Gott und unser Gehirn

The God Virus: How Religion Infects Our Lives and Culture

Darrel W. Ray. 2009. IPC Press, Bonner Springs, Kansas. 241 pages. 

How God Changes Your Brain: Breakthrough Findings From a Leading Neuroscientist 

Andrew Newberg and Mark Robert Waldman. 2009. Random House, Ballantine Books, New York. 368 pages.

 Behindert Glaube an Gott das Denken oder fördert er es? Macht es uns stärker, wenn wir glauben, was wir gelernt haben – vielleicht als Kinder – und danach handeln, oder macht es uns nur anfälliger dafür, irgendeinem Führer zu folgen und nicht kritisch über wichtige Fragen nachzudenken, die sich in unserem Leben stellen?

Hat religiöser Glaube eine Wirkung auf uns, und wenn ja, welche?

Vielleicht haben Sie sich noch nicht mit diesen Fragen auseinandergesetzt – andere haben es. 2009 sind zwei Bücher erschienen, die sich mit diesem Thema beschäftigen und zu sehr unterschiedlichen Schlüssen kommen.

EINE DIAGNOSE

In The God Virus vertritt Darrel Ray – seines Zeichens Psychologe und selbst erklärter Religionsforscher – die These, religiöser Glaube sei wie ein Virus oder ein Parasit. Er behauptet, dass Menschen, die plötzlich zum Glauben an einen Gott kommen, völlig anders werden – im Sinn einer radikalen Verschlechterung –, und korreliert dies mit Tieren, die einen Parasiten haben und sich deshalb instinktwidrig oder sogar selbstmörderisch verhalten.

Das Wichtigste, das Nicht-Theisten von Religionsanhängern trennt, ist, dass wir nicht mit einem Gott-Virus infiziert sind.“

Darrel W. Ray, The God Virus

Diese These stützt Ray mit einigen der häufigen und nicht unvernünftigen Kritiken an der Religion, u. a. an dem Gezänk und Streit zwischen Menschen verschiedener Glaubenszugehörigkeit, den öffentlich breitgetretenen sexuellen Verfehlungen mancher religiöser Würdenträger und Kleriker sowie dem sturen Beharren auf blindem Glauben bei vielen Gläubigen, wenn sie mit gegenteiligen wissenschaftlichen Daten konfrontiert werden. Auf dieser Basis be- und verurteilt er in Bausch und Bogen alle Religionen. Doch kann man alle religiösen Überzeugungen so über einen Kamm scheren?

Ray versucht nicht, die Existenz einer höchs-ten Gottheit zu beweisen oder zu widerlegen. Er scheint bei seinen Lesern das Einvernehmen vorauszusetzen, dass es keinen Gott gibt und dass Religion keine Erlösung bringt, und das schreibt er auch in seiner Einleitung. In einer Anmerkung über seine Terminologie erklärt er: „Ich verwende den Begriff Nicht-Theist als Bezeichnung für Sie, den Leser.“ So beschränkt er sein Publikum im Wesentlichen auf die, die seine Ansichten bereits teilen.

Der Psychologe gibt zu verstehen, dass Glaube immer irregeleitet ist. Er erklärt, ein ehemals rationaler Mensch, der „eine religiöse Bekehrung“ erfahren habe, verteidige irrationale Aspekte seines neuen Glaubens mit Aussagen wie „Es ist ein Geheimnis, und wir sollen es nicht verstehen“ oder „Gott erwartet, dass wir seine Gebote halten, ohne zu fragen“. So malt er ein Bild von blindem Glauben, der unweigerlich die Oberhand über rationales Denken gewinnt. Was er nicht sieht, ist, dass sich solche Aussagen nicht auf die Bibel zurückführen lassen – auch wenn Menschen, die sie von sich geben, meistens sehr aufrichtig sind.

Ray schreibt: „Der große Unterschied zwischen Wissenschaft und Religion ist im Vorhandensein oder Fehlen von Korrekturmechanismen zu finden. Durch die Korrektur von Fehlern baut die Wissenschaft kontinuierlich einen Bestand an Wissen auf, das objektiv überprüfbar und verlässlich ist.“

Religiöse Organisationen, die nicht bereit sind, Fehler einzuräumen und sie zu korrigieren, bekommen es in der Tat mit Glaubwürdigkeitsproblemen zu tun. Andererseits – wie viel Glauben muss man haben, um darauf zu bauen, dass die Wissenschaftler, wenn sie über genug Zeit verfügen, Antworten auf die monumentalen Fragen des Lebens finden werden, und dass diese Antworten dann endgültig und frei von Fehlern sein werden?

Ray war nicht immer so zynisch, was Gott und Religion betrifft. Er offenbart, dass er in einer sehr strengen religiösen Gemeinschaft aufwuchs, und dass er viele Fragen hatte, die einfach nie beantwortet wurden; daraufhin begann er zu zweifeln und wandte sich schließlich vom Glauben ab. So trübte und verzerrte die eigene religiöse Erfahrung seine Sicht der Religion insgesamt.

Um seine Position zu stützen, zitiert er Albert Einstein als einen angesehenen Mann, der ernste Zweifel an der Effektivität des religiösen Glaubens hatte. Es ist wahr, dass Einstein nicht an einen persönlichen Gott glaubte, der den Verkehr im Universum und in unserem Leben regelt. Er schreibt: „Ich kann mir keinen persönlichen Gott denken, der die Handlungen der einzelnen Geschöpfe direkt beeinflusste oder über seine Kreaturen direkt zu Gericht säße.“ Doch im nächsten Abschnitt erläutert er: „Meine Religiosität besteht in einer demütigen Bewunderung des unendlich überlegenen Geistes, der sich in dem wenigen offenbart, was wir mit unserer schwachen und hinfälligen Vernunft von der Wirklichkeit zu erkennen vermögen“ (Brief Einsteins an M. M. Schayer, 1927). Obgleich er sich bei Gott kein Gesicht und auch keine Persönlichkeit vorstellte, schrieb Einstein die komplexe Organisation und die Schönheit, die er im Universum sah, einer höheren, unsichtbaren Macht zu, die er durchaus bereitwillig „Gott“ nannte.

Ray bemerkt: „Für mich waren Albert Camus und Voltaire weit hilfreicher als Jesus oder Moses. Albert Einstein und Viktor Frankl haben mir mehr moralische Orientierung gegeben als jeder Kirchenmann.“ Ironischerweise schrieb Einstein 1937 über moralische Standards: „Was die Menschheit Persönlichkeiten wie Buddha, Moses und Jesus verdankt, steht mir höher als alle Leistungen des forschenden und konstruktiven Geistes.“ (Albert Einstein, The Human Side: New Glimpses From His Archives, 1979).

Vielleicht sah Einstein Gott und bestimmte Aspekte der Religion positiver, als Ray zugeben mag.

EINE ZWEITE MEINUNG

In How God Changes Your Brain präsentieren Andrew Newberg und Mark Waldman eine ganz andere Sichtweise. Sie wollen beweisen, dass der Glaube an Gott kein zerstörerisches Virus sein muss, sondern sich auf den Glaubenden bemerkenswert positiv auswirkt.

Die Autoren, die als „Wissenschaftler ohne religiöse Absichten“ bezeichnet werden, gehen das Thema in der Tat nicht von einem biblischen Standpunkt aus an. Gleich im ersten Kapitel räumen sie ein: „Die Neurowissenschaft kann Ihnen nicht sagen, ob es Gott gibt oder nicht“, und fahren fort: „Wenn Gott für Sie etwas bedeutet, dann wird Gott neurologisch real.“ Im Folgenden beleuchten sie aus neurowissenschaftlicher Sicht, ob Glaube, in welcher Form auch immer, gläubigen Menschen guttut – selbst wenn sie Gottes Existenz nicht wirklich beweisen können oder wenn sie ein ganz anderes Gottesbild haben als andere. Das kümmert das Gehirn überhaupt nicht, schreiben Newberg und Waldman. Worauf das Gehirn reagiert, sei vielmehr die Wirkung des Glaubens: Ist sie abträglich oder zuträglich?

Diesen Forschern zufolge hängt der Nutzen für das Gehirn weitgehend davon ab, wie sich Gläubige den Gott, den sie anbeten, vorstellen. Ist es ein gütiger Gott, der Selbstaufopferung und Dienst für andere zum Wohl der Gemeinschaft lehrt, oder ist es ein rachsüchtiger Gott, dessen Anhänger glauben dürfen oder sollen, es sei in Ordnung, anderen Schaden zuzufügen? Im letzteren Fall „kann ein solcher Glaube tatsächlich Ihr Gehirn schädigen, da er Sie zu Handlungsweisen motiviert, die sozialschädlich sind.“

Dem würde Ray sicher zustimmen. Dagegen steht sein Beharren darauf, dass religiöser Glaube generell zersetzend auf den Geist eines Menschen und die Gesellschaft als Ganzes wirke, in krassem Widerspruch zu den Ergebnissen von Newberg und Waldman.

In letzter Zeit gibt es eine Flut antireligiöser Bücher … die argumentieren, religiöse Überzeugungen seien persönlich und sozial gefährlich. Dagegen legt die Forschung, wie wir in diesem gesamten Buch darstellen werden, eindeutig etwas anderes nahe.“  

Andrew Newberg and Mark R. Waldman, How God Changes Your Brain

Ein positives Gottesbild, schreiben sie, trägt sehr viel dazu bei, dass gläubige Menschen nicht nur Frieden erlangen, sondern die Zuversicht, dass ihr Glaube auch anderen als ihnen selbst zugute kommt. „Spirituelle Erfahrungen … haben die Macht, die religiöse und spirituelle Orientierung von Menschen zu verändern – und auch ihre Art, mit anderen umzugehen.“

Glaube ist ein wichtiger Bestandteil der Religiosität und laut Newberg und Waldman eine grundlegende Triebkraft des Menschen: „Hinter unserem Drang zu überleben steht eine andere Kraft, und das beste Wort für sie ist Glaube.“ Ihre Definition des Wortes ist allerdings eine ganz andere als die biblische („Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. … wer zu Gott kommen will, der muss glauben, dass er ist und dass er denen, die ihn suchen, ihren Lohn gibt“ (Hebräer 11, 1. 6). Mit ihrer Version zeigen die Wissenschaftler erneut ihre humanistische Sichtweise: „Glaube nicht nur an Gott, an die Wissenschaft oder an die Liebe, sondern glaube an uns selbst und aneinander.“ Newberg merkt an: „Ohne diese Hoffnung und Zuversicht – Synonyme für das, was ich Glauben nenne – kann man leicht in Depression oder Verzweiflung abgleiten.“

Aus ihrer Forschung schließen die Autoren von How God Changes Your Brain: „Spirituelle Praktiken können darüber hinaus eingesetzt werden, um Kognition, Kommunikation und Kreativität zu verstärken, und mit der Zeit können sie sogar unsere neurologische Wahrnehmung der Realität selbst verändern.“

Besonders enttäuscht sind Mark und ich von dem Fehlen empirischer Belege bei diesen Autoren, die auch nur annähernd darauf hindeuten, dass Religion eine Gefahr für die Gesundheit ist. Die psychologischen, soziologischen und neurowissenschaftlichen Daten sprechen einfach dagegen.“

Andrew Newberg and Mark R. Waldman, How God Changes Your Brain

Weiter berichten sie vom Nutzen der Meditation (für die sie ebenfalls eine nach biblischen Standards umfassende Definition geben): Verbesserung des Gedächtnisses, Stärkung der „Intention, bestimmte Ziele zu erreichen“ oder erhöhte Wahrnehmung dessen, was für die jeweiligen Gläubigen wichtig ist, z. B. sich ihrem Gott näher zu fühlen. Außerdem, merken die beiden Wissenschaftler an, „stärken [Gebets- und Meditationspraktiken] dauerhaft die neuronale Funktionalität bestimmter Gehirnareale, die daran beteiligt sind, Angst und Depression zu lindern, soziale Bewusstheit und Empathie zu fördern sowie kognitive und intellektuelle Funktionen zu verbessern.“ Ihnen zufolge kann der Glaube an Gott – wie auch immer er definiert wird – dazu beitragen, das Gehirn eines Menschen so zu verschalten, dass er eine bessere Sicht der Welt und seiner Interaktionen in dieser Welt entwickelt.

EMPFEHLUNG DES ARZTES

Ironischerweise würden sich weder Newberg noch Waldman als gläubig bezeichnen; daher sind sie ohne religiöse Voreingenommenheit an ihre Arbeit herangegangen und haben versucht, in ihrer Forschung objektiv zu sein. Von Ray kann man das nicht behaupten – er scheint stark voreingenommen, weil seine eigene religiöse Erziehung zu wünschen übrig ließ.

Ray kommt zu dem Schluss, wir könnten bes-tens ohne Religion auskommen, da wir in einer bürgerlichen Gesellschaft mit bereits bestehenden Gesetzen und Regeln leben. Noch zu treffende Entscheidungen sollten wir bei Bedarf für den Einzelfall finden können: „Sie sind verantwortlich dafür, Ihren eigenen Moralkompass zu entwickeln. In den meisten Fällen ist das nicht schwer. Als Mitglied dieser Kultur richten Sie sich bereits nach einem grundlegenden Verhaltenskodex und stimmen ihm zu.“ Ihm zufolge treffen Mitglieder jeder Kultur ohne einen Moralkodex von einer höheren Macht richtige Entscheidungen: „Sie brauchen keinen Priester, der Ihnen sagt, dass Sie nicht stehlen, lügen, betrügen, vergewaltigen, plündern, morden sollen, oder dass Sie in Ihren täglichen Kontakten und Geschäften mit Menschen möglichst ehrlich sein sollen. “

Doch wo ist das in der Welt um uns zu erkennen? Herrschen überall Ehrlichkeit und Integrität? Wenn jeder von sich aus wissen sollte, dass es falsch ist, zu stehlen, zu lügen oder zu betrügen – warum sind Stehlen, Lügen und Betrügen dann so verbreitet? Der Moralkodex, der sich laut Ray von selbst entwickelt haben sollte, dürfte leider nicht einmal dem niedrigsten Standard gerecht werden.

Könnte es sein, dass Newberg und Waldman, so humanistisch ihre Perspektive auch sein mag, bei ihrer Forschung etwas entdeckt haben? Nach ihren Schlussfolgerungen steht eine neurowissenschaftliche Wahrheit hinter den Worten eines Glaubenden, des Apostels Paulus, der im ers-ten Jahrhundert seinen Glaubensbrüdern und -schwestern in Rom schrieb: „Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes“ (Römer 15, 13).

Daraus, dass Ray in seiner Kindheit keine befriedigenden Antworten auf seine Glaubensfragen erhielt, zog er den logisch fehlerhaften Schluss, religiöser Glaube sei insgesamt sinnlos und bringe nur Elend. Ebenso unlogisch ist der Schluss, weil Menschen Entsetzliches im Namen Gottes getan haben, sei Gott mit ihrem Tun einverstanden. Und haben nicht Menschen ohne Religion ähnlich Böses verursacht? Das Problem ist nicht Gott, sondern der Mensch – einschließlich der menschlichen Fehldeutungen Gottes und der zahllosen von Menschen gemachten Religionen, die durch sie aufgekommen sind.

Dennoch verpasst Ray allen Gläubigen pauschal das gleiche, wenig schmeichelhafte Etikett: In seinen Augen sind sie alle mit einem Virus infiziert, das sie lähmt. Die von Newberg und Waldman dokumentierte Forschung ist dagegen zwar in ihren Definitionen sehr breit angelegt, liefert jedoch starke Anzeichen für eine weit positivere Wirkung des Glaubens auf den Glaubenden.

Die nächste Frage ist, ob wir nicht einen Schritt über den reinen Glauben hinausgehen sollten – zu einem durchdachteren und besser informierten Glauben. Leser auf diesem Weg zu führen ist das Ziel der Zeitschrift, die Sie gerade lesen.