Das neue Gesicht des Krieges

Sir John Keegan (JK) ist weithin als herausragender Militärhistoriker unserer Zeit anerkannt. In diesem Interview mit David Hulme (DH), dem Herausgeber von Vision, erläutert er die Ereignisse des 11. September und das neue Gesicht des Krieges. 

 

DH Sie können auf eine lange und erfolgreiche Laufbahn als Fachautor für Kriegsgeschichte zurückblicken und sind nun Redakteur für Verteidigung bei der Londoner Zeitung Telegraph. Was hat Sie zu diesem Beruf geführt, und warum haben Sie ihn gewählt?

JK Ich habe den Beruf gar nicht gewählt - ich habe mich nur von klein auf für Soldaten interessiert und dafür, was sie taten. Ich bin ein Kind des Zweiten Weltkrieges. Mit neun Jahren sah ich die Vorbereitungen für D-day, die mich natürlich faszinierten. Das Land wimmelte von Soldaten und militärischem Gerät. Ich erinnere mich ganz genau an den Morgen des D-day, und einen noch viel tieferen Eindruck hat die Nacht vom 5. auf den 6. Juni hinterlassen, als die amerikanischen Fliegerdivisionen - die 101. und die 82. - zur Normandie flogen. Es muss die 101. gewesen sein, die über mein Elternhaus flog. Der Himmel war voller Flugzeuge, die die Fallschirmspringer zur Normandie brachten - ein höchst außergewöhnlicher Anblick, ein höchst außergewöhnliches Geräusch.

Kurzum, ich hatte dieses Kindheitserlebnis, das wohl mein Interesse weckte. Außerdem interessierte ich mich für Geschichte. Als ich nach Oxford ging, musste ich ein Spezialgebiet wählen, und ich wählte Militärgeschichte. Nach Oxford wusste ich eigentlich nicht, was ich tun wollte, doch ich sah ein Stellenangebot für einen Militärhistoriker in Sandhurst - als ziviler Lehrbeauftragter. Da bewarb ich mich, und nach einer gewissen Verzögerung bekam ich die Stelle. Ich blieb 25 Jahre in Sandhurst.

DH Sie sprechen von den Flugzeugen, die über Sie hinwegflogen, und wie ein so tief beeindruckender Moment das Leben eines Menschen verändern kann. In gewisser Weise muss der 11. September [2001] eine solche Wirkung haben. Jemand hat gesagt, keine Kriegshandlung hätte je ein größeres Publikum gehabt.

JK Das ist sicher richtig, und tatsächlich war ich mit Hilfe des Fernsehens einer der Zuschauer, denn ich war gerade beim Telegraph angekommen, und mein Taxifahrer hatte gesagt: „In New York ist etwas ganz Ungewöhnliches im Gange. Ein Flugzeug ist in einen Wolkenkratzer geflogen.“ Als ich auf der Etage der Redaktion ankam, fand ich alle vor dem Fernseher. Ich setzte mich, und nach ein paar Minuten flog das zweite Flugzeug in den zweiten Turm. So war ich Augenzeuge dieses entsetzlichen Ereignisses wie andere auch.

Es hat ein Bild hinterlassen, das immer wiederkommt und immer wiederkommen wird. Ich denke, es ist eines der furchtbarsten Dinge, weil wir so an Wolkenkratzer gewöhnt sind und so an Passagierflugzeuge gewöhnt sind. Der Anblick einer Passagiermaschine, die in einen Wolkenkratzer fliegt, hat deshalb eine ganz besondere Wirkung. Es war die meistbeobachtete Kriegshandlung aller Zeiten und somit höchst sensationell.

DH Nach dem 11. September wurde gesagt, wir bekämen aus einem Teil der Welt die Quittung dafür, was wir ihnen ihrer Wahrnehmung nach angetan hätten.

JK Das akzeptiere ich absolut nicht. Es war eine ungeheuerliche Gräueltat und ein Verbrechen, durch absolut nichts in der Beziehung zwischen der reichen Welt und der Dritten Welt gerechtfertigt. Die meisten Menschen, die bei der Twin-Towers-Katastrophe starben, waren keine Investitionsbanker, die in Stretchlimousinen zur Arbeit fuhren. Ganz oben im Nordturm war ein riesiges Restaurant, und da waren arme kleine Kellnerinnen und Küchenhelfer und Köche für Schnellgerichte, die $8 in der Stunde verdienten und in Queens wohnten. Sie waren schlechter dran als diese gut ausgebildeten arabischen Hochschulabsolventen, die die Universität Hamburg besucht hatten und die Maschinen flogen. Der Versuch, den 11. September mit der ungleichen Verteilung des Reichtums zwischen Amerika und der Dritten Welt zu rechtfertigen, ist widerwärtig! Er ist ein Zeichen für die Verderbtheit des Intellekts - des westlichen Intellektuellen.

Der Versuch, den 11. September mit der ungleichen Verteilung des Reichtums zwischen Amerika und der Dritten Welt zu rechtfertigen, ist widerwärtig!

DH Spiegelt sich diese Verderbtheit im Denken Osama bin Ladens?

JK Bin Laden ist psychisch eindeutig nicht normal. Er ist einer von den Intellektuellen, die ihren Mitmenschen die furchtbarsten Dinge antun, wenn es ihnen gelingt, an Macht zu kommen. Lenin, Stalin, Hitler, Pol Pot - die Sorte ist er. Er ist ein Massenmörder. Er ist ein potentiell weit größerer Massenmörder - einer mit einer Ideologie, die seinen Drang zum Massenmord in seinen Augen rechtfertigt.

DH War der 11. September eine Weiche der Geschichte? Ein Wendepunkt?

JK Nein, das war er nicht; ich glaube nicht, dass die El-Kaida als Organisation mächtig genug ist. Weil dies so sensationell war, provozierte es eine sensationelle Reaktion: unverzüglich und kraftvoll. Doch obwohl die El-Kaida immer noch existiert und wohl sicher noch weitere Verbrechen ausheckt, die sie vielleicht ausführen wird, vielleicht aber auch nicht, ist sie durch die Ereignisse in Afghanistan und anderswo doch stark angeschlagen. Die Amerikaner haben mehrere tausend Personen eingesperrt. Obwohl Journalisten klagen, dass keine großen Fortschritte gemacht werden, hat man doch schon durch das Einsperren der Leute ihre Organisation gestört und die Wahrscheinlichkeit verringert, dass sie weitere Gräuel begehen können. Dies ist einer der ständig missverstandenen Aspekte des Kampfes gegen organisiertes Verbrechen oder Terrorismus. Es sieht vielleicht nicht so aus, als ob man gewinnt, aber durch das, was man tut, zwingt man sie in die Defensive. Und wo sie in der Defensive sind, sind sie nicht in der Offensive, und das ist gut.

DH Sie haben im Telegraph über den Erfolg des Militäreinsatzes in Afghanistan geschrieben. Doch der 11. September zeigt den Amerikanern den Verlust ihrer Unverwundbarkeit auf ihrem eigenen Boden. Wie passen diese beiden Dinge Ihrer Ansicht nach zusammen?

JK Ich denke, George Bush hat in Afghanistan enormes Glück gehabt. Jeder war überrascht, wie schnell die Taliban zusammenbrachen. Als ich zu Beginn des Antiterror-Feldzugs darüber schreiben musste, habe ich sehr darauf geachtet, mich nicht allzu weit aus dem Fenster zu lehnen, denn ich konnte nicht absehen, was geschehen würde. Diejenigen, die damals sagten, Amerika werde sich wieder in einen Ersten Afghanischen Krieg verstricken, sehen heute aus wie Dummköpfe. Aber selbst ich war nicht bereit zu dem Risiko, zu sagen, die Taliban würden in die Knie gehen. Es ist ein interessantes Beispiel dafür, wie Außenstehende sich von Rhetorik und Imponiergehabe täuschen lassen. Die Taliban sahen mit ihren Turbanen und Bärten wie ganz harte Kerle aus. Wir wussten nicht, dass die meisten hinter der Fassade eigentlich ganz einfache pakistanische Dorfjünglinge waren; es waren absolut keine wilden Bergkrieger. Und als die Taliban unter Druck gesetzt wurden, hatten sie einfach weder den Zusammenhalt noch das Können, um es mit den Amerikanern aufzunehmen.

DH War es ein Versagen der Nachrichtendienste, dass der Westen das nicht wusste?

JK Ich glaube, es war sehr schwierig, in Afghanistan einen Geheimdienst zu betreiben. Die Taliban waren vielleicht keine besonders guten Soldaten, aber sie waren ziemlich gute Ortspolizisten. Sie wandten viel Zeit daran, normale Afghanen zu unterdrücken, und vor dem Ende des letzten Jahres war es wahrscheinlich sehr gefährlich, ein Geheimagent in Afghanistan zu sein.

DH Es wird oft gesagt, der 11. September sei der Tag, an dem sich die Welt verändert hat, und in mancherlei Hinsicht hat sie sich sicher auch verändert. Glauben Sie, dass diejenigen, die es so ausdrücken, ein wenig überreagieren?

JK Ich glaube nicht, dass sich die Welt so verändert hat wie zum Beispiel mit dem Ende der Naziherrschaft im Jahr 1945 oder mit dem Untergang des Kommunismus im Jahr 1989. Doch sie hat sich in einer noch tiefer greifenden und, wie ich finde, unguten Weise verändert. Das Ende des Kommunismus war etwas Gutes; der Untergang Hitlers war etwas Gutes. Es ist mehr wie der Abwurf der Atombombe, der für immer verändert hat, wie Staaten miteinander umgehen können. Es hat bereits begonnen, denn das wohlwollende System der bürgerlichen Freiheiten, an das wir im Westen so gewöhnt sind, ist im Rückzug begriffen. Alle möglichen Einschränkungen der Amtsgewalt, Bestimmungen des Datenschutzes und all die anderen Dinge, die wir (besonders in den angelsächsischen Ländern) damit assoziieren, freie Menschen zu sein, werden schon jetzt ausgehöhlt und werden, glaube ich, weiter ausgehöhlt werden.

DH Wie sehen Sie die Gefahren, die der Welt heute drohen?

JK Wie bei allen anderen ist mein Weltbild durch den 11. September ins Wanken geraten. Ich glaubte an die neue Weltordnung. Ich dachte, nach dem Niedergang des Kommunismus sei eine vernünftige Atmosphäre des guten Willens der vorherrschende Einfluss. Doch ich hatte Unrecht. Es gibt weit weniger guten Willen und Vernunft, als wir glaubten. Ich halte einen Krieg von großen Ausmaßen noch immer für unwahrscheinlich. Natürlich hätte die El-Kaida liebend gern einen großen Krieg, solange sie dahinter stehen. Doch ich kann nicht erkennen, dass irgendein großer, organisierter Staat heute einen großen Krieg mehr will als vor dem 11. September. In diesem Sinn ist die Idee hinter der neuen Weltordnung wahrscheinlich immer noch wirksam. Indien und Pakistan werden durch ihre Kernwaffen gebremst. Ich kann auch nicht sehen, warum China gegen irgendjemanden kämpfen wollte. Für Russland ist ein Krieg das Letzte, das es braucht. Amerika will mit Sicherheit keinen großen Krieg. Niemand in Europa will einen Krieg. Wo sonst können Sie einen Krieg sehen? Es gibt die Kriege in Afrika, aber das sind Kämpfe zwischen Banditen und Kriegsherren, nicht das, worüber wir sprechen. Die haben mit örtlichen Machtverhältnissen und persönlicher Bereicherung zu tun.

DH Sie sagen nicht das Ende des Krieges, sondern das Ende des Krieges, wie wir ihn kennen?

JK Krieg ist für Staaten nicht mehr nützlich. Darum geht es. Krieg ist viel zu kostspielig.

DH Ich habe den Eindruck, Sie haben sich gesträubt, Krieg zu definieren. Sie haben einmal gesagt: „Krieg ist kollektives Töten für ein kollektives Ziel. Bis hierhin gehe ich in dem Versuch, ihn zu beschreiben.“

JK Ja, aber das ist in gewisser Weise ein persönliches Argument von mir. Im Kalten Krieg wurde es ein Glaubenssatz, besonders in den USA, dass Krieg in jedem Fall ein politischer Akt ist. Ich fand immer, dass dabei der Faktor Gewalt unterschätzt wurde. Ich fand immer, dass viele Menschen, die mit Kriegen zu tun haben, einfach Gewalt um der Gewalt willen mögen oder in Gewalt um der Gewalt willen verstrickt werden, und dass es gefährlich und zu kurz gedacht ist, Krieg schlicht und einfach als politische Aktivität zu verstehen. Und seltsamerweise glaube ich, dass der 11. September diese Sichtweise bestätigt. Die El-Kaida scheint mir überhaupt keine politische Organisation zu sein. Und die Beteiligten, die das Verbrechen begingen, waren eindeutig nicht von Motiven beseelt, die man politisch nennen könnte. Politik muss letztlich auf Vernunft beruhen, und wer bereit ist, sich selbst zu töten, gibt sich etwas höchst Unvernünftigem hin. Das ist für mich ein weiteres Indiz dafür, dass es sehr, sehr gefährlich ist, allzu präzise zu definieren, was Krieg ist. Ich denke, Krieg kann viele Formen annehmen - tatsächlich mutiert er, wie ein Virus mutiert. Wie viel weiter er nach dem 11. September noch mutieren kann, weiß ich nicht. Das erscheint mir fast als eine letzte Mutation.

DH Sind Sie bereit, Krieg noch weiter zu definieren?

JK Nun, Frieden ist die Abwesenheit von Krieg, natürlich. Das war einmal die einzige Definition des Friedens, aber ich denke, wir kommen allmählich zu einer weiteren, großzügigeren Definition. Frieden sollte einen positiven Geist der Zusammenarbeit zwischen Völkern beinhalten.

DH Ist Frieden darüber hinaus ein Geisteszustand?

JK Ja, natürlich, aber wie oft erreicht ein Mensch inneren Frieden? Wie oft entspannen wir uns? Wir haben immer etwas, das uns Sorgen macht. Innerer Friede ist eine sehr schwer fassbare Eigenschaft.

DH Was denken Sie über das Wesen des Menschen?

JK Einerseits heißt es, dass wir nach dem Bild Gottes geschaffen sind und dass deshalb etwas sehr, sehr Gutes an uns ist. Andererseits heißt es, dass wir eine gefallene Natur haben und dass somit etwas sehr Schlechtes an uns ist. Darum gibt es einen Konflikt zwischen dem Guten und dem Bösen in uns. Wenn man dieses Menschenbild hat, spürt man es in jeder Minute seines Lebens. Doch außerhalb des Individuums ist der Konflikt der gleiche.

DH Sie haben davon gesprochen, wie sehr der Krieg sich verändert. Überzeugt der 11. September Sie vom Wandel des Krieges?

JK Ich fürchte, ja. Er ist ein Paradebeispiel für diese schlimme Tendenz des Krieges, zu mutieren und eine neue Virusform anzunehmen, für die wir kein Gegenmittel haben. Die Analogie zu Viren ist für die El-Kaida besonders geeignet, weil wir das Ausmaß der Verschwörung nicht kennen - nicht im Einzelnen. Wir wissen nicht, wo die Verschwörung sitzt. Es ist genau wie eine sehr schlimme Krankheit. Wir wissen, dass sie da ist, weil wir unter ihr leiden, doch wir können den Erreger nicht genau identifizieren.

DH Wir stemmen uns mit unserer neuesten Technologie dagegen, doch wir scheinen in einen Kampf mit etwas verwickelt, das mittelalterlich und doch sehr, sehr modern ist.

Leider sind Menschen die wirkungsvollsten Kriegswaffen, die je erfunden wurden. 

JK Leider sind Menschen die wirkungsvollsten Kriegswaffen, die je erfunden wurden. Ich meine, können Sie sich etwas Schlimmeres vorstellen als einen Absolventen der Universität Hamburg, der glaubt, Gott habe ihm befohlen, eine Passagiermaschine voller Unschuldiger in einen Wolkenkratzer voller Unschuldiger zu jagen? Das ist so ziemlich das Schlimmste, das aus einem Menschen werden kann.