Kindersoldaten

Nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden weltweit fortlaufend an die 250 000 Kinder in bewaffnete Konflikte gestürzt – ihre Geschichten sind herzzerreißend. Was ist notwendig, um dieser Tragödie ein Ende zu bereiten? 

Wenn Sie an Krieg denken, welche Bilder sehen Sie dann vor sich? Vielleicht Reihen uniformierter Soldaten, die im Gleichschritt marschieren, schweres Kriegsgerät und Konvois von gepanzerten Fahrzeugen oder die im Fernsehen gezeigten Präzisionsbombardements des US-Militärs im Irak mit dem Operationsnamen „Shock and Awe“ (Schock und Ehrfurcht)? In der Realität sind die meisten Kriege heute jedoch Bürgerkriege, die mit kleinen Waffen ausgefochten werden. Und eine beunruhigende Tatsache ist, wie der „Child Soldiers Global Report 2008“ berichtet, dass überall dort, wo es solche Konflikte gibt, viele der Kriegsteilnehmer Kinder sind. Doch wenn Sie an Krieg denken – wie oft kommt Ihnen dann ein Kind in den Sinn, das mit einem AK-47-Sturmgewehr oder einem Raketengranatwerfer herumhantiert? 

Das Schicksal solcher Kindersoldaten hat nur selten ein Gesicht. Zumindest von einem Kind ist nun seine berührende Geschichte bekannt geworden: Aus erster Hand gibt A Long Way Gone: Memoirs of a Boy Soldier in einer bewegenden Schilderung die Erlebnisse von Ishmael Beah als Kindersoldat in Sierra Leone wieder. Beah wurde von seiner Familie getrennt, als deren Dorf von Rebellen angegriffen wurde; eine Zeit lang entging er der Verschleppung in den bewaffneten Konflikt, der in seinem Land tobte. Doch schließlich trieben ihn Hunger und Unsicherheit zu den Regierungstruppen, die ihn zwangen, nicht nur die gegnerischen Rebellen zu bekämpfen, sondern auch extreme Gewalttaten an unschuldigen Zivilisten zu verüben. 

Die meisten Indizien deuten darauf hin, dass gewöhnliche Kinder, mit den außergewöhnlichen Umständen des bewaffneten Kampfes konfrontiert, lernen können, zu töten und mehrfach zu töten.“

Michael Wessells, Child Soldiers: From Violence to Protection

So schockierend Beahs Geschichte ist – etwas Ungewöhnliches ist sie in den Bürgerkriegszonen sicher nicht. Er war nur einer von (laut aktuellen Schätzungen der UNO)   250 000 Jungen und Mädchen in aller Welt, die irgendwann während der letzten 20 Jahre Kriegsteilnehmer waren. Sein Buch hat das Bewusstsein für die Not von Kindern geschärft, die viel zu früh den denkbar härtesten, brutalsten Erfahrungen ausgesetzt werden – Mord, Verstümmelung und Vergewaltigung inbegriffen.  

WAS IST EIN KIND?

Die Definition von „Kindheit“ ist von Kultur zu Kultur verschieden, doch die Kinderrechtskonvention der UNO definiert „Kinder“ generell als „Menschen, die das 18. Lebensjahr noch nicht abgeschlossen haben“. Die Pariser Prinzipien von 2007 bezeichnen „ein Kind, das einer Streitkraft oder bewaffneten Gruppe angehört“, als „jede Person, die das 18. Lebensjahr noch nicht abgeschlossen hat und von einer Streitkraft oder bewaffneten Gruppe in irgendeiner Funktion rekrutiert wird oder wurde, einschließlich, aber nicht ausschließlich Kinder, Jungen und Mädchen, die als Kämpfer, Küchenhilfen, Träger, Boten, Kundschafter oder für sexuelle Zwecke verwendet werden. Dies beschränkt sich nicht auf Kinder, die direkt an Kampfhandlungen teilnehmen oder teilgenommen haben.“ 

Kindersoldaten. Eine einfache Kombination von zwei Wörtern. Doch sie beschreibt eine Welt der Gräueltaten, begangen an Kindern und manchmal von Kindern.“ 

Child Soldiers Global Report 2008“ (Coalition to Stop the Use of Child Soldiers)

Die meisten Kindersoldaten sind zwischen 13 und 18 Jahre alt, doch in vielen Gruppen gibt es Kinder, die zwölf Jahre und jünger sind. Beah kämpfte z. B. an der Seite eines Siebenjährigen und eines Elfjährigen. Letzterer wurde von einer raketengetriebenen Granate tödlich verwundet, erinnert sich Beah, und als der kleine Junge sterbend vor ihm lag, „schrie er mit der schmerzhaft-schrillsten Stimme, die ich je gehört hatte, nach seiner Mutter“. 

Im Mai 2006 berichtete ein Africa Research Bulletin, dass „in Staaten wie Angola, Burundi, der Demokratischen Republik Kongo, Liberia, Ruanda, Sudan und Uganda Kinder, zum Teil nicht älter als sieben oder acht Jahre, nahezu selbstverständlich von Regierungstruppen rekrutiert werden“, während Rebellentruppen in Sierra Leone nachweislich Kinder schon mit fünf Jahren rekrutieren. 

Laut dem „Child Soldiers Global Report 2008“, den die Coalition to Stop the Use of Child Soldiers produziert, gab es zwischen 2004 und 2007 in 21 Ländern oder Territorien der Welt bewaffnete Konflikte, an denen Kinder als Soldaten teilnehmen mussten. Heute dienen in vielen Ländern weltweit Kindersoldaten, u. a. in der Republik Zentralafrika, im Tschad, in Somalia, Uganda und Myanmar (Burma), im Sudan, im Irak, in Kolumbien und Sri Lanka. Sowohl staatliche als auch nichtstaatliche Truppen in entwickelten Ländern und Entwicklungsländern lassen sich diesen ungeheuerlichen Umstand zuschulden kommen. Tendenziell setzen Entwicklungsländer, die in Bürgerkriege verstrickt sind, in ihrer Verzweiflung kleinere Kinder ein, doch selbst Großbritannien, die USA, Kanada und Neuseeland rekrutieren bereits 17-jährige Jugendliche für ihre Armeen. 

Mädchen indes kämpfen nicht nur an der Front, sondern arbeiten auch im Haushalt und dienen als „Ehefrauen“. Ab einem Alter von 13 Jahren können sie Kindersoldaten oder erwachsenen Militärführern zur Verfügung gestellt werden. Sie haben keine Wahl: Wenn sie sich weigern, werden sie getötet oder vergewaltigt. Natürlich bekommen viele von ihnen bald Kinder, für die sie zusätzlich Nahrung beschaffen müssen. Es ist ein zermürbendes Dasein, und Unterernährung, Erschöpfung und Misshandlung kosten viele das Leben. 

So ist es kein Wunder, dass viele ihrer Babys nicht überleben. Manche überleben nicht einmal die Geburt. In „Child Soldiers: What About the Girls?“ schreiben die Forscherin Dyan Mazurana von der Universität of Montana und Frau Professor Susan McKay von der Universität of Wyoming: „Zu den Geburtspraktiken der RUF [Revolutionary United Fronts] in Sierra Leone gehörte es, schwangeren Mädchen auf den Bauch zu springen und ihnen Gegenstände in die Scheide zu treiben, um zu erzwingen, dass die Mädchen Wehen bekamen, ehe der Geburtskanal ausreichend geweitet war – oder ihnen die Beine zusammenzubinden, um die Geburt zu verzögern, wenn ein schneller Ortswechsel nötig war.“

Zusätzlich zu Schwangerschaft und Mutterschaft kann wiederholter sexueller Missbrauch Infektionen, Krankheiten (u. a. HIV/AIDS), Deformationen des Uterus, Wunden an der Scheide, Mens-truationskomplikationen, Unfruchtbarkeit und Tod zur Folge haben, hinzu kommen möglicherweise „Schock, Verlust der Würde, Scham, geringe Selbstachtung, Konzentrations- und Gedächtnisschwäche, anhaltende Alpträume, Depressionen und sonstige posttraumatische Stresssymptome“. Mazurana und McKay betonen, wie wichtig es ist, diese jungen Frauen zu behandeln: „Weil Mädchen die Mütter und Erzieherinnen künftiger Generationen sind, hat ihre Gesundheit entscheidende Auswirkungen auf die Gesundheit eines ganzen Landes und seiner Bevölkerung.“ 

LEICHT VERFÜGBARER ROHSTOFF 

Ein Bericht von Amnesty International führt aus: „Sowohl Regierungstruppen als auch bewaffnete Gruppen benutzen Kinder, weil sie leichter zu furchtlosem Töten und gedankenlosem Gehorsam zu konditionieren sind.“ („Hidden Scandal, Secret Shame: Torture and Ill-Treatment of Children“, 2000) Kinder sind eine billige und reichliche Ressource für Militärführer, die einen stetigen Nachschub an Truppen für Kriegsgebiete benötigen. Da ihre Fähigkeit zur Einschätzung von Gefahren unterentwickelt ist, sind sie oft bereit, Risiken und schwierige Aufgaben auf sich zu nehmen, die Erwachsene oder ältere Jugendliche ablehnen. Kinder sind beeinflussbarer als Erwachsene, und je nach Alter und Vorgeschichte ist ihr Wertesystem und Gewissen noch nicht voll entwickelt. 

Wie Kinder zu bewaffneten Gruppen gelangen, ist unterschiedlich, doch Michael Wessells, ein Experte für Kindersoldaten, sagte zu Vision, dass keine Entscheidung eine „freie Entscheidung“ ist, sondern dass sie in der Regel auf elenden Lebensbedingungen wie Armut, Hunger, Trennung von der Familie, Misshandlung oder sexuellem Missbrauch, dem Fehlen einer Existenzgrundlage oder von Schulbildung (s. Interview mit Michael Wessells „Kindersoldaten – die Jugend wiederfinden“) beruht. In Child Soldier erzählt China Keitetsi ihre eigene Geschichte vom Leben in einer bewaffneten Gruppe, zu der sie aufgrund ihrer schwierigen Familiensituation kam. Es ist wahr, dass sich manche Kinder freiwillig an Konflikten beteiligen, weil sie eine Beziehung zur Ideologie der Gruppe haben, z. B. in Palästina und Sri Lanka; doch die meisten haben das Gefühl, dass ihnen einfach keine andere Wahl bleibt. 

Die traumatisierendste Art der Rekrutierung ist ohne Zweifel die Verschleppung. Die schlimms-ten Entführer sind die Kämpfer der Lord’s Resistance Army (LRA) in Uganda, die allein in den letzten zehn Jahren Zehntausende von Kindern verschleppt haben. Dies hat zum Phänomen der „Abendpendler“ geführt – dargestellt in dem aufwühlenden Bilderbuch „When the Sun Sets, We Start to Worry …“: An Account of Life in Northern Uganda („Wenn die Sonne untergeht, kommt die Angst …“: Ein Bericht über das Leben in Norduganda). Sein Vorwort berichtet: „Jeden Abend in Norduganda verlassen über 40 000 Mütter, Großmütter und Kinder ihre Häuser und gehen viele Meilen zu Fuß in die Städte, wo sie Schutz vor der Verschleppung durch die LRA suchen.“ In der Stadt schlafen sie vor Krankenhäusern, Kirchen und anderen öffentlichen Gebäuden. Der 70-jährige Elijah erzählt: „Nachts schlafen meine acht Enkel ohne Decken im Busch. Wo sie schlafen, weiß ich nicht, und sie wählen jedes Mal eine andere Stelle. Nicht einmal deine Mutter sollte dein Versteck kennen. Die Rebellen zwingen Eltern immer, ihnen zu zeigen, wo sich die Kinder verstecken.“

Die UNICEF berichtet, dass die LRA Kinder entführt hat, die erst fünf Jahre alt waren, zumeist aber Kinder im Alter von acht bis 16, oft nachdem vor ihren Augen ihre Eltern getötet wurden. Dann werden die kleinen „Rekruten“ gezwungen, bis zum Südsudan zu marschieren. Wer sein Gepäck nicht tragen oder nicht mit den anderen Schritt halten kann, wird getötet. Wer zu fliehen versucht, wird hart bestraft. Mädchen werden routinemäßig vergewaltigt. 

In Uganda mag das Risiko der Verschleppung am höchsten sein, doch auch in anderen Ländern sind Kinder davon bedroht. In Bhutan, Burundi, Myanmar (Burma), El Salvador, Äthiopien und Mosambik wurden Kinder, wie Wessells sagte, sogar aus der Schule entführt. Und der „Child Soldiers Report 2008“ meldet das Gleiche aus Bangladesh und Pakistan. Lokale Machthaber in Afghanistan und Angolas UNITA haben ein Quotensystem eingeführt, nach dem jedes Dorf ihnen eine Anzahl von Jugendlichen zu überlassen hat. Dörfer, die nicht gehorchen, werden überfallen.  

KINDER ZU KILLERN 

Militärführer bedienen sich bewährter Taktiken, um diesen heimwehkranken Kindern fraglosen Gehorsam einzuflößen und sie dabei zu Killern zu machen. Neue Rekruten werden oft gezwungen, zu töten oder verschiedene Gewalttaten an anderen zu verüben – Fremden, Flüchtlingen oder sogar Leuten aus ihren eigenen Dörfern und Familien. Die Kinder zu zwingen, Menschen, die sie kennen, zu verletzen oder zu töten, hat den zusätzlichen Vorteil, dass es sie von Fluchtversuchen abhält, da sie wissen, dass sie zu Hause nicht mehr willkommen sein werden. 

Einige Gruppen praktizieren sogar Kannibalismus; die jungen Rekruten müssen das Blut der Opfer trinken oder ihr Fleisch essen. Zwar sagt man den Rekruten oft, „das macht dich stärker“, doch Wessells hält dagegen, dass die wahre Absicht dahinter ist, „die Kinder zu zwingen, ihre emotionalen Reaktionen zum Schweigen zu bringen, wenn sie das Töten von Menschen sehen; ihr Gespür für die Heiligkeit des Lebens und ihre Tendenz, Achtung vor Toten zu haben, sollen gebrochen werden“. 

Obendrein werden häufig Drogen eingesetzt, um das Gewissen zu lähmen: Amphetamine, Crack, Kokain, Palmwein, „Brown-Brown“ (Kokain mit Schießpulver vermischt), Marihuana und Beruhigungsmittel tragen dazu bei, das Handeln der Kinder von jedem Wirklichkeitsbezug abzukoppeln. Kinder, die sich weigern, die Drogen zu nehmen, werden verprügelt oder getötet, berichtet Amnesty International. Wie der Leiter eines betreuten Übergangslagers zu Wessells sagte, taten die Rekruten „so ziemlich alles, was ihnen befohlen wurde“, wenn sie sich im Drogenrausch befanden. 

Auch Rache wird zur Motivation genutzt. Ishmael Beahs Befehlshaber redete ihm ein: „Stell dir den Feind vor; die Rebellen, die deine Eltern umgebracht haben, deine Familie, und die, die Schuld haben an allem, was dir passiert ist.“ 

Diese Taktiken sind zwar sehr wirksam, doch das kindliche Gewissen leidet trotzdem unter der Gewalt. „Am Anfang empfinden die meisten Kinder eine Mischung aus Ekel, Schuld und Selbstverachtung“, schreibt Wessells. „Diese normalen Reaktionen zeigen, wie stark die tief sitzende zivile Moral der Kinder ist und die soziale Verpflichtung, nicht zu morden oder Freunde zu verletzen. Angesichts der Schwere ihrer Taten rationalisieren manche Kinder ihr Handeln vielleicht auch, indem sie sich sagen: Ich wollte das nicht tun. Ich musste den Befehlen gehorchen, sonst wäre ich getötet worden. (…) Andere Kinder sehen diese Taten vielleicht als surreal an, als geschähen sie in einer Traumwelt, und empfinden sie als von sich abgespalten oder dissoziiert. Dieses Abspalten ist eine normale Reaktion des Selbstschutzes vor der Belastung durch die enorme Kluft zwischen der vorherigen Moral der Kinder und den Gräueltaten, zu denen sie gezwungen wurden. (…) Die früheren Werte der Kinder sind möglicherweise nicht verloren, sondern ausgesetzt.“

FRIEDEN LERNEN 

Für Kinder, die aus Kriegshandlungen gerettet werden oder bis zu deren Beendigung überleben, ist die Rückkehr in ein normales, ziviles Leben eine ungeheure Herausforderung. 

Früher hatten ehemalige Kindersoldaten Schwierigkeiten, das Erlebte zu verarbeiten und sich wieder in ihr Umfeld einzugliedern, obgleich für die unmittelbaren, praktischen Notwendigkeiten oft gesorgt wurde (Essen, Wasser, Unterkunft, Sicherheit, Zusammenführung mit der Familie). Viele waren als Rebellen geächtet, und der Übergang gelang ihnen nicht. Heute wissen Hilfsorganisationen und überstaatliche Organisationen wie die UNICEF, dass Kinder, die Soldaten waren, mehr als praktische Hilfe brauchen. Sie benötigen vor allem Heilung von emotionalen Problemen und traumatischen Erlebnissen, Schutz vor erneuter Rekrutierung, Schulung und Ausbildung in friedlichen Rollen und eine behutsame Wiedereingliederung in ein möglichst stabiles soziales Umfeld. Infolgedessen enthalten Friedensabkommen nun auch Klauseln über Entwaffnung, Demobilisierung und Reintegration. Diese Klauseln sind eigens dafür bestimmt, Opfern eine erfolgreiche Rückkehr in die Gesellschaft zu erleichtern – ohne Ächtung und Ausgrenzung. 

Der Prozess der Rehabilitation umfasst Drogenentzug und psychologische Anpassung, aber auch Heilung von posttraumatischen Stressstörungen mit Symptomen wie Albträumen, Flashbacks, Aggressivität, Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühlen, innerer Unruhe, Angst und sozialer Isolation. Nichtstaatliche Organisationen (NGO) bieten Programme mit Spielen und Aktivitäten an, die den Aufbau von Vertrauen fördern und Gelegenheit zum Einüben gewaltfreier Konfliktlösungen geben. Oft werden den Kindern mit Zeichnen, Geschichtenerzählen, Musik und Theaterspielen Wege eröffnet, ihre Erlebnisse mitzuteilen und zu verarbeiten. 

Laut dem Christian Children’s Fund, einer führenden internationalen gemeinnützigen Organisation, die sich in psychosozialen Diensten, u. a. der Rehabilitation ehemaliger Kindersoldaten, einsetzt, kann es durchaus drei Jahre dauern, bis die schwer traumatisierten Kinder und Jugendlichen wieder in die Gesellschaft integriert sind. Beah war acht Monate lang in einer Rehabilitationseinrichtung, ehe er bei einem Onkel untergebracht wurde. Allein sein Drogenentzug dauerte zwei Monate, und bis er nachts ohne Medikamente schlafen konnte, vergingen nochmals mehrere Monate. Sehr viel länger dauerte es, bis er sich wieder an seine frühere Kindheit erinnern konnte, während er noch mit Flashbacks seiner Kriegserlebnisse kämpfte. Als er allmählich lernte, Erwachsenen wieder zu vertrauen, staunte er über die Geduld der Betreuer und ihre Weigerung, ihre verstockten, feindseligen Schützlinge aufzugeben. Beah erinnert sich an seine Krankenschwester Esther, ihre „einladenden Augen und ihr Lächeln, das mich willkommen hieß und sagte, dass ich ein Kind war“. Wenn die Kinder sie mit dem Messer angriffen, schlugen oder auf andere Weise misshandelten, sagten die Betreuer ihnen: „Für all das kannst du nichts.“ Zuerst ärgerte ihn das, doch mit der Zeit begann er es zu glauben. Er schreibt: „Es erleichterte die Last meiner Erinnerungen und gab mir Kraft, nachzudenken.“ 

Die NGO, die sich in diesen Rehabilitationsprogrammen engagieren, waren nicht immer beim ersten Mal erfolgreich, doch konnten sie im Laufe ihrer Bemühungen einen Schatz an Erfahrungen sammeln, nachdem in letzter Zeit einige langjährige Konflikte in Afrika ein Ende gefunden haben. Mit den von der UNICEF initiierten Pariser Prinzipien wurde versucht, dieses Wissen zu fassen und Leitlinien für eine effektive Entwaffnung, Demobilisierung und Wiedereingliederung zu geben. Die Prinzipien wurden von 66 Staaten ratifiziert, die sich verpflichteten, „für die Entlassung aller Kindersoldaten aus kämpfenden Truppen zu arbeiten und Programme zu unterstützen, die den komplexen Bedürfnissen heimkehrender Kindersoldaten wirklich begegnen“. So werden Kinder mit den Hilfsmitteln ausgestattet, die für die oft schwierige Umstellung auf ein friedliches, ziviles Leben erforderlich sind, und erfolgreich wieder in Dorfgemeinschaften integriert. 

Beah hat vor Zuhörern in aller Welt über die Widerstandsfähigkeit von Kindersoldaten gesprochen. Er sagt ihnen: „Wir können rehabilitiert werden“, und fügt hinzu: „Ich glaube, dass Kinder die Widerstandsfähigkeit haben, ihre Leiden zu überleben, wenn sie eine Chance bekommen.“ Früher nahm man an, dass diese Jugendlichen so etwas wie beschädigte Ware seien, doch heute wird auf breiterer Basis akzeptiert, dass ehemalige Kindersoldaten, wenn sie die richtige Hilfe und Unterstützung von diesen besonderen Betreuern erhalten, mit Erfolg wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden können.  

WO KRIEG IST … 

Lässt sich bei der guten Arbeit, die für ehemalige Kindersoldaten geleistet wird, eine Zeit voraussehen, in der Kinder nicht mehr in den Krieg geschickt werden? Die Antwort scheint im Phänomen Krieg selbst zu liegen. Der „Child Soldiers Global Report 2008“ meldet: „Obwohl sich Organisationen der UNO, NGO und andere nach Kräften bemühten, fanden selten in großem Umfang Entlassungen von Kindern aus Streitkräften oder Gruppen statt, ehe die Feindseligkeiten eingestellt wurden. (…) Tatsächlich sind, wo immer es bewaffnete Konflikte gibt, fast mit Sicherheit Kindersoldaten beteiligt.“ Der Bericht fügt hinzu: „Die Realität diktiert, dass ein Ende des Konflikts die konkretesten Resultate bewirkt.“

Diese Perspektive lässt vermuten, dass der einzige Weg, den Einsatz von Kindern als Soldaten aus der Welt zu schaffen, darin besteht, den Krieg aus der Welt zu schaffen. Der Blick in die Geschichte der Menschheit macht allerdings wenig Hoffnung, dass dies in absehbarer Zeit möglich sein wird. 

Dem Leser unserer Zeitschrift wird nicht verborgen geblieben sein, dass wir von Vision danach streben, unsere Sichtweise neben neuesten Erkenntnissen auf eine zeitlose aufgeklärte biblische Perspektive auszurichten, die dem modernen Menschen gerecht wird und trotzdem authentisches Wissen nicht außer Acht lässt (siehe Kastenartikel „Gute Nachrichten über Krieg und Frieden“). 

Es scheint insofern, als meinten sowohl diese Quelle alter hebräischer Weisheit als auch die „Coalition to Stop the Use of Child Soldiers“, dass es ohne ein grundsätzliches „Ende des Krieges“ kein Ende des Einsatzes von Kindersoldaten geben wird.