Der Nahe Osten – Den Teufelskreis brechen

Sich um Frieden mühen

Der Nahe Osten ist ein brodelnder Strudel von Korruption und Gewalt – offenbar immun gegen Vernunft und guten Glauben, Wahrheit und gute Taten. Spielen Demut und Charakter bei den Bemühungen um Frieden eine Rolle?

Die Geschichte des modernen Nahen Ostens ist gekennzeichnet von widerstreitenden Nationalismen, Hybris, Standesdünkel und korrupter Führung. Doch wenige sind bereit, im Namen von Gerechtigkeit, Fairness und menschlicher Anständigkeit zu den Machthabern zu sprechen.

Bei einem kürzlichen Aufenthalt in London sprach Vision-Herausgeber David Hulme mit Menachem Klein, Politologieprofessor an der Bar-Ilan-Universität in Israel, über den heutigen Stand der israelischen Politik und darüber, was nötig ist, um Frieden mit den Palästinensern zu erreichen.

 

DH In unserem früheren Interview kurz vor Israels 70. Jahrestag als Staat erwähnten Sie das Problem Korruption. Was ist Ihre Erklärung für die Korruption, die in der heutigen israelischen Politik endemisch zu sein scheint?

MK Überall, wo es Politik oder eine politische Elite gibt – und gewählt werden kostet eine Menge Geld –, gibt es Korruption. Sie ist in das System eingebaut. Und wenn man zu lange im Politikgeschäft ist, muss man einen starken Charakter haben und sehr ehrlich sein, um Korruption von sich fernzuhalten. Es ist fast eine Norm; es ist abnormal, nicht korrupt zu sein. Manchmal erwischen einen der Generalstaatsanwalt und die Polizei, aber die meiste Zeit erwischen sie einen nicht. Deshalb sind die Standards in der israelischen Politik niedriger denn je. Das ist eine schlechte Nachricht für jeden, der sich engagieren will – der mit Ideen kommt oder Idealist ist. Es hält die guten und ehrlichen Menschen davon ab, in die Politik zu gehen.

Wenn man alle auflistet, die verurteilt und ins Gefängnis gesteckt worden sind – vom Präsidenten und Premierminister über Minister, Knesset-Abgeordnete und Bürgermeister bis zu Stadträten –, sieht man, dass Korruption im System eingebaut ist. Das System fördert Korruption. Leute, die bereit sind, Geld zu nehmen oder Schmiergeld anzubieten, motivieren es.

DHEs ist also ein kulturelles Phänomen?

MKEs ist kulturell, ja.

DHUnd wenn es herauskommt, gibt es offenbar einen enormen Wunsch, am Amt festzuhalten.

MKJa. Nehmen wir einen Politiker – sagen wir, ein Mitglied der Knesset. In den meisten Fällen will der gewählte Politiker im Amt bleiben. So muss er alle vier Jahre (oder vielleicht öfter, wenn wir vorgezogene Wahlen haben) um seine politische Existenz kämpfen, sein Einkommen, seinen Status. Also, ohne Ego kommt man in der Politik nicht weit. Dieses große Ego bringt ihn oder sie zu der Auffassung, ohne ihn oder sie würde alles zusammenbrechen – abgesehen davon, dass das Leben ohne Assistentin, Fahrer, hohes Einkommen und das Wissen um all die Geheimnisse und Gerüchte sehr langweilig ist. All das motiviert den Politiker, alles zu tun, was er kann, sogar wenn es illegal ist, um an der Macht zu bleiben oder an die Macht zu kommen.

„Wenn man seine Normen herunterschraubt, um an der Macht zu sein, wird man ein korrumpierter Mensch.“

Menachem Klein

Wenn man dann im Amt ist – und definitiv, wenn man zu viele Jahre im Amt ist –, denkt man, man sei von Gott oder von der Vorsehung oder von der Geschichte auserwählt, dort zu bleiben, weil man viel besser ist als andere. Man hat also das Recht, Schmiergelder zu nehmen.

DHSie klingen wie Hesekiel, der den Führern im antiken Juda sagte, was faul im Staat war. Aber das scheint in der heutigen Welt sehr weit weg zu sein.

MKDefinitiv. In den 1950er-Jahren sprachen Ben Gurion und andere Gründerväter eine Menge über unsere Propheten – z. B. Jeremia, Jesaja, Amos, die Propheten, die die Herrschenden wegen ihrer Moral warnten und sagten, die Korruption werde den Staat zerstören. Heute haben wir einige Autoren, die die Wahrheit sprechen. Leider haben wir keine akademische Gemeinschaft, die den Machthabern die Wahrheit sagt. Die Widerstandskraft der akademischen Kreise Israels gegen politischen Druck nimmt ab.

DHWenn Sie keine feste Professur hätten, könnte man sie Ihnen wahrscheinlich verweigern, weil Sie Ihre Meinung sagen.

MKJa, mir wurde die Beförderung etwa sieben Jahre lang wegen meines politischen Engagements verweigert. Mir war vollkommen klar, dass ich diesen Preis zahlen würde, aber ich empfand das als Bestandteil meiner Pflicht als Intellektueller. Die israelische Gesellschaft hat einen Teil meiner Studien bezahlt, der Staat subventioniert sie. Ich schloss daraus, dass ich der Gesellschaft etwas schulde. Ich möchte mich nicht hassen, wenn ich morgens in den Spiegel schaue. Wenn dies mein bestes Urteil aufgrund meiner Studien ist und wenn dies von Relevanz für das derzeitige Problem des Staates Israel (insbesondere Israel-Palästina, mein Fachgebiet) ist, dann muss ich sehr ehrlich sein und meine Stimme erheben, selbst wenn es den Mächtigen nicht passt.

Menachem Klein ist Professor für Politologie an Israels Bar-Ilan University in Tel Aviv. Darüber hinaus war er Stipendiat am St. Antony’s College der Universität Oxford, Gastprofessor am Massachusetts Institute of Technology, Gastwissenschaftler an der niederländischen Universität Leiden sowie Forschungsstipendiat am King’s College in London.

DHEinige der führenden Wissenschaftler, die sich mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt befassen, sind, so scheint mir, tief entmutigt wegen der verfahrenen aktuellen Situation. Anscheinend haben sie aufgegeben. Ist das auch Ihr Standpunkt?

MKNein, definitiv nicht. Viele meiner Kollegen in Israel sind verzweifelt, aber mich lehrt die Geschichte, dass es Wendepunkte gibt. Das israelisch-palästinensische Thema macht keine Schlagzeilen mehr; alle reden vom Iran, von Saudi-Arabien, regionalen Affären usw. Aber das Thema wird wiederkommen. Man kann es nicht ignorieren. Die neue Generation innerhalb und außerhalb Palästinas ist voller Energie, nationalistisch in ihrem Bewusstsein. Die israelische Rechte denkt, die palästinensische Nationalbewegung sei von uns total besiegt worden – fertig, aus, Ende der Geschichte. Ich glaube, das ist nicht das Ende der Geschichte.

DHSie haben dagegen protestiert, Palästinensern Land wegzunehmen, wenn ich mich nicht irre.

MKJa, ich habe dafür plädiert, Jerusalem zu teilen und die israelische Souveränität – die einseitig und völkerrechtswidrig etabliert wurde – aufzugeben. Dem Frieden zuliebe müssen wir die Palästinenser ihre volle Souveränität haben lassen. Das ist keine Sache, die die israelische Öffentlichkeit sehr leicht nimmt. Ich verstehe das, aber ich bin bereit, meine Ansichten zu verteidigen.

DHSie würden als revisionistischer Politikhistoriker gelten, aber nicht als einer, der eine Revisionismus-Version des 20. Jahrhunderts unterschreibt.

MKJa, in meinem Buch Lives in Common habe ich tatsächlich etwas getan, das sich sehr von meinen früheren Publikationen unterscheidet. Es ist eine Geschichte der Begegnungen von Normalbürgern in drei gemischten Städten über 150 Jahre. Ich bin also von dem Konflikt zu anderen Themen gegangen. Ich sage nicht, dass der Konflikt nicht wichtig ist, aber nehmen wir zum Beispiel die Unruhen von 1929 oder 1936 in Palästina unter dem Völkerbundsmandat und fragen wir: Als das Blutvergießen aufhörte, was kam dann? Leute aus Tel Aviv gingen wieder nach Jaffa? Leute aus Jaffa kamen genauso zahlreich nach Tel Aviv wie zuvor, oder nicht? Was passierte auf Jerusalems Straßen, im Basar oder in den gemeinsamen heiligen Stätten?

„Das sind die Fragen, die ich stelle – nicht wer hat den Konflikt angefangen, sondern was passierte zwischen den Bürgern?“

Menachem Klein

Meine Hauptschlussfolgerung ist, dass es bis 1948 eine gemeinsame Identität gab, die Juden und Araber miteinander teilten. Sie war nicht ausschließlich palästinensisch; sie war nicht ausschließlich zionistisch. Dieser lokale Patriotismus kam tatsächlich am Ende des 19. Jahrhunderts auf, im Rahmen der Modernisierung der Region. Jeder, der dort lebte oder nach Palästina einwanderte, hatte teil an einer lokalen/palästinensischen Identität. Gemeinsame Identität ist etwas ganz anderes als das klassische Argument der zwei nationalen Bewegungen. Jede von diesen – die zionistische sowie die palästinensische – nimmt Patriotismus und Bindung an das Land für sich allein in Anspruch. Doch wir finden in Schriften und Memoiren, dass dies beiden gemeinsam war und dass beide einander als Landsleute sahen.

Der Status, den Juden oder Christen im Mittelalter hatten – zweite Klasse gegenüber Muslimen – war im späten 19. Jahrhundert nicht in Kraft, nicht im Alltagsleben in den gemischten Städten. Die religiös-sozialen Mauern zwischen Christen, Muslimen und Juden waren infolge von Modernisierung und Säkularisierung weit niedriger als zuvor. Damals waren Jerusalem und Jaffa ebenso kosmopolitische orientalische Städte wie Alexandria oder Beirut. Deshalb muss man das in dieser Perspektive sehen. Dieses Thema gehört zu einer größeren Welle, die Geschichte von Juden in arabisch-muslimischen Ländern neu zu schreiben – im Irak, in Marokko, in Tunesien oder Ägypten. Aber Palästina hat ein einzigartiges Profil jüdisch-arabischer Interaktionen, die es nirgendwo sonst im Nahen Osten gab.

DHUnd glauben Sie, dass in diesem Konzept Hoffnung für die Zukunft liegt?

MKDefinitiv gibt es Hoffnung. Das Ausschließlichkeitsargument, das man in nahezu jeder israelisch-palästinensischen Auseinandersetzung hört, ist „Wir Juden waren vor euch hier.“ „Nein, nein, wir Palästinenser sind vor euch gekommen, denn Abraham war der erste Gläubige und die Kanaaniter sind die ersten Palästinenser.“ „Nein, wir, die Juden, waren vor euch hier.“ Dieses Argument „wer war zuerst da“ ist historisch nicht korrekt, da das Land allen gehört, die darauf gelebt haben und leben. Viele Palästinenser sind bereit, die jüdische Bindung an Palästina anzuerkennen. Die Tragödie ist, dass die zionistische Argumentation mit einer ausschließlichen Bindung eine andere Souveränität hinauswirft. Alternativ können wir zwischen Souveränität und Bindung trennen und sagen, ja, wir sind beide an diesen Ort gebunden.

„Wir haben beide eine sehr reiche Geschichte hier im Land. Wir sind religiös und kulturell an Palästina gebunden, aber das bedeutet nicht Souveränität.“

Menachem Klein

Schauen wir, wie wir diese Souveränitätsdiskussion lösen und die beiderseitige Bindung an das Land anerkennen. Hören wir auf, Geschichte und Bindung zu benutzen, um Souveränität zu bekommen. Das ist der Weg nach vorn. Ich bin in dieser Hinsicht sehr optimistisch.

DHGibt es palästinensische Intellektuelle – Autoritätspersonen –, die sich über die Möglichkeit einer Versöhnung in dem Sinn äußern würden, wie Sie es gerade getan haben?

MKJa, definitiv. Ich will keine Namen nennen, da das noch geheim ist, aber ich bin an Gesprächen beteiligt, die in diese Richtung gehen. Ich kann ein Beispiel nennen, das in der Genfer Initiative veröffentlicht wurde; wir haben unterschrieben und unsere Namen öffentlich gemacht. In dem Kapitel über Jerusalem steht gegenseitige Anerkennung der historischen und religiösen Bindung beider Seiten an die gesamte Stadt, unabhängig von der Souveränität.

Wenn wir einer palästinensischen Souveränität über den Tempelberg zustimmen, sagen wir nicht, wir Juden hätten keine historische und religiöse Bindung an diese Stätte. Und wenn die Palästinenser zustimmen, dass Jerusalem geteilt wird und Israel Westjerusalem regiert (auch Viertel, die vor 1948 palästinensisch waren), leugnen sie ebenfalls nicht, dass diese Viertel in der Geschichte palästinensisch waren. Diese Strategie können wir auf ganz Palästina ausweiten.

DHWenn der israelisch-palästinensische Konflikt als Sackgasse bezeichnet wird, ist das verständlich, wenn man nur die Schlagzeilen liest. Aber die Möglichkeiten für Friedensabkommen sind seit Langem auf dem Tisch. Im Grunde ist alles da. Warum geht das nicht voran?

MKDer politische Wille ist nicht da. Die Palästinenser sind derzeit sehr schwach und die palästinensische Führung hat nachgelassen. Wenn man das Ungleichgewicht der Kräfte berücksichtigt, wird Israel, solange es nicht unter Druck ist, keinerlei Konzessionen machen. Israel ist stark. Warum Konzessionen machen?

Wenn Israelis eine Führung haben, die bereit ist, zu verhandeln, dann wollen sie das derzeitige Ungleichgewicht der Kräfte in das Abkommen hineinkopieren. Das schafft aber das Problem einer nicht nachhaltigen Einigung. Die mächtige Seite muss bereit sein, die andere Seite als gleichberechtigt zu sehen – zuzulassen, dass die andere Seite Macht, Status und Nutzen von der israelischen Seite gewinnt, die jetzt alle Trümpfe hat.

Die mangelnde Bereitschaft, etwas abzugeben, ist ein Hindernis. Dies liegt zum Teil daran, dass die Rechte angesichts der Ausbreitung von Siedlungen eine sehr negative Reaktion erzeugen kann, wenn auf demokratischem Weg entschieden wird, die besetzten Gebiete zu verlassen – bis hin zu einem Aufstand oder Mini-Bürgerkrieg. Die politischen Entscheidungsträger und vielleicht sogar die Öffentlichkeit haben das im Hinterkopf. Warum sollte ich riskieren, dass es einen Bürgerkrieg oder Aufstand gibt, oder sogar dass ich ermordet werde (wie [Yitzhak] Rabin, der von einem Radikalen getötet wurde), nur zum Nutzen der anderen Seite. Ich lebe lieber in Frieden mit meinen eigenen Leuten als mit meinem Feind. Die Palästinenser haben keinen Weg gefunden, die mächtige Seite zu Konzessionen zu zwingen.

Ein sehr gutes Beispiel ist die Erste Intifada. Sie brachte Rabin an den Verhandlungstisch, da die Palästinenser einen Weg gefunden hatten, ihn unter Druck zu setzen. In der ersten Phase der Intifada befahl er der Armee, Unabhängigkeitskämpfern Knochen zu brechen, Hände und Beine. Dann wurde er gezwungen, das zu ändern.

Ein weiteres Problem ist, dass die Palästinenser keine alternative Strategie zu dem gescheiterten Friedensprozess unter der Vermittlung der USA haben. Aber diese Schwäche wird eines Tages enden.

„Ich glaube, das palästinensische Volk will nicht unter der israelischen Besatzung leben. Sie wollen Unabhängigkeit und sie sind bereit, Opfer zu bringen.“

Menachem Klein

Das Hauptproblem, auf das ich aufmerksam machen möchte, ist die Auseinandersetzung, die innerhalb Israels losbrechen wird. Im Moment denkt die israelische Rechte (in meinen Augen fälschlicherweise), sie hätte gewonnen. Für sie ist die israelische Linke am Ende. Aber wenn der Weckruf die israelische Rechte erreicht, wird das zu einer Krise innerhalb Israels führen. Frieden zu erreichen, ist deshalb nicht nur eine Frage zwischen uns und den Palästinensern; es ist ein innenpolitisches Problem.

Innerhalb Palästinas hat sich interessanterweise bei der Hamas etwas geändert – die Hamas, die einst sehr negativ gegen irgendwelche Konzessionen oder einen politischen Prozess war, hat umgedacht. Nun ist die Hamas bereit, einen palästinensischen Staat innerhalb der Grenzen von 1967 zu haben und Israels international anerkannte Grenze im Gazastreifen anzuerkennen. Politisch hat die Hamas nicht mehr das Ziel, dass Israel von der Landkarte verschwindet. Das ist ihr Traum, aber nicht ihr Aktionsplan. Letztes Jahr hat die Hamas begonnen, eine Initiative der Zivilgesellschaft mit unbewaffneten Protesten im Gazastreifen zu unterstützen; da flogen Drachen statt Raketen. Die Drachen zeigen, dass sie erfinderisch und motiviert sind. Sie werden jede billige Methode finden, Widerstand gegen die Besatzung zu leisten. Die Demonstrationen an der Grenze zeigen, dass sie bereit sind, getötet oder verwundet zu werden, um ihre Freiheit zu bekommen und die Besatzung loszuwerden. Bei ihrem Kampf geht es nicht um höhere Löhne. Es geht um Unabhängigkeit und darum, frei von der israelischen Belagerung zu leben. Was in Gaza geschehen ist, wird eines Tages in der Westbank kopiert werden, da bin ich ziemlich sicher.

Absperrung der Westbank

Wie schon ihre Bezeichnung erkennen lässt, trennt die Absperrung der Westbank das israelisch besetzte Westjordanland (Westbank) von Israel selbst. Teile der Westbank liegen allerdings auf der israelischen Seite, damit einige israelische Siedlungen, die dort seit 1967 gebaut wurden, nicht abgeschnitten sind. Der Gazastreifen ist von einer ähnlichen Absperrung umgeben.

Auch hier ist die Geschichte sehr wichtig. Die Erste Intifada gegen die israelische Besatzung setzte den vom Libanon und Jordanien aus geführten palästinensischen Terror- und Guerillaoperationen ein Ende. Vielleicht werden die Drachen den Raketen ein Ende setzen. Sie zeigen, dass es weit bessere Methoden gibt, zu kämpfen. Wir müssen nicht unsere Raketen zu Flugkörpern aufrüsten; auch Drachen können die Botschaft übermitteln.

DHUnter der derzeitigen US-Regierung bekommt man den Eindruck, dass die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) aus jeder Diskussion herausgehalten wird. Wie kann man eine Verhandlung haben, bei der eine Seite nicht einmal konsultiert wird?

MKUnd die PA weigert sich, an den Verhandlungstisch zu kommen, wenn die USA als alleinige Vermittler agieren, weil die USA parteiisch sind; sie unterstützen Israel. Also haben wir hier ein Problem.

Es gibt mehrere Auswege, aber sie sind theoretisch, nicht praktisch. Einer ist, die Westeuropäer einzuschalten. Das Problem ist, dass westeuropäische Staaten das Interesse verloren haben, das Problem zu lösen, und die Europäische Union ist gespalten: Die autoritären Regime in Ost- und Mitteleuropa unterstützen Netanjahu und die liberalen Demokraten Westeuropas tun das nicht. Hinzu kommt, dass auch Westeuropa und die US-Regierung uneins sind.

Wenn sich etwas ändert – wenn, sagen wir, ein Führungswechsel in der PA oder ein Aufstand kommt – dann ändert sich alles. Wir brauchen einen Auslöser, der den Prozess neu startet. Doch die Situation am Boden ist sehr klar. Israel beherrscht das gesamte Gebiet vom Jordan bis zum Mittelmeer und die Palästinenser sind ein Kollektiv zweiter Klasse – um John Kerrys Abschiedsrede als Außenminister zu zitieren: „getrennt und ungleich“. Er hat recht, finde ich.

Eines Tages wird das enden, wie die Sklaverei in den USA geendet hat und der Siedler-Kolonialismus in Algerien geendet hat. Es wird uns eine Menge kosten, aber es wird enden. Ich bin nicht verzweifelt. Heute ist die israelische Armee stark und Soldaten sagen den Palästinensern, was sie zu tun haben. Aber in seinem Denken ist der Mensch im besetzten Palästina nicht besiegt. Er sieht, dass der Soldat an der Straßensperre Angst hat. Israelische Soldaten in den besetzten Gebieten spüren, dass sie in einem fremden Land sind, nicht in ihrem Vaterland. Selbst die Siedler haben Angst. Zwischen der Ideologie der Siedler und ihrem angstvollen Verhalten ist eine tiefe Kluft. Die meisten Soldaten hassen, was sie tun müssen. Sie haben Angst – und weil sie Angst haben, sind sie gewalttätig.

„Ihre Patrouillen in den Dörfern und Städten der Palästinenser sind kein Nachmittagsspaziergang, wie ich ihn in meiner Stadt mache.“

Menachem Klein

DHWir hören oft über die noch verbleibenden Streitpunkte: Jerusalems Status, Rückkehrrecht für Palästinenser, Sicherheit, Grenzen. Warum sind diese so schwer zu lösen?

MKGrenzen, Siedlungen und Souveränität sind ein einziger Themenkomplex; das liegt an der israelischen Expansion in palästinensische Gebiete. Ich möchte betonen, dass es nicht das Hauptproblem ist, wo die Leute sind – innerhalb oder außerhalb von Siedlungen; das Hauptproblem sind die israelischen Ansichten. Aus vielfältigen Gründen – zum Teil religiös motiviert oder weil sie den Palästinensern nicht trauen – haben viele Israelis die gleichen Ansichten wie die Siedler. Das Problem sind also nicht nur die radikalen Siedler – und wie ich schon sagte, könnte es gegen eine hoheitliche Entscheidung, uns aus den besetzten Gebieten zurückzuziehen, einen bewaffneten Aufstand oder Mini-Bürgerkrieg geben, selbst wenn in Wahlen oder einem Volksentscheid dafür gestimmt wurde. Für sie ist Gottes Wille oder die Geschichte weit stärker als Wählerstimmen.

Jerusalem ist wegen seiner Geschichte und heiligen Stätten ein Problem anderer Art. Hier liegt der Ausweg darin, zuerst herauszufinden, wie wir die beiden Städte Ost- und Westjerusalem offen halten können und wie wir uns über die beiderseitige historische und religiöse Bindung einigen können – getrennt von der Souveränität.

Das Schwierigste ist in meinen Augen die Flüchtlingsfrage, da die Israelis das ganze Thema leugnen. Sie blenden aus, was 1948 geschehen ist, während die Palästinenser immer mehr darauf beharren. Bei dem Konflikt geht es tatsächlich nicht nur um die Besatzung in den Gebieten von 1967; für die Palästinenser ist die Expansion der Siedlungen eine Wiederholung der Nakba [Katastrophe] von 1948. In Israel haben wir ein Kabinett, das vor einer öffentlichen Diskussion über 1948 Angst hat und sie deshalb unterbindet. Bei der Linken haben Diskussionen begonnen, aber die Gegenreaktion von der Mitte und dem Kabinett delegitimiert sie. Jede öffentliche Institution, die eine Nakba-Veranstaltung ausrichtet, verliert ihre staatliche Finanzierung. Das ist das Gesetz. Außerdem ist es verboten, das palästinensische Narrativ in Sekundarschulen zu vermitteln. An einigen Hochschulen wäre es zu heikel, es in die Lehre einzubeziehen; Studenten könnten sich beschweren. Dadurch wird es allerdings nicht verschwinden.

Meiner Ansicht nach trifft es zu, wenn die Rechte sagt, bei dem Konflikt mit den Palästinensern gehe es um 1948. Aber die Prognose der Rechten ist falsch. Die Prognose der Linken ist richtig: Machen wir eine Zwei-Staaten-Lösung. Diese Lösung ist in der Tat nicht problemfrei, aber meiner Ansicht nach ist jede andere Lösung noch problematischer.

DHWie wirkt sich die Verlegung der US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem aus?

MKDen Umzug verstehen die Israelis so: „Wir haben gewonnen; die Palästinenser sind besiegt. Wir haben Trump auf unserer Seite, wer ist schon Macron, wer ist Abbas?“ Die Palästinenser ihrerseits denken: „Wir leisten Widerstand. Wir sind hier und wir werden hier trotz allem bleiben.“ Diese passive Beharrlichkeit kann in Taten umschlagen. Ich möchte hinzufügen, dass Hybris der größte Feind der mächtigeren Seite ist. Leider sehen wir das in Israel nicht so. Alternativ, und während wir über Frieden mit den Palästinensern in den Gebieten von 1967 reden, müssen wir mit unseren israelisch-palästinensischen Bürgern zusammenarbeiten – nicht auf der Basis „Wir sind Juden, sie sind Araber, deshalb können wir nicht kooperieren“. Wir müssen aufgrund unserer gemeinsamen Staatsbürgerschaft mit ihnen kooperieren, da Staatsbürgerschaft die Grundlage einer liberalen Demokratie ist.

DHIm Zusammenhang mit Israel ist oft die Rede von einer gefährlichen Nachbarschaft. Manchmal bezieht sich das auf die Vorgänge im Iran. Ist es ein existenzielles Risiko, dass der Iran weiterhin Zugang zu Atomtechnik hat?

MKEs gibt ein Abkommen, das den Iran daran hindert, in den nächsten zehn oder fünfzehn Jahren eine Atomwaffe zu haben. Als Israeli fühle ich mich nicht existenziell bedroht. Der Iran ist weit weg; er kann Israel nicht vernichten. Im schlimmsten Fall kann der Iran einen Flugkörper mit einem kleinen atomaren Sprengkopf schicken. Er kann, sagen wir, die Hälfte von Tel Aviv zerstören. Israel wird daraufhin Teheran zerstören. Das ist nicht das Ende des Staates Israel oder der israelischen Gesellschaft. Wir sind stark. Wir wollen bleiben. Und auch der Iran will bleiben. Der Iran wird seine Panzer nicht 2 000 Kilometer weit schicken, um Israel zu besetzen und es den Palästinensern zu geben. Unsinn. Manche Iraner sind Radikale und schwingen radikale Reden. Na und? Es gibt auch Palästinenser und Israelis mit einer ähnlichen Rhetorik; sie wollen die andere Seite von der Landkarte tilgen. Überall Wunschdenken.

Ich sehe keine existenzielle Bedrohung für Israel. Wir haben Friedensabkommen mit Ägypten und Jordanien. Wir beherrschen die Palästinenser. Wir haben Geheimdienst-Kooperationen mit Saudi-Arabien und den Golfstaaten. Sie lassen El Al sogar durch ihren Luftraum nach Indien fliegen und sie lassen Air India über Saudi-Arabien nach Israel fliegen. Syrien ist zerstört. Der Libanon ist ein schwaches Land und eine gebrochene Gesellschaft

„Die einzige existenzielle Bedrohung, die wir haben, ist psychologisch. Meiner Ansicht nach ist sie nicht real, sondern imaginär.“

Menachem Klein

Die „Nachbarschaft“ ist fertig. Es gibt keine Arabische Liga mehr; die ist zusammengefallen. Viele arabische Staaten sind mit Bürgerkriegen beschäftigt. Selbst als die Arabische Liga noch funktionierte, waren ihre arabischen Staaten uneins und bekämpften einander. Das ist einer der Hauptgründe dafür, dass Israel den Krieg von 1948 gewinnen konnte.

DHVertrauen zu schaffen, ist zentral dafür, um zu Friedensabkommen zu gelangen. Wie wurde das in den Verhandlungen erreicht, an denen Sie beteiligt waren?

MKErfolgreiches Verhandeln beruht auf Vertrauen und darauf, dem anderen Zugang zu Informationen zu geben: „Ich werde dir meine wirklichen Sorgen sagen. Bitte sei ganz aufrichtig mit mir, was deine Sorgen, deine wirklichen Schmerzgrenzen und wichtigsten Interessen betrifft, und schauen wir, wie wir klarkommen. Ich werde deine Sorgen berücksichtigen und umgekehrt.“

Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Bei der Genfer Initiative profitierten wir, das israelische Team, von professionellem Wissen – Computern, Landkarten etc. Die Palästinenser hatten deutlich weniger professionelles Wissen und Daten. Wir hätten das ausnutzen können, um mehr herauszuschlagen (was übrigens die Strategie bei den offiziellen Verhandlungen war). Oder wir konnten Daten miteinander teilen. Ihr bringt eure, wir bringen unsere, und wir teilen.

Nicht weniger wichtig ist Folgendes: Behandle die andere Seite als Partner und als gleichberechtigt. Sei nicht arrogant, weil du einen Staat hast und sie nicht oder weil du ein Professor oder General bist und sie nur Angestellte oder was auch immer. Behandle sie als Menschen, die dir absolut ebenbürtig sind. Dies ist ein sehr grundlegendes Element bei Verhandlungen; es ist schwer, dies zu bewerkstelligen, aber es ist notwendig, um ein Abkommen zu erreichen.

DHSie sprechen über eine empathische Geisteshaltung.

MKImmer empathisch. Das kann man nicht künstlich einsetzen. Es ist mehr, als zusammen zu essen. Ich gebe Ihnen ein weiteres Beispiel. Bei den Track-II-Verhandlungen, an denen ich beteiligt war, kamen die beiden Delegationen, Israelis und Palästinenser, am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv an. Die Palästinenser bekamen eine „Spezialbehandlung“ von der Security. Sie sollten zur Seite gehen, um anders kontrolliert zu werden als die Israelis. Wir sagten: „Nein, wir gehen mit ihnen mit.“ Wir bestanden darauf, durch die gleiche Sicherheitskontrolle zu gehen wie sie.

DHWas würden Sie den Politikern in Israel raten?

MKLet’s learn from history and don’t be arrogant. One of the mistakes of the Israeli left in ’93 (at Oslo) was arrogance. The right wing today makes the same mistake; it is arrogant toward the left. When peace negotiations are back on the table, let’s be modest and decide jointly on the rules of the game. How will we reach a conclusion? How will we bring the agreement to the people for a vote? It’s not a magic formula to eliminate the armed resistance that I mentioned earlier, but it will reduce it. It will not eliminate the expected collective trauma but will help overcome it.Lernen wir aus der Geschichte – und seid nicht arrogant. Einer der Fehler der israelischen Linken 1993 (in Oslo) war Arroganz. Die Rechte macht heute den gleichen Fehler; sie ist arrogant gegenüber der Linken. Wenn es wieder Friedensverhandlungen gibt, seien wir bescheiden und entscheiden wir gemeinsam, was die Spielregeln sind. Wie werden wir zu einem Abschluss kommen? Wie werden wir das Abkommen zu den Menschen bringen, damit sie darüber abstimmen? Es ist keine Zauberformel, die den schon erwähnten bewaffneten Widerstand eliminieren wird, aber es wird ihn verringern. Es wird das erwartete kollektive Trauma nicht eliminieren, aber es wird bei seiner Überwindung helfen.