Die fünf Bücher der Psalmen

Das Buch der Psalmen mit seinen vielfältigen Themen, die zu einer Fülle an Situationen im menschlichen Leben passen, soll ein Begleiter des täglichen Lebens mit seinen Höhen und Tiefen, seinen Prüfungen und Anfechtungen sein.

In Momenten der Verzweiflung suchen viele Menschen Trost und Rat im Buch der Psalmen. Einige dieser Psalmen sind weit bekannter als andere, vielleicht weil die Menschen im Lauf der Jahre diejenigen identifiziert haben, die in dunkleren Momenten besondere Ermutigung und Hoffnung spenden. So sind in jedem der fünf Bücher, aus denen die Sammlung besteht, manche Psalmen besonders beliebt geworden. Einige von ihnen werden in diesem Artikel betrachtet.

Abgesehen von zwei einleitenden Psalmen über den Charakter einer gottgefälligen Person und das kommende Reich Gottes auf der Erde, werden das erste Buch und ein großer Teil des zweiten generell David, dem König von Israel, zugeschrieben. So beginnt die ganze Sammlung mit einer Zeit, in der der bedeutendste gottesfürchtige Monarch in Israels Geschichte seine Persönlichkeit und seine Liebe zu Gott zum Ausdruck bringt.

Die Psalmen bieten Ausdrucksformen von Lobpreis und Gebet, die über Generationen hinweg immer wieder als ergreifend und passend für das Auf und Ab des menschlichen Lebens empfunden wurden.“

Walter Brueggemann, From Whom No Secrets Are Hid: Introducing the Psalms

Das erste Buch

Buch 1 (Psalmen 1–41) enthält mehrere Psalmen, die besondere Beachtung gefunden haben. Darunter ist Psalm 8, eine Schöpfungshymne, die die privilegierte Stellung des Menschen im Universum beschreibt. Er fragt: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst?“ (Vers 5) Daneben gibt es noch drei weitere Schöpfungspsalmen (19 und 65 in Buch 1; 104 in Buch 4). Diese werden als Erinnerung an die Macht Gottes und seine allumfassende Herrschaft eingeführt.

Psalm 8 ist auch ein messianischer Psalm. Doch was macht einen Psalm messianisch? Natürlich in erster Linie der inhaltliche Bezug zum Leben Jesu im Neuen Testament, außerdem die Tatsache, dass er entweder von Christus selbst oder von anderen zitiert wird. Messianische Psalmen können sich auch auf einen Aspekt seiner verheißenen Wiederkunft beziehen.

Vorausahnungen über den Messias

Als Jesus nach seiner Auferstehung den Jüngern erschien, sagte er ihnen, dass die hebräische heilige Schrift oft auf ihn verwiesen hatte: „Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose, in den Propheten und in den Psalmen.“ (Lukas 24, 44)

Psalmen“ ist eine Kurzbezeichnung für den dritten Teil der hebräischen heiligen Schrift, die „Schriften“, deren erstes Buch die Psalmen sind.

Traditionell werden 14 Psalmen als messianisch verstanden: 2, 8, 16, 22, 40, 45, 68, 69, 72, 89, 109, 110, 118 und 132. Hier werden jedoch nur vier dieser Kompositionen betrachtet.

Psalm 2 spricht von Gott, der durch seinen Sohn, den auserwählten König, sein Reich errichtet. Auch wenn sich menschliche Könige dem Gesalbten Gottes entgegenstellen, werden sie besiegt werden. Die ersten Anhänger Christi sahen dies dadurch erfüllt, dass Jesus von den Römern in Abstimmung mit der religiösen und der weltlichen Obrigkeit der Juden gekreuzigt wurde und dann den Tod besiegte. (Apostelgeschichte 2, 27–28) Seine sofortige Auferstehung erinnerte den Apostel Petrus (Apostelgeschichte 2, 22–32) an Psalm 16, der folgendermaßen schließt: „Darum freut sich mein Herz, und meine Seele ist fröhlich; auch mein Leib wird sicher liegen. Denn du wirst mich nicht dem Tode überlassen, und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Grube sehe.“ (Psalm 16, 9–10)

Jesus selbst schrie die ersten Worte von Psalm 22, als er sterbend am Kreuz hing: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27, 46) Die Verhöhnung Jesu durch die mit ihm gekreuzigten Diebe und die Menge der Schaulustigen (Matthäus 27, 43) ist eine Erfüllung von Psalm 22, 9: „Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus und rette ihn.“

Schließlich wird die priesterliche Abstammung Christi von der Blutlinie des Melchisedek in Hebräer 5, 6, 10 und 7: 17, 21 erklärt. Die Psalmen hatten diese Identifikation seit Langem vorausgesagt: „Der HERR hat geschworen und es wird ihn nicht gereuen: ‘Du bist ein Priester ewiglich nach der Weise Melchisedeks.‘“ (Psalm 110, 4)

Psalm 15 definiert den Charakter und das Verhalten eines gottesfürchtigen Menschen. Er fragt: „HERR, wer darf weilen in deinem Zelt? Wer darf wohnen auf deinem heiligen Berge?“ Wegen der definitiven Antwort sagen jüdische Gelehrte, dieser Psalm fasse in seinen wenigen, kurzen Versen alle 613 Aspekte des Gesetzes (nach ihrer Zählung) zusammen.

Der ebenfalls bekannte Psalm 22 hilft allen, die betrogen wurden und sich isoliert fühlen; er verweist auch auf das höchste Leid des Messias, das er auf machtvolle sowie ergreifende Weise ausdrückt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Psalm 23, der beliebteste von allen, beinhaltet tröstende Worte über Gottes Zuwendung und Fürsorge für alle, die schwer zu tragen haben: „Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Und denen, für die der offensichtliche Erfolg der Gottlosen eine Belastung ist, die darüber enttäuscht und verzweifelt sind, gilt die Ermutigung: „Sei stille dem HERRN und warte auf ihn“, denn es wird nicht so bleiben: „Noch eine kleine Zeit, so ist der Gottlose nicht mehr da.“ (37: 7, 10)

Die Psalmen sind, wie wir sehen werden, eine verbale Portraitgalerie Gottes, da viele von ihnen uns ein beeindruckendes Bild Gottes geben.“

Tremper Longman III, Psalms: An Introduction and Commentary

Das zweite Buch

Buch 2 (42–72) beginnt mit zwei Psalmen, die manche als eine zusammenhängende Meditation sehen. Sie gehören zu einer Folge von Kompositionen (42–49; 84–85; 87–88), die den Söhnen des Korach zugeschrieben werden – Musikern vom Stamm der Leviten, die für den gemeinschaftlichen Gottesdienst zuständig waren.

Die Betonung am Beginn des zweiten Buchs liegt auf der Sehnsucht eines Menschen, der Gott folgt, in dessen Gegenwart zu kommen. In früherer Zeit konnte eine solche Begegnung mit Gott zu den jährlichen Feiertagen in Jerusalem geschehen: „wie ich einherzog in großer Schar, mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes, mit Frohlocken und Danken, in der Schar derer, die da feiern“ (42, 5). 

Schon früh in dem Buch wird auch um Rettung vor den Gottlosen gefleht: „Gott, schaffe mir Recht, und führe meine Sache wider das unheilige Volk und errette mich von den falschen und bösen Leuten!“ (43, 1) Die Erfahrung, mit dem Verhalten der Gottlosen umgehen zu müssen, wird in den Psalmen häufig angesprochen. Sie gehört zum menschlichen Dasein, und sie macht tief betrübt. Deshalb wird Gottes Hilfe gebraucht: „Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich dränget? Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung.“ (43, 2c–3)

Die Geschichte der Israeliten als eines Volks, das Gott auserwählt hatte, um auf einzigartige Weise in ihm zu wirken, war der Hintergrund der Bedrückung, die sie empfanden, wenn Feinde zu triumphieren schienen: „Warum verstößest du uns denn nun und lässest uns zuschanden werden?“ „Mache dich auf, hilf uns, und erlöse uns um deiner Güte willen.“ (44: 2, 10, 27) Auch die zentrale Bedeutung Zions als des Ortes, den Gott bevorzugte, um seinen Plan zu verwirklichen, wird in den korachitischen Sammlungen oft erwähnt: Über „die Stadt Gottes […] da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind“, ist zu lesen: „Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie festbleiben“ (46, 5–6), und: „Groß ist der HERR und hoch zu rühmen in der Stadt unsres Gottes, auf seinem heiligen Berge.“ (48, 2)

Psalm 50 ist der erste von mehreren, die Asaf zugeschrieben werden – einem weiteren Tempelmusiker unter König David. Es handelt sich um einen expansiven Psalm über Gottes Majestät: „Aus Zion bricht an der schöne Glanz Gottes.“ Dieser Psalm zeigt auch, dass Gott die Rechtschaffenen anhand ihrer Reaktion auf seine Lehre von den Gottlosen unterscheidet (Vers 2, 22–23). Einmal mehr zeigt sich das übergeordnete Thema, das schon in Psalm 1 angesprochen wird: die Eigenschaften der Gottesfürchtigen im Gegensatz zu denen der Gottlosen.

Es folgt ein weiterer beliebter Psalm, der mit Davids Bedrücktheit nach seinem schändlichen Ehebruch mit Batseba assoziiert wird. Selbst wenn die nachträgliche Zuordnung zu David falsch ist, hat der Psalm viel über eine reuige Haltung vor Gott zu sagen. Das Bekenntnis „An dir allein habe ich gesündigt“ müssen wir alle machen, wenn uns klar wird, wo wir gegenüber Gott stehen, wenn wir sündigen. Die Wahrheit ist, dass eine richtige Beziehung mit ihm von folgender Einsicht abhängt: „Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist, ein geängstetes, zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten.“ (51, 6, 19)

Die meisten übrigen Psalmen in Buch 2 werden von dem oder den Bearbeiter(n) der biblischen Texte David zugeschrieben, und wegen ihrer Überschriften werden viele von ihnen mit Ereignissen in seinem Leben in Verbindung gebracht. Da wir aus den biblischen Büchern über die Geschichte Israels von verschiedenen Ereignissen um diesen König wissen, sind solche Bezüge recht glaubwürdig.

Das Ende des zweiten Buchs bildet ein Psalm, der Davids Sohn Salomo zugeschrieben wird. Aus der Sicht eines letzten Bearbeiters ist dies möglicherweise angemessen, denn hier endet diese unabhängige Sammlung der Psalmen, die auf David zurückgeführt werden.

Dieser Psalm könnte den Erfolg und Wohlstand des Königreichs Israel unter Davids Erben beschreiben, kann aber auch als Hymne auf den Messias und sein kommendes Reich auf der Erde verstanden werden – eine Zeit, in der überall Friede, Überfluss und Gerechtigkeit herrschen. Sein abschließender Lobpreis gilt diesem Gott: „Gelobt sei Gott der HERR, der Gott Israels, der allein Wunder tut! Gelobt sei sein herrlicher Name ewiglich, und alle Lande sollen seiner Ehre voll werden! Amen! Amen!“ (72, 18–19)

Der letzte Vers markiert eindeutig den Abschluss dieses Teils: „Zu Ende sind die Gebete Davids, des Sohnes Isais.“ (72, 20)

Lobeshymnen sind am Anfang des Buches nicht sehr häufig, doch wenn man weiter liest, findet man immer mehr von ihnen. Es ist, als würde man, je mehr man betet, die Güte Gottes immer mehr begreifen.“

Gordon Wenham, The Psalter Reclaimed: Praying and Praising With the Psalms

Das dritte Buch

Buch 3 (73–89) beinhaltet weitere 11 Werke, die Asaf zugeschrieben werden (73–83). Hier wendet sich die Aufmerksamkeit der Person als Teil des Volks Israel zu, das durch einen Bund zu Gott gehört. Wie die ersten beiden Bücher damit beginnen, zwei Arten der Lebensführung zu erklären – gottesfürchtig und gottlos –, so beginnt Buch 3 mit der Gegenüberstellung von zwei Lebenszielen: die Welt gewinnen oder das wahre Leben gewinnen. Wieder grübelt der Autor, warum es den Bösen gut geht; er ist neidisch auf ihren Erfolg geworden und fast davon überzeugt, es ihnen gleichzutun. (73, 3–8)

Erst als er Gottes Heiligtum besucht und zu einer gottergebenen Perspektive gelangt, beginnt er, wieder klar zu sehen, und erkennt seine Verbitterung, Torheit und Unwissenheit. (Kapitel 73: 17, 21–22)

Allerdings zerstörten die Babylonier den Tempel in Jerusalem 586 v. Chr., viele Jahre nach Asaf. Da die Psalmen 74 und 79 diese Plünderung beschreiben, wurden sie der asafitischen Sammlung offensichtlich im Nachhinein hinzugefügt.

Dies ist ein Beispiel dafür, dass ein Bearbeiter biblischer Texte bestimmte Psalmen mitunter nach einem Gesamtkonzept einordnet, obgleich sie aus unterschiedlichen Zeiten stammen – in diesem Fall der Zeit nach der Verschleppung, als die Gefangenen auf das Geschehene zurückblickten: „Gott, es sind Heiden in dein Erbe eingefallen; die haben deinen heiligen Tempel entweiht und aus Jerusalem einen Steinhaufen gemacht.“ (79, 1)

Der recht lange Psalm 78 erzählt die Geschichte Israels mit der Intention, die Gemeinschaft an den Exodus, die Jahre in der Wüste und den Einzug in das Gelobte Land zu erinnern. Er zeigt, dass Gott trotz Rebellion, Undankbarkeit und wiederholter Abkehr von ihm der Verteidiger seines Volks und Judas‘ und Davids Förderer ist, im Gegensatz zu dem Haus Josef, mit dem Berg Zion als Tempelberg und Jerusalem als Hauptstadt.

Die Psalmen 84, 85 und 87 stammen aus der korachitischen Sammlung und bilden eine Parallele zu den Psalmen 42–43, 44 und 46–48. Sie sprechen von Sehnsucht nach dem Heiligtum des Herrn und drücken sowohl nationale Klage als auch Liebe zu Zion aus. Ein einziger Psalm (86) in Buch 3 wird David zugeschrieben. Dieser ruft Gott hier persönlich um Gnade an. Zweifellos wurde der Psalm absichtlich hier platziert, um zum erneuten Erscheinen des Königs in Psalm 89 hinzuführen.

Das Buch endet mit Psalmen von zwei Esrachitern, über die wenig bekannt ist, Heman (88) und Etan (89). Psalm 88 bringt die gleiche Art Verzweiflung zum Ausdruck wie Psalm 86, wo Gott schließlich Rettung bringt. Hier aber findet Heman keine Hilfe bei seiner Prüfung; sie bleibt ohne Lösung. Es gibt Zeiten, in denen Gott nicht antwortet und Geduld vonnöten ist. Psalm 89, der Abschluss von Buch 3, ist eine Affirmation der Güte, Gnade und Treue Gottes und seines lang anhaltenden Wohlwollens gegenüber David und seiner Dynastie: „Ich will singen von der Gnade des HERRN ewiglich.“ (Vers 2) Zwar werden Israel wegen seiner Treulosigkeit vorübergehend seine Segnungen und die Bundesbeziehung entzogen, aber es gibt Hoffnung auf Gottes treue Verheißungen: „Gelobt sei der HERR ewiglich! Amen! Amen!“ (Verse 3–4, 30–53)

Die Große Psalmenrolle ist eine der am besten erhaltenen von zahlreichen Schriftrollen, die zwischen 1946 und 1956 in Höhlen bei Qumran über dem Nordwestufer des Toten Meers entdeckt wurden. Sie stammt aus dem ersten Jahrhundert n. Chr.

Das vierte Buch

Mit 17 Psalmen ist Buch 4 das kürzeste. Es beginnt mit einer Erinnerung an Israels großen Führer Mose. Psalm 90, der ihm zugeschrieben wird, gleicht dem Lied des Mose in 5. Mose 31–32. Nach der Traurigkeit in Psalm 88 und seinem Ende ohne Lösung setzt dieser Psalm die Schwäche des Menschen in den Kontext der Ewigkeit Gottes.

Mit dem Wissen, dass die Schwäche des Menschen nicht für immer bleiben muss, gibt der Psalm Perspektive über Leben und Leid und die Notwendigkeit, auf Gott zu vertrauen: „Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder! Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.“ Diese Schwäche ist der Grund, Gottes Hilfe und Erbarmen zu suchen: „Und der Herr, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unsrer Hände bei uns. Ja, das Werk unsrer Hände wollest du fördern!“ (90, 2–4, 17)

Die Gegenwelt der Psalmen widerspricht unserer festen Vorstellung einer Welt der Selbstgenügsamkeit: Sie vermittelt uns eine Welt voller Vertrauen auf Gottes vorrangige Option für die, die in ihrer ultimativen Abhängigkeit zu ihm rufen.“

Walter Brueggemann, From Whom No Secrets Are Hid: Introducing the Psalms

In einem nachfolgenden Psalm für den Sabbattag kommt mehrmals der Name Jahwe vor. Dies hängt vielleicht mit der Festsetzung des siebten Schöpfungstages als des Tages der Ruhe und Danksagung zusammen. Dementsprechend heißt es: „Das ist ein köstlich Ding, dem HERRN danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster, des Morgens deine Gnade und des Nachts deine Wahrheit verkündigen.“ (92, 1–2)

Die Psalmen 93 und 95–99 handeln von Gottes Königsherrschaft oder Inthronisierung. Sie sprechen von Gott als Schöpfer, Richter und Sieger.

Ein einzelner Psalm Davids (101) spricht davon, Übeltäter aus Zion auszurotten, und führt den nächsten ein, wo erneut von Jerusalems Zerstörung die Rede ist. Die Israeliten im Exil sind voll drängender Sehnsucht nach dem Wiederaufbau der Stadt: „Du wollest dich aufmachen und über Zion erbarmen; denn es ist Zeit, dass du ihm gnädig seist, und die Stunde ist gekommen.“ (102, 14)

Es folgen zwei Psalmen historischen Inhalts (105–106). Sie handeln von dem abrahamitischen Bund mit der Zusage des Gelobten Landes, die für die aus dem Exil Heimgekehrten in Jerusalem noch in Kraft war, und erinnern an die Ereignisse des Exodus und den Grund für das darauffolgende Exil. Aber Gottes Gnade sollte letztlich siegen: „Und er ließ sie Barmherzigkeit finden bei allen, die sie gefangen hielten. Hilf uns, HERR, unser Gott, und bring uns zusammen aus den Heiden, dass wir preisen deinen heiligen Namen und uns rühmen, dass wir dich loben können!“ (106, 46–47)

Buch 4 schließt mit einer weiteren Form der Doxologie, einem Ausruf des Lobpreises: „Gelobt sei der HERR, der Gott Israels, von Ewigkeit zu Ewigkeit, und alles Volk spreche: Amen! Halleluja!“ (Vers 48)

Das fünfte Buch

Buch 5 (107–150) zeigt eine komplexe Gliederung, für die der abschließenden Bearbeitung der gesamten Sammlung Anerkennung gebührt. Man kann dieses letzte Buch als drei miteinander verflochtene Teile sehen:

  • 107–119: Dieser Teil enthält den Lobpreis, der in der jüdischen Tradition als Ägyptisches Hallel bezeichnet wird. Es wird in der Zeit um das Passahfest zur Erinnerung an den Auszug aus Ägypten gelesen und umfasst die Psalmen 113–118.
  • 120–134: Diese Sammlung wird als die Aufstiegspsalmen bezeichnet – vielleicht wegen des „Hinaufgehens“ nach Jerusalem zur Feier der jährlichen Pilgerfeste, doch das ist nicht unumstritten.
  • 135–150: Zu diesem Teil gehört die Sammlung abschließender Lobgesänge, die als Kleines Hallel bezeichnet wird (146–150).

Innerhalb dieser Gesamtstruktur deutet noch mehr auf eine kunstvolle abschließende Bearbeitung der beiden äußeren Teile hin.

  • In den Psalmen 111 und 112 leiten Buchstabenmuster (Akrosticha) nach dem hebräischen Alphabet das Ägyptische Hallel ein. Parallel dazu ist auch Psalm 145 mit einem solchen Akrostichon aufgebaut und leitet die abschließenden Halleluja-Psalmen (146–150) mit der Überschrift „Ein Loblied Davids“ ein.
  • Die Psalmen 108–110 und 138–145 werden David zugeschrieben und gehen den Lobpreispsalmen beider Teile voraus.
  • Die Psalmen 107 und 137 beziehen sich auf die babylonische Gefangenschaft und die Heimkehr aus dem Exil.

Dieser bewusste parallele Aufbau lässt sich in zwei Richtungen erweitern, wenn man die historischen Psalmen vor diesen beiden Teilen mitberücksichtigt. Am Ende von Buch 4 beschreiben die Psalmen 105 und 106 Israels Geschichte von Abraham bis zu seiner Ansiedlung im Land und vom Exodus bis zum Exil. Psalm 106 endet mit einem Gebet, dass Gott die Gefangenen aus der Verschleppung befreien möge. Dies leitet zu Psalm 107 über, der mit dem Dank für diese Befreiung beginnt. Den dritten Teil von Buch 5 eröffnen die beiden einzigen weiteren historischen Psalmen des Buchs: 135 und 136. Der Anfang des Letzteren hat denselben Wortlaut, der sich in 105 und 106 findet: „Danket dem HERRN; denn er ist freundlich.“ Psalm 137 blickt nach der Befreiung zurück auf die Gefangenschaft.

Doch was ist mit dem bekannten und beliebten Psalm 119, der mit 176 Versen der längste Psalm ist? Nicht nur stehen die Psalmen in der Mitte der Bibel, sondern Psalm 119, der Gottes Gesetz preist, leitet die Sammlung der Aufstiegspsalmen ein, die in Buch 5 an zentraler Stelle stehen. Hat er eine Parallele? Der einzige andere Psalm über Gottes Gesetz ist Psalm 1, und das ist auch die Antwort. Wie Psalm 119 beginnt er mit dem Wort Wohl („dem“ bzw. „denen“). Und mit Psalm 1 als der Parallelkomposition zum Ende wird der Leser oder Beter zum Anfang des Buches zurückgeführt, wo ein neuer Jahreszyklus beginnt – etwas, wozu die Heimkehrer aus dem Exil vielleicht aufgerufen wurden, als sie sich wieder im Land niederließen, den Tempel noch einmal aufbauten und ihre Liturgie erneuerten.

Das Buch der Psalmen als ein Ganzes

Die Psalmen sollten als ein Gesamtwerk gelesen werden. Sie umfassen viele Themen und Typen von Psalmen, die zu einer Fülle an Situationen im menschlichen Leben passen. Sie sind ein Begleiter des täglichen Lebens mit seinen Höhen und Tiefen, seinen Prüfungen und Anfechtungen. Ein Autor beschrieb sie als eine „kleine Bibel“ – eine Zusammenfassung all dessen, was das Leben ausmacht, wenn Menschen auf dem Weg zu Gottes Heil sind.

Als Abschluss dieses Überblicks wäre jeder der fünf Lobpreispsalmen geeignet, die die Psalmen vervollständigen. Psalm 146, der das Finale eröffnet, erinnert uns daran, wer wir sind, wo wir gegenwärtig stehen und auf wen wir vertrauen müssen. Aus dem Tanach:

Halleluja! Lobe den HERRN, meine Seele! Ich will den HERRN loben, solange ich lebe, und meinem Gott lobsingen, solange ich bin. Verlasset euch nicht auf Fürsten, sie sind Menschen, die können ja nicht helfen. Denn des Menschen Geist muss davon, und er muss wieder zu Erde werden; dann sind verloren alle seine Pläne. Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist, der seine Hoffnung setzt auf den HERRN, seinen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, das Meer und alles, was darinnen ist; der Treue hält ewiglich, der Recht schafft denen, die Gewalt leiden, der die Hungrigen speiset. Der HERR macht die Gefangenen frei. Der HERR macht die Blinden sehend. Der HERR richtet auf, die niedergeschlagen sind. Der HERR liebt die Gerechten. Der HERR behütet die Fremdlinge und erhält Waisen und Witwen; aber die Gottlosen führt er in die Irre. Der HERR ist König ewiglich, dein Gott, Zion, für und für. Halleluja!“

Das Buch der Psalmen schließt in der Zeit nach Israels Exil. Befreit aus der babylonischen Gefangenschaft, kamen die nach Jerusalem Heimgekehrten zusammen, um eine neue Gesellschaft mit Gott als Zentrum aufzubauen.

Im Schlussteil dieser Serie wird das letzte Buch der Schriften betrachtet: das historische und prophetische Buch Daniel. Von seinem Beginn in Babylon bis zum Kommen der Perser, dann der Griechen und schließlich der Römer reicht das Buch Daniel über die Zeit zwischen Altem und Neuem Testament hinweg und weit darüber hinaus.