Stadt der Religionen, Teil 1: Die Jerusalem-Frage

Man nennt es die Jerusalem-Frage: Die beiden Völker, die Jerusalem nicht nur ihre Heimat-, sondern ihre Hauptstadt nennen, stehen einander scheinbar unversöhnlich gegenüber – wie werden die Konflikte, die die Stadt des Friedens entzweien, je gelöst werden?

Jerusalem ist das zeitgenössische Herz des großen Kulturraums Mittlerer und Naher Osten. Darüber hinaus ist es der Mittelpunkt eines mehr als hundertjährigen Konflikts zwischen Arabern und Zionisten, und heute scheint es, als ob beide Seiten in einer Sackgasse gelandet sind. Beide Seiten identifizieren sich aus geschichtlichen, sozialen und politischen Gründen mit dieser uralten Stadt. Erschwert wird die festgefahrene Situation dadurch, dass in Jerusalem drei Weltreligionen zu Hause sind – Judentum, Christentum und Islam – und damit all die aufeinander prallenden Leidenschaften, die religiöser Eifer entzünden kann.

Als das neue Jahrtausend anbrach, konzentrierte sich die palästinensisch-israelische Auseinandersetzung auf einen entscheidenden Quadratkilometer – die Altstadt Jerusalems, in der die antiken Wahrzeichen und Trophäen dieser heute gegensätzlichen Identitäten liegen. Natürlich identifizieren sich palästinensische Muslime und Christen ebenso wie religiöse und weltliche Israelis auf vielschichtige Weise mit der Altstadt und ihren heiligen Stätten, die auch weiterhin entscheidend für jede etwaige Lösung der Jerusalem-Frage sein wird. Sie wird für die abschließenden Verhandlungen „aufgespart“; an ihr und ihren zentralen historischen und religiösen Elementen könnte jeder vorgeschlagene Friedensvertrag scheitern.

Außer den direkt Beteiligten, den Israelis und Palästinensern, machen sich viele Völker Gedanken um die Jerusalem-Frage: Marokkaner, Irakis, Iraner und Türken, ganz zu schweigen von dem „Trio“ und dem „Quartett“ (vgl. Boxartikel „Das Trio und das Quartett“). Das Interesse Dritter an Jerusalem hat eine lange Geschichte. Die Christen des Mittelalters stellten die Stadt zum Beispiel in den Mittelpunkt ihres religiösen Lebens, weil die römisch-katholische und die orthodoxe Kirche Jerusalem für heilig erklärten. Deshalb – und da es an geografischen Kenntnissen und geeigneter Technik fehlte – zeigten ihre Karten Jerusalem in der Mitte der Erde. Eine eigene ältere jüdische Tradition nannte es auch den omphalos, den Nabel der Welt, noch eine andere den Geburtsort des Kosmos. In gewisser Weise spiegelt die moderne Welt diese Vorstellungen wider; sie ist offenbar zu solchen Bildern zurückgekehrt, und Jerusalem ist wieder zum Brennpunkt weltweiter Aufmerksamkeit geworden.

Hier beginnen wir eine zweiteilige Untersuchung der zentralen Rolle Jerusalems im jüdisch-israelischen und im arabisch-palästinensischen Denken. Teil 1 wird die jüdisch-israelische Perspektive beleuchten.

JERUSALEM – HEIL UND HEILIG

Seit 2500 Jahren, seit der babylonischen Gefangenschaft des alten Israel (605–459 v. Chr.), bewegt die Juden der Schwur der Verschleppten: „Vergesse ich dich, Jerusalem, so verdorre meine Rechte. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenke, wenn ich nicht lasse Jerusalem meine höchste Freude sein“ (Psalm 137, 5-6). Und seit der Zerstörung des herodianischen Jerusalem und seines Tempels durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. sagen die jüdischen Gemeinden in der Diaspora jedes Jahr bei zwei religiösen Feiertagen des Judentums, dem Passafest und dem Versöhnungstag: „Nächstes Jahr in Jerusalem!“ Die heutige Nationalhymne des Staates Israel, „Ha-Tiqva“ (Die Hoffnung), die um 1878 komponiert wurde, war von den zionistischen Gründer-Siedlern von Petah Tiqva bei Tel Aviv inspiriert. Auch sie spricht von der erlösenden Heimkehr nach Jerusalem und dem Land Zion:

Solange tief im Herzen Die Seele eines Juden sich sehnt, Und gen Osten Ein Auge blickt, nach Zion, Ist unsere Hoffnung nicht verloren, Die Hoffnung von zweitausend Jahren, Frei zu sein als Volk in unserem Land, Dem Land Zions und Jerusalems.

So hat die Sehnsucht, nach Zion/Jerusalem heimzukehren, die Juden über die Generationen nicht losgelassen. Sie waren und sind eine Gemeinschaft, die sich dauerhaft an einem bestimmten Land und einer bestimmten Stadt orientiert.

Geografisch präzise betraf die Heimkehr nach Zion letztlich die Fläche, die heute innerhalb der Altstadt Jerusalems liegt und von der herodianischen Plattform begrenzt wird, die einst für den zweiten Tempel unter Serubbabel gebaut wurde. Es ist dieser Tempel bzw. die Erinnerung an ihn, die Jerusalem im jüdischen Denken heiligt. In jüngerer Zeit haben jüdische religiöse Autoritäten allerdings den Anspruch erhoben, dass alle Teile Jerusalems heilig seien, selbst die heutigen Außenbezirke. Laut dem früheren Professor für Vergleichende Religionswissenschaft und Jüdische Geistesgeschichte Zwi Werblowsky von der Hebräischen Universität ist Jerusalem „für das jüdische Volk nicht eine Stadt, die heilige Stätten enthält oder an heilige Ereignisse erinnert. Die Stadt als solche ist heilig.“

Für seine jüdischen Einwohner ist Jerusalem nicht eine Stadt, die heilige Stätten enthält oder an heilige Ereignisse erinnert. Die Stadt als solche ist heilig.“

Zwi Werblowsky

Spirituell gesehen bedeutet die Heimkehr nach Zion eine Erneuerung der Bindung an die Werte des Gottes des hebräischen Volkes, und das bedeutet wiederum, diesen Gott dort anzubeten, wo er seinen Namen hinterlassen hat. Darum ist Zion „die Stadt des großen Königs“ (Psalm 48, 3). Der deutsch-jüdische Religionsphilosoph Martin Buber schreibt: „Als das jüdische Volk diesen Namen als Begriff seiner Staatlichkeit annahm, waren alle diese Assoziationen in ihm enthalten.“

HISTORISCHE ANSPRÜCHE

Die jüdische Legende nennt die Felsnase auf dem Tempelberg den „Grundstein“; darüber steht seit 692 n. Chr. der muslimische Felsendom. Hier soll das Universum begonnen haben und Adam erschaffen worden sein. Hier soll auch der biblische Patriarch Abraham versucht haben, seinen Sohn Isaak zu opfern (vgl. 1. Mose 22). Der Felsen könnte auch der Ort sein, wo die Tenne stand, die der judäische König David Arauna, dem Jebusiter, abkaufte (vgl. 2. Samuel 24, 18-25) – nach der Auffassung der Zionisten begründete er damit einen Besitzanspruch, der vor jedem Anspruch der Araber Vorrang hat. Viele glauben, dass diese Felsnase zu dem Gelände des ersten, salomonischen Tempels gehörte, wobei der Fels in der Mitte als Altar diente, oder dass sie vielleicht der Standort des Allerheiligsten innerhalb dieses Tempels war. Allgemein anerkannt ist, dass auch der zweite Tempel hier stand. Nach der Zerstörung dieses Tempels durch die Römer blieben nur noch die große Plattform und die äußere Umgrenzungsmauer erhalten.

Während der Herrschaft des Kaisers Hadrian (117–138) durften Juden den Tempelberg nicht betreten und konnten die Zerstörung des zweiten Tempels nur vom nahe gelegenen Ölberg aus beklagen. Auch späteren Generationen wurde der Zugang erschwert, zuerst durch die römischen Christen, die sie als „Mörder Christi“ ablehnten, und später durch die muslimischen Beherrscher der Stadt.

Doch spätestens seit dem 12. Jahrhundert haben Juden Zugang zu einem Teil der Umgrenzungsmauer, ha-Kotel ha-Ma’aravi, auch Westmauer oder Klagemauer genannt, um dort dreimal täglich zu beten. Hier flehen sie zu Gott: „Nach Jerusalem, Deiner Stadt, kehre in Barmherzigkeit zurück und nimm Deinen Wohnsitz in ihr, wie Du verheißen, und baue sie bald in unseren Tagen, einen ewigen Bau, und den Thron Davids richte bald in ihr auf. Gelobt seist Du, Ewiger, der bauet Jerusalem!“

Durch die Jahrhunderte haben Juden den Namen der Stadt jeden Tag, jeden Sabbat, jeden Feiertag ausgesprochen, in Riten und Gebeten zum Essen, zur Hochzeit, zur Geburt, zur Volljährigkeit und zum Tod. Der israelische Autor Amos Elon schreibt: „Bei keinem anderen Volk im Exil kam etwas auch nur annähernd Ähnliches wie dieses Gefühl auf oder hielt sich so lange.“

Zion ist auch ein Zukunftsbild. Buber nennt das Buch Jesaja „das templozentrische Buch par excellence im Corpus der israelitischen Prophetie“. Jesajas Prophezeiungen vereinten das Land und das Volk wieder in der Vision einer Zukunft, in der Zion der Mittelpunkt der erlösten Welt und der Thron ihres König sein würde.

DIE MAUER – STEIN DES ANSTOSSES

Die jüdische Gemeinschaft in Palästina bemühte sich erstmals in den 1830er-Jahren, die Bedingungen für Gebete an der Klagemauer zu verbessern. Die ägyptische Besatzung in Palästina (1831-40) brachte mehr Toleranz für Juden und Christen. Die Folge waren Versuche, eine neue Synagoge zu bauen und Titel auf Grundstücke in muslimischem Besitz zu erhalten. Diese Versuche scheiterten jedoch an den osmanischen Gesetzen, die es gebietsfremden Juden verboten, in und um Jerusalem Eigentum zu erwerben.

Dann eröffnete Großbritannien im Jahr 1838 das erste europäische Konsulat in Jerusalem, und im Jahr darauf begann sich der Konsul für die Juden einzusetzen. Einmal trat er bei dem ägyptischen Vizekönig Ibrahim Pascha für einen britischen Juden ein, der angeboten hatte, die Straße vor der Klagemauer auf seine Kosten pflastern zu lassen. Laut dem palästinensischen Historiker A. L. Tibawi war dies ein raffinierter Versuch, „gesetzliche Rechte an der Klagemauer zu erwerben“. Der ganze Bezirk war seit dem 13. Jahrhundert eine muslimische waqf, eine religiöse Stiftung, die von dem Sohn des berühmten muslimischen Jerusalem-Eroberers Salah ad-Din stammte. Seit sechs Jahrhunderten hatte er unter dem Schutz der nordafrikanischen Scheichs des Jerusalemer Bezirks Maghribi gestanden. Ibrahim Paschas Vertretung in Jerusalem – entschieden unterstützt durch den Scheich des Bezirks – lehnte das Gesuch ab, obwohl der Vizekönig selbst ihm zugestimmt hatte.

Im Jahr 1852 akzeptierten mehrere internationale Regierungen und religiöse Körperschaften, dass der so genannte Status quo für die heiligen Stätten in Palästina festgeschrieben wurde. Dieser Status quo gewährte den verschiedenen Religionen jener Zeit mit Einschränkungen Zugang und freie Religionsausübung an den heiligen Stätten. Die Juden durften an der Mauer beten, hatten aber keine spezifischen Rechte. In den 1850er-Jahren versuchten Juden erfolglos, die Mauer selbst zu kaufen. Gleichzeitig setzte sich der britische Konsul weiterhin dafür ein, dass Christen wie auch Juden Sakralbauten in Jerusalem errichten durften.

Als im Jahr 1917 die Balfour-Erklärung der britischen Regierung unterzeichnet wurde, die sich für „die Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina“ aussprach, versuchten die Zionisten ein weiteres Mal, den beschränkten Zugang der Juden zu der Mauer zu verbessern. Angesichts ihrer Aktivitäten an der Mauer im Jahr 1918 fürchteten die Araber, die Juden versuchten, eine Synagoge im Freien einzurichten. Dann ermutigte die Einbeziehung der Balfour-Erklärung in das Mandat des Völkerbundes (durch das Palästina nach dem Ersten Weltkrieg unter britischer Verwaltung stand) die Zionisten, ein Recht auf unbeschränkte Freiheit der Religionsausübung an der heiligen Stätte zu verlangen. Weitere Auseinandersetzungen über die Nutzung der Stätte im Zeitraum 1928-1929, bei denen 133 Juden und 116 Araber ums Leben kamen, führten dazu, dass die britische Verwaltung die Regeln des Status quo für die heiligen Stätten erneut bekräftigte.

Im arabisch-israelischen Krieg von 1948 kapitulierte der jüdische Bezirk, die Altstadt wurde von Jordanien erobert, und in den nächsten 19 Jahren konnten Juden nicht an der Mauer beten.

EIN TAG, DER ALLES VERÄNDERTE

Als Israel im Krieg von 1967 die Westmauer unter seine Kontrolle brachte, wurde die jüdische Identifikation mit Jerusalem noch offener ausgedrückt. Plötzlich wurde die Mauer, so Elon, „ein Monument des Gedenkens und des Glaubens“.

An jenem Tag wurden die Gottlosen fromm. Innerhalb des Staates katalysierte die Eroberung des Tempelberges den Wunsch vieler Bürger, aus etwas Militärischem und Politischem etwas Tief-religiöses zu machen. Der israelische Verteidigungsminister und bekennende Säkularist Mosche Dajan verkündete: „Wir sind heimgekehrt zu allem, was heilig ist in unserem Land. Wir sind heimgekehrt, um nie wieder davon getrennt zu werden.“ Später sprach er bei einer Trauerfeier für die Toten des Krieges von 1948 auf dem Ölberg und sagte: „Wir sind heimgekehrt zu dem Berg, zur Wiege unseres Volkes, zum Erbe der Patriarchen, zum Land der Richter und zur Festung des Königreichs des Hauses David.“ Die Macht geschichtlicher Identität motivierte auch viele andere. Jerusalems früherer stellvertretender Bürgermeister Meron Benvenisti sagte einmal: „[Wir fühlten,] dass wir und unsere Vorfahren einander bei den Händen fassten.“

Wir sind heimgekehrt zu allem, das heilig ist in unserem Land. Wir sind heimgekehrt, um nie wieder davon getrennt zu werden.“

Moshe Dayan

Oberst Mordechai „Motta“ Gur befehligte die ersten Soldaten, die den Tempelberg und die Mauer erreichten. Er sagte seinen Fallschirmjägern: „Es ist unmöglich, in Worte zu fassen, was wir fühlen. Wir haben so viele Jahre auf diesen Augenblick gewartet.“ Als er an jenem Tag endlich selbst an die Westmauer ging, war er wieder mit seiner eigenen Vergangenheit verbunden. Gur war in der Altstadt zur Welt gekommen. Später schrieb er: „Trotz der großen Gemeinde musste ich meine eigene, private Erfahrung machen. Ich hörte nicht auf die Gebete, sondern erhob meine Augen zu den Steinen. … Ich erinnerte mich an unsere Familienbesuche an der Mauer. Vor 25 Jahren, als Kind, war ich durch die engen Gassen und Märkte gegangen. Der Eindruck, den das Beten an der Mauer auf mich machte, hat mich nie verlassen. Meine Erinnerungen verschmolzen mit später gesehenen Bildern von Juden mit langen weißen Bärten, im Gehrock und mit schwarzem Hut. Sie und die Mauer waren eins.“

Am 12. Juni versammelte er seine Leute noch einmal auf dem Tempelberg und sprach in noch ausgeprägteren Worten über Identität: „Ihr habt den Berg in den Schoß des Volkes zurückgebracht. Die Westmauer – der Herzschlag jedes Juden, der Ort, nach dem sich jedes jüdische Herz sehnt – ist wieder in unserer Hand. … Während des Befreiungskrieges [von 1948] wurden mächtige Anstrengungen unternommen, um dem Volk sein Herz zurückzugeben – die Altstadt, die Westmauer. Diese Anstrengungen sind gescheitert. Das großartige Privileg, den Kreis endlich zu schließen, dem Volk seine Hauptstadt, seinen Mittelpunkt der Heiligkeit wiederzugeben, ist euch zuteil geworden.“

Unter den ersten Israelis, die 1967 den Tempelberg erreichten, war auch der Militärgeistliche General Schlomo Goren, der zwei Jahre später Israels Oberrabbiner wurde (1969-79). An jenem Tag blies er das Schofar und betete inbrünstig. Außerdem legte er Generalmajor Uzi Narkiss nahe, er könne Geschichte machen, wenn er hundert Kilo Sprengstoff nähme und den Felsendom zerstörte. Dies kam 30 Jahre später ans Tageslicht, als Generalmajor Narkiss todkrank war und die Geschichte einem Zeitungsreporter erzählte. Rabbi Goren war von der Macht der Identität und des historischen Augenblicks überwältigt. Er sagte zu Narkiss: „Sie verstehen nicht, welch unermessliche Bedeutung dies hat. Es ist eine Chance, die es jetzt zu nutzen gilt, in dieser Minute. Morgen wird es unmöglich sein.“ Goren war der Überzeugung, der jüdische Tempel müsse wieder aufgebaut werden. Hierin unterstützte ihn der Minister für religiöse Angelegenheiten, Zerach Warhaftig, der die Ansicht vertrat, der Tempel sei Eigentum der Juden, weil König David Arauna, dem Jebusiter, die Tenne abgekauft hatte. Narkiss begriff die entsetzlichen Konsequenzen einer solchen Handlung und sagte seinem Kollegen umgehend, etwas Derartiges käme nicht in Frage.

DIE MAUER – EINE IKONE

Die Eroberung der Altstadt setzte viele radikale Veränderungen in Gang, um die bis dahin latente, nun wieder gefundene Identifikation der Israelis mit ihren heiligen Stätten umzusetzen. Der israelische Autor A. B. Yehoschua schreibt über den Konflikt von 1967: „Der Sechstagekrieg wurde ,der jüdische Krieg‘ genannt, und mit gutem Grund, denn der alte jüdische Geist in uns wurde wieder auferweckt wie ein Gespenst.“

Der alte jüdische Geist in uns wurde wieder auferweckt wie ein Gespenst.“

A.B. Yehoshua

Mosche Dajan seinerseits gab unverzüglich Befehl, von Arabern bewohnte Häuser zu räumen. Dies wurde innerhalb von 24 Stunden erledigt. Dabei zerstörten die israelische Regierung und die Stadtverwaltung unter Bürgermeister Teddy Kollek über 135 Häuser im Bezirk Maghribi und enteigneten fast 1000 Palästinenser. Gleichzeitig vertrieben sie die palästinensischen Einwohner des jüdischen Viertels der Altstadt, wo sie Zuflucht gefunden hatten, nachdem sie 1948 ihre Häuser in Westjerusalem verloren hatten. Schätzungen zufolge verloren 500 bis 600 palästinensische Familien nach dem Krieg von 1967 ihre Häuser in der Altstadt. Darüber hinaus gab Dajan bekannt, er würde gern noch mehr tun und mit Bulldozern eine Straße durch die Hügel ziehen, breit genug, „dass jeder Jude auf der Welt zur Westmauer kommen kann“. Plötzlich bedeutete die Mauer Dajan mehr als je zuvor.

Am 19. Juni 1967 sprach der israelische Außenminister Abba Eban vor der Generalversammlung der UNO. Er stellte die Ursachen des Krieges und seines Ausgangs ausführlich dar. Über Jerusalem sagte er: „In der langen Geschichte unseres Volkes gab es nur wenige Stunden, die uns intensiver angerührt haben als die Stunde unserer Wiedervereinigung mit der Westmauer. Ein Volk war heimgekehrt zur Wiege seiner Geburt. Es hatte seine Verbindung mit dem Mysterium seiner Herkunft und Kontinuität erneuert. Wie lang und tief sind die Erinnerungen, die jene Wiedervereinigung weckt.“

Seither ist die Klagemauer für die meisten Israelis ein nationales Wahrzeichen, eine Ikone, geworden; hier werden zivile und nationale Zeremonien abgehalten, Konzerte aufgeführt und Elitesoldaten vereidigt. Die Verehrung der Mauer, des Tempelbergs und des historischen Jerusalem ist für die meisten Israelis nicht praktizierte jüdische Religion, sondern ein wesentlicher Aspekt nationaler Identität, der in der Geschichte und religiösen Tradition des jüdischen Volkes wurzelt.

KANN MAN SICH IN DER MITTE TREFFEN?

Gibt es Hoffnung auf einen Kompromiss für Jerusalem auf Seiten der Israelis? Umfragen der letzten Zeit berechtigen zu einem gewissen Optimismus. Die Ergebnisse zweier neuer Studien deuten darauf hin, dass eine Verringerung der Spannung möglich sein könnte. Wie der Meinungsforscher Jerome Segal und seine Kollegen feststellten, lehnten Israelis jeden Kompromiss zur Souveränität über die Stadt ab, wenn nach der Verhandelbarkeit Jerusalems insgesamt gefragt wurde; wurden sie jedoch gefragt, welche Teile Jerusalems ihnen am wichtigsten seien, ergab sich ein anderes Bild. 45 Prozent der israelischen Juden „würden eine palästinensische Souveränität über arabische Siedlungen und Dörfer, die früher zur West Bank gehörten und jetzt innerhalb der Stadtgrenzen Jerusalems liegen, ernsthaft in Betracht ziehen“. Kompromisse zur Souveränität über weniger zentrale Teile der Stadt könnten also möglich sein.

Wenn es um die Altstadt und ihre heiligen Stätten ging, waren die Befragten hingegen weniger flexibel. Am wichtigsten waren den Israelis „als Teil Jerusalems“ der Tempelberg und der Ölberg sowie die Altstadt selbst, es sei denn, sie würde in jüdische und palästinensische Viertel unterteilt. Die Westmauer war für 99 Prozent der Israelis „sehr wichtig“ oder „wichtig“.

Ein Israeli muss nicht religiös engagiert sein, um sich tief mit der Stadt und ihren uralten Bauten und religiösen Symbolen verbunden zu fühlen. Der politische Zionismus hat einige Elemente der jüdischen Religion zu seinen zentralen Symbolen gemacht, natürlich auch den Namen „Zion“, der sowohl die Stadt als auch das Land bezeichnet. Wie der israelische Gelehrte Baruch Kimmerling schreibt: „Trotz Israels I-mage als säkularer Staat sind die meisten Einwohner nicht religionslos, selbst wenn sie sich als ,nicht-religiös‘ definieren.“

Identitätsaspekte, die das Judentum als Religion [der Judaismus] und die Geschichte des jüdischen Volkes gemeinsam haben, sorgen weiterhin für Einigkeit gegenüber der arabischen Opposition. Daher die Woge der Emotionen im gesamten israelischen und jüdischen Spektrum, vom orthodoxen Juden bis zum Atheisten, nach der Eroberung der Westmauer im Jahr 1967 – ein tiefes Gefühl und Engagement, das bis heute anhält.

Ob es im Hinblick auf den Tempelberg irgendeinen sinnvollen Kompromiss geben kann, um die Souveränität an die Palästinenser abzutreten, bleibt abzuwarten. Sie betrachten denselben Ort, den sie Haram nennen, als ebenso wichtig für ihre Religion und nationale Identität.