit der Existenz Gottes und die Gewissheiten des religiösen Dogmas.

Wilson stellt der relativen religiösen Sicherheit des früheren 19. Jahrhunderts den späteren Niedergang der anglikanischen Kirche in England und der katholischen Kirche in Europa gegenüber. In seinem teilweise autobiographischen Werk „All in the Mind: A Farewell to God“   legt der britische Fernsehjournalist und Autor Ludovic Kennedy dar, warum er überzeugter Atheist ist. Als sein alternder Vater - ein Mann, der zweimal täglich betete - zu Beginn des Zweiten Weltkriegs ums Leben kam, konzentrierten sich Kennedys Zweifel und unbeantwortete Fragen auf schmerzhafte Weise. Er schreibt: „Intelligente Christen wissen, dass Gebete nicht erhört werden. Wäre es anders, so würde sich jeder Ungläubige im Land morgen zum Christentum bekehren. Warum beten Christen dann eigentlich weiter?“ (S. 12).

Karen Armstrongs „A History of God“ geht das Thema „Gott ist tot“ von ihrer religiösen und persönlichen Geschichte her an. „Je mehr ich über die Religionsgeschichte lernte“, schreibt sie, „desto mehr wurde mein früheres Unbehagen bestätigt. Die Lehren, die ich als Kind fraglos akzeptiert hatte, waren tatsächlich Menschenwerk, über einen langen Zeitraum hinweg konstruiert. Die Wissenschaft hatte den Schöpfergott offenbar abgeschafft, und Theologen hatten bewiesen, dass Jesus nie behauptet hatte, göttlich zu sein. Als Epileptikerin hatte ich blitzartige Visionen, von denen ich wusste, dass sie ein bloßer neurologischer Defekt waren: Waren die Visionen und Ekstasen der Heiligen auch nur Produkt einer Gehirnzuckung? Gott kam mir zunehmend als Abweichung vor - etwas, über das die Menschheit hinausgewachsen war.“

Armstrong fährt fort: „Trotz meiner Jahre als Nonne glaube ich nicht, dass meine Erfahrung Gottes ungewöhnlich ist. Meine Vorstellung von Gott wurde in der Kindheit geformt und hielt mit meinem wachsenden Wissen in anderen Disziplinen nicht Schritt. Ich hatte den allzu schlichten Kinderglauben an den Weih-   nachtsmann revidiert; ich war zu einer reiferen Einsicht in die Komplexität des menschlichen Dilemmas gelangt, als dies im Kindergarten möglich gewesen war. Doch mein frühes, konfuses Gottesbild hatte sich nicht verändert oder entwickelt. Menschen ohne meinen eigentümlich religiösen Hintergrund stellen vielleicht ebenfalls fest, dass ihr Gottesbild in der frühen Kindheit geformt wurde. Seit jener Zeit haben wir die kindlichen Dinge hinter uns gelassen und den Gott unserer ersten Jahre abgelegt“ (S. 3).

DER ANFANG VOM ENDE DES CHRISTENTUMS 

Auf unterschiedliche Weise zeigen diese drei Bücher die dynamischen Kräfte und tiefgreifenden Veränderungen auf, die die verwirrte Welt des modernen Christentums und seiner Gegenentwürfe, des agnostischen und atheistischen Humanismus, geprägt haben. Die Autoren bieten keine Lösungen an. Kennedys „All in the Mind“ sieht sogar ungeduldig dem weiteren Niedergang und Ruin dessen entgegen, was er als einen verbrauchten Glauben ansieht.

Wilson, der Autor von „God's Funeral“, lobt Armstrongs „A History of God“ mit anerkennenden Worten: „Dies ist die faszinierendste und gelehrteste Untersuchung der größten Wildgänsejagd der Geschichte - der Suche nach Gott.“ Armstrong selbst schließt: „Der Mensch erträgt Leere und Verlassenheit nicht; er füllt das Vakuum, indem er einen neuen Sinn erschafft... Wenn wir einen dynamischen neuen Glauben für das 21. Jahrhundert schaffen wollen, sollten wir vielleicht über die Geschichte Gottes nachdenken und unsere Lehren und Warnungen daraus ziehen“ (A History of God, S. 457, Hervorhebung von uns).

Die Antwort auf diesen Vorschlag führt uns zu der Frage, ob der wahre Gott eigentlich jemals mit dieser religiösen Verwirrung zu tun hatte. Oder ist der Gott, dem manche offenbar unbedingt den Garaus machen wollen, nur ein leeres menschliches Konstrukt, ein Gott aus Stroh? 

Die Antwort auf diesen Vorschlag führt uns zu der Frage, ob der wahre Gott eigentlich jemals mit dieser religiösen Verwirrung zu tun hatte. Oder ist der Gott, dem manche offenbar unbedingt den Garaus machen wollen, nur ein leeres menschliches Konstrukt, ein Gott aus Stroh? Wenn dies so wäre, dann sind wir gerade dabei, das Aufschichten des kolossalsten und dennoch nutzlosesten Scheiterhaufens der Geschichte zu erleben - auf dem dieser Gott aus Stroh verbrannt werden soll.

EIN DESPOTISCHER GOTT? 

Sowohl Kennedy als auch Armstrong führen den Niedergang Gottes auf die jüdisch-christlichen Wurzeln zurück, wobei Armstrong auch die andere monotheistische Weltreligion, den Islam, mit einbezieht. Michael Harrington, der Autor von „The Politics at God's Funeral“, bezeichnet die Wurzeln des modernen Christentums zutreffender als griechisch-jüdisch-christlich. Auf diese Unterscheidung werden wir zurückkommen, denn sie ist ein entscheidender Schlüssel zur Entstehung und Entwicklung des traditionellen Christentums. Kennedy, der seine Argumentation für den Atheismus auf das Blutvergießen im Alten Testament stützt, stimmt dem Philosophen und Schriftsteller Thomas Paine aus dem 18. Jahrhundert zu: „In Bezug auf die, wie er formulierte, 'obszönen Geschichten, die grausamen Hinrichtungen und die unversöhnliche Rachsucht, die über die Hälfte des Alten Testaments füllt', schrieb Thomas Paine, dies entspreche eher dem Wort eines Dämonen als dem Wort Gottes. 'Es ist eine Geschichte der Bosheit', so schloss er, 'die dazu geführt hat, die Menschheit zu verderben und zu brutalisieren'“ (All in the Mind, S. 47).

Armstrong ihrerseits stellt Gottes Urteile in den Kontext der ständigen Verletzungen des Bundes durch das alte Volk Israel und seine Verstrickung mit den einheimischen heidnischen Religionen (und deren lüsternen und manchmal mörderischen Riten), vor denen Gott sein Volk unablässig gewarnt hatte.

Dennoch bezeichnen beide auf ihre Weise den Gott des Alten Testaments als menschliche Konstruktion. Kennedy schreibt: „Gott ist, wie alle anderen Götter des Pantheon, nicht autonom, sondern die Kopfgeburt derer, die ihn erfanden“ (All in the Mind, S. 52). Armstrong schreibt von den „verschiedenen Formen des Fundamentalismus, die zur Zeit der Niederschrift [der biblischen Schriften] bei den Juden, Christen und Muslims grassierten. Einen persönlichen Gott wie Jahwe kann man so manipulieren, dass er das bedrängte Ich auf diese Weise stützt; bei einer unpersönlichen Gottheit wie Brahman wäre dies nicht möglich“ (A History of God, S. 68).

Vielleicht haben beide Recht - die Gottesbilder, die sich über zwei Jahrtausende entwickelt haben, sind eine Konstruktion, eine Erfindung. Vielleicht ist es wirklich besser, dieses Gebilde als „Gott aus Stroh“ abzulehnen, statt es zu manipulieren und wiederzubeleben. In diesem Fall erhebt sich allerdings die Frage: Gibt es einen wirklichen Gott? Wann hat die Welt den Kontakt mit der Wirklichkeit eines solchen Gottes verloren? Könnte die Entdeckung des wahren Gottes - nicht irriger Gottesbilder - die Grundlage für Armstrongs „dynamischen neuen Glauben für das 21. Jahrhundert“ bilden?

DIE VERBINDUNG ZUM HEIDENTUM 

Armstrong macht einige aufschlussreiche Bemerkungen über die Assimilierung des Christentums durch die Religionen des Römischen Reiches.

Im Römischen Reich des ersten Jahrhunderts erwartete niemand, dass Religion eine Herausforderung oder die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens sein sollte“, schreibt sie. „Diese Art der Erleuchtung suchten die Menschen in der Philosophie. ... Religion war eine Frage des Kults und des Rituals, nicht des Denkens; sie beruhte auf Emotionen, nicht auf Ideologie oder bewusst angenommener Theorie. Diese Haltung ist auch heute nicht selten. Viele der Menschen, die in unserer eigenen Gesellschaft Gottesdienste besuchen, interessieren sich nicht für Theologie, wollen nichts allzu Exotisches und haben etwas gegen Veränderungen. ... Sie erwarten keine brillanten Gedanken von der Predigt und empfinden Veränderungen der Liturgie als störend. In gleicher Weise verehrten viele Heiden der Spätantike die Götter ihrer Vorfahren, wie auch Generationen vor ihnen es getan hatten“ (A History of God, S. 109).

Gegen Ende des 2. Jahrhunderts begannen einige wirklich gebildete Heiden, sich zum Christentum zu bekehren, und es gelang ihnen, den semitischen Gott der Bibel dem griechisch-römischen Ideal anzupassen“.

Karen Armstrong, A History of God

Armstrong fährt fort: „Gegen Ende des 2. Jahrhunderts begannen einige wirklich gebildete Heiden, sich zum Christentum zu bekehren, und es gelang ihnen, den semitischen Gott der Bibel dem griechisch-römischen Ideal anzupassen“ (S. 116). So setzte Clemens von Alexandria (um 150-215) Jahwe mit dem Gott Platos' und Aristoteles' gleich.

Doch die neue Religion stand nicht still. „Sie begann, hochintelligente Menschen anzuziehen, die in der Lage waren, den Glauben in eine Richtung zu entwickeln, die Griechen und Römer verstanden“ (S. 125).

Augustinus und andere frühe Kirchenväter waren ähnlich fasziniert vom Denken antiker Philosophen. Kirchenlehren wie Zölibat, Askese und Buße verdankten dem klassischen Denken weit mehr als dem frühchristlichen.

Durch das Prisma des traditionellen Christentums gesehen besteht diese Faszination, diese Besessenheit von den griechischen und lateinischen Klassikern noch heute in englischen Privatschulen weiter. Wilson kommentiert: „Die englische Liebesaffäre mit der Antike ist ein faszinierendes Studienobjekt. Im Zusammenhang unserer Betrachtungen über den Verlust des religiösen Glaubens im 19. Jahrhundert ist es bemerkenswert, dass ein Mann wie Dr. Arnold [Thomas Arnold, 1795-1842, Rektor der Rugby Public School], der seine Berufung darin sah, Jungen zu Christen zu machen, nichts Seltsames daran fand, dass sie die vier oder fünf prägendsten Jahre ihres Lebens damit verbrachten, mit dem Wissen der vorchristlichen Kultur angefüllt zu werden. ... Während das englische Recht ihnen nach Paulus sagte, dass Homosexualität die widerlichste aller Sünden sei, sagten ihnen Platon und Sappho etwas anderes. Während ihre Bibeln ihnen sagten, das Fleisch sei abzutöten, sagte Catull [röm. Dichter] ihnen, sie sollten die Freuden genießen, solange sie könnten. Ein verwirrender Speiseplan“ (God's Funeral, S. 211).

Verwirrend - allerdings. Und beängstigend. Denn es waren die englischen Privatschulen (allen voran Eton, Harrow und Rugby) und die alten Universitäten (Oxford und Cambridge), die viele der Führer, Denker und prägenden Persönlichkeiten Englands hervorbrachten.

KONSTANTIN, CHRISTENTUM UND ZWANG 

Die Untersuchung der blutigen Vergangenheit des Christentums nimmt in Kennedys Buch viel Raum in Anspruch. Sobald es auf Geheiß des römischen Kaisers Konstantin im frühen 4. Jahrhundert römische Staatsreligion wurde, wurden die Unterdrückten zu Unterdrückern. Der Zwang innerhalb der Kirche begann ernstlich, als Konstantin 500 Bischöfen beim Konzil von Nizäa eine Auslegung der Trinität aufzwang.

Neue Höhen erklomm die Machtpolitik der Kirche mit der Ernennung des Ambrosius, der es innerhalb von acht Tagen vom ungetauften Laien zum Bischof von Mailand brachte. Später wurde er Bischof von Rom und war verantwortlich für die Taufe eines der bekanntesten Männer in der Geschichte des traditionellen Christentums: Augustinus. Augustinus' Intoleranz brachte die Kirche auf den langen Weg zur Inquisition des 16. Jahrhunderts. Hieronymus berichtet von Augustinus' Zustimmung zu den widerwärtigen Foltern, denen Menschen unterzogen wurden, wenn sie nicht widerriefen. „Würde die Disziplin abgeschafft“, sagte er, „wäre das Chaos.“

Ein weiterer Trend, den Augustinus auslöste, war der Ekel und Argwohn der Kirche gegenüber dem Sex - eine Abneigung, die Kennedy auf griechische Philosophen wie Platon, Aristoteles und Hippokrates und Römer wie Seneca und Plinius d. Ä. zurückführt.

All in the Mind“ fährt fort mit grauenerregenden Berichten von den acht Kreuzzügen, von erbarmungsloser Unterdrückung der „Ketzer“, von einer Kirche, die von Sex und Zölibat besessen war, während Skandale über gefälschte Reliquien, Ablässe und Korruption auf allen Ebenen ihrer Hierarchie grassierten.

Dann gab es die Schrecken der Inquisition. Und das religiöse Morden hörte mit dem Aufkommen des Protestantismus nicht auf. Martin Luther selbst forderte den Tod für die Mitglieder einer neuen Sekte, der Anabaptisten, die an die Erwachsenentaufe durch Untertauchen glaubten. „Unter den Lutheranern und Calvinisten ging das rohe Wort um, wenn die Anabaptisten Wasser wollten, könnten sie es haben; und sie richteten sie durch Ertränken hin, während die Katholiken an ihrer traditionellen Methode des Verbrennens festhielten“ (All in the Mind, S. 144).

Insgesamt deckt Kennedy in seinem Kapitel „Christianity's Killing Fields“ fast 1300 Jahre Kirchengeschichte ab - von 500 bis 1800. Doch im Gegensatz zu den Lehren Christi von Liebe, Erbarmen, Vergebung und Selbstlosigkeit merkt Kennedy an, „wurde über Liebe und Vergebung sehr wenig berichtet“, auch wenn sie zur Religion derer gehörten, die angeblich Christus nachfolgten. Und wieder erhebt sich die Frage: Hatte der Gott der Bibel etwas mit dieser Art Religion zu tun?

DIE RENAISSANCE UND DIE ERSTEN ATHEISTEN 

Laut Kennedy war es die Renaissance, die dem Panzer des religiösen Dogmas die ersten Risse beibrachte. „Die Wiederentdeckung der alten Griechen und Römer zur Zeit der Renaissance führte zu den ersten Anfängen der Abweichung von der christlichen Orthodoxie. George T. Buckley schreibt in „Atheism in the English Renaissance“, sie habe eine Verlagerung des Interesses von der Kirche oder dem Staat zu den Angelegenheiten dieser Welt bewirkt: „Die Menschen begannen zu begreifen, dass Platon und Aristoteles nicht Vorläufer Christi waren, sondern Vertreter einer Kultur, an der Christus und seine Kirche keinen Anteil hatten“ (All in the Mind, S. 163).

Zusätzliche Nahrung für das Denken der Renaissance lieferte die „Naturgeschichte“ Plinius des Jüngeren, von der zwischen 1469 und 1532 nicht weniger als 38 Auflagen erschienen. Er verneinte die Existenz eines Gottes, der sich um die Menschen und ihre Angelegenheiten kümmerte, und er verneinte die Unsterblichkeit der Seele. „Am besten gefielen den zeitgenössischen Humanisten jedoch die Werke von Plutarch und Seneca, die eine auf Vernunft und Gewissen gegründete statt einer von einem Gott diktierten Moral predigten; dies führte Erasmus zu dem Ausspruch: ,Bleibt gute Christen, aber macht euch die antike Weisheit zunutze'“ (All in the Mind, S. 164).

Hier haben wir eine extreme Ironie, die in den besprochenen Büchern offenbar übersehen wurde - und auch von den meisten Historikern. Einerseits waren die prägenden Persönlichkeiten der frühen römischen Kirche stark von Heiden und ihren Philosophen beeinflusst. Andererseits waren es wiederum vorchristliche griechische und römische Denker (manchmal dieselben), die die Revolution des philosophischen und religiösen Denkens in der Renaissance prägten. Eine absurde Situation, vergleichbar mit dem Bock, der zum Gärtner gemacht werden soll.

Einer der interessanteren Aspekte von „All in the Mind“ ist Kennedys achtes Kapitel, „The First Atheists, 1540-1840“ (Die ersten Atheisten). Es ist überraschend, dass es in Italien schon in der Mitte des 16. Jahrhunderts, zur Blütezeit der Inquisition, erklärte Atheisten gab. In England gab es zwar atheistisches und anti-atheistische Gepolter, doch erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erlangte der Atheismus eine gewisse Verbreitung. Die Schriften des schottischen Philosophen und Schriftstellers David Hume (1711-1776) trugen hierzu sehr viel bei. In seinen zahlreichen Werken vermied er alles Religiöse, obwohl er selbst sich wohl eher als Skeptiker sah denn als eingefleischten Atheisten.

Ab dem späten 18. Jahrhundert wurden in Großbritannien offen atheistische Schriften gedruckt; zu den Autoren zählten Matthew Turner und der Dichter Shelley. Im frühen 19. Jahrhundert verbrachte Richard Carlisle wegen der Veröffentlichung atheistischer und anderer radikaler Schriften neun Jahre in Haft und musste Bußgelder zahlen. Seine Publikationstätigkeit setzte er allerdings sogar vom Gefängnis in Dorchester aus fort.

Wie Kennedy feststellt, blieb die Strömung des Atheismus und Agnostizismus unterschwellig bestehen, obwohl nun ein immenser Aufschwung des Christentums einsetzte. Der Kirchenbau hatte Hochkonjunktur, und die Atheisten des 19. Jahrhunderts waren nur „wie Nadelstiche in der Seite des religiösen Establishments“.

In Amerika fand der Anarchist Morrison I. Swift im 19. Jahrhundert scharfe Worte über das Rätsel des menschlichen Elends: „Diese Tatsachen entlarven die Religion unwiderlegbar als ein Nichts. Der Mensch wird der Religion nicht noch einmal zweitausend Jahrhunderte oder zwanzig Jahrhunderte geben, um sich selbst zu beweisen und menschliche Zeit zu verschwenden; ihre Zeit ist um, ihre Bewährungsfrist ist abgelaufen. Ihr eigenes Sündenregister setzt ihr ein Ende. Die Menschheit hat nicht Äonen und Ewigkeiten übrig, um diskreditierte Systeme zu erproben...“ (God's Funeral, S. 7).

Noch mehr Holz für den Scheiterhaufen - aber für wen?

DIE AUFKLÄRUNG UND DIE EROSION DES GLAUBENS 

Kennedy bringt den Rückgang der religiösen Aderlässe mit dem Aufkommen der Aufklärung in Verbindung. Die Umklammerung durch die katholische und protestantische Kirche schwand zusehends, und es kamen (besonders in den englischsprachigen Gebieten) andere Glaubensgemeinschaften auf - wie zum Beispiel Kongregationalisten, Unabhängige, Unitarier, Methodisten und Quäker. Noch mehr wurde sie von Philosophen wie John Locke (1632-1704) untergraben, der Lehren wie die Erbsünde und die Trinität (Dreieinigkeit) als logisch fragwürdig befand und eine solidere philosophische Grundlage für die Religion suchte.

Die Aufklärung“, schreibt Harrington, „machte sich ans Werk, die theologische Grundlage des Despotismus zu zerstören, und trug zur Entstehung eines Bewusstseins bei, das in der Französischen Revolution explodierte. Doch ihr rationalistischer Ersatz für den Glauben erwies sich als zu simpel und praxisuntauglich; dies ist einer der Gründe für die Leere in der gegenwärtigen Kultur. Und in dem Moment, in dem sie den Menschen an die traditionelle Stelle Gottes im Mittelpunkt des Universums setzte, definierte die Aufklärung dieses Universum auch als amoralisch“ (The Politics at God's Funeral, S. 12).

Wenn man bedenkt, welche Ignoranz manche Kirchendogmen nicht nur gefördert, sondern geschaffen hatten, überrascht die Wirkung von Charles Darwins Origin of Species (Die Entstehung der Arten) nicht. Wie Kennedy bemerkt, gab es Kinder, die den Katechismus rückwärts auswendig konnten, aber keine nennenswerte Vorstellung oder Kenntnis von Gott hatten.

Wilson merkt an: „Das 19. Jahrhundert hatte sich ein Klima geschaffen - philosophisch, gesellschaftspolitisch, literarisch, künstlerisch, persönlich -, in dem Gott unerkennbar geworden war, seine Stimme unhörbar im Getöse der Maschinen und dem atonalen Heulen der aufkommenden Egomanie (krankhafte Selbstsucht), die man 'Die Moderne' nennt. Der soziale Zusammenhalt, für den die organisierte Religion einst gesorgt hatte, war zerrissen. Die Natur der Gesellschaft selbst, urban, industrialisiert, materialistisch, war der Hintergrund für eine Gottlosigkeit, die von der Philosophie und Naturwissenschaft nicht entdeckt, sondern vielmehr bestätigt wurde“ (God's Funeral, S. 12).

Man kann den Siegeszug des Säkularismus und Atheismus sowie den daraus folgenden Niedergang des Gottesglaubens nicht vollständig verstehen, ohne die Wirkung anzuerkennen, die Naturwissenschaftler wie J.-B. Lamarck, Charles Lyell, Charles Darwin und T. H. Huxley auf das moderne Denken hatten. Naturwissenschaft und Aufklärung erwiesen sich als tödliche Mixtur für die Schwächung des Glaubens.

All dies spielte sich, wie Wilson schreibt, in der viktorianischen Epoche ab, die eine Vorform der unseren war und sie zum Teil mitprägte. Er fährt fort: „Erst als die ernsthafte Religion sich zu erholen begann, zuerst bei den Evangelikalen, dann bei Anglikanern und Katholiken, setzte das zerstörerische   Nachdenken über Religion ein“ (God's Funeral, S. 25).

In jener Zeit erschienen etliche Werke über das Leben Jesu mit der Zielsetzung, ihm seine Göttlichkeit zu nehmen und ihn auf einen bloßen Menschen zu reduzieren. Unter den Büchern, die das mittelviktorianische Großbritannien erschütterten, ist besonders „Das Leben Jesu“ von David Strauss (1808-1874) zu nennen. Die tiefen Strömungen des Unglaubens in diesem Werk untergruben jeden Glauben an eine Gottheit. Eliots [Übersetzer dieses deutschen Buches ins Englische] eigene Worte waren seiner Zeit voraus, aber bezeichnend: „Ich betrachte diese Schriften [die Bibel] als Geschichten, gemischt aus Dichtung und Wahrheit...“

Wilson kommentiert: „Es war das wachsende Gefühl, dass dies wirklich alles war, was er war oder gewesen war - ein Mensch, nicht ein Gott -, das den Kern des Glaubensverlusts im 19. Jahrhundert bildete“ (God's Funeral, S. 131).

EINE NEUE RELIGION OHNE GOTT 

Zeitgleich mit dem allgemeinen Rückgang des religiösen Glaubens nahm der optimistische Glaube an eine Zukunft zu, die auf wissenschaftliche Entdeckungen aufbauen würde. Der französische Philosoph Auguste Comte (1798-1857) glaubte, die Welt sei in „die positive Phase“ eingetreten. Die Menschheit war jetzt Herr der Schöpfung - dank der Wissenschaft.

In der nachrevolutionären Situation der 1830er und 40er-Jahre erlebte die Kirche eine Wiedererweckung“, erklärt Wilson, „und die Erweckungsbewegungen in England - mit ihren Clapham-Sekten, ihren evangelikalen Reformern, ihrem Puseyismus und Irvingismus, ihrer Wiederbelebung der römischen Kirche, ihren Kardinälen Wiseman und Manning - hatten ihre Entsprechungen auf dem europäischen Festland. Doch für die Bildungselite (deren Haltung zweifellos von vielen Zeitschriftenlesern der Mittelschicht geteilt wurde) hatte die Kirche ausgedient und mit ihr die Vorstellungen und Geschichten, die sie hütete. Die Zukunft lag im Radikalismus, Feminismus, der Parlamentsreform, dem Frauenwahlrecht, der Bildung“ (God's Funeral, S. 51-52).

Im Zusammenhang mit dem heutigen Großbritannien äußert sich Kennedy zufrieden darüber, dass es so gekommen ist. „Das Schiff [der christlichen Konfessionen] sinkt. Im Grunde sind wir bereits eine säkulare Gesellschaft, in der christlicher Glaube und christliche Praktiken weitgehend im Aussterben begriffen sind. Nehmen wir den christlichen Religionsunterricht. ... In meiner eigenen Grafschaft Wiltshire ist der Lehrplan außerordentlich gründlich; er umfasst nicht nur das Alte und Neue Testament, sondern auch die Grundaussagen des Islam, Hinduismus und Buddhismus. Für Vierzehn- und Fünfzehnjährige ist der Lehrplan überraschend katholisch und enthält Themen wie: Theismus, Atheismus, Humanismus, Marxismus, Freud, christliche Mythologie, Darwin, Urknall“ (All in the Mind, S. 17).

Den Humanismus bezeichnet Armstrong als eigene Religion: „Meine Untersuchung der Religionsgeschichte hat ergeben, dass Menschen spirituelle Tiere sind. Man könnte durchaus behaupten, dass der Homo sapiens auch ein Homo religiosus ist. ... Wahr ist auch, dass unser westlicher, liberaler Humanismus nichts ist, das wir von Natur aus haben; wie der Sinn für Kunst oder Lyrik muss er kultiviert werden. Humanismus ist eine eigene Religion ohne Gott - ebenso wie auch nicht alle anderen Religionen theistisch sind. Unser weltliches ethisches Ideal hat seine eigenen Gesetze des Denkens und Fühlens und gibt den Menschen die Mittel und Wege - die früher von den konventionelleren Religionen kamen -, einen Glauben an den letztendlichen Sinn des menschlichen Lebens zu finden“ (A History of God S. 3-4).

Die Kluft zwischen den Glaubensinhalten und Praktiken der Kirche im Lauf der Geschichte und den Idealen Christi ist, wie der Atheist Kennedy formuliert, ein gähnender Abgrund. 

Kennedy schreibt erfreut: „Viele von uns haben sich von den Fesseln des Christentums befreit.“ Man kann sich mit ihm freuen, wenn er damit die drückende Tyrannei von Menschen ersonnener Staatsreligionen meint, die keine Meinung zuließen als ihre eigene - unter Androhung von Tod, Folter, Haft oder Zensur. In der Tat: Die Kluft zwischen den Glaubensinhalten und Praktiken der Kirche im Lauf der Geschichte und den Idealen Christi ist, wie der Atheist Kennedy formuliert, ein gähnender Abgrund. Die eklatanten Widersprüche innerhalb des Christentums der letzten 2000 Jahre mögen für weiteres Brennmaterial für den Scheiterhaufen gesorgt haben, aber verdient es der biblische Gott - den Kennedy benutzt, um das traditionelle Christentum zu beschämen -, auf diesen Scheiterhaufen zu kommen?

DILEMMA FÜR DAS NEUE MILLENNIUM 

Karen Armstrong selbst glaubt: „Wenn religiöse Ideen ihre Gültigkeit verloren haben, sind sie gewöhnlich schmerzlos verklungen. Wenn die menschliche Gottesidee für uns im empirischen Zeitalter nicht mehr funktioniert, wird sie abgelegt werden. Doch bisher haben sich die Menschen immer wieder neue Symbole geschaffen, um als Mittelpunkt für ihre Spiritualität zu dienen. Die Menschen haben sich immer einen Glauben geschaffen, um ihren Sinn für das Wunder und die unfassbare Bedeutung des Lebens zu kultivieren. Die Ziellosigkeit, Entfremdung, Namenlosigkeit und Gewalt, die das moderne Leben so oft kennzeichnen, ist wohl ein Zeichen dafür, dass jetzt viele Menschen - da sie sich nicht bewusst einen Glauben an ,Gott' oder irgendetwas anderes schaffen - in Verzweiflung fallen.“

Sie fährt fort: „In den USA haben wir gesehen, dass 99% der Bevölkerung behaupten, an Gott zu glauben. Doch das Vorherrschen von Fundamentalismus, Apokalyptismus und ,charismatischer Fertiggerichte' als Religiosität ist nicht beruhigend. Die eskalierende Kriminalität, Drogensucht und die Wiedereinführung der Todesstrafe deuten nicht auf eine spirituell gesunde Gesellschaft hin. In Europa herrscht zunehmend Leere, wo früher Gott im menschlichen Bewusstsein war“ (A History of God, S. 456).

Nach Harringtons Ansicht „haben engagierte Gläubige und Ungläubige jetzt denselben Feind: den stumpfsinnigen Nihilismus des Alltags in einem Großteil der westlichen Gesellschaft“ (The Politics at God's Funeral, S. 11).

Ist eine fortlaufende Entwicklung der Religion etwas, auf das wir unsere Hoffnungen für das neue Jahrtausend setzen können? „Die Erfindung von neuen Glaubensinhalten dauert seit dem 19. Jahrhundert und bis zu diesem Moment an“, schreibt Harrington, „und ist eines der Anzeichen für den Tod des traditionellen Gottes. Leslek Lolakowski schreibt: ,Ein Regen von Göttern fällt vom Himmel auf die Begräbnisriten des einen Gottes, der sich selbst überlebt hat'“ (S. 35).

Vielleicht liegt das Problem mit diesem sterbenden Gott darin, dass die Menschen ihn zu oft nach dem Bild ihres jeweiligen Beliebens umgeformt haben. Das traditionelle Christentum hat nicht nur immense Einflüsse von den heidnischen Philosophen und die synkretistischen (Vermischung mehrerer Religionen), parasitischen Vorstellungen der Gnostiker aufgenommen, sondern auch viele christliche Praktiken gründen direkt im Heidentum.

Unterdessen verheißt die relativ neue Religion des Humanismus nichts wirklich Neues und Besseres. Vielleicht können wir uns mit den Gedanken des Philosophen Hegel identifizieren. Harrington zitiert: „Wie in den Zeiten des Römischen Reiches, da die allgemeine Einheit der Religion verschwunden war und die Götter entweiht, und das politische Leben ohne Weisheit oder Vertrauen war, floh die Vernunft in die privaten Rechte ... und das private Wohlergehen wurde [zur selben Zeit] zu einem Lebenszweck für sich, so ist es auch heute... “ (The Politics at God's Funeral, S. 73)

Harringtons etwas pessimistische Prognose ist 16 Jahre alt, aber noch immer gültig: „Es gibt tatsächlich heute im Westen einen De-facto-Atheismus, doch er ist nicht durch das heroische Bemühen entstanden, eine neue Art des menschlichen Bewusstseins zu schaffen. Gott stirbt, aber ohne einen Erben. Oder, genauer gesagt, der Erbe ist nicht das heroische, weltzugewandte Bewusstsein von Marx Kommunismus, sondern das weltzugewandte Bewußtsein eines hedonistischen Kapitalismus, der sich in einer ewigen, geistlosen Gegenwart wälzt“ (S. 81).

Auch die Worte des Soziologen Max Weber haben eine erstaunliche Resonanz in der heutigen Gesellschaft. Harrington zitiert: „Niemand weiß, so Weber, ,ob am Ende dieser ungeheuren Entwicklung völlig neue Propheten stehen werden oder die Wiedergeburt neuer Ideen und Ideale oder ... etc.'“ (S.119).

ZURÜCK ZUM HANDBUCH 

In dieser zeitgenössischen Glaubenskrise täte der Welt „ein neuer Mittelpunkt mit Bedeutung“, wie Karen Armstrong formuliert, gewiss gut. Sie räumt ein: „Die Lehren, die ich als Kind fraglos akzeptiert hatte, waren tatsächlich Menschenwerk, über einen langen Zeitraum hinweg konstruiert.“

Es ist deshalb offensichtlich, dass solch ein neuer „Mittelpunkt mit Bedeutung“ nicht durch neuerliche Untersuchung menschlich entworfener Gottesbilder zu finden ist. Dies war die ganze Zeit ein Teil des Problems. Die Menschheit muss endlich das verfehlte menschliche Spekulieren aufgeben und zur Quelle zurückfinden - zum Wort Gottes, der Bibel. Doch dieses Buch, das beansprucht, „Gottes Handbuch für die Menschheit“ zu sein, ist aufgrund von Bigotterie, Bevorzugung eigener Bräuche und Gewohnheiten in Misskredit geraten und ignoriert oder unterdrückt worden.

Dieses Buch, die Heilige Schrift, die so viele zu diskreditieren suchen, ist die einzige konkrete Konstante in der jüdisch-christlichen Tradition. Die wahren biblischen Lehren sind nicht ein Machwerk, das menschlichen, selbstsüchtigen Ideen entspringt, sie sind Gottes Anleitungen, von ihm entworfen zum Besten für seine Geschöpfe. Die Menschheit hat alles andere versucht. Warum lassen wir Gott nicht einmal direkt zu uns sprechen - durch das von ihm inspirierte Buch der Bücher?

Wenn man alles bedenkt, was wir hier besprochen haben, so ist es nicht der wahre Gott, der tot ist. Was gestorben ist, war ein Gott aus Stroh - das selbstgemachte Produkt des endlosen menschlichen Spekulierens.

All diese leeren, von Menschen gemachten Vorstellungen - nur zu, lasst sie brennen!