Grausame Realität

Zuerst gab es Vorsicht Kamera, ein amüsantes Fernsehprogramm, das uns die lockere Seite der menschlichen Natur zeigte: Das Verhalten von Menschen in verschiedenen Situationen wurde beobachtet, ohne dass sie von der versteckten Kamera wussten. Sie wurden in harmlosen Situationen „eiskalt erwischt“. Jahrelang waren wir damit vollauf zufrieden. Wir konnten zuschauen, ohne rot zu werden, gleichgültig wer dabei war: Vater, Mutter, Großmutter, Kleinkinder.

Doch heute ist Vorsicht Kamera für den Geschmack der meisten Fernsehzuschauer nicht mehr würzig genug; sie hungern nach immer schärferer Unterhaltung. Obwohl das ursprüngliche Sendeformat Candid Camera in den USA kürzlich wiederbelebt wurde, wird es jetzt nur noch auf einem weniger verbreiteten „Familiensender“ ausgestrahlt.

Die Befriedigung der Nachfrage nach immer aggressiverem Fernsehen heutzutage ist eine andere Art von „Reality“-Programm. Und es kam fast unbeabsichtigt zustande. Zu Beginn der Neunzigerjahre stolperte MTV über eine Idee, die das Interesse einer neuen Generation weckte; die MTV-Erfolgsserie Real World ist inzwischen seit 10 Jahren bei Teenagern und jungen Leuten beliebt. Die Serie zeigte eine meist städtische Wohngemeinschaft junger Leute, die gerade aus dem Elternhaus ausgezogen waren. Die Handlung bestand aus den unvermeidlichen Spannungen und Problemen, während sich die Beziehungen unter den Mitbewohnern entwickelten. Keine Geldpreise, nur das wahre Leben. In vielerlei Hinsicht trug dieses neuartige und erstaunlich erfolgreiche Programm zur Erziehung eines Publikums bei, das die attraktivste Zielgruppe der Werbung wurde.

Der Boden war bereitet, die Saat gesät, doch selbst die Produzenten und Sender waren überrascht über die Ernte. Frühere Sendungen wie Candid Camera (Vorsicht Kamera) hatten nicht genug Früchte getragen, um als eigenständiges Genre zu gelten. Dann kam eine neue Zuschauergeneration mit reichlich Geld und einem Durst nach etwas anderem - der Traum jeder Werbeagentur. Aus Real World entwickelte sich eine ganz neue Art von Fernsehen: Reality-TV. Inzwischen kennen natürlich die meisten Menschen dieses Medienphänomen.

„LEBEN OHNE DREHBUCH“ 

Die aktuelle Welle der Reality-Formate begann in Europa mit dem niederländischen Original von Big Brother. Das britische Fernsehen übernahm das Programm, und bald hatte der englische Channel 4 die höchsten Zuschauerquoten seiner ganzen 18-jährigen Geschichte. Gezeigt wurde eine Wohngemeinschaft mit 10 Personen, die um einen Preis von £70 000 konkurrierten, und zwar auch im Internet, sodass die Zuschauer sich einloggen und 24 Stunden am Tag sehen konnten, was im Haus geschah. Die Zuschauer wählten jede Woche einen Kandidaten, der aus der Gruppe ausgestoßen werden sollte.

Welchen Zuspruch das Programm hatte, zeigte sich darin, dass sich bei der letzten Big-Brother-Sendung über 7 Millionen Menschen an der Abstimmung beteiligten. Laut der Zeitschrift der Royal Television Society, Television, „war die höchste Beteiligung an einer Fernseh-Telefonwahl bis dahin 2,6 Millionen gewesen - zugegeben, es ging um die relativ belanglose Frage, ob wir die Monarchie abschaffen sollten“.

Das bekannteste Beispiel für Reality-TV in den USA ist die Serie Survivor (Überlebender), in Deutschland bekannt als „Inselduell“. Etwa ein Dutzend Teilnehmer werden irgendwo auf der Welt in einer abgelegenen Gegend ausgesetzt und kämpfen dort in Prüfungen ihres psychischen und körperlichen Durchhaltevermögens um einen Geldpreis. Die erstaunliche Beliebtheit von Survivor in Verbindung mit dem enormen Medienrummel um die Sendung brachte mehrere amerikanische Sender dazu, sich eiligst an den Trend der so genannten „Unterhaltung ohne Drehbuch“ anzuhängen.

Die Zahl der Ableger und Mutationen des Reality-Fernsehens ist verblüffend. Wie viele Variationen des Grundmodells können die Sender eigentlich entwickeln? Eine Menge, wie es scheint, und der Appetit der Zuschauer ist offenbar unersättlich. Zur Zeit gibt es Dutzende von Reality-Programmen in Nordamerika, Großbritannien, Europa und anderen Teilen der Welt, und viele weitere sind in der Entwicklung. Und nicht nur die Fernsehsendungen sind beliebt, sondern auch die zahlreichen Websites, die nur mit Reality-TV zu tun haben.

Offenbar möchte jeder ein Stück von diesem Kuchen abbekommen. Madonna hat kürzlich verlautbart, sie werde auch etwas Entsprechendes produzieren - eine Sendung mit dem Titel Truth or Dare (Wahrheit oder Wagnis), die auf einem Spiel für Jugendliche basiert. Sogar die seriöseren Sender, die für Informations-, Bildungs- und Dokumentationssendungen bekannt sind, spüren den Druck. Laut Jana Bennett, die Geschäftsführerin des US-Bildungssenders The Learning Channel (TLC) war und dann im April dieses Jahres Fernsehdirektorin der BBC wurde, sind alle hektisch bemüht, neue Sendungen zu konzipieren, die „eine Reality-Ausrichtung reflektieren“. Noch bei TLC kommentierte sie die Haltung dieses Senders gegenüber Reality-Programmen und nannte sie „faktisches Entertainment“: „Man kann dabei Information und reale Menschen auf unterhaltsame Weise miteinander verbinden. Das Etikett lautet: Leben ohne Drehbuch. Wir wollen widerspiegeln, dass das Leben eben so ist.“

BILLIG UND SCHMUTZIG 

Das wahre Spiel ums Überleben spielen jedoch die Fernsehmacher, die in den letzen Jahren sinkende Zuschauerquoten hinnehmen mussten. Der Preis von einer Million Dollar für Survivor ist ein Taschengeld im Vergleich mit den Hunderten von Dollarmillionen an Einnahmen aus Werbung und Presserechten, die für die Sender auf dem Spiel stehen. Mark Burnett, Pionier der letzten Runde des Reality-TV und Erfinder von Survivor, meint: „Es geht um Wirtschaft und Kommerz.“

Mark Burnett, Pionier der letzten Runde des Reality-TV und Erfinder von Survivor, meint: „Es geht um Wirtschaft und Kommerz.“ 

Burnett bekannte auf einer Konferenz von Fernsehbossen im letzten Jahr, dass ihn das Ergebnis der ersten Survivor-Staffel überrascht hatte. Er hatte gedacht, der Gewinner des Wettbewerbs würde derjenige sein, der sich an hohe Prinzipien hielt, um die Zuneigung und das Vertrauen seiner Mitbewerber zu gewinnen. Burnett schien enttäuscht, als er den Charakter und die Taktik des Gewinners beschrieb. „Es ist wie der Hofstaat Cäsars in einer modernen Version“, sagte er über die Sendung. „Leute lächeln dir ins Gesicht und rammen dir einen Dolch in den Rücken.“

Was noch vor kurzem als trendiges Nischenprogramm gegolten haben mag, hat sich zu einer großen Geldmaschine für die Medien entwickelt. Jonathan Crane, Associate Professor für Kommunikationswissenschaften an der University of North Carolina in Charlotte, beobachtet: „Die Sender kämpfen um Werbeeinnahmen; deshalb werden sie so ziemlich alles ins Programm nehmen, das Zuschauer anlockt. Und diese Sendungen sind billig zu produzieren.“

Welchen Markt die Sender ansprechen wollen, ist kein Geheimnis: Zuschauer zwischen 18 und 34 Jahren mit „Brieftaschen voller Geld, über das sie frei verfügen können“.

Welchen Markt die Sender ansprechen wollen, ist kein Geheimnis: Zuschauer zwischen 18 und 34 Jahren mit „Brieftaschen voller Geld, über das sie frei verfügen können“. Schuldzuweisungen und Kritik am Reality-TV gibt es zuhauf, doch die schlichte Wahrheit ist, dass die Leute zuschauen. Die Formel des Reality-TV - provozierend, sinnlich, voyeuristisch und spannungsgeladen - hat sich als Erfolg erwiesen. Die Frage ist: Wer definiert die Grenze, die Sender oder die Zuschauer?

Kritiker bezeichnen diese Sendungen oft als übervorteilend und schlüpfrig. Wie man erwarten könnte, weisen die Sender diese Vorwürfe zurück und behaupten, niemand werde übervorteilt, die Sendungen sollten einfach „Spannung und Spaß“ bringen. In Temptation Island (Insel der Versuchung) werden zum Beispiel bereits „gebundene“, unverheiratete Paare getrennt und mit Personen zusammengebracht, deren Job darin besteht, sie zu sexueller Untreue zu verführen.

Auch andere Reality-Sendungen suchen auf verschiedene Weise alle Möglichkeiten auszuloten, um die schwer definierbare Mischung nachzuahmen, die Survivor zum größten Hit des Jahrzehnts machte. Der NBC-Unterhaltungschef Jeff Zucker erschien kürzlich mit kugelsicherer Weste zu einer Konferenz mit Fernsehkritikern - ein ironischer Hinweis auf seine Erwartung, wegen der sommerlichen Reality-Flut seines Senders mit SPY TV, Fear Factor und Weakest Link (Spion-TV, Angstfaktor und Das schwächste Glied) unter Beschuss zu geraten. Kritikern war die besondere Niedertracht in diesen Sendungen aufgefallen, und sie fragten, ob NBC dabei sei, in die Schmuddelszene abzuwandern.

Zuckers Antwort war direkt und ungerührt: Wenn die Zuschauer nicht zuschauten, wären diese Reality-Sendungen schnell verschwunden, und NBC würde sich auf „Qualitätsfernsehen“ konzentrieren.

Die Realität ist jedoch, dass Reality-TV nicht Realität ist. Burnett räumte ein, dass das, was in Survivor geschieht, „komplett ausgeplant“ ist. Das ist offensichtlich, wenn man es durchdenkt. Die Situationen, in denen sich die Teilnehmer befinden, sind künstlich gestellt, und die allgegenwärtige Kamera beeinflusst die Handlungen und Entscheidungen jedes Teilnehmers.

Geschicktes Casting (Rollenbesetzung) ist auch ein Schlüsselelement in allen Reality-Sendungen „ohne Drehbuch“. Das Auswahlverfahren der Kandidaten hat nichts Zufälliges oder Lockeres. Die Sendung Love Cruise (Liebeskreuzfahrt) von Fox Television begann mit 3000 Kandidaten; aus ihnen wurden die 16 Singles ausgesiebt, die in einer sorgfältig geplanten Seifenopfer durch die Karibik kreuzen sollten. Wie erwartet waren die Auserwählten jung und attraktiv und brachten die erwünschte Impulsivität für Konfrontationen, Gemütsausbrüche und natürlich die Lust an der Ausschaltung von Konkurrenten durch die gefürchtete Abstimmung mit.

DIE RÜCKSEITE DER REALITÄT 

Gewiss ist nicht jede Reality-Sendung ohne Wert. Viele sehen eine positive Seite an dieser aktuellen Unterhaltungsform. Treue Survivor-Zuschauer behaupten zum Beispiel, die meisten Situationen, in denen sich die Teilnehmer befinden, erforderten positive Merkmale wie Teamwork und Zusammenarbeit, auch wenn der Gewinner hinterlistig taktierte, um sich den Endsieg zu sichern.

Aber wiegen diese Vorteile die potentiellen negativen Auswirkungen auf die Gesellschaft auf?

Wenn wir nur auf das Getöse hören, das diese Programmform umgibt, oder einfach die Sender, die diese Programme produzieren, pauschal verteufeln, könnte uns entgehen, dass das Fernsehen ein Symptom eines ernsteren Problems ist - nämlich, dass die Gesellschaft dabei ist, den Rest an Anständigkeit allmählich der dunkleren Seite des Menschseins preiszugeben.

Frühere Generationen waren nicht willens, die menschliche Natur so schamlos von der Kamera ausgebeutet zu sehen. Sie hätten es als geschmacklos empfunden. Jetzt ist es geil, cool und – vor allem – profitabel. 

Die treibende Kraft hinter dem Reality-TV wird bestehen bleiben, auch wenn die aktuellen Formen aus der Mode kommen. Künftige Sendungen werden noch schockierender, drastischer und voyeuristischer sein, denn das verlangen die Zuschauer, die ein immer steileres Crescendo von Sinnesreizen brauchen. Frühere Generationen waren nicht willens, die menschliche Natur so schamlos von der Kamera ausgebeutet zu sehen. Sie hätten es als geschmacklos empfunden. Jetzt ist es geil, cool und - vor allem - profitabel.

Die Sender haben eine Seite der menschlichen Natur für sich entdeckt, zu der wir uns nicht gern bekennen. Diese Seite ist unersättlich, wenn sie nicht kontrolliert wird. Sie will ständig mehr. Jemand, der diesem Sog nachgibt und sieht, wie andere Menschen im Fernsehen egoistisch und herzlos handeln, erfährt eine gewisse Zustimmung - ein Gefühl der Bestätigung. Reality-TV befriedigt nicht nur eine voyeuristische Neigung der Zuschauer, sondern das Zusehen, wie die Teilnehmer der Sendung Dinge tun, die sie selbst tun oder gern täten, rechtfertigt auch ihre eigenen, schlechten Entscheidungen. Um den Zuschauer zu befriedigen, muss natürlich die Messlatte ständig herabgesetzt werden, und die Medien sind im Interesse zunehmender Erträge gern dazu bereit.

Der Film 15 Minutes entwickelte kürzlich eine Fiktion mit grausigen Implikationen für die Gesellschaft. Sadistische Verbrecher filmen ihre Morde und stellen fest, dass es reichlich Leute gibt, die zuschauen wollen. Die Website zum Film gab die folgende Synopse: „Wenn Video und Live-Sendungen uns bei fast jeder Veranstaltung Plätze in der ersten Reihe verschaffen, was können oder sollten wir dann zeigen? Was sind wir bereit uns anzuschauen? Wie empfinden wir den anscheinend unstillbaren Appetit unserer Kultur auf Katastrophen, Tragödien und grauenhafte Verbrechen? Was ist letztlich der Preis, den wir für diese Leidenschaft zahlen?“

Eine ganze Industrie von Heimvideos, die niemals im Fernsehen gezeigt werden dürften, auch nicht im Pay-TV, macht einige wagemutige Fernsehproduzenten sehr reich.

Der Ausdruck „Plätze in der ersten Reihe“ erinnert an eine ferne Vergangenheit. Die Entwicklung der Unterhaltung im Abendland ähnelt dem Kolosseum in Rom. Wir können nur hoffen, dass 15 Minutes Fiktion bleibt und dass die Zuschauer von heute tatsächliches Töten in der Arena der Unterhaltung niemals billigen werden. Doch einige der Filme, die nun aufkommen, haben den gleichen, schaurigen Reiz. Eine ganze Industrie von Heimvideos, die niemals im Fernsehen gezeigt werden dürften, auch nicht im Pay-TV, macht einige wagemutige Fernsehproduzenten sehr reich. Die Sendezeiten am späten Abend strotzen vor Reklame für diese Videos, die immer wieder angepriesen werden als „zu stark“, „zu hart“ oder „zu gewagt“, um im Fernsehen gezeigt zu werden.

Und nun hat MTV einen weiteren Hit. Er heißt Jackass (Blödmann) und zeigt Privatvideos von Menschen bei sehr gefährlichen Stunts - wie sie zum Beispiel mit dem Fahrrad von einem Hausdach herunterfahren oder sich selbst in Brand stecken. Der Reiz für die Zuschauer besteht darin, zu sehen, wie Menschen verletzt werden oder fast zu Tode kommen. Am beliebtesten ist die Sendung bei Teenagern und jüngeren Kindern.

Wird da eine weitere Generation unersättlicher Fernsehzuschauer herangezüchtet? Überlegen Sie: Wenn die Kinder mit Jackass anfangen, welche Art Reality-Programm wird dann nötig sein, um sie in 10 oder 20 Jahren bei der Stange zu halten?

Frühere Gesellschaften haben bewiesen, dass die menschliche Natur dazu neigt, am Schlimmsten Gefallen zu finden. Machen wir uns nichts vor: Die schaurigen Ereignisse im alten Rom könnten sich wiederholen und die neue „Realität“ werden.