Schlüssel zum Erfolg 

Für die über sieben Milliarden Menschen, die derzeit unsere Erde bewohnen, sind die Chancen auf Erfolg, wie man ihn gemeinhin versteht, sehr ungleich verteilt. Aber was ist wahrer Erfolg, und wie kann man ihn erreichen?

Wir alle kennen die Anzeigen, die das Geheimnis des Erfolgs versprechen. Typisch für sie sind Behauptungen, der Plan, für den sie werben, sei von reichen und berühmten Persönlichkeiten angewandt worden und jedermann könne damit Erfolg haben. Man müsse nichts tun, als ein paar einfache Regeln oder Schritte zu befolgen und – natürlich – einen nicht allzu hohen Betrag zu entrichten. Zu schön, um wahr zu sein?

In vielen Fällen ja, obgleich es falsch wäre, zu behaupten, es gebe nirgendwo guten Rat. Die Schwierigkeit ist, zu erkennen, welche Informationen wertvoll sind – die Spreu vom Weizen zu trennen. Seit einigen Jahren gibt es Bestrebungen, das Thema Erfolg stärker wissenschaftlich, evidenzbasiert anzugehen; dies hat zu verschiedenen Erkenntnissen geführt.

Was ist wahrer Erfolg, und was ist nötig, um ihn zu erreichen?

DUBIOSE DEFINITIONEN 

Der Ausgangspunkt unseres Forschens muss eine Definition dessen sein, wonach wir forschen. Ein amerikanisches Lexikon definiert Erfolg als „Erreichen von Wohlstand, Ruhm oder Position“. In unserer mediengetriebenen, prominenzfixierten Welt würden viele dem wahrscheinlich zustimmen. Aus dieser Definition folgt, dass der, der weder zu Wohlstand noch zu Ruhm noch zu einer hohen Position kommt, nicht erfolgreich ist. Leider ist damit der größte Teil der Menschheit zum Misserfolg verurteilt.

Ist das wirklich so? Michael Neill, laut Umschlagtext seines Buches zu diesem Thema der „beste Erfolgscoach der heutigen Welt“, schreibt darin: „Sie werden die absolut zweifelsfreie Gewissheit haben, dass Sie alles im Leben haben können, was Sie wollen: mehr Geld, bessere Beziehungen, einen neuen Job, oder was auch immer Ihr Herz zum Singen und Ihre Seele zum Aufleben bringt.“

Aber was ist, wenn man das Buch gelesen hat und dann erfährt, dass man herzkrank ist oder Krebs hat? Oder wenn man einer der Millionen Menschen auf der Welt ist, die in einem Flüchtlingslager jeden Tag mühsam überleben oder die in einer rostigen Blechhütte ohne sanitäre Einrichtungen und ohne Trinkwasser hausen? Würde es Ihnen dann nicht eher darum gehen, was Sie brauchen, als darum, was Sie wollen – genug Nahrung zu beschaffen, um Ihre Familie am Leben zu halten? Wie man sieht: Erfolg ist relativ.

Auch andere haben nur geringe Chancen im Leben. Zum Beispiel die vielen Millionen Analphabeten auf der Erde; für sie sind Wohlstand, Ruhm oder Position deutlich schwerer zu erreichen als für Menschen mit Hochschulabschluss.

Um eine bessere Welt zu schaffen, müssen wir den Flickenteppich aus Glücksfällen und willkürlichen Vorteilen, die heute über Erfolg entscheiden, […] durch eine Gesellschaft ersetzen, die Chancen für alle bietet.“ 

Malcolm Gladwell, Outliers: The Story of Success (2008)

Uns an unerreichbaren Idealen zu messen bewirkt nur Unzufriedenheit und das Gefühl von Versagen oder Resignation. Es ist fruchtlos, uns mit anderen zu vergleichen, insbesondere mit den Reichen und Berühmten und ihren vermeintlichen Vorteilen, um damit zu entschuldigen, dass wir nicht versuchen, selbst Erfolg zu haben.

Hilfreicher wäre es, das verzerrte Bild vom Erfolg abzutun. Der Duden definiert Erfolg zum Beispiel einfach als „positives Ergebnis einer Bemühung; Eintreten einer beabsichtigten, erstrebten Wirkung“. Wir alle müssen uns unsere Ausgangslage bewusst machen und uns realistische Ziele setzen, beispielsweise lesen zu lernen oder eine Doktorarbeit zu schreiben. Erfolg beschränkt sich nicht nur auf Leute, die an die Spitze eines Unternehmens wollen; er kann ebenso darin bestehen, dass eine junge Mutter Kindererziehung, Haushalt und vielleicht noch eine Berufstätigkeit unter einen Hut bringt. Wir alle können uns Ziele setzen, die unseren individuellen Lebensbedingungen angemessen sind. Unser Ziel zu erreichen – was es auch sei – bedeutet Erfolg.

In dem biblischen Gleichnis von den Talenten [Zentnern] werden drei Dienern unterschiedlich hohe Geldbeträge gegeben – entsprechend ihren jeweiligen Fähigkeiten; damit sollen sie wirtschaften, während ihr Herr abwesend ist. Als dieser zurückkommt, werden zwei der Diener als erfolgreich beurteilt, weil sie das Geld vermehrt haben. Der dritte wird als Versager eingestuft, weil er mit dem, was ihm gegeben wurde, nichts getan hat (Matthäus 25, 14–30). Dies drückt aus, dass wir nicht alle die gleichen Startbedingungen haben; worauf es ankommt, ist, was wir aus dem uns Gegebenen machen. „Wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern“ (Lukas 12, 48).

WENN SICH GELEGENHEITEN BIETEN

Malcolm Gladwell, den die Zeitschrift Time 2005 in ihrer Liste der 100 einflussreichsten Menschen nannte, hat die Frage erforscht, was Erfolg eigentlich ermöglicht. Während er mit dem Mythos des „Selfmademans“ aufräumt, der aus dem Nichts zu etwas Großem wurde, identifiziert er als einen der Erfolgsfaktoren die Gelegenheit.

Ein Beispiel ist Bill Gates, der Mitbegründer von Microsoft. Er besuchte eine Privatschule, die ihm Zugang zu einem Computer bot. Durch die Mutter eines Mitschülers bekamen er und seine Freunde die Gelegenheit, als Gegenleistung für kostenlose Rechenzeit die Software eines neuen Unternehmens zu testen. Weitere Gratisrechenzeit handelten sie für die Entwicklung eines Programms zur Lohnbuchhaltung aus. Später überzeugte Gates seine Lehrer, ihn als „selbstständiges Lernprojekt“ außerhalb der Schule an einem Computerprogramm für eine Elektrizitätsgesellschaft arbeiten zu lassen. Gegenüber Gladwell räumte Gates ein: „Ich hatte schon in jungen Jahren besseren Zugang zu Softwareentwicklung als sonst jemand zu der Zeit, glaube ich, und alles aufgrund einer unglaublichen Serie von Glücksfällen.“

Der Grund, warum die meisten Menschen eine Chance nicht erkennen, wenn sie ihr begegnen, ist, dass sie gewöhnlich im Blaumann unterwegs ist und aussieht wie harte Arbeit.“ 

Anonym (Frühestes bekanntes Zitat, 1921) 

Gladwell erkennt an, dass auch andere Faktoren Einfluss auf den Erfolg haben – wo und wann man geboren wird, welchen Beruf die Eltern haben, unter welchen Bedingungen man aufwächst usw. Doch ihm zufolge sind nicht unbedingt die Intelligentesten erfolgreich, und Erfolg ist nicht einfach die Summe unserer Entscheidungen und Bemühungen. Diejenigen mit den besten Erfolgschancen sind vielmehr „die, denen Gelegenheiten gegeben wurden – und die die Kraft und Geistesgegenwart hatten, sie beim Schopf zu ergreifen“. Chancengleichheit gibt es nicht.

DER SCHWERE TEIL 

Um Ziele zu erreichen, muss man sie sich erst einmal setzen. Unternehmensberater arbeiten oft mit dem Akronym SMART. Im deutschen Sprachraum steht dies dafür, dass Ziele spezifisch, messbar, akzeptiert, realistisch und terminiert sein sollen; ohne diese Elemente kann der Erfolg ausbleiben. Zum Beispiel könnte man sich das Ziel setzen, sechs Kilo abzunehmen (spezifisch), sich einmal wöchentlich zu wiegen (messbar), für den Partner oder die Partnerin gut auszusehen (akzeptiert), ein Kilo pro Woche anzustreben (realistisch) – „eine Kleidergröße pro Woche“, wie in den Anzeigen propagiert, kann man vergessen – und dieses Ziel in höchstens sieben Wochen zu erreichen (terminiert). Wenn wir uns ein solches Ziel setzen und es schließlich tatsächlich erreichen, empfinden wir das befriedigende Gefühl, etwas geschafft zu haben – etwas gut zu Ende gebracht zu haben; und obendrein stärkt dies unsere Fähigkeit, etwas Neues in Angriff zu nehmen.

Strategien sind gut und schön, aber es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Neill betont, dass das nicht schwer sein muss: „Wenn Sie richtig klar und ehrlich mit sich sind, was Sie wollen, verschwört sich alles im Universum, um Ihnen zu helfen, es zu bekommen. Ich nenne dies das Prinzip des mühelosen Erfolgs.“ Dem widerspricht der Journalist Daniel Coyle, der verschiedene Talentschmieden aufgesucht hat, darunter ein Gesangsstudio in Dallas, einen brasilianischen Fußballplatz und einen Tennisklub in Moskau. Er fragte die Menschen, die er dort antraf, mit welchen Worten sie ihre Empfindungen bei besonders produktiven Proben oder Trainings beschreiben würden. Sie nannten unter anderem die Begriffe Aufmerksamkeit, wach, konzentriert, Fehler, wiederholen, anstrengend. Die Worte natürlich, mühelos, Routine oder automatischbekam er kein einziges Mal zu hören.

Coyle erwähnt Vladimir Horowitz, den Klaviervirtuosen, der auch mit über 80 Jahren noch auftrat und oft mit den Worten zitiert wird: „Wenn ich einen Tag nicht übe, merke ich es. Wenn ich zwei Tage nicht übe, merkt es meine Frau. Wenn ich drei Tage nicht übe, merkt es die Welt.“ Dieses viele Üben kostet Zeit und Mühe.

Die Managerberaterin M. J. Ryan verweist auf Studien der University of Pennsylvania, die zeigen, dass Mumm – der feste Wille zum Erfolg – vielleicht ebenso wichtig ist wie Können. Es wird spekuliert, dass er Menschen befähigt, unvermeidliche Rückschläge zu überstehen, wodurch Erfolg wahrscheinlicher wird. Ryan stellt klar: „Ich denke nicht, dass Mumm etwas ist, was man hat oder nicht. Er ist eine Eigenschaft, die man selbst entwickelt, wenn man die Entscheidung trifft, sich für das, was man wirklich will, auf die Hinterbeine zu stellen, wie schwierig es auch sein mag.“

Die Psychologin Carol Dweck erklärt, dass wir tendenziell eines von zwei Selbstbildern haben: ein statisches (unsere Eigenschaften sind in Stein gemeißelt; entweder können wir etwas oder nicht) oder ein dynamisches (wir können Grundeigenschaften durch Anstrengung kultivieren; jeder Mensch kann sich ändern und wachsen). Jemand mit statischem Selbstbild versucht, Erfolge zu arrangieren und Misserfolge um jeden Preis zu vermeiden. Überlässt man Kindern mit statischem Selbstbild die Entscheidung, bleiben sie bei Rechenaufgaben auf einem Niveau, bei dem sie wissen, dass sie sie lösen können. Kinder mit dynamischem Selbstbild wählen dagegen schwierigere Aufgaben und gehen an die Grenzen ihrer Fähigkeiten, um besser zu werden.

Dweck kommentiert: „In der einen Welt ist Anstrengung etwas Schlechtes. Wie Misserfolg bedeutet sie, dass man nicht intelligent oder begabt ist. Wenn man es wäre, müsste man sich nicht anstrengen. In der anderen Welt ist Anstrengung das, was intelligent oder begabt macht.“ Als Beispiel nennt sie den legendären Basketballstar Michael Jordan. „Er schaffte es nicht in seine Schulmannschaft. […] Von dem College, für das er spielen wollte, wurde er nicht rekrutiert. […] Von den beiden ersten NBA-Mannschaften, die ihn hätten haben können, wurde er nicht geholt.“ Jordan selbst bezeugt, dass er nicht durch angeborenes Talent an die Spitze kam, sondern durch festen Willen, Anstrengung und Üben, Üben, Üben.

Die Pietà wurde als reiner Ausdruck des Genies bezeichnet, aber ihr Schöpfer dachte anders darüber. ,Wenn die Leute wüssten, wie hart ich arbeiten musste, um meine Meisterschaft zu erlangen‘, sagte Michelangelo später, ,würde es gar nicht so wunderbar erscheinen‘.“ 

Daniel Coyle, The Talent Code (2009) 

Auch Gladwell identifiziert Anstrengung als zentralen Erfolgsfaktor. Er zitiert eine Untersuchung des Psychologen K. Anders Ericsson aus den frühen 1990er-Jahren. An der Berliner Musikakademie stellte Ericsson fest, dass die besten Violinstudenten diejenigen waren, die am meisten geübt hatten. Diese Spitzenmusiker hatten mit 20 Jahren schon rund 10.000 Stunden Üben hinter sich. Gladwell bemerkt, dass Ericsson keine „Naturtalente“ fand, die mühelos an die Spitze schwebten und dabei nur einen Bruchteil der Zeit übten, die andere aufwandten. Daraus schließt er, dass bei Musikern, die fähig genug sind, um in den besten Musikhochschulen aufgenommen zu werden, die Anstrengung darüber entscheidet, welches Niveau sie erreichen. Bill Gates, Mozart und die Beatles – sie alle seien durch die Zeit an die Spitze gelangt, die sie in den Bereich ihrer Wahl investierten.

ÜBUNG MACHT DEN MEISTER 

Coyle geht noch weiter: Was zählt, sei nicht nur die Zahl der Stunden, sondern dieQualität des Übens. Auch dies ist ein uraltes biblisches Prinzip. König Salomo, berühmt für seine Weisheit, riet seinen Lesern vor fast 3.000 Jahren: „Wenn sich dir die Gelegenheit bietet, etwas zu tun, dann tu es mit vollem Einsatz“ (Prediger 9, 10; Gute Nachricht Bibel).

Coyle nennt das „deep practice“ – tiefes Üben: „Unsere Intuition sagt uns, dass Üben den gleichen Bezug zu Talent hat wie ein Schleifstein zu einem Messer: Es ist notwendig, aber ohne eine solide Klinge – ‚natürliche‘ Begabung – ist es nutzlos. Tiefes Üben lässt an eine faszinierende Möglichkeit denken: dass man durch Üben die Klinge selbst schmieden [das heißt Talent aufbauen] könnte.“

Dass Können durch konzentriertes Üben wächst, scheint selbstverständlich, aber warum tut es das? Coyle zufolge kann gezielte Anstrengung das Lerntempo erheblich steigern. In seiner Forschung stieß er auf Verweise auf eine Substanz namens Myelin, die Abschnitte von Neuronen oder Nervenzellen isoliert. Unter Berufung auf den Neurobiologen Douglas Fields von den US National Institutes of Health weist er darauf hin, dass Myelin eine zentrale Rolle für das Funktionieren des menschlichen Gehirns spielt. All unsere Gedanken und Bewegungen sind die Folge elektrischer Signale, die durch eine Kette von Neuronen geleitet werden. Je mehr Myelin vorhanden ist und als Isolierung fungiert, umso höher sind offenbar Stärke, Geschwindigkeit und Korrektheit der elektrischen Impulse. Je mehr wir außerdem einen bestimmten Schaltkreis beanspruchen, umso mehr Myelin legt sich um ihn und umso schneller und flüssiger werden dadurch unsere Gedanken und Bewegungen.

Anhand von „deep practice“ und Myelin erklärt Coyle, wie die Schwestern Charlotte, Emily und Anne Brontë zu literarischer Größe gelangten. Statt angeborener Begabung seien es frühe Erfahrungen, Gelegenheiten und enorm viel Übung gewesen, durch die sie zu großen Schriftstellerinnen werden konnten. Er fährt fort, „die ungeschulte Qualität ihrer frühen Schriften“ stehe nicht im Widerspruch zu ihren späteren Werken wie Jane EyreWuthering Heights und The Tenant of Wildfell Hall – sie sei vielmehr eine Vorbedingung dafür gewesen. Die Schwestern wurden große Schriftstellerinnen, weil sie als Kinder fähig und willens waren, unendlich viel Zeit mit gemeinsamem, tiefem Üben zu verbringen, und dabei Myelin bildeten.

Was einen Leistungsträger von einem anderen unterscheidet, ist, wie hart er oder sie arbeitet. Das ist es. Und außerdem arbeiten die Leute ganz oben an der Spitze nicht nur härter oder auch viel härter als alle anderen. Sie arbeiten viel, viel härter.“ 

Malcolm Gladwell, Outliers: The Story of Success (2008) 

Wenn es also etwas gibt, in dem wir erfolgreich sein wollen, müssen wir ständig daran arbeiten – Schaltkreise beanspruchen und Myelin bilden. Das gilt für körperliche Fähigkeiten ebenso wie für geistige Prozesse. Dies steckt hinter der Maxime, dass man schlechte Angewohnheiten überwindet, indem man sie durch gute ersetzt. Laut Coyles Vorstellung von tiefem Üben ist das am effektivsten, wenn man Fehler macht und sie dann korrigiert: „Es gibt […] keinen Ersatz für aufmerksame Wiederholung. Nichts, was man tun kann, […] ist effektiver, um Können aufzubauen, als eine Handlung auszuführen, den Impuls durch die Nervenfaser zu schicken, Fehler zu korrigieren, den Schaltkreis zu perfektionieren.“ Dies hilft uns, besser zu werden, uns zu entwickeln, zu wachsen, unsere Leistung zu steigern – Erfolg zu haben.

MIT MISSERFOLG UMGEHEN 

Wie Gladwell wendet sich auch David Shenk, der für Publikationen wie National GeographicThe New Yorker und TheAtlantic.com schreibt, in seinem Buch The Genius in All of Us gegen den allgegenwärtigen Mythos von angeborenem Talent oder Begabung. Während die natürlichen Fähigkeiten eines Menschen in früheren Jahrhunderten gewöhnlich als gottgegeben angesehen wurden, schreibt er, wurden sie im 20. Jahrhundert zunehmend als genetisch gegeben angesehen. Wenn wir so denken, könnten wir laut Shenk leicht in die Vorstellung verfallen, dass andere etwas können, weil sie mit etwas geboren wurden, das wir nicht haben. Es gebe aber viele Möglichkeiten, in unseren eigenen, persönlichen Gegebenheiten ein Erfolg zu sein, ob als wunderbarer Lehrer, als kreative, ethisch saubere Unternehmerin oder als loyaler, fleißiger Bürogehilfe.

Wie Dweck schreibt, hängt die Fähigkeit, zu streben, zu arbeiten und zu üben, von dem dynamischen Selbstbild ab, in dem Fehler als Chancen gesehen werden. Michael Jordan berichtet aus seiner eigenen Erfahrung: „Ich habe in meiner Laufbahn über 9.000-mal nicht getroffen. Ich habe fast 300 Spiele verloren. 26-mal hat man mir vertraut, dass ich den Treffer lande, der das Spiel gewinnt – und ich habe nicht getroffen. In meinem Leben habe ich immer und immer und immer wieder versagt. Und genau deshalb habe ich Erfolg.“

Das dynamische Selbstbild sucht Herausforderungen, stellt sich ihnen und macht Fortschritte; es erwartet nicht, fehlerlos zu sein und alles beim ersten Mal richtig zu machen. Misserfolg ist nicht das letzte Wort über uns; er ist ein notwendiger Schritt auf dem Weg zum Erfolg.

Versuche nicht, ein Mensch des Erfolgs zu werden, sondern ein Mensch von Wert.“ 

Albert Einstein, zitiert von William Miller in „Death of a Genius“, Life (2. Mai 1955) 

Falscher Umgang mit Misserfolgen kann auch dazu führen, dass man andere als aburteilende Richter sieht. Dweck bat eine Gruppe schwarzer amerikanischer Studenten, einen Essay zu schreiben; bewertet wurde er „von einen angesehenen Professor von einer Eliteuniversität. Das heißt, einem Vertreter des weißen Establishments.“ Das Feedback von ihm war kritisch, aber hilfreich. Die Studenten mit statischem Selbstbild empfanden seine Kommentare als drohend oder beleidigend und lehnten seinen Rat ab. Diejenigen mit dynamischem Selbstbild bezeichneten den Professor zwar als arrogant, einschüchternd und herablassend, konnten aber trotzdem positiv auf seine Bewertung reagieren. Ihr dynamisches Selbstbild machte es diesen Studenten möglich, den Professor für ihre eigenen Zwecke einzuspannen. Ihr Ziel war es, eine Hochschulbildung zu bekommen, und selbst wenn sie den Professor als Wichtigtuer empfanden, waren sie bereit, zuzuhören und zu lernen.

AUF DEN CHARAKTER KOMMT ES AN 

Wenn wir uns auf die Herangehensweise einlassen, die diese Autoren und Trainer beschreiben, kann das wirklich befreiend sein. Wir können bestimmte Einschränkungen durch unsere Umwelt, Erziehung, Chancen usw. als Realität akzeptieren; doch mit dem Blick auf realistische, lohnende Ziele können wir die von uns selbst auferlegten Fesseln des Zweifels und die Gefühle der Unzulänglichkeit ablegen und nicht akzeptieren, dass das Leben aus vorbestimmten Ergebnissen besteht.

In einer idealen Welt würden Lehrer, Eltern, Trainer und Arbeitgeber den Funken der Motivation und Begeisterung zünden, der uns hilft, zu wachsen, uns zu entwickeln und unser Potenzial zu verwirklichen. Sie würden uns helfen, zu sehen, wo wir uns ändern müssen, und uns fähig machen, Schritt für Schritt besser zu werden, bis wir unsere Ziele erreichen.

Dennoch: Erfolg verlangt Charakter – persönlich die Verantwortung für unser Denken und Handeln zu übernehmen, indem wir uns selbst beherrschen. Andere Faktoren mögen den Erfolg unterstützen oder behindern, aber die Fähigkeit, zu verbessern, was wir selbst können, um unsere gewählten Ziele zu erreichen, ist entscheidend.

Wenn ein Eisen stumpf wird und an der Schneide ungeschliffen bleibt, muss man mit ganzer Kraft arbeiten. Aber Weisheit bringt Vorteil und Gewinn.“ 

Prediger 10, 10, Luther-Bibel 1984 

Charakterentwicklung ist nicht nur Mittel zum Zweck – etwas, an dem wir arbeiten, um uns zum Erfolg zu verhelfen. Sie ist selbst ein Ziel. Das Gleichnis von den Talenten ist mehr als ein moralisches Lehrstück, das uns inspirieren soll; es ist ein Aufruf, uns vorzubereiten, uns zu ändern und auf einer ganz neuen Ebene erfolgreich zu sein.

Dies war die Sichtweise des Apostels Paulus, als er schrieb: „Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen. Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt, sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn“ (1. Korinther 9, 24–27; Luther-Bibel 1984).

Paulus’ höchstes Ziel war ein geistliches: ein Leben zu führen, das von Selbstbeherrschung und Dienen geprägt war, gegen alle Hindernisse, in Erwartung eines ewigen Lebens in dem verheißenen Reich Gottes auf der Erde. Doch der Wert, unseren Charakter zu entwickeln – durch harte Arbeit, Wiederholung und Selbstbeherrschung – gilt für jedes Ziel, das wir uns setzen.

Uns einen solchen Charakter zu erarbeiten gibt uns nicht nur das Mittel zum Erfolg: Er ist die eigentliche Definition von Erfolg.