Die Welt des Duce

Mussolini 

R.J.B. Bosworth. 2002. Oxford University Press, New York. 584 pages.

Mussolini’s Italy: Life Under the Fascist Dictatorship, 1915–1945

R.J.B. Bosworth. 2006. The Penguin Press, New York. 692 pages.

Sind Biografien von führenden Persönlichkeiten ein sicherer Weg, die Geschichte ihrer Zeit zu verstehen? Lassen sich Italien, Deutschland, die Sowjetunion und China im 20. Jahrhundert am besten durch die Taten (oder Untaten) von Mussolini, Hitler, Stalin und Mao erklären? Ist die Theorie vom „Mann, der Geschichte machte“ geeignet, um die Strömungen im Leben einer Nation zu erklären, oder ist sie ungeeignet, gerade weil sie eindimensional ist?

R.J.B. Bosworth, eine Autorität im Bereich der modernen italienischen Geschichte, wurde in einer Besprechung seines Buches Mussolini (2002) mit genau diesen Fragen konfrontiert. In der Besprechung wurde argumentiert, nur eine Erforschung des italienischen Gesellschaftssystems, zu dem Benito Mussolini gehörte, könne die Antwort auf die entsetzlichen Geschehnisse bringen, die er beeinflusste und/oder auslöste. Bosworth fand zwar, er habe die Rolle der Gesellschaft beim Aufstieg des Duce zur Macht und bei der Stützung seiner Machtposition ausreichend verdeutlicht, nahm aber die Herausforderung an, „das Leben der Dörfer und Städte und der abertausend lokalen Institutionen und Verbände der italienischen Provinz zu schildern, um zu verstehen, warum so viele Italiener . . . die italienische Diktatur akzeptierten.“ Das Ergebnis ist sein neuestes Buch, Mussolini’s Italy.

Mussolini wurde sofort als bedeutendes Werk anerkannt, die beste aktuelle Biografie über eine der Hauptfiguren des Zeitalters der Diktatoren im 20. Jahrhundert. Bosworth schickte voraus, dass er sich mit Fragen befassen wollte, die der britische Historiker Ian Kershaw in seiner Parallelarbeit über Hitler aufwarf. In diesem zweibändigen Meisterwerk zitierte Kershaw die Anweisung eines niedrigen deutschen Parteifunktionärs aus der Zeit zwischen den Kriegen, man solle nicht ihm zuarbeiten, sondern dem Führer entgegenarbeiten. Dies traf für Kershaw den Kern der gesellschaftlichen Dynamik von Hitlers Macht: die Bereitschaft der Menschen, auf das hinzuarbeiten, was ihrer Meinung nach der Wille des Führers war, sodass seine Autorität nicht nur anerkannt, sondern erweitert wurde (s. „Endlösungen“, Teil 1 und Teil 2). In seiner Biografie fragt Bosworth, ob für Mussolinis Anhänger das Gleiche galt.

Er kommt zu dem Schluss, dass der italienische Diktator nicht Hitler gleich war, seine Herrschaft aber durchaus auch die Frucht einer Beziehung zwischen dem faschistischen Anführer und seinem Publikum war. Diese Beziehung beschreibt Bosworth als seitenverkehrtes Spiegelbild der deutschen Situation: Mussolini war ein Diktator, der natürlich eitel, großspurig und grausam war, aber doch meistens seinem Volk entgegenarbeitete. „Er versuchte, populär und entgegenkommend zu sein“ und war gleichzeitig „charismatischer faschistischer Diktator und opportunistischer, zynischer Politiker.“ Doch obwohl er nicht das gleiche Format hatte wie sein Verbündeter, der von Hass getriebene, rassistische und völkermordende Hitler, sollte man nicht vergessen, dass Mussolini während seiner Herrschaft für den Tod rund einer Million Menschen verantwortlich war.

Bosworth macht deutlich, dass es ihm nicht um Sympathie für den Mann geht: Der Faschismus war eine üble Idee, und Mussolini war ein schlechter Mensch. Was von Mussolini geblieben ist, ist nicht die Ideologie – seine faschistischen Vorstellungen sind im Großen und Ganzen vergessen. Doch was der Duce hinterließ, ist das Modell für das aktuelle politische „Profilieren“: die Fähigkeit, anderen etwas vorzumachen. Nicht anders als viele heute, die ganz andere politische Richtungen vertreten, hatte Mussolini Freude an der Propaganda um sein Charisma und beteiligte sich eifrig an der Mythenbildung.

Doch wie reagierten die Italiener auf den Duce, der ihnen entgegenarbeitete? In Mussolini’s Italy gibt uns Bosworth Einblicke in das Leben der Italiener zuhause und draußen, über politische, soziale und Geschlechtergrenzen hinweg. Ihn interessiert nicht so sehr der Duce selbst als vielmehr seine engsten politischen Helfershelfer und das Volk, das er angeblich führte. Denn wie Bosworth schon in Mussolini zeigte, war der Duce ein Diktator, der nicht viel diktierte, sondern seine Tage damit verbrachte, vom Schicksal mitgerissen zu werden und zu versuchen, nicht als Versager zu erscheinen.

In Mussolini’s Italy ist nur ein Kapitel dem Duce gewidmet. Der Rest berichtet, „was die Faschisten behaupteten, zu tun, was sie wirklich taten und wie das italienische Volk mit seinen Unterschieden in Klasse, Geschlecht, Alter, seinen regionalen, religiösen, städtischen, ländlichen und sonstigen Ausprägungen mit der Totalitarismus-Version dieser Diktatur umging“. Die zugrunde liegende strukturelle Integrität dieser verschiedenen „Italien“ war eine Realität, durch die Mussolinis Totalitarismus nicht so total war, und bringt Nuancen in die Geschichte.

Bosworth kommt zu einem Schluss, an dem sicher einige Erforscher der Geistesgeschichte Anstoß nehmen werden: „Bei jeder Gelegenheit, wenn die faschistische ,Revolution‘ die Italiener zu manipulieren und zu kontrollieren suchte, waren die Italiener fleißig dabei, den Faschismus zu manipulieren und anzupassen. Wie alle modernen und die meisten alten Ideologien führte der Faschismus eine Sprache, als wollte er seinem Volk eine einzige Version der Geschichte aufzwingen. In Wirklichkeit aber hielten die Italiener in den Zwischenräumen, wo Ideologie und Praxis zusammentrafen, unbeirrbar an vielen Vergangenheiten und Gegenwarten fest und setzten ihre Hoffnungen auf viele Zukünfte.“

Bei jeder Gelegenheit, wenn die faschistische ,Revolution‘ die Italiener zu manipulieren und zu kontrollieren suchte, waren die Italiener fleißig dabei, den Faschismus zu manipulieren und anzupassen.“

R.J.B. Bosworth, Mussolini's Italy

Italien hat Mussolini überlebt, doch in seiner Zeit inspirierte und förderte er mehrere andere totalitäre Bewegungen. So verbündete er sich bereitwillig mit der destruktivsten Kraft des 20. Jahrhunderts, und wie manche meinen, vielleicht der ganzen Geschichte: Adolf Hitler (siehe unsere Serie „Messiasse! Herrscher und die Rolle der Religion“ in dieser Ausgabe). Diese Allianz führte zur Erschießung des Duce durch ein Exekutionskommando italienischer Partisanen – eines von den „Italien“, dem er nichts mehr vormachen konnte.

Zusammen bilden die beiden umfangreichen Bände Bosworths eine äußerst abgerundete Analyse einer schrecklichen Zeit in der jüngeren Geschichte, aus der wir alle lernen müssen. Totalitäre Ideologien treten in unterschiedlichen Formen und mit unterschiedlichen Inhalten auf. Die Geschichte wiederholt sich vielleicht nicht, aber, wie Mark Twain schrieb, „sie reimt sich“.