Jacques Cousteau: Die Stimme der schweigenden Welt

Vor jenem Tag hatte die Liebe zum Meer mein Berufsleben bestimmt. Nach jenem Tag verschrieb ich mich der Verteidigung des Meeres.“

Jacques Cousteau

Als ein führender Ozeanologe dem Abenteurer Jacques Cousteau im Jahr 1959 mitteilte, dass die Entsorgung von Atommüll ins Meer eine unvermeidbare Notwendigkeit sei – obgleich sie bedeuten konnte, dass die Meere für die Seefahrt und vielleicht alle menschlichen Aktivitäten gesperrt werden müssten –, nahm Cousteau´s Leben eine entscheidende Wende. Als Direktor des kerntechnischen Untersuchungslabors der Internationalen Atomenergie-Organisation hoffte er, dem Schutz der Weltmeere eine Stimme geben zu können. In den folgenden Jahren war er bereit, alles zu tun, um die Meere zu schützen.

LEBEN UND WERDEGANG 

Jacques-Yves Cousteau wurde 1910 in dem französischen Dorf Saint-André-de-Cubzac geboren. Sein Vater Daniel war Jurist und arbeitete die meiste Zeit als Rechtsberater und Manager für reiche amerikanische Geschäftsleute. Die Familie zog aus diesem Grund häufig um und lebte zeitweise in den USA, wo Jacques und sein älterer Bruder Pierre-Antoine zur Schule gingen und auf diese Weise auch Englisch lernten.

Als Kind war Cousteau gegenüber seinen Kameraden schüchtern, bis er mit etwa zwölf oder 13 Jahren eine Neun-Millimeter-Kamera von Pathé bekam. Hinter dieser Kamera war er auf einmal beliebt: Alle wollten gefilmt werden. Bald begann er, Kurzfilme zu schreiben und diese aufzunehmen; die Hauptdarsteller waren er selbst sowie einige seiner Schulkameraden. Er filmte Hochzeiten und Familienfeste und nutzte jede Gelegenheit, seine Fähigkeiten als Filmemacher weiterzuentwickeln. Somit begann seine lebenslange Passion, die Welt um sich herum auf Film zu bannen und anderen zu zeigen.

Später besuchte Cousteau die französische Marineschule und hoffte, Flieger zu werden. 1933 schloss er diese Schule ab und befuhr die folgenden vier Jahre auf der Jeanne d’Arc die Meere der Welt. Seine Kamera hatte er natürlich immer dabei. Gegen Ende dieser Fahrten, berichtet sein ältester Sohn Jean-Michel Cousteau in Mon père, le commandant, hatte Cousteau eine kurze Begegnung mit seiner künftigen Frau Simone, als er zu einem Fest im Haus ihres Vaters in Japan eingeladen war. Im nächsten Jahr sahen sie sich auf einem anderen Fest wieder; es begann eine stürmische Zeit des Werbens, und im Juli 1937 heirateten sie.

1936, nach jener ersten Begegnung und kurz bevor er den Rang eines Piloten erreichen sollte, hatte Cousteau einen beinahe tödlichen Autounfall im nordostfranzösischen Bergland. Er verlor fast einen Arm, und sein Traum von der Fliegerkarriere war beendet. Dies war der indirekte Grund für den Weg, den er fortan einschlug und welcher dazu führte, dass er Ende der 1960er-Jahre einer der berühmtesten Männer der Welt war, der überall erkannt wurde. In der langen Zeit der Rekonvaleszenz ermutigte ihn sein Kamerad Philippe Tailliez, es mit Schwimmen und Tauchen zu versuchen, um wieder Kraft und Ausdauer aufzubauen.

Die beiden fuhren ans Mittelmeer, zusammen mit Frédéric Dumas, der eine wunderbare Gabe für das Speerfischen und Tauchen hatte. Bald bekamen die drei Freunde den Spitznamen les Mousquemers, „die Meermusketiere“. Sie tauchten nur mit angehaltenem Atem und waren überwältigt von dem, was sie unter Wasser sahen. Alle drei hatten Freude am Speerfischen – der Herausforderung, Beute zu jagen, die so viel besser an die Umgebung angepasst war als sie selbst.

In den mageren Jahren des Zweiten Weltkriegs waren sie auf diese Fähigkeiten angewiesen, um sich Nahrung zu beschaffen, doch war die Arbeit kräftezehrend. Es kam darauf an, immer genug zu fangen, um mehr Kalorien aufzunehmen, als sie bei der Jagd verbrannten. Damals hatte Cousteau nicht nur für sich selbst zu sorgen, sondern auch für seine Frau und ihre beiden kleinen 1938 und 1940 geborenen Söhne Jean-Michel und Philippe. 1943, nachdem Cousteau den Prototyp der Aqualunge erfolgreich getestet hatte, wurde es unerwarteterweise leichter, seine Familie und Freunde zu ernähren: Ehe er mit seinem revolutionären neuen Atemgerät zurück an Land kam, schwamm er in eine Kalksteinhöhle und fand an ihrer Decke eine ganze Schicht von Hummern. Mühelos pflückte Cousteau einige von dem Felsen über sich ab, brachte sie nach oben zu seiner Frau und tauchte nach mehr.

Die Aqualunge bestand aus Behältern mit Pressluft, die nach Bedarf und mit Umgebungsdruck abgegeben wurde. Ermöglicht wurde das durch eine Erfindung, die als Cousteau-Gagnan-Regler bekannt wurde. Die Aqualunge war nur eine von vielen Innovationen, die Cousteau aus dem Drang entwickelte, zu sehen, zu erkunden und auch anderen die Wunder zu zeigen, die er unter Wasser fand – in le monde du silence, der „schweigenden Welt“, wie er sie nannte. Diese Bezeichnung wurde als Titel eines Buches und eines preisgekrönten Dokumentarfilms gewählt, die seinen Aufstieg zu internationalem Ruhm beschleunigten. Er hatte entscheidenden Anteil an der Entwicklung der gesamten Ausrüstung, die moderne Taucher verwenden: von der Aqualunge über die Tauchmaske bis zum Neoprenanzug. Selbst das wendige, untertassenförmige Tauchboot, in dem Cousteau und seine Leute die Meere erkundeten, war ihre eigene Entwicklung. Außerdem waren er und seine Kollegen Pioniere der Unterwasserarchäologie; mit ihrer neuen Ausrüstung erkundeten sie antike und moderne Wracks, brachten zahllose, bis zu 2.000 Jahre alte Funde an Land und gewannen dadurch weltweite Aufmerksamkeit.

UNTER WASSER, ABER REAL 

Während seiner Laufbahn setzte Cousteau sein lebenslanges Interesse am Filmemachen in mehr als hundert Dokumentarfilme um. Seine ersten Unterwasserfilme wurden mit einer normalen Kamera in einem versiegelten Weckglas aufgenommen. Später verwendeten er und sein Team spezielle Unterwasserkameras, und ihre Dokumentarfilme wurden in aller Welt gesehen. Seine vielleicht meistgesehenen und berühmtesten Arbeiten waren für die Serie Geheimnisse des Meeres, die im deutschsprachigen Fernsehen 13 Jahre lang ein Millionenpublikum faszinierte.

Papa ging als Romantiker an seine Materie heran, nicht als Akademiker. Es ging ihm darum, zu unterhalten, aufzuklären, zu vermitteln – nicht zu belehren.“

Jean-Michel Cousteau, My Father, the Captain: My Life With Jacques Cousteau 

Doch als die Calypso immer mehr Seemeilen hinter sich gebracht hatte und Cousteau mit seiner Mannschaft an Orte zurückkehrte, die sie im Lauf der Jahre gefilmt hatten, fiel ihm auf, dass der Mensch dem Leben unter Wasser zunehmend schadete. Cousteau schlug einen „Vitalitätsindex“ vor, um die Auswirkungen von Verschmutzung, kommerziellem Fischfang und sonstigen menschlichen Aktivitäten auf Riffe, Meere und Ozeane zu messen und zu vergleichen. In Der Mensch, die Orchidee und der Oktopus klagte er über die Skrupellosigkeit der Menschen, die die natürliche Umwelt verschmutzen oder auf andere Weise zerstören: „Das Meer ist die Kloake der Welt, das Endlager des Unrats, wo schließlich aller Schmutz landet, der auf der Erde produziert wird. Jedes Mal, wenn sich unsere Bevölkerung verdoppelt, steigt die Umweltverschmutzung um das Sechsfache – und alles in den Wasserkreislauf des Lebens, alles landet im Meer. Aus den Augen, aus dem Sinn.“

Aber der Kapitän zur See erkannte etwas, das er als noch schlimmeren Angriff auf die natürliche Umwelt ansah: „Vielleicht noch mehr als die Umweltverschmutzung schädigt die mechanische Zerstörung – ich nenne sie saccage [Verwüstung] – den Lebensraum Meer. Umweltverschmutzung ist oft eine Folge von Unachtsamkeit oder Unwissen. Doch saccage ist eine bewusstere Aggression.“ Dazu zählen schlecht geplante und ausgeführte Küstenprojekte, die empfindliche Ökosysteme vernichten können, ebenso wie die Plünderung von Korallenriffen und die Überfischung. Die überwältigende Mehrheit der Meerestiere lebt in der Nähe der Küsten, und sie werden von allen möglichen menschlichen Aktivitäten ständig attackiert.

Cousteau beklagte die Kurzsichtigkeit der Fischereiindustrie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: „Während der Mensch der Jungsteinzeit die Gefahren des Raubbaus erkannte, bleibt der moderne, industrielle Fischer buchstäblich blind für diese Erkenntnis; denn er ist der einzige Jäger, der seine Beute nicht sehen kann.“ Da die industrielle Fischfangtechnologie ein unglaubliches Maß an Raffinesse erreicht hat – mit Unterwasserortungsgeräten, Ortungsflugzeugen und massiven Fabrikschiffen, auf denen der gefangene Fisch sofort verarbeitet und eingefroren wird –, hat die jährliche Fangmenge die natürliche Vermehrung der weltweiten Fischbestände rasch überholt. Fischgründe, auf deren Ergiebigkeit jahrhundertelang Verlass war, können nun in wenigen Jahren erschöpft sein – die sogenannte Tragödie der Gemeindewiese (siehe „Ein Fisch, zwei Fische, alle Fische, kein Fisch“). „Die Tragödie“, schrieb Cousteau, sei „die Tatsache, dass wir uns standhaft geweigert haben, Fischbestände als Allgemeingut zu respektieren. Wir haben die Ozeane, die einst Niemandsland waren, nicht zu Jedermannsland gemacht, sondern zu Jemandsland. Eine Regulierung für die Zukunft aufgrund ‚wirtschaftlicher Bedürfnisse von Gesellschaften, die Fischfang betreiben‘, ist keine neue Lösung, sondern das alte Problem.“

HERR DER SCHÖPFUNG? 

Angesichts der jüngsten technologischen Entwicklungen wird der pflegliche Umgang mit der Natur von Tag zu Tag wichtiger. Das Zerstörungspotenzial des Menschen nimmt ständig zu, und allzu oft sind Entscheidungen über den Einsatz von Technologie von wirtschaftlichen Interessen bestimmt. Die Maßstäbe werden immer größer, und es muss immer sorgfältiger überlegt und geplant werden, wie natürliche Ressourcen genutzt werden. Allerdings lassen die Entscheidungsprozesse solche Planung oft vermissen. Über das aktuelle Dilemma des Menschen schrieb Cousteau: „Als er über das Geheimnis fossiler Brennstoffe stolperte, war er unerwartet zum Beherrscher der Erde geworden. Diese Führungsrolle beherrscht er noch nicht. Er versteht nicht, dass sein Überleben heute nicht mehr von der Bezwingung der Natur abhängt, sondern von ihrem Schutz. Der Mensch hat die Stellung erreicht, für die seine Kompetenz nicht ausreicht.“

Menschen schützen, was sie lieben.“

Jacques Cousteau

Cousteau war nicht sonderlich religiös; trotzdem fiel ihm auf, dass die großen Religionen viele Lehren über die Umwelt und die Beziehung des Menschen zu ihr gemein haben. In seinen posthum veröffentlichten Erinnerungen Der Mensch, die Orchidee und der Oktopus bemerkte er: „Die Ideale der heiligen Schriften sind überzeugend geblieben – durch Jahrtausende, die die meisten anderen große Werke unter sich begraben haben. Eines dieser Ideale ist eindeutig der Schutz der Umwelt. Die Schriften, die Juden, Christen, Muslime, Hindus, Buddhisten, Taoisten und Konfuzianer – die halbe Erdbevölkerung – als das Werk Gottes ansehen, sagen es klar: Die Herrlichkeit der Natur ist ein Beweis dafür, dass Gott existiert; wer die Natur nicht achtet, der achtet Gott nicht.“ „Die Menschen haben also keine Entschuldigung. Obwohl sie Gott kannten, ehrten sie ihn nicht als Gott und dankten ihm nicht“, schreibt Paulus. „Sie gaben sich für besonders gescheit aus und wurden dabei zu Narren […] Weil Gott die Welt erschaffen hat, können die Menschen sein unsichtbares Wesen, seine ewige Macht und göttliche Majestät mit ihrem Verstand an seinen Schöpfungswerken wahrnehmen.“ (Paulus-Zitate vgl. Römer 1, 20-21, Gute Nachricht Bibel). Besonders eine Schriftstelle sah Cousteau weithin falsch gedeutet und missbraucht: „Füllt die Erde und macht sie euch untertan! Herrscht über die Fische im Meer, über die Vögel am Himmel und über alle Tiere, die auf der Erde leben!“ (1. Mose 1, 28). Allzu oft, fand er, gibt es eine Tendenz, sich auf die Wörter herrschen und untertan machen zu konzentrieren und sie als Freibrief zu nutzen, unsere Umwelt auszubeuten. Cousteau wies darauf hin, dass dieser Vers auch das Gebot enthält, die Erde zu füllen, sie zu pflegen und ihre Ressourcen auf nachhaltige Weise zu nutzen: „Wir sind mit der Chance gesegnet, von den Zinsen zu leben, die das Kapital der Natur einbringt.“

So klar die verschiedenen religiösen Traditionen den Schutz der Umwelt auch gebieten – die Menschen richten politische, insbesondere wirtschaftspolitische Entscheidungen in der Regel nicht nach religiösen Dokumenten aus. Ihre Entscheidungen sind meist egoistisch; egoistische Entscheidungen sind aber fast immer kurzsichtig und bringen ebenso unerwünschte wie unvorhergesehene Konsequenzen mit sich. Nur das Gewicht naturwissenschaftlicher Beweise scheint auszureichen, um Menschen zu motivieren, nicht den Weg einzuschlagen, von dem sie sich den größten persönlichen Vorteil versprechen.

Dies ist das Vermächtnis von Jacques-Yves Cousteau. Wenn es um die nachhaltige Nutzung und den Schutz des Lebensraums Meer geht, verdanken wir viel von unserem Wissen diesem Unterwasserabenteurer und seinen Gefährten auf dem umgebauten Minensuchboot Calypso.