Konkrete Beweise?

Die Glaubwürdigkeit des biblischen Berichts vom Menetekel, der „Geisterschrift an der Wand“, die vor 2500 Jahren das unmittelbar bevorstehende Ende des alten Babylonischen Reiches prophezeite, ist seit langem umstritten. Heute löst eine ganz andere „Schrift an der Wand“ Kontroversen aus. Wird sie unwiderlegbare Beweise für die historische Richtigkeit der Bibel bringen?

Im letzten Sommer stellte ein archäologischer Fund in Israel das moderne Verständnis der hebräischen Bibel vor eine Herausforderung und gab der Diskussion darüber, ob in der Bibel berichtete Ereignisse historisch richtig sind, neue Nahrung.

An den unteren Hängen des Tell Zayit, in der Nähe des einstigen Territoriums der Philister, wurden Überreste einer Ortschaft des antiken Königreichs Juda ausgegraben. Dabei stießen die Archäologen auf ein Abecedarium - einen Stein, in den die Buchstaben eines Alphabets gemeißelt sind, in diesem Fall des althebräischen oder phönizischen Alphabets. Dieser gut 17 kg schwere Steinbrocken war Bestandteil eines mindestens 3000 Jahre alten, bereits ausgegrabenen Mauerzuges. Am Ende der Ausgrabungssaison, während die Arbeiter die Ausgrabungsstätte für letzte Fotos aufräumten, fiel einer freiwilligen studentischen Hilfskraft die Inschrift auf.

Was ist ein Abecedarium?

Abecedarium“ ist kein Begriff, den die meisten von uns sofort erkennen oder verwenden würden, doch wir würden uns nichtsdestoweniger schnell damit identifizieren. In jedem Kleinkinderzimmer findet man mit Sicherheit mindestens ein Abecedarium in Gestalt eines Posters oder Buches.

Das Oxford English Dictionary informiert uns, dass der englische Begriff „abecedary“, aus den ersten vier Buchstaben des Alphabets gebildet, im 15. Jahrhundert aufkam und vom lateinischen abecedarium abgeleitet ist. Er bezeichnete ein ABC-Buch für Kinder. Natürlich waren damals nur wohlhabende Familien in der Lage, ihren Kindern Bücher und eine Bildung zu bieten. Laut „Duden Fremdwörterbuch“ ist ein Abecedarium ein veralteter Begriff für „Abc-Buch, Fibel“, der auch für alphabetische Verzeichnisse des Inhalts von alten deutschen Rechtsbüchern verwendet wurde.

Ab dem 16. Jahrhundert wurde das Wort allgemein für alphabetische Aufzählungen verwendet, bis es im 19. Jahrhundert ungebräuchlich wurde. Heute wird es erneut verwendet und bezeichnet archäologische Funde, die einen Bezug zu Alphabeten haben.

Die Bedeutung eines solchen Fundes geht weit über das Artefakt selbst hinaus, denn es gibt Aufschluss über das Umfeld, in dem es geschaffen wurde. Etwas so Einfaches wie eine Inschrift auf einem Stein deutet auf beträchtliche Fähigkeiten und eine recht komplexe Gesellschaft hin. Wie ein Kind während eines gewissen Zeitraums schreiben lernt und dabei nicht nur die Hilfe von Lehrern braucht, sondern auch Übung, um die erforderliche Motorik zu entwickeln, so musste auch ein antiker Schreiber sein Handwerk lernen. Nach Ansicht des Epigraphikers Kyle McCarter von der Johns Hopkins University wurde die Inschrift auf dem Stein von einem hervorragenden Schreiber ausgeführt - ein Hinweis auf eine des Lesens und Schreibens kundige Gesellschaft. Basierend auf der Umgebung des Fundes wurde das Artefakt auf das 10. Jahrhundert v.Chr. datiert, die Zeit der Einheit Israels unter den Königen David und Salomo.

DER STOFF, AUS DEM LEGENDEN SIND?

Seit den 1980er-Jahren wird zunehmend Skepsis gegenüber den biblischen Berichten über David und Salomo laut. Für minimalistische Geschichtswissenschaftler - die „Kopenhagener Schule“ - waren David und Salomo rein mythische Gestalten. Jerusalem sei damals bestenfalls ein Dorf gewesen, und so habe es weder politische Einheit noch die legendäre Größe des salomonischen Reiches geben können. Zudem deute das völlige Fehlen archäologischer Schriftfunde aus dieser Epoche darauf hin, dass Analphabetismus endemisch war und nur diverse Volksstämme existierten. Dieser Denkschule zufolge war die Bibel ein Produkt der vier oder fünf Jahrhunderte späteren persischen Epoche und diente einzig dem Zweck, die starke jüdische Präsenz in der Region zu rechtfertigen (vgl. „Graben nach Glauben“ und „Löcher in der Geschichte“)

Diese Ansichten stellt der Fund eines Steines mit einer Inschrift in offenbar althebräischen Zeichen in Frage. Der Stein von Tell Zayit soll das gesamte hebräische Alphabet mit 22 Buchstaben enthalten, die in zwei Zeilen eingemeißelt sind. Darüber hinaus trägt die andere Seite mindestens eine weitere Inschrift, die noch entziffert wird. Die Inschrift zeigt, dass es im 10. Jahrhundert tatsächlich eine Form literarischer Tradition gab. Für eine Schrift-tradition jener Epoche wurden wenige Belege gefunden, weil Papyrusdokumente sich selbst unter idealen Umweltbedingungen nicht so lange halten können. Deshalb war dieser Fund so aufregend.

Der Stein von Tell Zayit gehört neben zwei anderen Inschriften - der des königlichen Sarkophags von Byblos und dem Kalender von Geser - zu den einzigen archäologischen Belegen für eine Schriftkultur aus dieser Zeit der israelischen und phönizischen Geschichte. Geser war eine Stadt nördlich des Tell Zayit, das noch nördlicher gelegene Byblos ein phönizisches Küstendorf. Der Kalender von Geser besteht einfach aus kalendarischen Details auf einer Tonscherbe. Tonscherben wurden damals als Notizblöcke verwendet, und zum Glück für die Archäologen sind sie unbegrenzt haltbar.

SPRECHENDE STEINE

Andere Funde wie das Jakobus-Ossuarium und der Jehoasch-Stein (vgl. „Written in Stone“) haben in jüngster Zeit ähnliches Aufsehen in der archäologischen Welt erregt. Das Besondere an diesem Fund ist, dass der Gegenstand bei einer ordnungsgemäß durchgeführten und beaufsichtigten archäologischen Ausgrabung entdeckt wurde. Er hat daher eine Herkunft - einen bekannten Ursprung oder Fundort, der es möglich macht, ihn im Zusammenhang mit dem ihn umgebenden Material zu untersuchen und zu studieren. Tonscherben in unmittelbarer Nachbarschaft des Steins wurden mit Sicherheit dem 10. Jahrhundert zugeordnet. Wegen seiner Lage in der Mauer kann der Alphabetstein nicht erst dort mit der Inschrift versehen worden sein; dies muss schon geschehen sein, bevor er in die Mauer eingesetzt wurde. Im Vergleich mit den anderen Schriftfunden aus jener Zeit (namentlich dem Kalender von Geser) ist die Schrift tendenziell noch archaischer, d.h., die Inschrift ist möglicherweise älter als diejenigen von Byblos und auch Geser und damit die älteste bekannte hebräische Inschrift.

Ein Abecedarium wie dieses konfrontiert Archäologen jedoch mit ganz eigenen Herausforderungen. Anders als ein geschriebenes Wort oder ein Satz, der übersetzt werden und einen Sinn oder einen Eindruck von der Zeit oder dem Anlass geben kann, ist ein Abecedarium stumm und vermittelt wenig mehr als das Können des Schreibers. Den Kontext und Grund für den Stein zu verstehen, wird Professor Ron Tappy vom Pittsburgh Theological Seminary (den Ausgrabungsleiter) und sein Team eine ganze Weile beanspruchen.

Der Stein selbst wird dadurch noch interessanter, dass seine Verwendung als Übungsmedium für einen Schreiber nicht die einzige war. Ursprünglich war er offenbar als Mörser ausgehöhlt worden, in dem man Kräuter oder Weihrauch zerstieß. Danach war er von dem Schreiber verwendet und schließlich so in die Mauer eines Hauses eingesetzt worden, dass die Buchstaben beim Vorbeigehen zu sehen waren.

MAXIMALE UND MINIMALE SICHTWEISEN

Tell Zayit, möglicherweise das biblische Libna (Josua 21, 13), war kein Ort, an dem Archäologen und Philologen einen Schriftfund erwartet hätten. Schrifttraditionen und   -praktiken hätte man in größeren und wichtigeren Zentren erwartet. Der Fund in einer Siedlung, die bislang als unbedeutend galt, gibt denen Munition, die behaupten, die Zeit Davids und Salomos sei eine Epoche relativer Größe gewesen. Professor Tappy fragt sich, ob die Siedlung tatsächlich größer und bedeutender war, als bisher geglaubt wurde. Für Professor Lawrence E. Stager, Inhaber des Dorot-Lehrstuhls für Archäologie Israels und Leiter des Semitic Museum der Harvard University, schlägt der Stein von Tell Zayit einen weiteren Nagel in den Sarg des minimalistischen Arguments.

Dies könnte der bedeutendste Fund im Heiligen Land seit einem Jahrzehnt sein.“

Lawrence E. Stager, Dorot Professor für Archäologie Israels, Harvard Universitz

Inzwischen geraten die Minimalisten an einer anderen Front in Bedrängnis. In Jerusalem hat die Archäologin Eilat Mazar ein größeres Gebäude entdeckt, das zu der Stadt Davids im Süden des Jerusalemer Tempelbergs gehört. Ihr zufolge lässt sich das Gebäude ebenfalls dem 10. Jahrhundert zuordnen und war mehrere Jahrhunderte danach bewohnt. Unter ihren Funden sind mehrere Bullen - antike Siegel für Dokumente. Diese Bullen geben Namen von Amtsträgern an, die der Prophet Jeremia als Mitglieder des Königshofes vor der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier (586 v.Chr.) nennt.

Wenn Frau Mazars Behauptungen der strengen Prüfung durch ihre Kollegen standhalten, bedeutet diese Entdeckung noch mehr Unterstützung für die Verfechter des biblischen Geschichtsbildes. Bis heute argumentieren Minimalisten mit dem Fehlen nicht nur von Schriftzeugnissen, sondern auch von bedeutenden Bauten in Jerusalem aus jener Zeit. Noch immer verweisen sie gern auf das Fehlen von Monumental-inschriften - Widmungsinschriften für einen Monarchen oder eine Gottheit auf Bauwerken.

DIE BIBEL ALS GESCHICHTE

Den Vertretern beider Standpunkte bleiben offene Fragen, doch die größte Schwierigkeit ist ihnen gemeinsam. Ob sie versuchen, die Geschichte nach der Bibel zu rekonstruieren, oder dem mit der minimalistischen Ansicht widersprechen, die Bibel und die Archäologie ließen sich nicht vereinbaren - beide Seiten scheinen nicht zu begreifen, dass die Bibel nicht im modernen Sinn ein Geschichtsbuch sein will. Die Berichte der Bibel sollen letztlich nicht dazu dienen, anhand beweisbarer historischer Ereignisse die Existenz einer Gottheit oder höchsten Macht zu beweisen oder zu widerlegen. Die Bibel ist anders als jeder andere Bericht der Antike: Sie hat nicht ihresgleichen.

Sie ist auch kein Propagandastück, das darauf ausgelegt ist, ein Volk oder die Taten irgendeines Königs zu rechtfertigen. Sie erzählt von einem Volk, das einen Bund mit seinem Gott schloss und von der Art dieser Beziehung. Sie zeigt die Fehler und Schwächen nicht nur der Obrigkeit, sondern auch des gesamten Volkes. Ihre Erfolge sind in der Regel nicht ihnen selbst zuzuschreiben, sondern dem Eingreifen oder der Hilfe Gottes. Keine andere Nation hat ein Dokument, das seinen eigenen Leuten gegenüber so kritisch ist. Daher ist die Bibel nicht mit den Annalen der Könige von Assyrien und Babylon oder den hieroglyphischen Darstellungen der Heldentaten von Ägyptens Pharaonen vergleichbar. Sie hat weder in der antiken noch in der modernen Welt ihresgleichen.

Die Bibel nur auf der Basis ihres historischen Wertes zu studieren, bedeutet, den Sinn dieses Buches vollkommen zu verkennen. Sie ist ein Bericht darüber, wie Menschen die Beziehung zu ihrem Gott, aber auch zu ihren Mitmenschen leben sollen. Die Folgen eines solchen Lebens werden selten bedacht, doch der reiche Lohn, den ein Leben nach den biblischen Prinzipien bringt, ist der eigentliche, konkrete Beweis für die Existenz eines höheren Wesens und den Wert seines Wortes.