Martin Luther - der furchtsame Philosoph

Hat Luther, der katholische Querdenker und Reformator, mit seinen Ideen dem Christentum und der Gesellschaft letztlich einen Dienst erwiesen? 

Hätten Sie ein paar historische Persönlichkeiten zu einer Party unter Freunden einladen wollen, so hätte Martin Luther vielleicht nicht sehr weit oben auf Ihrer Liste gestanden. Bei seinem Ruf als Hitzkopf, Grobian und Streithahn konnte er den fröhlichsten Festivitäten einen Dämpfer aufsetzen. 

Hätten Sie andererseits jemanden gebraucht, um Ihre Position in einem Disput zu vertreten, so hätten Sie gut daran getan, ihn zu wählen - solange er an Ihren Fall glaubte und es Ihnen nicht allzu viel ausmachte, einigen Ihrer Gegner auf die Füße zu treten. In seiner Zeit an der Universität Erfurt, einer der ältesten in Deutschland, disputierte Luther so viel, daß man ihm den Spitznamen „der Philosoph“ gab.

Seine größte Auseinandersetzung führte er mit der mächtigsten Institution der mittelalterlichen Welt. Und obwohl ihm seine energische Persönlichkeit Entschlossenheit gab, trug sie nichts dazu bei, ihn bei seinen Widersachern beliebt zu machen. Seine Unbeugsamkeit kostete ihn fast das Leben und sie veränderte das Abendland für immer.

Luther wurde am 10. November 1483 in eine Welt hineingeboren, deren geistiger und geographischer Horizont sich gerade dramatisch erweiterte. Entdecker bewiesen, dass die Welt größer war, als man bisher gemeint hatte. Darüber hinaus hatte Europa gerade eine der wichtigsten Erfindungen aller Zeiten erlebt: Gutenbergs Druckerpresse mit beweglichen Lettern, die neues Denken beflügelte und den Keim der heutigen Wissensexplosion ausstreute.

Gutenberg verwandte seine neue Erfindung zunächst für den Druck von Bibeln, die bisher nur sehr wenigen zugänglich gewesen waren. Als Luther in dem deutschen Dorf Eisleben geboren wurde, soll sein Vater Hans Luther schon ein eifriger Bibelleser gewesen sein. Ob dies nun zutrifft oder nicht - er war bekümmert, als sein Sohn sich entschloss, nicht Rechtsgelehrter sondern Mönch zu werden.

Warum der junge Luther sich für das Ordensleben entschied, ist unter den Forschern umstritten, doch Luther selbst schrieb, er habe es während eines entsetzlichen Gewitters gelobt. Er hatte geglaubt, er müsse sterben, und hatte ausgerufen: „Hilf, heilige Anna, so ich will ein Mönch werden!“ Später schrieb er, es sei nicht sein Wunsch gewesen, Mönch zu werden, aber aus Angst vor dem, was ihn im Jenseits erwartete, habe er ein „erzwungenes und notwendiges Gelübde abgelegt“.

Luther überlebte das Gewitter, und er machte sich daran, sein Gelübde zu erfüllen. Er trat in den Orden der Augustiner ein und begann bald darauf, an seinem Doktorat der Theologie an der Universität Wittenberg zu arbeiten. Auf einer Reise nach Rom im Jahr 1510 nahm er jedoch Anstoß an den korrupten Praktiken, die er dort vorfand - insbesondere dem Ablasshandel.

Zurück in Wittenberg, begann Luther sein Glaubenssystem und auch die Praktiken und Lehren der Kirche zu hinterfragen. Verschlimmert wurden seine Sorgen durch einen inneren Kampf mit Schuldgefühlen und Ängsten. Er hatte übertriebene Angst vor dem Tod, zweifellos wegen des Schicksals, das der kirchlichen Lehre zufolge denen beschieden war, die nicht genug „gute Werke“ angesammelt hatten. Die Hoffnungslosigkeit, die dies bei ihm bewirkte, führte ihn dazu, eine Theologie der Rechtfertigung „allein durch den Glauben“ zu entwickeln. So löste er die berühmteste theologische Auseinandersetzung in der modernen Geschichte aus: Im Jahr 1517 nagelte Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg, und die Reformation begann.

Im Lauf der folgenden Jahre veröffentlichte Luther Schriften, die entscheidend für die Entwicklung der Reformation waren, darunter „An den christlichen Adel deutscher Nation“, „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ und „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“.

Für seine ketzerischen Lehren wurde Luther im Jahr 1518 von der Kirche vor Gericht gestellt und nochmals im Jahr 1521 vom Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Karl V. Beide Male befahl man ihm zu widerrufen, und beide Male weigerte er sich. Nach dem zweiten Prozess tat ihn der Kaiser in die Reichsacht, und Papst Leo X. exkommunizierte ihn. Doch bevor er abgeurteilt und bestraft werden konnte, gelang ihm die Flucht auf die Wartburg, wo er sich ein Jahr lang verbarg. In dieser Abgeschiedenheit arbeitete er weiter an der Entwicklung seiner neuen Theologie.

Und so wurde Luther, der die Kirche nur hatte reformieren wollen, schließlich zum Begründer einer neuen Kirche. 

Und so wurde Luther, der die Kirche nur reformieren wollte, schließlich zum Begründer einer neuen Kirche. Unsere heutigen Ideale der Befreiung von tyrannischen Regierungen wurzeln tief in seinem Werk. Ob unsere demokratischen Regierungen Luthers Theologie für richtig halten oder nicht - seinem entschlossenen Widerstand gegen eine so mächtige Institution wie die römisch-katholische Kirche verdanken sie viel.

Darüber hinaus gilt Luthers deutsche Bibelübersetzung als ein entscheidender Beitrag zur Herausbildung einer gemeinsamen deutschen Hochsprache und als solcher als einer seiner wenigen unumstrittenen Verdienste.

Im Herzen der Theologie Luthers lag jedoch eine immer größere Ablehnung des Gesetzes, wie es in der Bibel niedergeschrieben ist (siehe den Artikel „Martin Luther: Prophet Gottes?). Er versuchte eindringlich, Juden zu bekehren, die noch immer das im Alten Testament überlieferte Gesetz befolgten, doch ohne Erfolg. Gegen Ende seines Lebens wurde er so frustriert, dass er begann, den gleichen Judenhass zu entwickeln wie die Gesellschaft um ihn.

Im Jahr 1543, nur drei Jahre vor seinem Tod, verfasste Luther eine vernichtende Schrift mit dem Titel „Die Juden und ihre Lügen“. Darin regte er eine Art des Umgangs mit ihnen an, die später gut in die nationalsozialistische Philosophie passte, die Deutschland in den 1930er und 40er-Jahren beherrschte. Bei den Nürnberger Prozessen nach dem Zweiten Weltkrieg zitierten einige Nazigrößen tatsächlich Luthers Schriften, um ihre Verbrechen zu rechtfertigen.

Luther las die Paulusbriefe mit dem Bestreben, sich jeden Kommentar zu eigen zu machen, der gegen die Juden gerichtet schien. Allerdings zeigt schon eine flüchtige Lektüre dieser Briefe, dass Paulus sich stets befleißigte, die Bedeutung der Juden und Israels im Plan Gottes zu betonen. Er wollte nie, dass seine Leser jemanden hassten, schon gar nicht seine jüdischen Mitbrüder.

Hat Luther dem Christentum und der Gesellschaft mit seinen Ideen einen guten Dienst erwiesen? Ja und nein - wie die meisten Philosophien. Er löste erfolgreich eine Bewegung des Widerstands gegen die Unterdrückung aus. Diese Bewegung hat zu größerer persönlicher und religiöser Freiheit für uns heute geführt. Doch er griff auch Gottes Gesetz und seine Anhänger an und so wurde er zu einem Sprachrohr der Missachtung und des Hasses. Am Ende hatten und haben Luthers Leistungen - wie auch seine Irrtümer - einen enormen und bleibenden Einfluss auf die Geschichte.