Wer ist mein Nächster?
Sehen wir Menschen, mit denen wir wenig gemein haben, gewohnheitsmäßig als unsere Nächsten?
Im Oktober 2011 wanderte ein zweijähriges Mädchen in der chinesischen Stadt Foshan von seinem Zuhause fort und wurde von einem Lieferwagen angefahren. Eine Überwachungskamera nahm den Unfall auf und zeigte, dass das Kind alleingelassen wurde und dass mindestens 18 Passanten vorbeigingen, ohne Hilfe zu leisten. Schließlich kam die Müllsammlerin Chen Xianmei zu Hilfe, aber acht Tage später erlag das Mädchen seinen Verletzungen.
Das Videomaterial ging später viral und viele waren entsetzt darüber, wie viele Menschen vorübergegangen waren, ohne Hilfe anzubieten. In der Folge wurde in sozialen Medien eine „Stopp Apathie“-Kampagne lanciert, um für mehr Mitgefühl zu werben.
Aber wie stoppt man denn Apathie? Und wie konnte Chen Xianmei Mitgefühl aufbringen, wenn andere es nicht konnten?
Handeln oder nicht handeln?
Es gibt verschiedene Gründe dafür, dass Menschen sich in einer bestimmten Situation entscheiden, zu handeln (oder nicht zu handeln).
In China gab es z. B. keine nationalen Barmherzige-Samariter-Gesetze, als die Kleine starb, und es hatte in den Medien stark beachtete Fälle gegeben, bei denen Opfer ihre vorgeblichen Helfer auf Schadenersatz für die Kosten medizinischer Behandlungen verklagt oder sie gar bezichtigt hatten, die Verletzungen selbst verursacht zu haben. Xianmei selbst wurde vorgeworfen, sie habe eingegriffen, um Aufmerksamkeit oder sogar eine Belohnung zu bekommen. Viele Kommentatoren spekulierten, die Schaulustigen hätten vielleicht Folgen dieser Art gefürchtet. Außerdem grassierte in der Region eine Masche, bei der eine Verletzung vorgetäuscht und dann von Umstehenden Geld erpresst wurde. Angesichts dieser kulturellen Bedingungen ist es leichter zu verstehen, warum so viele gezögert haben mögen.
Auch in westlichen Ländern gibt es kulturelle Einflüsse. Wer in der Zeit der „Stranger Danger“-Kampagnen des öffentlichen Dienstes in den USA oder Großbritannien aufgewachsen ist, hat vielleicht eine übertrieben misstrauische Haltung gegenüber Fremden gefördert. Das begann zwar als verständliche Reaktion auf mehrere viel beachtete Entführungen, und manche der Empfehlungen waren nützlich (etwa Kinder davor zu warnen, zu Fremden ins Auto zu steigen), doch wurde weitgehend ignoriert, dass die meisten der betroffenen Kinder von jemandem entführt wurden, den sie durchaus kannten. Diese fehlgeleitete Sensibilisierung könnte zu einer ängstlichen Haltung beigetragen haben, die nun allgemein Fremde und Ausländer betrifft.
Im Gegensatz dazu kann jemand, der in einem Umfeld mit dem südafrikanischen Prinzip Ubuntu aufgewachsen ist, eine von Natur aus mitfühlendere Haltung gegenüber Fremden haben. Dieses Prinzip betont eine kollektive und vernetzte Sicht des Menschseins, wo die Interessen der Gemeinschaft Vorrang vor den Interessen des Einzelnen haben. Solche kulturellen Faktoren wirken sich darauf aus, wie wohl wir uns fühlen, wenn wir jemandem nahekommen, den wir nicht kennen.
Zusätzlich zu kulturellen Einflüssen unterliegt unser Gehirn einigen Voreingenommenheiten, die uns helfen oder behindern können, wenn es darum geht, uns für Fremde stark zu machen.
Haben wir uns jemals über einen Autofahrer geärgert und seine ganze Existenz geschmäht, uns aber später für das gleiche fahrlässige Verhalten gerechtfertigt? Das könnte ein Beispiel für die kognitive Voreingenommenheit sein, die man fundamentalen Zuordnungsfehler nennt. Wenn andere einen Fehler machen, schreiben wir ihn deren schlechtem Charakter zu; machen wir aber selbst den gleichen Fehler, neigen wir dazu, ihn zu rechtfertigen oder als Aussetzer abzutun.
Oder vielleicht gehen wir an einem Menschen in Not vorbei, ohne Hilfe anzubieten, weil wir unbewusst glauben, seine Not sei die natürliche Folge früherer unkluger Entscheidungen. In einem solchen Fall wären wir dem Gerechte-Welt-Irrglauben aufgesessen – der Annahme, dass jeder bekommt, was er verdient.
„An eine gerechte Welt zu glauben, ist beruhigend – es schafft Ordnung und Vorhersehbarkeit, statt die Willkürlichkeit der Dinge anzuerkennen.“
Wenn viele Menschen anwesend sind, könnte der Zuschauereffekt zum Tragen kommen, der eine Diffusität der Verantwortung bewirkt: Niemand ist sicher, wer etwas tun sollte, und so tut niemand etwas.
Diese (und viele andere) Voreingenommenheiten sind weitgehend unbewusst, aber wir versäumen oft, solche Abkürzungen im Denken zu hinterfragen. Wenn es um Fremde geht, kann das bedeuten, dass wir das gemeinsame Menschsein zwischen uns und jemandem in Not nicht erkennen und nicht verstehen, dass auch wir in eine Notsituation geraten könnten.
Alle diese Faktoren können sich auf unsere Fähigkeit auswirken, auf einen Fremden in Not zuzugehen.
„Wir“ und „die“
Weil wir uns sicher fühlen wollen, suchen wir oft Ähnlichkeiten und Gruppen, mit denen wir uns wohler fühlen. Es ist natürlich, Menschen zu suchen, mit denen man leicht in Verbindung kommt. Und das Feststellen solcher Ähnlichkeiten kann helfen, uns dazugehörig zu fühlen. Gleichgesinnte zu finden, die unsere Interessen und Werte teilen, unterstützt eine Empfindung des Eingebundenseins, ohne die wir uns entfremdet fühlen könnten. Dadurch können Menschen, die gerade seltene und ungewöhnliche Umstände erleben, Zugang und Verbindungen zu anderen mit ähnlichen Erfahrungen bekommen. All dies kann ein soziales Fundament stärken, das im Idealfall uns alle trägt.
Forschungsergebnissen zufolge können sich diese einfacheren Verbindungen innerhalb einer Gruppe auch darauf auswirken, wie gut wir uns einfühlen können. Eine Analyse von Studien zur funktionalen Magnetresonanztomografie ergab, dass Menschen, die sehen, wie Mitglieder ihrer eigenen Gruppe einen Schmerzreiz bekommen, wahrscheinlich Aktivität in Hirnregionen zeigen, die damit assoziiert sind, Menschen mit Schmerzen anzuschauen. Das ist zwar nicht überraschend, aber das Gegenteil trifft ebenfalls zu. Wenn dieselbe Person jemanden außerhalb ihrer Gruppe anschaut, der Schmerzen hat, werden dieselben Hirnregionen weniger wahrscheinlich aktiviert. Das legt nahe, dass es uns schwerer fällt, über Gruppengrenzen hinweg mitzufühlen.
Ebenso besorgniserregend ist unsere Tendenz, nach Gruppengrenzen zu differenzieren. Gruppen, die harmlos scheinen mögen, können trotzdem letztlich Voreingenommenheiten gegenüber Nichtmitgliedern entwickeln. Sogar eine Studie, bei der Vorschulkinder willkürlich in eine „rote“ und eine „blaue“ Gruppe aufgeteilt wurden, zeigt eine positive Voreingenommenheit gegenüber Mitliedern der eigenen Gruppe. Eine andere Studie mit Fans unterschiedlicher Fußballvereine zeigt, dass sie bei Mitgliedern der eigenen Gruppe eher eingriffen, um Schmerzen zu lindern, als bei Mitgliedern anderer Gruppen.
„Schütze deinen Frieden“?
Erfreulicherweise zeigen Studien auch, dass Menschen, die mit Gruppenfremden mitempfinden können, eher empathisch reagieren und mitfühlend agieren können, um Schmerzen zu lindern. Sehr gute Erfolge haben kognitive Übungen gezeigt, die helfen, unsere Fürsorge für nahestehende Menschen zu identifizieren, und dann trainieren, dieses Maß an Fürsorge auf Unbekannte anzuwenden. Hunderte von Studien kommen zu dem gleichen Schluss: Je mehr wir über Gruppenfremde erfahren, wissen und verstehen, desto leichter können wir das gemeinsame Menschsein erkennen und Mitgefühl aufbringen.
„Folgendes ist die Definition, die ich in meiner Forschung über Mitgefühl verwende: Mitgefühl beinhaltet 1) ein Bewusstsein, dass ein anderer leidet, 2) eine wohlwollende emotionale Reaktion auf dieses Leiden und 3) einen Wunsch oder eine Motivation, dieses Leid lindern zu helfen.“
Leider erleben wir heute viele kulturelle Anreize, genau das Gegenteil zu tun, die uns noch weiter in die Isolation treiben. Gespräche verlagern sich immer mehr ins Internet und kurzformatige Diskussionen in sozialen Medien machen es schwer, komplexe Themen mit Kontext und Nuancen zu behandeln; stattdessen begünstigen sie Memes, plakatives Gewitzel und Beleidigungen. Unser digitales Erleben wird zunehmend hyperpersonalisiert, mit immer weniger Zugang zu anderen Gruppen, Gedanken und Sichtweisen.
Eine besorgniserregende Entwicklung in der digitalen Welt ist die erhöhte Zugänglichkeit von stärker polarisierenden, tendenziösen oder verzerrten Inhalten. Einer Theorie zufolge können soziale Medien wie YouTube, Facebook und TikTok Menschen dazu treiben, immer radikalere Inhalte zu konsumieren; dafür wurde der Begriff „algorithmische Radikalisierung“ geprägt. Zwar ergeben Studien widersprüchliche Befunde dazu, ob in erster Linie der Algorithmus oder der Nutzer die treibende Kraft radikalisierter Inhalte ist, aber sicher feststellbar ist eine deutlich erhöhte Zugänglichkeit radikalisierter Inhalte. Und dies kann eine verzerrte Sicht der Realität fördern. Unser mangelndes Interesse an anders gearteten Gedanken kann unserer Fähigkeit zu breiterem Mitfühlen schaden.
Gleichzeitig raten populärpsychologische Bewegungen: „Schütze deinen Frieden“ – man solle sich mit Leuten umgeben, die die gleiche Weltsicht haben wie man selbst. Richtig verstanden soll das helfen, gesunde Grenzen zu setzen und sinnvolle Beziehungen zu pflegen. Doch wenn es unser Hauptziel ist, Leute zu finden, mit denen wir bereits einer Meinung sind, und uns mit ihnen abzugeben, fragt man sich, ob wir nicht Chancen verpassen, uns mit schwierigen, komplexen und differenzierten Gedanken auseinanderzusetzen.
In ihrem umstrittenen Buch The Coddling of the American Mind von 2018 haben Greg Lukianoff und Jonathan Haidt dieses Phänomen untersucht. Sie fanden, an Hochschulen seien immer stärker verzerrte emotionale Argumentationen und ein Denken nach dem Muster „wir gegen die anderen“ aufgekommen. Diese Denkmuster schrieben sie einer Kultur des „Sicherheitskults“ zu, bei der Studenten von komplexen Gedanken abgeschirmt würden, bis sie schlicht Unbequemes mit Gefährlichem verwechselten. Dieser Mangel an Bandbreite von Perspektiven, so die Autoren, trage zu Hexenjagden und sogar körperlicher Gewalt bei. Als Beispiel führten sie u. a. die Ausschreitungen von 2017 in Berkeley an, wo zunächst friedliche Demonstrationen in Gewalt umschlugen, als maskierte Agitatoren auftauchten.
Kritiker des Buchs verweisen auf Strohmann-Argumente und fehlerhafte Prämissen, auf denen einige seiner pauschalisierenden Behauptungen beruhen. Dennoch stimmt die Beobachtung von Lukianoff und Haidt, dass die Fähigkeit schwindet, schwierige Themen ruhig zu diskutieren, und dass es stattdessen zu Eskalation und Gewalt kommt. Allerdings ist klar, dass Mangel an Toleranz gegenüber gegenläufigen Gedanken nicht auf Hochschulen beschränkt ist. Zwar wird argumentiert, dass Zensur an Hochschulen schon lange ein Problem ist, aber man sieht sie in jedem Winkel der Gesellschaft.
Der Impuls, Leute, die anderer Meinung sind als wir, zum Schweigen zu bringen, ist nicht auf irgendeine Generation, wirtschaftliche Stellung, Institution oder Ideologie beschränkt, und was man täglich in den Schlagzeilen sieht, wird durch Forschungsergebnisse bestätigt. So stellten Emily Kubin und ihr Team von Psychologinnen 2024 fest, dass Zensur als gerechtfertigt empfunden wird, wenn die Gedanken uns schädlich oder falsch vorkommen. Eine andere Forschungsgruppe stellte fest, dass Menschen über das gesamte politische Spektrum hinweg ähnlich oft „canceln“ – und jede Seite ihre eigene Reaktion als gerechtfertigt und die ihres Gegners als Zensur deutet. Dies zeigt sich auf jeder Ebene: in fristlosen Entlassungen von Arbeitnehmern wegen Posts in sozialen Medien, in der Gesetzgebung von Regierungen, in Musik und anderen Künsten, in der Auswahl von Geschäftspartnern – wo immer wir etwas identifizieren können, das wir als Bedrohung unserer moralischen Werte wahrnehmen. Die Schwierigkeit, gegenteilige Ansichten zu tolerieren, scheint ein Problem der ganzen Menschheit zu sein, nicht nur von Hochschulen.
„In einer idealen Welt würden rationale Menschen, wenn sie auf neue Belege stoßen, die ihren Überzeugungen widersprechen, die Fakten bewerten und ihre Ansichten dementsprechend ändern. Aber in der realen Welt läuft es generell nicht so.“
Sich respektvoll mit Menschen anderer Ansicht auseinanderzusetzen, ist leichter gesagt als getan. Es ist nie einfach, dabei ruhig zu bleiben und bereit zu sein, Argumente anzuhören, die unserer Weltsicht widersprechen. Manchmal kann sich das unangenehm und vielleicht sogar anstößig anfühlen. Aber könnte es sich lohnen, auch in solchen schwierigen Momenten auf eine breitere Perspektive hinzuarbeiten und dabei gefasst und mitfühlend zu bleiben?
Das dürfte der Fall sein, insbesondere wenn man bedenkt, dass verstärkte Polarisierung als erhebliches Risiko für die globale Stabilität identifiziert worden ist. Der „Global Risks Report“ des Weltwirtschaftsforums für 2025 nennt als zwei der vier wichtigsten globalen Risiken auf kurze Sicht „Fehlinformation und Desinformation“ sowie „gesellschaftliche Polarisierung“.
Der Reiz der Polarisierung
Da Polarisierung mit einem Anstieg von Gewalt und Verlust von Verbundenheit einhergeht, nimmt es wunder, dass sie die Gesellschaft so fest im Griff hat. Was ist ihr Reiz?
Soren Kaplan, Autor und Affiliate am Center for Effective Organizations der University of Southern California, bemerkt, dass sich Polarisierung gut anfühlt. Sie erfüllt ein psychisches Bedürfnis nach Dazugehören und Sinnhaftigkeit. Es ist tröstlich, Menschen mit ähnlichen Ansichten zu finden. Polarisierung liefert konkrete, schwarz-weiße Antworten in einer Welt, die sich oft verwirrend und uneindeutig anfühlt. Nur führt sie allzu oft zu einer Entmenschlichung Andersdenkender. So mag innerhalb einer vorgeschriebenen Gruppe ein Gefühl des Dazugehörens gefördert werden, aber jeder Andersdenkende wird ein Feind.
Brené Brown, leitende Forscherin an der University of Houston, beschreibt in ihrem Buch Braving the Wilderness: The Quest for True Belonging and the Courage to Stand Alone einige der verheerenden Nebenwirkungen der Gruppenbildung aufgrund gemeinsamer Feindschaften. „Intimität aufgrund gemeinsamer Feindbilder ist gefälschte Verbundenheit und das Gegenteil echter Zugehörigkeit. Wenn die Verbundenheit mit anderen einfach darin besteht, dass man dieselben Leute hasst, ist die Intimität, die man erlebt, oft intensiv, unmittelbar befriedigend und ein einfacher Weg, Empörung und Schmerz abzuladen. Sie ist allerdings kein Kraftstoff für echte Verbundenheit.“
Es ist leicht, zu sehen, wie verführerisch es sein kann, sich an polarisierenden Diskursen zu beteiligen, aber letztlich finden wir dort nicht die Verbundenheit, die wir suchen.
Der Wert des Unbehagens
Menschliche Beziehungen sind komplex, facettenreich, uneindeutig und manchmal verwirrend. Wir alle sind Menschen und das bedeutet, dass wir alle fähig sind, sehr viel Gutes, aber auch sehr viel Schaden zu bewirken – bei Fremden wie bei Bekannten. Und unsere Fähigkeit, mit der nebulösen Natur des Menschseins zurechtzukommen, ist von entscheidender Bedeutung dafür, mit Vernunft, Güte und Mitgefühl durch das Leben zu gehen.
„Wenn es doch alles so einfach wäre! Wenn es doch nur böse Menschen gäbe, die irgendwo heimtückisch böse Taten verüben, und es wäre nur nötig, sie vom Rest von uns zu trennen und zu vernichten. Aber die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft durch das Herz jedes Menschen.“
Der Gedanke ist nicht neu. Der südafrikanische Sozialanthropologe Max Gluckman schrieb 1955, dass Gesellschaften sich oft so entwickeln, dass ihre Mitglieder mit ein und derselben Person je nach Thema befreundet und verfeindet sein können. Die Menschen können sich in verschiedenen Bündnissen miteinander verbinden, aber da sie viele untereinander abhängige Beziehungen haben, wird nicht eine bestimmte Loyalität dominant. Seine These war, dass gerade wegen dieser Interdependenzen Konflikte unter Kontrolle gehalten werden. Dies gibt Gesellschaften, die regelmäßige Interaktionen mit Menschen gleicher Ansicht und Menschen anderer Ansicht fördern, eine zusätzliche Schicht sozialer Stabilität.
Kaplan beschreibt es so: „Empathie. Demut. Intellektuelle Neugier. Die Fähigkeit, Uneindeutigkeit auszuhalten. Das sind die Eigenschaften, die die Polarisierung still und leise aushöhlt, während sie Zugehörigkeit und Sinn verheißt.“ Das sind die Grundlagen, die uns Mitgefühl und Empathie für unsere Mitmenschen geben, auf denen wir eine wahrhaft liebevolle Gemeinschaft aufbauen können.
Die Versuchung, uns in Fraktionen, Stämme, Parteien oder sonstige Gruppierungen aufzuspalten, ist allerdings sehr stark. Aber die Risiken zu berücksichtigen, bringt enormen Wert und Chancen, zu wachsen; zu einer Gruppe zu gehören, von der wir meinen, sie sei besser als andere, kann uns ein falsches Gefühl von Sicherheit und Komfort geben, und die Gefahr dabei ist, dass die Menschlichkeit von Mitgliedern anderer Gruppen entwertet wird.
Wir können uns mit verschiedenen Idealen und Bewegungen identifizieren, aber sind wir dann noch fähig, Mitgefühl für Andersdenkende aufzubringen?
Der barmherzige Mitmensch
Wie wir gesehen haben, können unsere guten Absichten in Bezug auf andere Menschen auf einige Hindernisse stoßen. Selbst wenn es keine ideologischen oder sonstigen Differenzen gibt, kann man sich durch Faulheit, Apathie oder sogar Furcht vor negativen Folgen davon abhalten lassen, zu handeln, um jemandem, der es braucht, Mitgefühl zu zeigen.
Unter schwierigen Bedingungen Mitgefühl aufzubringen, kann schwer sein, aber nicht unmöglich. Chen Xianmeis Handeln, um dem verletzten Kind zu helfen, ist eine ermutigende Erinnerung daran, wozu wir alle fähig sind, wenn wir Mitgefühl zu einer Priorität in unserem Leben machen. Geschichten wie ihre erinnern an die vom barmherzigen Samariter – das biblische Gleichnis, in dem ein Fremder, der vorbeikam, einem Mann half, der beraubt und misshandelt worden war.
„Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste geworden dem, der unter die Räuber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!“
Interessanterweise folgt dieser Bericht direkt auf die sogenannte Goldene Regel – „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ –, ein moralisches Grundprinzip in vielen Gesellschaften. Aber das Gleichnis ist eine Antwort auf eine Falle. Ein Gesetzeslehrer, der gehört hatte, wie Jesus die Goldene Regel lehrte, fragte ihn: „Wer ist denn mein Nächster?“ Ihm ging es um eine Gesetzeslücke, damit er entscheiden konnte, wer Anspruch auf Mitgefühl und Empathie hätte und wer folglich nicht (Lukas 10, 25–37).
Man kommt nicht umhin, heute ähnliche Einstellungen zu bemerken. Unsere polarisierte und spaltende globale Umwelt mag typisch nur für unsere Zeit scheinen, aber dieses Thema plagt die Menschheit seit Jahrtausenden. Der Schauplatz des Gleichnisses, Judäa im ersten Jahrhundert, war gleichermaßen gespalten. Ehe der Samariter kam, waren zwei andere Menschen vorbeigegangen; sie werden als ein Priester und ein Levit identifiziert – hoch geachtete religiöse Persönlichkeiten, von denen man erwartet hätte, dass sie ihrem Gesetz entsprechend einem Fremden Barmherzigkeit erwiesen hätten. Samariter waren dagegen eine Gruppe, mit der Juden seit Langem verfeindet waren. Den Protagonisten als Samariter zu identifizieren, muss die damaligen Zuhörer überrascht haben.
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ist die Antwort auf „Wer ist denn mein Nächster?“. Es war damals ebenso lehrreich wie heute und fordert uns auf, unsere Orientierung zu verlagern. Der barmherzige Samariter zeigte, dass jeder Mensch, der eine empathische und mitfühlende Haltung kultiviert, bei jemandem in Not eine tiefgreifende Wirkung auslösen kann. Sich darauf zu konzentrieren, ob jemand Mitgefühl verdient, ist ein Abweg. Es sollte uns stattdessen darum gehen, wie wir Mitgefühl in unserem Leben kultivieren können.
Wir alle haben Gelegenheiten, den Menschen um uns herum Empathie und Mitgefühl zu zeigen. Aber Angst, Spaltung und entmenschlichendes Denken bringen uns alle in die Gefahr, Menschen als „die anderen“ statt als unsere Mitmenschen zu sehen. Um die Fähigkeit zu entwickeln, jede Person, der wir begegnen, mit Mitgefühl zu sehen, müssen wir über die Zugehörigkeit zu Gruppen hinaus unser gemeinsames Menschsein erkennen und Güte und Fürsorge für alle kultivieren – selbst für die, deren Meinung wir vielleicht ablehnen.
Geschichten von barmherzigen Samaritern beschreiben normalerweise ungewöhnliche Handlungen. Tatsächlich ging der Samariter in dem Gleichnis weit über das Normale hinaus, um eine Tat der Schönheit und Güte zu tun. Doch Mitgefühl kann man auch zeigen, indem man zuhört, Geduld hat, verstehen will und vieles mehr. Selbst in den alltäglichsten Situationen können wir Gelegenheiten finden, Mitgefühl zu pflegen und ein besserer Mitmensch zu werden.