Die Sicht der Palästinenser

In Teil 1 dieses Artikels betrachteten wir die schwierige Frage nach der Zukunft Jerusalems aus jüdisch-israelischer Sicht. Wer über die Zukunft des Mittleren und Nahen Ostens spricht, kommt an der Vergangenheit nicht vorbei – einer Geschichte der Eroberungen und Rückeroberungen, insbesondere Jerusalems. Um die palästinensische Position im Hinblick auf diese Stadt zu verstehen, muss man alle Glaubenstraditionen der islamischen und der christlichen Araber bzw. Palästinenser berücksichtigen. In Teil 2 dieser Reihe widmen wir uns vor allem der islamischen Sicht von Jerusalem.

Die zentrale Rolle Jerusalems für die arabischen Muslime beginnt in einem sehr frühen Entwicklungsstadium des Islam. Ein Koranvers (Sure al-isra' 17,1) spielt auf eine Entrückung des Propheten Mohammed von der Ka’aba in Mekka zu „dem entferntesten Platz der Anbetung“ (arab. masdschid al-aksa) in einer Nacht des Jahres 620 an. Dies wird als indirekter Hinweis auf die Stadt des Heiligen Hauses (des Tempels) oder Jerusalems „erhabenes Heiligtum“ (Haram esch-Scharif) verstanden. Dem Koran zufolge war es der Erzengel Gabriel, der Mohammed bei Nacht auf dem geflügelten Himmelswesen al-Burak nach Jerusalem reiten ließ. Bei seiner Ankunft band Mohammed das Reittier in der Südwestecke des Haram in der Nähe der heutigen Westmauer oder Klagemauer an. Dann sei er auf einer Leiter (aus Licht) südlich des Fundaments des herodianischen Tempels aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. durch sieben Himmel zum Thron Gottes aufgestiegen. Dort habe der Prophet die „beseligende Schau“, die direkte Gotteserkenntnis erfahren, um dann vor der Morgendämmerung nach Mekka heimzukehren.

Jerusalem gilt auch als erster Orientierungspunkt für die Gebetsrichtung (kibla), die Mohammed einführte. Während der ersten 18 Monate nach ihrer Flucht aus Mekka wandten sich Mohammed und seine Anhänger zum Gebet zum Tempel in Jerusalem (Beit al-Makdis), um seine jüdischen und christlichen Verbindungen mit Gott zu ehren. Doch als die Juden und Christen, die Mohammed kannte, ihn nicht als den neuen Propheten anerkannten, schrieb er seinen Anhängern vor, gen Mekka zu beten.

Dennoch wurde Jerusalem weiterhin zu den drei heiligsten Stätten des Islam gezählt. Ein bekannter islamischer Hadith (Ausspruch des Propheten) lautet: „Nur zu drei Moscheen sollt ihr Reisen unternehmen: Meine Moschee [Medina], die Heilige Moschee (al-Masdschid al-Haram – Mekka) und al-Aksa-Moschee“ (Hadith 2383). Diese drei galten als gleichwertig für Gebete und Pilgerreisen.

In den Jahren 637-638 wurde die Beziehung zwischen dem Islam und Jerusalem noch weiter gefestigt, als die Truppen Omars, des zweiten Kalifen nach Mohammeds Tod, die Stadt eroberten. Omar kam aus Syrien nach Jerusalem, nahm die Kapitulation entgegen und unterzeichnete einen Pakt, der den Einwohnern religiöse Freiheit zusicherte. Einem Bericht zufolge suchte er, als er angekommen war, „den heiligen Ort“, d.h. den Tempelberg auf. Was er fand, war ein entweihtes Ruinenfeld, wo sich der Abfall türmte. So war es während der gesamten byzantinischen Periode geblieben. Die Christen sahen keinen religiösen Wert in dem Standort des jüdischen Tempels; sie verachteten ihn so sehr, dass sie ihn als Mülldeponie benutzten.

Omar und seine muslimischen Truppen waren schockiert über diese Missachtung der heiligen Stätte und suchten den zentralen Fels, wo ihrer Tradition zufolge Abraham im höchsten Akt der Ergebenheit in Gottes Willen versucht hatte, seinen Sohn zu opfern. Sie fanden die Stelle unter einem Misthaufen, räumten dann die gesamte Tempelplattform und reinigten sie mit Rosenwasser. Es wird berichtet, dass Omar eine Nische für die Gebetsrichtung markierte, südlich des Felsens betete und dort eine einfache Moschee baute.

DIE STADT ALS IDENTITÄTSSTIFTERIN

Die Eroberung Jerusalems durch die Muslime war von großer Bedeutung, und sie aktivierte latente Aspekte der islamischen Identität und Ideologie im Zusammenhang mit dieser Stadt. Der arabische Gelehrte Sabri Jarrar nennt Jerusalem „den höchsten Lohn“ im Feldzug „einer Gemeinschaft, die sich ideologisch der Hegemonie des Islam verschrieben hatte“, und fährt fort: „Für die Gefährten Mohammeds, die den ersten Feldzug führten, . . . muss die Eroberung Jerusalems wie ein Teil der Erfüllung der Verheißung des Propheten gewesen sein, dass der Islam obsiegen werde.“

Es gibt Belege dafür, dass mehrere „Gefährten des Propheten“ – Augenzeugen seines Lebens – aus religiöser Verehrung Jerusalem besuchten. Andere verbrachten ihre letzten Tage dort. Der erste Kalif der Omajjaden-Dynastie, Mu’awiya (661-680), verband laut dem Gelehrten Mahdi Abd al-Hadi „seine eigene, persönliche Identität mit Jerusalem, indem er sich Kalif von Beit al-Makdis nannte. Es ist somit Bestandteil des islamischen Glaubens.“ Mu’awiya soll in der ersten Moschee dort gesprochen und verkündet haben: „Die Fläche zwischen den beiden Mauern dieser Moschee ist Gott teurer als der Rest der Erde.“

Der zentrale Fels wurde auch ein Mittelpunkt des Interesses für den zweiten Gründer der Omajjaden-Dynastie, Abd al-Malik (685-705), der den Felsendom baute, da er glaubte, dass Mohammed von diesem Felsen aus zum Himmel aufgestiegen sei. Wie es scheint, erbaute Abd al-Malik und/oder sein Sohn in den Jahren 708-709 auch die ursprüngliche al-Aksa-Moschee an der Stelle, wo die heutige Rekonstruktion steht.

Im islamischen Denken ist Jerusalem in gewisser Weise ein Abbild Mekkas. Wie Mekkas würfelförmiger Schrein, die Ka’aba, wird der Fels mit Adam, dem Garten Eden, Abraham, dem Mittelpunkt der Welt und Fruchtbarkeit assoziiert. Durch den Kontakt mit dem jüdischen und dem christlichen Denken assimilierte die islamische Lehre bestimmte Vorstellungen von künftigen Ereignissen und verband sie mit Jerusalem: Dort werde die Auferstehung und das Jüngste Gericht stattfinden, und der Mahdi (Erlöser) werde zum Haram kommen. Vielleicht wollten Mohammeds Gefährten ihn deshalb dort begraben wissen, wie erzählt wird.

Der palästinensische Gelehrte Sari Nuseibeh meint, Mohammed habe in Abraham den ersten Anhänger des Islam gesehen – das erste Beispiel wahrer Gottergebenheit. Mohammeds Verehrung für Jerusalem und sein religiöses Herzstück, der Berg Moria (der Felsen, auf dem Abraham mit dem Versuch, Gott seinen Sohn zu opfern, seine vollkommene Ergebenheit – islam – bewiesen hatte), gründete in seinem Glauben, dass Abraham ein Vertreter der wahren Religion war. Laut Nuseibeh gab es für Mohammed nur einen Glauben, nicht drei monotheistische Systeme. Für den Propheten, schreibt er, seien Judentum, Christentum und Islam einfach Manifestationen dieser primären Religion, jede in ihrer Zeit.

Nuseibeh meint, ein sorgfältiges Studium des Koran und der islamischen Geschichte zeige, dass Jerusalem im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit Mohammeds stand, weil es für ihn das Primat als religiöser Ort hatte. Dies erklärt die Entrückung des Propheten zu Gottes Thron vom Berg Moria aus und Kalif Omars Entschluss, zuerst den Fels zum Beten aufzusuchen. So wird der Felsendom ein etablierter Ort des Gebets, und die al-Aksa-Moschee „eine Wiederbelebung des alten jüdischen Tempels, eine Vergegenwärtigung der Einheit mit der Botschaft Abrahams, eine Verkörperung des ersehnten und prophezeiten neuen Tempels“.

DIE STADT WIRD ISLAMISCH

Im 8. Jahrhundert wurde die al-Aksa-Moschee zweimal durch Erdbeben zerstört. Sie wurde wieder aufgebaut, offiziell al-Masdschid al-Aksa (die ferne Moschee) benannt und mit der im Koran erwähnten nächtlichen Reise Mohammeds verbunden. Allerdings war die erste vollständige Darstellung dieser ungewöhnlichen Reise erst in Mohammed ibn Ischaks Biografie nachzulesen, die rund 100 Jahre nach dem Tod des Propheten geschrieben wurde. Jerusalem wurde inzwischen mit Mohammeds Entrückung zu der fernen Moschee identifiziert, obwohl der Bau zur Zeit der mystischen Reise noch nicht existiert hatte.

Infolge einer regen Bautätigkeit entstanden im 8. und 9. Jahrhundert viele Heiligtümer innerhalb der Mauern des Haram, mehrere von ihnen zum Gedenken an Ereignisse der jüdischen und der christlichen heiligen Schriften. Im Jahr 832 ordnete Kalif al-Ma’mun an, den Felsendom zu restaurieren und ließ Münzen prägen, auf denen Jerusalem als al-Kuds, „die Heilige“, bezeichnet wird, wie es die Palästinenser heute tun.

Um das Jahr 1000 veröffentlichte der islamische Gelehrte al-Wasiti eine Sammlung bekannter Aussprüche zum Lob Jerusalems. Die folgende bedeutende Überlieferung schrieb er Mohammed zu: „Mekka ist die Stadt, die Allah erhoben oder geheiligt hat, erschaffen und umgeben von Engeln, tausend Jahre, bevor etwas anderes auf der Erde geschaffen wurde. Dann vereinte er es mit Medina und Medina mit Jerusalem, und erst tausend Jahre später erschuf er die übrige Welt in einem einzigen Akt.“ Solche veröffentlichten Aussprüche sind ein klarer Beweis für die Bedeutung Jerusalems in der islamischen Tradition.

Zu jener Zeit war die al-Aksa-Moschee auch eine Stätte der Gelehrsamkeit geworden. Der Geograf al-Mukaddasi († 1000), der aus al-Kuds stammte, schrieb, dass es zu seiner Zeit „Gelehrte aller Art“ in der Stadt gab. In der al-Aksa in Jerusalem begann der persische Gelehrte und Sufi-Mystiker al-Ghazali [Algazel] im Jahr 1095 sein Hauptwerk Die Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften. Laut dem arabischen Gelehrten A.L. Tibawi war dieses Werk für den Islam, was Thomas von Aquins Summa Theologiae später für die Christenheit wurde. Auf Bitten von Gläubigen in der al-Aksa-Moschee schrieb al-Ghazali auch seinen Brief aus Jerusalem, eine Zusammenfassung des islamischen Glaubens.

KREUZFAHRER BIS OSMANEN

Nach der Ankunft der christlichen Kreuzfahrer im Jahr 1099 wurde die islamische Geschichte Jerusalems unruhiger. Die Kreuzfahrer, die bis 1187 in und um Jerusalem präsent waren, funktionierten viele seiner Sakralbauten um, auch die al-Aksa-Moschee und den Felsendom. Im Jahr 1187 belagerte Salah-ad-Din (Saladin, 1169-1260), der Begründer der Dynastie der Aijubiden, die Stadt und gab die al-Aksa nach 88 Jahren wieder in islamische Hände. Am ersten Freitag nach der Vertreibung der Kreuzfahrer wurde in der Moschee eine Predigt über Saladins Sicht der Stadt und ihre Bedeutung für den Islam gehalten. Sie fasst die Bedeutung des Haram für islamische Gläubige gut zusammen:

„Es war die Wohnstatt eures Vaters Abraham; der Ort, von dem euer gesegneter Prophet Mohammed zum Himmel aufstieg; die kibla, zu der ihr euch am Anfang der islamischen Religion beim Gebet wandtet; die Wohnstatt der Propheten und der Ort, den die Heiligen besuchten; der Ort, über den die göttliche Offenbarung kam und zu dem die Gebote und Verbote herabgesandt wurden – es ist das Land, in dem die Menschheit zum Gericht versammelt werden wird; der Boden, aus dem die Toten auferstehen werden; das heilige Land, von dem Gott in seinen Büchern der Weisheit gesprochen hat; es ist die Moschee, in welcher der Apostel Gottes seine Gebete darbot und die Engel grüßte, die in der unmittelbaren Gegenwart Gottes weilen dürfen; es ist die Stadt, in die Gott seinen Diener und Apostel sandte, und das Wort, das er über Maria kommen ließ, und seinen Geist Jesus, den er mit dieser Sendung ehrte und mit der Gabe der Prophetie erhöhte [sic], ohne ihm den Rang zu nehmen, den er als eines seiner Geschöpfe innehatte. . . . Dieser Tempel ist die erste der beiden kiblas, die zweite der beiden heiligen Moscheen, die dritte nach den beiden heiligen Städten (Mekka und Medina).“

Saladin erneuerte auch Jerusalems Gebäude und seine islamischen Rechts- und Bildungsinstitutionen. Seit seinen Anfängen als islamisches Zentrum hatte die Stadt Gelehrte und Sufi-Mystiker angezogen. Die Sufis hatten sich schon früh dort niedergelassen, und Saladin protegierte ihre Rückkehr. Allerdings zeigte sich, dass al-Kuds politisch an Bedeutung verlor, als seine Herrscher nach Saladins Tod im Jahr 1193 nach Syrien und Ägypten zogen.

Im Jahr 1260 mussten die Aijubiden in Palästina den Mamelucken weichen. Die überwiegend türkischen Mamelucken brachten in ihrer 250 Jahre währenden Herrschaft Stabilität nach der Zeit der Kreuzfahrer. Doch wieder war Jerusalem isoliert vom administrativen Machtzentrum in Syrien. Es wurde zum Sammelplatz für vertriebene Mameluckenführer, Gelehrte und reiche Förderer der heiligen Stätten. Christen und Juden genossen Rechte in der Stadt, und es gab eine umfangreiche Restaurations- und Bautätigkeit.

Im Jahr 1516 besiegten die osmanischen Türken ihre mameluckischen Verwandten und eroberten Jerusalem. Sultan Selim I. kam sofort in die Stadt und nahm die Schlüssel zur al-Aksa-Moschee und dem Felsendom in Empfang. Er und sein Sohn Süleiman verehrten Jerusalem und führten das Bauprogramm der Aijubiden weiter; sie restaurierten den Felsendom und die Stadtmauern, die 300 Jahre lang dem Verfall überlassen worden waren. Diesen Wiederaufbaumaßnahmen sind die heutigen Mauern Altjerusalems zu verdanken.

Während sich die zentrale Kontrolle der Osmanen im Lauf der nächsten 200 Jahre abschwächte, stiegen angesehene einheimische Familien in religiöse und gesellschaftliche Führungsrollen auf. Im 18. Jahrhundert waren diese Notabeln dann stark und fähig genug, um das Volk vor den türkischen Machthabern in Istanbul zu vertreten und für die Osmanen den Status quo zu bewahren.

VORZEICHEN DES HEUTIGEN KONFLIKTS

Im Jerusalem des 19. Jahrhunderts begannen sich schließlich die Konflikte um die Stadt abzuzeichnen, die wir heute kennen. Die Osmanen förderten den Sonderstatus Jerusalems, und während sich die Stadt zum Regierungszentrum des osmanischen Palästina entwickelte, begannen die Konturen seiner künftigen politischen Rolle sichtbar zu werden.

Doch die zunehmende Schwäche des Reiches führte dazu, dass Ibrahim Pascha im Jahr 1832 Syrien und Jerusalem eroberte. Der neue Herrscher verfolgte eine Politik der Öffnung gegenüber den europäischen Mächten, die alsbald Konsulate in der Stadt einrichteten – offiziell zum Schutz der religiösen Interessen ihrer Staatsangehörigen. Als Erstes wurde das britische Konsulat eröffnet.

Im Jahr 1840 wurde Ibrahim Pascha aus Syrien vertrieben, und zum ersten Mal wurde davon gesprochen, Jerusalem zu internationalisieren. Es wurde eine christliche Verwaltung unter europäischer Kontrolle vorgeschlagen, doch die zurückgekehrten Osmanen taten nichts, um dies zu verwirklichen. Obwohl sie wieder an der Macht waren, behielten sie Ibrahim Paschas Politik der religiösen Toleranz bei.

Schließlich führten die Osmanen in der Region eine begrenzte Demokratie ein: Im Zeit-raum 1877-1878 war Jerusalem als Stadt und als Bezirk im osmanischen Parlament in Istanbul vertreten. Dadurch konnten Mitglieder der angesehenen Jerusalemer Familien in zentrale und lokale Regierungsämter gewählt werden, und Jerusalems politische Bedeutung nahm zu.

Im Jahr 1882 setzten sich die Briten als Kolonialmacht in Ägypten fest, und die ersten prä-zionistischen Einwanderer kamen nach Palästina. Diese beiden Entwicklungen schufen die Voraussetzungen für die nächste Phase der Bedeutung Jerusalems im arabischen und palästinensischen Denken: Die Vorstellung einer eigenen Identität der palästinensischen Araber begann sich herauszubilden. Laut dem palästinensischen Gelehrten Raschid Khalidi war Jerusalem ein wichtiges Element in der Entwicklung der palästinensischen Identität im Sinn eines modernen Nationalbewusstseins: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts „bildete Heimattreue die Grundlage der Bindung an einen Ort, der Liebe zum Land und eines Lokalpatriotismus, die entscheidend zur Entstehung des Nationalismus beitrugen“. Die Bindung an Jerusalem ist ein machtvolles Beispiel einer solchen Heimattreue.

Am 2. November 1917 veröffentlichte die britische Regierung die Balfour-Erklärung, in der sie sich für „die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“ aussprach. Nur einen guten Monat später, am 11. Dezember, nahm der britische Oberkommandierende General Edmund Allenby die Altstadt ein, nachdem die Osmanen und die Deutschen plötzlich aus Jerusalem abgezogen waren. So endeten über 1200 Jahre islamischer Herrschaft der Araber und Türken, unterbrochen nur durch die kurze Zeit unter den Kreuzfahrern.

SACKGASSEN DES 20. JAHRHUNDERTS

Jerusalem stand oft im Mittelpunkt von Episoden des arabisch-zionistischen Konflikts, der bis heute anhält. Im Jahr 1922 bestimmte der Völkerbund die britische Regierung zur Mandatsmacht in Palästina, und Jerusalem wurde die Hauptstadt. Im israelischen Unabhängigkeitskrieg kurz nach dem Zweiten Weltkrieg war die Stadt „im Auge des Sturms“. Westjerusalem fiel an die Zionisten, und die Palästinenser flohen zu Hunderttausenden oder wurden aus ihren Häusern in ganz Palästina vertrieben. Für die Vertriebenen war es an-Nakba (Die Katastrophe), von der sie sich nie erholt haben. Die Altstadt, die von Westjerusalem durch einen Streifen Niemandsland getrennt war, fiel den jordanischen Truppen zu. Während der nächsten 19 Jahre führte Ostjerusalem eine Randexistenz, geduldet als Jordaniens zweite, wenn auch unterentwickelte Hauptstadt.

Die Eroberung Ostjerusalems durch die Israelis im Sechstagekrieg von 1967 war der Beginn der bis heute andauernden Probleme. Der Bau und die Ausbreitung israelischer Siedlungen, die Sabotage des palästinensischen Lebens, die Kappung der Verbindungen zwischen dem palästinensischen Norden und Süden des Westjordanlandes, der Bau des schändlichen Sicherheitszauns durch Ostjerusalem – all diese Entwicklungen haben die Stadt zu dem immer gefährlicheren Ort gemacht, der sie heute ist. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen steht der Haram/Tempelberg – das Herzstück der palästinensischen wie der israelischen Identität.

Wie die Palästinensische Befreiungsorganisation PLO über die Zukunft der Stadt denkt, ist aus den öffentlichen Erklärungen ihrer Sprecher bekannt (siehe den Sonderdruck „Eine Stadt in zwei Staaten“). Der derzeitige palästinensische Premierminister Ahmed Kurei (Abu Ala), hat gesagt: „Jerusalem . . . ist der Kopf, das Herz des Staates Palästina – das Herz der palästinensischen Identität. Ohne Jerusalem ist, glaube ich, kein Frieden zu erreichen.“ PLO-Präsident Yassir Arafat nennt Ostjerusalem „meine Hauptstadt“ und warnt seine Feinde: „Die Schlacht um Jerusalem ist eine Schlacht auf Leben und Tod für das palästinensische Volk. . . . Die Geduld der palästinensischen Führung und des palästinensischen Volkes ist erschöpft. . . . Jerusalem ist eine rote Linie, [und] unter uns gibt es keine einzige Person, die Konzessionen machen würde, wenn es um einen Krümel des Bodens von Jerusalem geht.“

Auf ihrer Internetseite erklärt die deutsche PLO-Generaldelegation: „Im Zentrum einer dauerhaften Friedensordnung wird ohne Zweifel die Proklamation eines unabhängigen Staates Palästina mit der Hauptstadt Ostjerusalem stehen“ (http://www.palaestina.org). Unter „Dokumente“ findet sich auf dieser Seite das Interimsabkommen (Oslo II), demzufolge der Status ganz Jerusalems, Ost und West, noch auszuhandeln ist. Jerusalem sollte also eine offene und ungeteilte Stadt sein. Da die meisten heiligen Stätten, auch die in der Altstadt, zu Ostjerusalem gehören, verspricht die PLO, der Staat Palästina werde freie Religionsausübung und freien Zugang gewährleisten.

PALÄSTINENSER UNEINS

Obwohl sich die PLO unwiderruflich mit Ostjerusalem identifiziert, nimmt sie in der Frage des endgültig auszuhandelnden Status der Stadt eine maßvollere Position ein als ihr schwieriger Rivale, die fundamentalistisch-islamistische Organisation Hamas. Die Hamas, die ihren Hauptsitz in Gaza hat, nennt Jerusalem in ihrer Charta im Zusammenhang mit der islamischen Geschichte Palästinas. Sie spricht von einer „ideologischen Invasion“ islamischer Länder, nachdem die Kreuzfahrer Saladin besiegt hatten. Diese Invasion hätten „Orientalisten und Missionare“ verursacht.

Außerdem hätten diese Eindringlinge „den Weg für den imperialistischen Angriff bereitet, bei dem Allenby bei seinem Einzug in Jerusalem behauptete: ,Nun sind die Kreuzzüge vorbei‘ und General Gouraud am Grab Saladins stand und sagte: ,Wir sind wieder da, Saladin‘. Der Imperialismus half der ideologischen Invasion, feste Wurzeln zu schlagen, und das tut er noch heute. Und all das war die Vorbereitung für den Verlust Palästinas.“

Die Charta fährt fort: „Wir müssen den islamischen Generationen die Überzeugung vermitteln, dass die palästinensische Sache eine religiöse Sache ist. Sie muss auf dieser Basis gelöst werden, denn Palästina enthält die islamischen Heiligtümer der al-Aksa-Moschee und der Haram-Moschee, untrennbar verbunden, solange Himmel und Erde bestehen, mit der Nachtreise des Propheten Gottes (der Friede sei mit ihm), der von dort aus zum Himmel aufstieg.“

In einem Interview in seinem Haus in Gaza sprach der (im März 2004 ermordete) geistige Führer der Hamas, Scheich Ahmed Yassin, im Februar 1998 von der Unmöglichkeit eines Kompromisses über Jerusalem. Er sagte dem israelischen Reporter, Frieden könne es nur dann geben, wenn alles Land dem palästinensischen Volk zurückgegeben werde und ein unabhängiger Staat Palästina mit Jerusalem als Hauptstadt geschaffen werde.

Trotz der offensichtlichen Unversöhnlichkeit dieser Aussagen suggeriert die Sprache der Charta ein gewisses Maß an Toleranz, wenn von „andersgläubigen Menschen“ die Rede ist. Über den künftigen Zugang der Juden und Christen zu den heiligen Stätten erklärt sie:

„Im Schatten des Islam können die Anhänger der drei Religionen Islam, Christentum und Judentum in Frieden und Harmonie leben. Dieser Frieden und diese Harmonie sind nur unter dem Islam möglich, und die Geschichte der Vergangenheit und Gegenwart ist das beste schriftliche Zeugnis dafür.

Anhänger anderer Religionen sollten aufhören, mit dem Islam um die Herrschaft über dieses Gebiet zu kämpfen, denn wenn sie dort herrschen, gibt es nur Mord, Strafe und Verbannung. Sie machen ihren eigenen Leuten das Leben schwer, ganz zu schweigen von Andersgläubigen. Die Vergangenheit und die Gegenwart sind voller Beispiele, die das beweisen.“

Wie die palästinensischen Muslime Jerusalem sehen, ist ebenso in seiner reichen Geschichte verwurzelt wie die Sicht der Juden/Zionisten/Israelis. Die Lösung dieser vielschichtigen Problemlage ist die Aufgabe beider Seiten, die einen konstruktiven Dialog führen müssen. Wie dies erreicht werden könnte, wird in der nächsten Ausgabe von Vision behandelt.