Darwin, Einstein, Marx und Freud

Eine Betrachtung von Individuen, die unsere Welt geformt haben. In dieser Ausgabe betrachten wir das Leben von vier Männern, deren Ideen das moderne Denken tiefgreifend beeinflußt haben. Haben ihre Lehren den Test der Zeit überstanden?

Charles Darwin: Natürliche Auslese: Wie die Evolution (vielleicht) funktionieren könnte    

Charles Robert Darwin wurde 1809 in Shrewsbury in der englischen Grafschaft Shropshire geboren und starb 1882 in Kent. Obwohl sein Leben im 19. Jahrhundert begann und endete, hatten seine Gedanken eine tiefe Wirkung auf das abendländische Leben und Denken im 20. Jahrhundert. 4000 Meilen westlich, in der Neuen Welt, wurde am selben Tag wie Darwin der Sklavenbefreier Lincoln geboren, freilich in weit einfacheren Verhältnissen. Darwin kam in einem Herrenhaus zur Welt; sein Vater war ein wohlhabender Arzt, sein Großvater väterlicherseits einer der berühmtesten (und reichsten) Männer seiner Zeit, der Forscher und Dichter Erasmus Darwin; sein Großvater mütterlicherseits war Josiah Wedgwood, dessen Name noch heute für feinstes Porzellan bekannt ist. 

Als junger Mann studierte Darwin Medizin, doch er sah ein, dass sein zimperliches Naturell einer Karriere als Mediziner hinderlich war. Er ging zurück auf die Universität, mit dem Ziel, Geistlicher der anglikanischen Kirche zu werden. Wie sich herausstellte, hatte er allerdings mehr Interesse für sein Hobby, das Studium der Natur. 

Noch während seines Theologiestudiums ging er mit Adam Sedgwick (einem der drei Gründerväter der modernen Geologie) auf Exkursion und verdiente sich Anerkennung durch seine Fähigkeiten als Naturforscher. Ein Jahr später schiffte er sich - sehr zum Kummer seines Vaters - als begleitender Naturwissenschaftler auf dem Forschungsschiff HMS Beagle ein, das auf eine fünfjährige Entdeckungsreise um die Welt ging. 

Während seiner Dienstzeit auf der Beagle beschloss Darwin, nicht länger so zu tun, als wolle er Geistlicher werden, und entschied sich für das Leben eines Naturforschers. Seine scharfsinnigen Beobachtungen von Vögeln, Schildkröten und Säugetieren verdichteten sich schließlich zu einer Idee, die zwar keine neuen Bestandteile hatte, aber fast jeden Aspekt des westlichen Denkens revolutionierte: der Idee der Evolution der Arten durch natürliche Auslese. 

Auf den Galapagos-Inseln, 650 Meilen vor der Küste Ecuadors, identifizierte Darwin 14 verschiedene Arten von Finken - nicht nur Rassen oder Stämme, sondern echte Spezies (denn sie vermehrten sich artgetreu und nur innerhalb der eigenen Art). Jede unterschied sich von den Finken des Festlands, und dies gab Darwin zu denken. 

Zwar war er religiös, doch hatte er Schwierigkeiten mit der Vorstellung, daß Gott eigens für diese Inseln 14 Finkenarten geschaffen hatte, zumal sie sich alle von den wenigen vorherrschenden Arten des Festlands unterschieden. Er kam zu dem Schluss, gerade die Isolation der Vögel auf den Inseln habe zu den allmählichen Veränderungen geführt, durch die dann die unterschiedlichen Arten entstanden waren. Zur Zeit Darwins akzeptierten schon fast alle Naturforscher die Evolution als Tatsache - definiert 1) als allmähliche Entwicklung, insbesondere von einer einfachen zu einer komplexeren Form und 2) als Prozess der Entwicklung von Arten aus früheren Formen. Es wurde jedoch viel darüber spekuliert, wie die Evolution funktionieren könnte. J.-B. Lamarck (1744-1829) hatte behauptet, Tiere gäben typische Merkmale, die sie erworben hatten, an ihre Nachkommen weiter. 

Nach Lamarcks Theorie hatte die Giraffe über viele Generationen hinweg einen langen Hals entwickelt, indem sie ihren Hals reckte. Diese Ansicht war unter zeitgenössischen Wissenschaftlern populär, doch Darwin verwarf sie brüsk mit der Bemerkung, Juden hätten männliche Kinder seit zahllosen Generationen beschnitten, aber es sehe bisher nicht so aus, als würden jüdische Knaben beschnitten geboren. 

Darwin kam zu der Überzeugung, daß hier ein einfacher Prozess am Werk war. Galapagos-Finken, argumentierte er, schlüpften manchmal zufällig mit einem etwas stärker gekrümmten Schnabel. Bei den anderen Körnern, die sie hier in ihrem neuen Lebensraum vorfanden, hätten die Nachkommen von Festlandfinken es etwas leichter, zu überleben, wenn ihre Schnäbel stärker gekrümmt wären. Dieser Vorteil führe dazu, daß mehr Finken mit krummen Schnäbeln überlebten und sich vermehren konnten, und so würden gekrümmte Schnäbel allmählich häufiger vorkommen. 

Dies war für Darwin eine sehr überzeugende Erklärung für die große Vielfalt der Finkenarten auf den Inseln gegenüber den ein, zwei vorherrschenden Arten auf dem Festland. Diesen allmählichen, sanften Prozess nannte er natürliche Auslese. 

Darwin hatte es durchaus nicht eilig, seine revolutionäre Idee publik zu machen. Tatsächlich drängten ihn Freunde Jahrzehnte später, seine Studien zu veröffentlichen. Selbst dann tat er es erst, nachdem ein anderer Naturforscher, Alfred Russel Wallace (1823-1913), Darwin um einen Kommentar zu einem noch unveröffentlichten Buch bat - das zu Darwins Entsetzen fast genau seine Idee enthielt. Nun beeilte sich Darwin, sein Buch drucken zu lassen. (Wallace selbst legte Wert darauf, der Öffentlichkeit zu versichern, daß Darwin die Idee der natürlichen Auslese als Erster und vollständiger entwickelt hatte.) Mit halsbrecherischer Geschwindigkeit trieben revolutionärere Denker Darwins Theorie voran und bauten ihre Bedeutung zu einer Attacke gegen religiöse Vorstellungen aus. Thomas Huxley in England, Häckel in Deutschland und Asa Gray in den USA bekämpften nicht nur Lamarcks Theorie, sondern die Religion gleich mit. Sie behaupteten, Evolution durch natürliche Auslese mache die Schöpfung überflüssig - und auch Gott selbst. 

Heute hat die Wissenschaft Darwins Vorstellungen fast gänzlich aufgegeben - oder zumindest in Form des Neodarwinismus sehr stark abgewandelt. Die natürliche Auslese wird nicht mehr als hinreichende Erklärung für die Vielgestaltigkeit des Lebens angesehen. Darwin wollte erklären, wie sich eine Art zu einer anderen entwickeln könnte, doch einige seiner Anhänger extrapolierten daraus eine Erklärung, wie ganze Klassen von Tieren sich irgendwie in ganz andere Geschöpfe verwandeln könnten (zum Beispiel Reptilien in Vögel und Säugetiere). 

Die extreme Form dieses Denkens ist, dass das Leben selbst auf natürliche Weise aus unbelebter Materie entstanden sei - ohne irgendeine Einwirkung von Gott. Es ist höchst zweifelhaft, dass Darwin selbst je dachte, die natürliche Auslese sei ein allumfassendes Phänomen, das Gott ersetzt, wie allzu viele Menschen inzwischen meinen. 

Die große Mehrheit der Naturwissenschaftler hält allerdings an dem populistischen Sieg der Darwin-Anhänger fest - dass die Wissenschaft nun eine Schöpfung ohne Schöpfer erklären könne. So wurde die Evolutionstheorie im westlichen Denken gleichsam zum Feind der Religion und bestätigte, was viele glauben wollten: dass die Existenz Gottes selbst eine Theorie sei, auf die die Menschheit nun verzichten könne. 

Die öffentliche Meinung hat freilich nicht bedacht, dass das Verstehen, wie etwas funktioniert (das Überleben), etwas ganz anderes ist als das Verstehen, wie etwas entstanden ist. So wurde die Evolution zur gültigen Lehrmeinung erhoben, statt als das erkannt zu werden, was sie in Wirklichkeit ist: wissenschaftliche Spekulation. 

Albert Einstein: Vater der Relativität, nicht des Relativismus  

Der deutsch-schweizerische Nobelpreisträger Albert Einstein ist vor allem für seine Spezielle und Allgemeine Relativitätstheorie und seine kühne Hypothese der Lichtquanten bekannt. Er ist der vielleicht berühmteste Naturwissenschaftler des 20. Jahrhunderts. 

Einstein wurde im März 1879 in Ulm geboren. Schon als Jugendlicher in München zeigte er eine intensive Neugier für die Natur und die Fähigkeit, schwierige mathematische Zusammenhänge zu erfassen. Als Schüler war er mittelmäßig; seine Leistungen waren zwar ausgezeichnet in Mathematik, aber völlig ungenügend in den alten Sprachen, die damals als äußerst wichtig für jeden galten, der an einer Universität studieren wollte. Er hasste die stumpfe Reglementierung und den phantasielosen Geist der Schule. Mit 16 verließ Einstein seine Familie und ging nach Zürich, wo er dank seiner mathematischen Leistungen mit knapper Not die Zulassung zur Technischen Hochschule erhielt. Auch hier gefielen ihm die Lehrmethoden nicht, und er schwänzte fast alle Vorlesungen. Viel lieber spielte er Geige oder studierte allein in der Bibliothek Physik. 

Im Jahr 1900 graduierte er mit Hilfe der Vorlesungsprotokolle eines Freundes, doch seine Professoren empfahlen ihn nicht für eine Stelle an der Universität. Trotz seiner nicht eben glänzenden akademischen Leistungen, seiner nichtschweizerischen Staatsbürgerschaft und seiner jüdischen Rasse konnte er sich eine untergeordnete Position im Patentamt von Bern sichern. Als das 20. Jahrhundert begann, nahm Einstein die schweizerische Staatsbürgerschaft an. 

Während seiner Zeit im Patentamt schrieb Einstein seine berühmtesten methodologischen Arbeiten - hohe theoretische Wissenschaft, ohne weitere Hilfsmittel als seinen Geist und einen Bleistift. 1905 erwarb er in Zürich die Doktorwürde, und im gleichen Jahr schrieb er drei einflußreiche Artikel in ganz unterschiedlichen Gebieten der Physik. 

Ein Artikel handelte vom photoelektrischen Effekt und der Natur des Lichts. Anhand von Plancks fünf Jahre zuvor veröffentlichter und dann in Vergessenheit geratener Quantentheorie konnte Einstein erklären, wie Metalle, die Energie aus Licht absorbieren, nach gewisser Zeit ein Elektron abgeben. Der zweite Artikel erklärte die Brownsche Bewegung - die unregelmäßigen Zitterbewegungen von Molekülen, die in einer Flüssigkeit aufgeschwemmt sind. Dieser Artikel enthielt bahnbrechende Erkenntnisse über die Natur der Moleküle und trug ihm 16 Jahre später den Nobelpreis für Physik ein. 

Den dritten Artikel erwähnte das Nobelpreiskomitee in seinem Text jedoch nicht: „Über die Elektrodynamik bewegter Körper“. Dieser dritte Artikel sollte jedoch die moderne Physik am nachhaltigsten prägen. Er enthielt Einsteins Spezielle Relativitätstheorie, die unser Verständnis von der Wechselwirkung zwischen Strahlung (zum Beispiel Licht) und Materie radikal vereinfachte. 

Einstein schrieb, es sei bedeutungslos, von einem bewegten und einem anderen, unbewegten Körper zu sprechen. Körper können nur in Beziehung zueinander als bewegt gedacht werden; Bewegung ist immer relativ zu irgendeinem Bezugsrahmen, und die Naturgesetze gelten unverändert, was auch immer der Bezugsrahmen ist. 

Dies bedeutet insbesondere, dass die Geschwindigkeit elektromagnetischer Strahlung (wie Licht) immer die gleiche ist, in jedem Bezugsrahmen. Einsteins weitsichtige und kühne Perspektive machte diese Theorie schwer verständlich, selbst für prominente Naturwissenschaftler. Doch in späteren Jahren wurden Resultate, die aufgrund dieser Theorie vorausgesagt worden waren, immer wieder bestätigt; und schließlich revolutionierte die Spezielle Relativitätstheorie die Sicht der Wissenschaft von Materie, Raum, Zeit und allem, das mit ihnen in Wechselwirkung tritt. 

1909 erhielt Einstein einen Lehrstuhl für Physik in Zürich, doch 1914 kehrte er nach Deutschland zurück, um den eigens für ihn geschaffenen Posten als Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik in Berlin anzutreten. Er entwickelte seine Allgemeine Relativitätstheorie (eine Erweiterung seiner Speziellen Theorie) und erkannte, dass Masse und Energie als verschiedene Aspekte desselben Phänomens verstanden werden konnte - was zu der berühmten Formel E=mc2 führte. 

Diese neue Theorie machte mehrere kühne Voraussagen über die Wechselwirkung von Licht und Schwerkraft, die noch nicht beobachtet worden war und die den Erwartungen aufgrund der Newtonschen Physik widersprach. Mitten im Ersten Weltkrieg hatten die Wissenschaftler der Welt allerdings wenig Möglichkeiten, nach Beweisen dafür zu suchen, daß Einstein recht hatte. 

1919, nachdem der Krieg vorüber war, nutzten Wissenschaftler eine totale Sonnenfinsternis, um zu bestätigen, daß Licht von entfernten Sternen tatsächlich abgelenkt wird, wenn es die Schwerkraft der Sonne durchquert - genau wie die Allgemeine Relativitätstheorie voraussagte. Einstein wurde international berühmt. 

Als Hitler an die Macht kam, musste Einstein fliehen; er wanderte in die USA aus und wurde Professor an der Princeton University. 

Indirekt war Einsteins revolutionäre Sicht von Raum und Zeit die Vorbedingung für neue Technologien wie Kernspaltung und Kernfusion sowie für radikale Kosmologien mit Urknall, Neutronensternen und schwarzen Löchern. Er war jedoch unglücklich darüber, dass seine Relativitätstheorie fälschlicherweise auf moralische Fragen angewandt wurde und als Unterstützung der irrigen Vorstellung herhalten musste, es gäbe das absolut Gute oder Böse nicht. Er selbst hielt sich an feste Maßstäbe von Gut und Böse; den moralischen Relativismus, der immer mehr an Einfluß gewann, sah er als eine Philosophie des Bankrotts. 

Er war auch unglücklich über den Trend unter seinen Kollegen, die Vorstellung einer strikten Beziehung von Ursache und Wirkung abzulehnen. Sie glaubten lieber, die Wirklichkeit sei nicht notwendigerweise das Ergebnis exakter Ursachen, sondern es geschehe ständig Unvorhergesehenes, Unverursachtes. Einsteins Antwort auf diese Denkweise war: „Gott würfelt nicht mit der Welt.“ Einstein war sein Leben lang ein religiöser Mensch, und er warnte: „Wir sollten nicht den Intellekt nicht zu unserem Gott zu machen; trotz großer Muskeln hat er nämlich keine Persönlichkeit.“ 

Gegen Ende seines Lebens sagte er, manchmal wünschte er sich, er sei einfach Uhrmacher geworden. Er starb am 8. April 1955 in Princeton. 

Karl Marx: Verfehlte Lösung für die Auswüchse des Kapitalismus   

Karl Marx wurde 1818 im damals preußischen Trier geboren und starb 1893 in London. Er erlebte die Verwirklichung seiner politischen Ideologie nicht mehr, aber ihr Einfluß auf die volkswirtschaftliche Theorie und Philosophie im ganzen 20. Jahrhundert war beträchtlich. 

Er wurde in eine jüdische Familie hineingeboren und dann wegen der damaligen Judenverfolgung protestantisch getauft. Seine Herkunft brachte ihn zu einer aktiven, liberalen Philosophie, und kaum hatte er 1842 an der Universität Jena promoviert, gründete er in Köln eine Zeitung, um seiner Philosophie Gehör zu verschaffen. 

Innerhalb von zwei Jahren geriet die Zeitung unter heftigen Beschuß, und Marx zog sich zornig nach Paris zurück, wo seine lebenslange Verbindung mit Friedrich Engels begann. Zwei Jahre später wurde klar, dass ihr Journalismus und ihre Philosophie auch in Paris nicht ankamen, und sie zogen nach Brüssel. Dort konzentrierte Marx sich darauf, wissenschaftliche Widerlegungen sozialistischer Arbeiten zu verfassen, die überall in Europa in Umlauf waren. 

1848 gründeten er und Engels den Bund der Kommunisten, und Marx schrieb das Kommunistische Manifest. Die dramatische Resonanz, die diesem zuteil wurde, ermutigte die beiden, wieder nach Köln zu gehen und die Zeitung wiederzubeleben, die Marx ein halbes Dutzend Jahre zuvor herausgegeben hatte. Marx wurde alsbald verhaftet, und die beiden wurden wegen ihrer subversiven politischen Aktivitäten des Landes verwiesen. Marx betrachtete sich nun als verbannt und zog nach London, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. 

1864 gründete er die Internationale Arbeiterassoziation, die er dann auch dominierte und die in der kommunistischen Literatur als „Erste Internationale“ bezeichnet wird. 1867 veröffentlichte er den ersten Band seines bedeutendsten Werkes, Das Kapital. 

Ausgangspunkt für die marxistische Philosophie und Grundlage für Das Kapital ist die Beobachtung, dass die Welt generell von einer kapitalistischen Marktwirtschaft bestimmt ist, in der Menschen mit Geld Menschen ohne Geld anstellen, um Dinge herzustellen und Dienstleistungen zu erbringen. Marx sah den Kapitalismus als selbstzerstörerisch an und sagte voraus, dass die Kluft zwischen den Klassen immer breiter werden würde. Er schlug vor, den Kapitalismus durch ein System abzulösen, wo Arbeit für das Gemeinwohl geleistet wird statt für Geld, das eine privilegierte Klasse bezahlt - d. h., er propagierte den Kommunismus. 

Er glaubte, dass sich praktisch alles ändern müsste, und er gab sich keiner Täuschung darüber hin, daß sein ideales System nur dann zustande kommen konnte, wenn man alles über Bord warf, was der abendländischen Gesellschaft lieb und wert war. Außerdem schlug er vor, dieses neue System mit Hilfe einer Revolution der untersten Gesellschaftsschichten zu bewerkstelligen - des Proletariats, wie er es nannte. 

Wie der Philosoph Rousseau im 18. Jahrhundert war Marx überzeugt, Ideologien - ja generell die Regeln von Kultur und Obrigkeit - seien vor allem dazu formuliert worden, um die ärmeren Klassen zu unterdrücken, und sollten mit Gewalt abgeschafft werden. 

Wie Rousseau glaubte Marx, die Natur des Menschen sei im Grunde gut und werde nur durch „diese bösen Einrichtungen“ der Gesellschaft verdorben. Anders als Rousseau sah Marx die Lösung nicht in der Bildung; seine Vision war ein sozialer und volkswirtschaftlicher Umsturz. Während Rousseau in seiner Philosophie eine Lanze für die Integrität des Individuums gebrochen hatte, predigte Marx das kollektive Handeln und die Unterdrückung der Individualität. Trotz seines religiösen Hintergrunds sah Marx keinen Sinn in der organisierten Religion; für ihn war sie nur noch mehr unterdrückerische Ideologie in anderer Form, ein Instrument, um die unteren Klassen in der Unterwerfung zu halten. 

Marx' Zorn und Bitterkeit waren in seinen Schriften spürbar und rissen radikale Gesinnungsgenossen mit. Sowohl Marx als auch Engels waren hervorragende Polemiker. Zwar konnten sie die soziale und volkswirtschaftliche Revolution, die sie befürworteten, nie verwirklichen, aber ihre Philosophie wurde - von Lenin abgewandelt - das System, das die russische Monarchie ablöste; und so wurde Anfang des 20. Jahrhunderts der sowjetische Kommunismus geboren. 

Am Ende dieses Jahrhunderts ist allerdings offensichtlich, dass der sowjetische Kommunismus gescheitert ist. Der chinesische Kommunismus hat kapitalistische Tendenzen übernommen, und der kubanische Kommunismus ist in selbstauferlegter Isolation erstarrt. Viele Beobachter dieser Entwicklungen schließen daraus, dass der Marxismus-Kommunismus trotz aller Verdienste doch nicht funktioniert hat. Marx glaubte, daß Problem mit dem Sozialismus seiner Zeit sei, dass er die wirtschaftlichen Probleme nicht in Angriff nahm. Er sah sein neues (kommunistisches) Wirtschaftssystem, das die Umverteilung des Wohlstandes forderte, als gerechter an. Allerdings ist klar, dass auch dieses System nicht funktioniert - zumindest teilweise, weil es von den Menschen Selbstlosigkeit verlangt. Leider ist es der menschlichen Natur in ihrem jetzigen Zustand nicht gemäß, auch für andere und nicht nur für sich selbst zu arbeiten. Marx wollte eine materielle Lösung für ein geistliches Problem. Doch ein geistliches Problem ist von seiner Natur her nur auf einer geistlichen Ebene zu lösen.  

Sigmund Freud: Psychoanalyse und sexuelle Verdrängung   

Sigmund Freud wurde im Mai 1856 als Sohn einer jüdischen Familie im mährischen Freiburg (dem heutigen Pribor in der Tschechischen Republik) geboren. Noch vor seinem zehnten Geburtstag ließ sich seine Familie in Wien nieder. 

Obwohl er nie müde wurde, zu erklären, er hasse Wien, blieb er dort, bis ihn der gewaltsame Anschluss Österreichs an das Dritte Reich Anfang 1938 zwang, nach England zu fliehen. Dort verbrachte er sein letztes Lebensjahr; er starb im September 1939 in London, als gerade der Zweite Weltkrieg ausbrach. 

Freud studierte an der Universität Wien Medizin und schloss sein Studium 1881 als Facharzt in der noch ganz jungen Disziplin Neurologie ab. 1885 arbeitete er kurz in Paris bei J.-M. Charcot, einem Pionier der Trennung zwischen der Psychiatrie und der Neurologie als eigenem Fachbereich. 

Mit der Zeit entwickelte Freud ein Verfahren, das er Psychoanalyse nannte - die bewußtmachende, schrittweise Analyse der Ursachen für neurotisches Verhalten mit dem Ziel, den Komplex aufzulösen. Oft nannte er seine Arbeit eine praktische Umsetzung der Christusworte in Johannes 8, Vers 32: „Und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ 

Er revolutionierte das moderne Denken über Träume und skizzierte die heute weithin akzeptierte Auffassung, Träume seien das Ergebnis ungehemmten Denkens im unbewußten Teil des Gehirns. Er argumentierte, dieses „träumende Gehirn“ habe zwar wenig kommunikative Fähigkeiten, aber es entgehe der „bewussten Verdrängung“ durch das bewusste Gehirn und eröffne Einblicke, die die Wahrheit weiter offenbarten und für die Behandlung von Geisteskrankheiten genutzt werden könnten. Diese Ansichten werden heute als abenteuerliche Vereinfachungen angesehen. 

Es ist ein anderer Aspekt von Freuds Werk, der im 20. Jahrhundert den größten Einfluss auf das Leben der Menschen in der westlichen Welt gehabt hat: seine neue Interpretation der Rolle von Sexualität und sexuellem Verhalten. Für Freud war sexuelle Verdrängung das hauptsächliche psychische Problem der Menschheit. Er lehrte, daß die Verdrängung und Beschränkung sexuellen Verhaltens in der Jugend sich im Erwachsenenalter manifestieren würde. 

Die westliche Gesellschaft hatte Sex über lange Zeit tabuisiert und normales ebenso wie abnormales sexuelles Verhalten als Sünde oder zumindest schändlich abgetan - oft unter dem Vorwand der „christlichen Moral“. Geeignete Hilfen und Korrekturen waren deshalb weitgehend vernachlässigt worden. Freud konnte seine Gegner und Bewunderer gleichermaßen überzeugen, daß sexuelle Verdrängung allgegenwärtig, ungesund und die indirekte Ursache vieler Verbrechen, Krankheiten und Leiden sei. 

Freuds Anliegen war es, durch die Psychoanalyse die sexuelle Verdrängung seiner Patienten aufzudecken. Sein Einfluss ist noch heute wirksam, nicht nur in der Freudschen Schule der Analyse, sondern auch in konkurrierenden Schulen, die von einigen seiner prominentesten Schüler begründet wurden. Er bereicherte unsere Sprache um viele Wörter, die bis heute allgemein gebräuchlich sind: „das Unterbewusstsein“, „Schuldkomplex“, „das Ich“, „Sublimierung“, „Freudsche Fehlleistung“ und „Todestrieb“ sind nur einige davon. 

Obwohl nicht jeder heute Freuds Auffassung folgt, Sex umgebe vom Säuglingsalter an praktisch alles menschliche Handeln und Fühlen, haben seine Lehren das alltägliche Denken der modernen Gesellschaft insgesamt tief geprägt. Zumindest teilweise liegt dies daran, dass die Menschen es gerne haben, ihr Verhalten als etwas erklärt zu sehen, das nicht „Sünde“ ist. 

Manche sind mit der Lehre Freuds weiter gegangen als bis zu der Erkenntnis, daß Sex eine natürliche und normale Funktion ist. Sie sind mit der Zeit zu dem unhaltbaren Schluss gekommen, sie könnten viel von ihrem unannehmbaren Verhalten dem Unterbewusstsein anlasten statt dem bewussten Denken. Daraus folgt wiederum, dass sie für ihre Taten und Charakterfehler nicht voll verantwortlich gemacht werden können. Viele Menschen glauben heute, sie seien bloße Opfer des Unterbewußtseins, bestimmt durch frühere Erlebnisse und Beziehungen, über die sie keine Kontrolle haben. So ist Freuds Lehre von der unnatürlichen Verdrängung als Alibi für Verhaltensweisen benutzt worden, die die Gesellschaft traditionell ablehnt. Doch Verdrängung erklärt nur einen kleinen Aspekt von Sünde und Verantwortung. 

Die verheerende Wirkung der Freudschen Forschung auf unsere moderne Welt ist, dass seine Botschaft eine der Hauptursachen für die mangelnde Bereitschaft so vieler Menschen ist, die Verantwortung für ihre Taten und persönlichen Probleme bei sich selbst zu sehen. Außerdem wurden seine Erkenntnisse als Ersatz für eine Beziehung mit Gott verstanden. Die Couch des Analytikers wurde eine Art weltlicher Beichtstuhl, und die Menschen suchten nach humanistischen und psychologischen Antworten auf moralische Fragen.