Vorgefasste Meinungen von der Kanzel

Steht die traditionelle christliche Lehre auf einem Podest falscher Vorstellungen, die auf Mißverständnissen und zum Teil auf früherer Judenfeindlichkeit beruhen? 

Im 20. Jahrhundert haben Millionen die Segnungen von Bildung erfahren. Wir alle haben nützliches Wissen erlernt, das unsere Fähigkeit verbessert hat, die Welt, in der wir leben, wahrzunehmen, zu analysieren und zu verstehen. Kann es irgendwelche Zweifel am Wert guter Bildung geben? 

Einer der Vorteile solcher Bildung ist, dass sie uns ermutigt, die Welt und uns selbst unabhängig zu beurteilen. Den Luxus, andere für uns urteilen zu lassen, können wir uns nicht leisten - dann würden wir unsere moralische Eigenständigkeit leugnen und uns vor der Verantwortung für unsere Individualität drücken. 

Deshalb müssen wir uns fragen, ob wir alles, was wir lernen, unbesehen übernehmen sollten. Noch beunruhigender ist die Frage, ob unsere Lehrer sich immer die Mühe gemacht haben, ihre eigenen Ideen zu überprüfen. Geben sie manchmal die unbewiesenen und vorgefassten Meinungen ihrer eigenen Lehrer weiter? 

In diesem Zusammenhang sollten wir uns mit einer Geschichte schädlicher Vorurteile befassen, die sich in der Welt der Theologie ganz allmählich breitgemacht haben. 

EINE UNVOREINGENOMMENE BETRACHTUNG DER URCHRISTEN 

Manche Theologen räumen heute ein, dass die etablierten Kirchen während des größten Teils ihrer Geschichte den Gründer des Christentums und seine Anhänger in wichtigen Aspekten falsch gesehen haben. Ist es vorstellbar, dass die Kirchen, die im Namen Christi entstanden sind, über ihn, seine Lehre und seine Taten grundsätzlich im Irrtum waren? 

Eine provozierende Frage, die vielen sicher nicht angenehm ist. Andere Fragen folgen, wenn man die Ursprünge des Christentums unvoreingenommen untersucht. So wird zum Beispiel behauptet, die Kirche des Neuen Testaments sei weit jüdischer gewesen, als die meisten Kirchen gelehrt haben, und das traditionelle Christentum habe Judenfeindlichkeit praktiziert. Es gibt doch sicher keine Beweise dafür, dass die Kirchen so grundfalsch dachten - oder? 

Leider haben wir hier einen Fall, in dem die Wahrheit erstaunlicher ist als die Phantasie. 

Aufgrund einer althergebrachten Voreingenommenheit in ihrer Disziplin haben die meisten Theologen das Thema einer jüdischen Prägung des Urchristentums gemieden. Seit geraumer Zeit vollzieht sich jedoch ein Wandel, und einige der Grundhaltungen des traditionellen Christentums werden neu überdacht. Die Konsequenzen sind, im Gesamtzusammenhang gesehen, von sehr großer Tragweite. 

Betrachten wir die folgenden Zitate aus dem Essayband Removing Anti-Judaism from the Pulpit (Continuum Publishing Company, New York 1996), herausgegeben von Howard Clark Kee, einem emeritierten Professor für Theologie der Boston University, und Irvin J. Borowsky, dem Vorsitzenden des American Interfaith Institute: „Vom christlichen Standpunkt her unverblümt ausgedrückt, ist es antichristlich, antijüdisch zu sein“ (S. 50). Und weiter: „Der geschichtliche Zusammenhang zeigt, wie ganz und gar jüdisch - man könnte sogar sagen wie wesensmäßig jüdisch - Jesus und die ersten Christen waren“ (S. 53). Diese Zitate stammen aus dem Aufsatz des Jesuitenpaters und Theologieprofessors Robert J. Daly. 

In einem anderen Beitrag schreibt John T. Pawlikowski, Professor an der Catholic Theological Union of Social Ethics in Chicago, folgendes über die Schriftensammlung, die zumeist als Altes Testament bezeichnet wird: „Inzwischen sehen Bibelgelehrte immer deutlicher, dass der moderne Christ eine verkürzte Version der Botschaft Jesu bekommt, wenn er sich nicht tief in den Geist und Inhalt der hebräischen Heiligen Schrift versenkt. Tatsächlich bleibt ihm eine verstümmelte Version der biblischen Spiritualität“ (S. 31). 

Der schottische Presbyterianerpastor David H. C. Read bekennt die Schwächen seiner Ausbildung: „Wenn ich über meine eigene Erfahrung nachdenke, finde ich, dass die Ausbildung im Seminar wenig dafür getan hat, in mir das Verständnis für den religiösen Gehalt der umfangreichen Literatur des Judentums vor und nach der christlichen Ära zu wecken“ (Anti-Judaism, S. 66). 

Hier wird Dr. Read durch seine Ehrlichkeit mit der Realität konfrontiert, der sich alle stellen müssen, die Falsches gelehrt haben. Er fragt: „Habe ich bestimmte irrige Annahmen und falsche Darstellungen gefördert, die in sehr vielen protestantischen Kirchen zur homiletischen Kost gehörten? Da ist zum Beispiel das verkürzte Bild vom Judentum zur Zeit Jesu als einer Religion des harten Legalismus, beherrscht von einem Gesetz, dessen Vorschriften immer mehr wurden und von einer Art Superklerus, den Pharisäern, ohne Rücksicht auf Verluste durchgesetzt wurden“ (S. 64-65). 

Solche Aussagen erwachsen aus der sich vertiefenden Einsicht bei einigen Forschern und Lehrern, dass Judenfeindlichkeit im traditionellen Christentum fast seit seinen Anfängen grassiert hat. Selbst einige der berühmtesten Männer in der Kirchengeschichte haben diesen Irrtum verbreitet und/oder akzeptiert. 

Eine Persönlichkeit der früheren Kirchengeschichte, Marcion, war offen judenfeindlich. Er war der Sohn eines Bischofs in Kleinasien, der heutigen Türkei. Marcion wurde schließlich von seinem eigenen Vater wegen seiner Lehren exkommuniziert. Doch bei manchen Themen blieben seine Ansichten aus dem 2. Jahrhundert im populären Christentum bis heute erhalten. 

Laut Pastor Wallace M. Alson jun. aus Princeton „versuchte Marcion, die hebräische Heilige Schrift ganz und gar loszuwerden, denn er war überzeugt, dass die Kirche einen Fehler machte, wenn sie sich in die religiöse und literarische Tradition der Juden stellte“ (Anti-Judaism, S. 103). 

Die Vorurteile in Marcions Denken wurden von anderen berühmten Theologen weitergetragen. Die Professoren Williamson und Allen vom Christian Theological Seminary in Indianapolis schreiben: „Wenn wir die acht Predigten lesen, die Chrysostomos im späten 4. Jahrhundert verfasste, oder von Luthers Wunsch auf dem Sterbebett, alle Juden aus Sachsen zu vertreiben, dann wissen wir, dass Chrysostomos und Luther meinten, was sie sagten. Ihre Judenfeindlichkeit war beabsichtigt und bewusst“ (Anti-Judaism, S. 37). 

Der Schluss, dass diese „großen“ Theologen in dieser grundlegenden Frage so vollkommen irrten, sollte uns alle zum Innehalten und Nachdenken bringen. Wenn diese Berühmtheiten den Gründer des Christentums und seine Anhänger so falsch verstehen konnten - wie haben sie uns dann vielleicht sonst noch irregeführt? 

Der presbyterianische Pastor David Read zeigt uns wiederum ein weites Feld der Missverständnisse aufgrund judenfeindlicher Vorurteile: „Ich erinnere mich, dass ich in meiner Anfangszeit als Prediger gezwungen war, die Annahme zu hinterfragen, die neutestamentliche Frohbotschaft von der Gnade Gottes hätte das Gesetz Gottes als Mittelpunkt einer lebendigen Religion ersetzt, und daher sei der größte Teil des Alten Testaments überholt“ (Anti-Judaism, S. 66). 

Die Lehre, daß Gottes Bund mit Israel durch den Neuen Bund in Jesus Christus ungültig und wertlos geworden sei, ist ... keine akzeptable christliche Position mehr.” 

Robert Daly

Mit diesem Thema - Gesetz und Gnade - hat sich die Kirche seit dem 1. Jahrhundert geplagt. Der jesuitische Theologe Robert Daly geht so weit, zu schreiben: „Die Lehre, dass Gottes Bund mit Israel durch den Neuen Bund in Jesus Christus ungültig und wertlos geworden sei, ist, zumindest in der römisch-katholischen und ähnlichen Traditionen, keine akzeptable christliche Position mehr“ (Anti-Judaism, S. 52). 

DREI IRRIGE ANNAHMEN 

1996 trafen wir den Gelehrten der niederländisch reformierten Kirche, Peter Tomson,   und diskutierten über sein Buch „Paul and the Jewish Law“ (Van Gorcum & Company, Assen, Niederlande 1990). Darin identifiziert er drei verbreitete, aber irrige Vorstellungen über den Apostel der Heiden. Als erste falsche Annahme identifiziert er die Meinung, im Mittelpunkt des paulinischen Denkens stünde der Angriff gegen das jüdische Gesetz. Die zweite ist die Meinung, für Paulus hätte das Gesetz keine praktische Bedeutung im Alltag mehr gehabt. Die dritte traditionelle Vorstellung ist die, dass man, um Paulus zu verstehen, keine jüdische Literatur braucht, sondern nur griechische, nichtjüdische Werke. 

Tomson will die Schwächen dieser drei Annahmen zeigen, die das Denken über Paulus beherrscht haben. Er erklärt deutlich, dass die erste vor der Reformation nirgends in der Literatur auftaucht. Sie ist während der Reformationszeit entstanden. Somit läßt sich für fast 1500 Jahre nicht nachweisen, dass Paulus' Schriften als Angriff gegen das Gesetz aufgefaßt wurden. 

Der römisch-katholische Theologe John Pawlikowski schreibt über diese Einsicht: „Paulus' angeblich totale Opposition gegen die Thora, die vielen Theologen vor allem der protestantischen Konfessionen als Grundlage ihres theologischen Gegensatzes zwischen Christentum und Judentum diente (Freiheit/Gnade gegen Gesetz), scheint heute auf recht unsicherem Boden zu stehen“ (Anti-Judaism, S. 32). 

Die zweite irrige Annahme stammt laut Tomson aus den Schriften der frühen Kirchenväter. Es ist die Annahme, dass das Gesetz für Paulus keine praktische Bedeutung mehr hatte. Gegen Ende des 1. Jahrhunderts sagte Ignatius, der Bischof von Antiochia, die Praxis des jüdischen Gesetzes sei Christen verboten, und ein Jude, der Christ werde, müsse aufhören, wie ein Jude zu leben. 

Das Verbot der Beteiligung an jüdischen Riten wurde bei den Konzilien von Antiochia (341) und Laodizäa (um 360) zu offiziellem Kirchenrecht erklärt. Chrysostomos konnte im späten 4. Jahrhundert gegen Christen in Antiochia wettern, die das Posaunenfest (Rosh Hashana), den Versöhnungstag (Yom Kippur) und das Laubhüttenfest (Sukkoth) mit den Juden feierten. 

Tomson kommentiert: „All dies sollte die grundsätzliche Sicht betonen, dass die jüdische Tradition in sich böse, überholt und natürlich irrelevant für das praktische christliche Leben sei“ (Paul and the Jewish Law, S. 3). 

Es weist viel mehr darauf hin als traditionell angenommen, daß Paulus weiterhin an der jüdischen Praxis festhielt. 

Die dritte von Tomson identifizierte Annahme ist die, dass Paulus nur über griechische Werke zu verstehen sei. Dies erklärt er für unhaltbar und verweist uns auf Paulus' Zeitgenossen Philo, einen jüdischen Geschichtsschreiber/Kommentator aus Alexandria, um zu zeigen, wieviel man aus jüdischen Quellen über Paulus lernen kann. Der entscheidende Punkt hier ist, dass viel mehr darauf hinweist als traditionell angenommen, dass Paulus weiterhin an der jüdischen Praxis festhielt. 

Zur Zeit sehen einigen Theologen die Notwendigkeit, ihre Voreingenommenheit ehrlich zu bekennen. Dieser Trend ist laut Pawlikowski seit einiger Zeit wirksam: 

„Wenn wir Nostra Aetate vom II. Vatikanischen Konzil als Bezugspunkt nehmen, dauert der jüdisch-christliche Dialog nun fast drei Jahrzehnte. In Wirklichkeit gehen die Wurzeln des Dialogs etwas weiter zurück in die Zeit, als eine Pioniergeneration von Theologen, Bildungsforschern und Ökumenikern die Fundamente für jenes historische Dokument und auch für ähnliche Aussagen in anderen christlichen Konfessionen legten. Doch ihre Wirkung blieb eher peripher, bis das Konzil offiziell den Prozess in Gang brachte, die klassische Theologie von der Entfernung der Juden aus dem Bund im Licht des Christus-Ereignisses mit der Wurzel auszureißen, und sie durch ein theologisches Werk ersetzte, das auf dem Gedanken der fortdauernden Gültigkeit des jüdischen Bundes gründet, zu dem die Christen hinzugekommen sind. Wir können drei wesentliche Phasen des Dialogs erkennen ... 

Die erste Phase würde ich als die der ‚Reinigung‘ bezeichnen. ... In dieser Phase wurde der Vorwurf aus christlichen Lehrbüchern entfernt, die Juden seien kollektiv verantwortlich für den Tod Jesu, die Pharisäer seien die Erzfeinde Jesu und religiös seelenlos gewesen, die Juden seien in der Beziehung des Bundes mit Gott von den Christen abgelöst worden, weil sie sich geweigert hätten, Jesus als Messias anzuerkennen, das ,Alte Testament‘ sei gegenüber dem Neuen völlig minderwertig, und der jüdische Glaube wurzele in Legalismus, während die christliche Religion auf Gnade beruhe. 

Diese Phase ist bei den meisten etablierten Konfessionen soweit abgeschlossen“ (Anti-Judaism, S. 29-30). 

Wir könnten uns fragen: Wohin führt das alles? Bedeutet es, dass die Mehrheit der Gläubigen jetzt die Glaubensinhalte und Praktiken der Urchristen akzeptieren und übernehmen? Da die Menschen im allgemeinen eher einen Hang zum Gesetz der Trägheit haben, dürfte das unwahrscheinlich sein. Was dem Ernst der Situation freilich keinen Abbruch tut. 

Jahrhundertelang wurde von den Menschen verlangt, von Jesus und Paulus das zu glauben, was manche Theologen heute zum Teil verwerfen. Das tiefe antijüdische Vorurteil im Denken der Mehrheit über Paulus ist sogar noch beunruhigender, wenn wir erkennen, dass dies zu der verqueren, verdrehten Theologie geführt hat, die die hier zitierten Essayisten beschreiben. Wie viele Menschen haben in all den Jahren die Vorstellung übernommen, Jesus sei gekommen, um das Gesetz abzuschaffen, oder Paulus habe nicht die Einhaltung des Gesetzes gelehrt? Und was waren die Konsequenzen im Leben derer, die diese Verdrehung glaubten? 

Der presbyterianische Pastor David Read macht eine einleuchtende Anregung zur Verbesserung der heutigen Lehre: „Predigten könnten nicht nur die oft zitierte Aussage reflektieren: ,Das Gesetz wurde von Mose gegeben, aber Gnade und Wahrheit sind durch Jesus Christus gekommen‘, sondern auch die Jesusworte: ,Ihr sollt nicht meinen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen‘ (Mt. 5, 17)“ (Anti-Judaism, S. 65-66). 

Es besteht Kontinuität und Konsistenz zwischen dem Alten und dem Neuen Testament - oder wie manche lieber sagen, zwischen den hebräischen Schriften und den apostolischen Schriften. Es ist nicht überraschend, dass die Lehre Christi diese Kontinuität bestätigt. 

Dazu schreiben Williamsen und Allen: „Die frohe Botschaft oder das Wort Gottes, das im Neuen Testament verkörpert ist, ist eine Repräsentation desselben Wortes, das Gott in der Geschichte, in der Thora und in den Propheten zu Israel gesprochen hat“ (Anti-Judaism, S. 41). 

Pawlikowski erkennt an, dass der Lebenszusammenhang Jesu innerhalb der israelitischen Religion der hebräischen Heiligen Schrift war und bemerkt: „[Manche] Bibelgelehrte teilen die Überzeugung, dass Jesus in diesen wesentlich jüdischen Kontext zurückgebracht werden muss, wenn die Kirche seine Botschaft richtig verstehen will“ (Anti-Judaism, S. 31). 

Wie wurde Jesus aus seinem Kontext gerissen, und warum? Der Gedanke wurde im 20. Jahrhundert von dem einflussreichen Theologen Rudolf Bultmann vertreten, dessen Ideen heute jedoch umstritten sind. 

Pawlikowski schreibt: „Wir erleben gegenwärtig das rapide Nachlassen des regelrechten Würgegriffs, in dem Rudolf Bultmann und seine Schüler die Auslegung des Neuen Testaments jahrzehntelang hielten. Die Bultmannsche Schule hat ihr Möglichstes getan, um Jesus von seinen konkreten Bindungen an das Judentum der Bibel und des Zweiten Tempels zu distanzieren, damit er als eindeutig ,universellere‘ Person dastehen konnte. Beabsichtigt oder nicht - solche Darstellungen öffneten der theologischen Judenfeindlichkeit Tür und Tor“ (Anti-Judaism, S. 31). 

WAHRHEIT UND KONSEQUENZEN 

Welche Folgen hat all dies für Glauben, Verständnis und Praxis der Christen? Es ist klar, dass wir richtiges Wissen brauchen. Lehrer, die die Wahrheit verstehen und nicht von Vor- und Fehlurteilen irregeleitet sind, müssen diese Wahrheit aussprechen. Eine zentrale Wahrheit ist, dass Jesus das Gesetz Gottes lehrte. Er lehrte eindeutig, dass es im Alltag anzuwenden ist und dass es bleibt. 

Der Forscher und Lehrer John D. Garr schreibt: „Für Jesus stand die bleibende Bedeutung der Thora außer Frage: ,Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich‘ (Mt. 5, 19)“ (Torah, Bane or Basis of Christian Faith?, elektronisch veröffentlicht in der christlichen Abteilung des Compuserve Religion Forum, Datei: torah.txt, am 24. März 1995). 

Die Rückführung der Urkirche in den Zusammenhang der jüdischen - oder, genauer, alt-israelitischen Religionstradition ist so wichtig, dass ohne sie kein Verständnis des Glaubens möglich ist, den Christus einführte. 

Pawlikowski fährt fort: „Die Befreiung aus dem Bultmannschen Blickwinkel führt Neutestamentler nun ... zu verschiedenen allgemeinen Schlussfolgerungen über Jesus und die Urkirche. Dazu gehört die Ansicht, dass die Jesusbewegung als Reformbewegung innerhalb des Judentums zu bezeichnen ist, deren Mitglieder vor dem Krieg gegen die Römer nicht das Selbstverständnis einer Religionsgemeinschaft im Gegensatz zum Judentum hatten“ (Anti-Judaism, S. 31). 

Die Implikationen dieser Gedanken sind zahlreich und mannigfaltig. Was sagt uns zum Beispiel die neue Perspektive über den Apostel Paulus? Befreit sie sein Bild von den traditionellen, irrigen Annahmen, die Tomson identifiziert hat? Was sagen die Theologen der neuen Richtung jetzt über Paulus? 

Pawlikowski bemerkt: „Theologen wie E. P. Sanders, James D. G. Dunn, Alan Segal, Lloyd Gaston und andere haben inzwischen neue Studien vorgelegt, die die vorherrschende Meinung von Paulus' Haltung gegenüber dem Judentum in Frage stellen. Zwar bleiben die meisten, wenn auch nicht alle dieser Theologen dabei, dass Paulus sich wegen der Befolgung der Thora durch Nichtjuden mit seinen judenchristlichen Kameraden überwarf, ... doch war seine Opposition gegen das Gesetz weit nuancierter und begrenzter, als man früher glaubte“ (Anti-Judaism, S. 32). 

Bei bestimmten Theologen gibt es eine neue Bereitschaft, einzuräumen, dass die traditionelle Darstellung des Paulus als Rebell gegen das Gesetz zutiefst unrichtig ist. Die römisch-katholische Publizistin Carol Ann Morrow erinnert uns daran, dass „sich die wissenschaftliche Meinung zu einem ,jüdischeren‘ Paulus hinbewegt, einem Paulus, der stolz auf sein Judentum war, der pragmatisch auf Problemsituationen reagierte, sich aber selbst weiterhin an die Thora hielt“ (Anti-Judaism, S. 100). 

CHRISTENTUM ODER PAULUSTUM? 

Professor David Wenham von der Oxford University veröffentlichte 1995 ein Buch über die Beziehung zwischen Jesus und Paulus. War Paulus ein Jünger Jesu, oder war er der eigentliche Gründer des Christentums, wie einige behauptet haben? Wenhams sorgfältige literarische Analyse offenbart einen Paulus in vollkommener Übereinstimmung mit seinem Herrn. Ein Rezensent des Buches bestätigt die Notwendigkeit, vorsichtig mit dem zu sein, was uns unsere Lehrer erzählen. Er schreibt, das Buch sei deshalb so wichtig, weil es zeigt, dass „der Keil, der oft zwischen Jesus und Paulus getrieben wird, eine Erfindung theologischer Phantasie ist“. Wenham schließt sein Buch mit folgenden Worten: 

„Paulus wäre entsetzt gewesen, zu hören, er sei der Gründer des Christentums. ... Paulus sah sich selbst als Knecht Jesu Christi, nicht als Gründer des Christentums. Er hatte recht damit, sich so zu sehen. 

Die Tragweite dieser Schlussfolgerung, wenn sie im Großen und Ganzen zutrifft, ist groß. Sie hat Konsequenzen für unser Verständnis der Traditionen des Evangeliums, für unser Verständnis des Urchristentums und für unser Verständnis des Paulus. Wenn der primäre Text, den Paulus auslegt, der Text Jesu ist, dann wird es darum gehen, die Paulusbriefe nicht isoliert von den Evangelien zu lesen, sondern sie im Licht der Evangelien zu lesen“ (Paul: Follower of Jesus or Founder of Christianity? Wm. B. Eerdmans, Grand Rapids, Michigan, S. 409-410). 

Anders als Bultmann versuchte Paulus nicht die Lehre Jesu aus ihrem eigentlichen Zusammenhang zu reißen, um eine größere Welt zu erreichen. Er hielt sich treu an den ursprünglichen Kontext. 

Die Autoren, die wir zitiert haben, sollten eigentlich zu den Schlussfolgerungen kommen, die ihre Forschung verlangt. Doch es scheint, als könnten sie diese nicht ganz erreichen. Peter Tomson hat trotz eines wunderbaren Anfangs einen wichtigen Schluss nicht gezogen. Er schreibt, dass Paulus die Judenchristen tatsächlich anwies, sich an das Gesetz zu halten, die Heidenchristen aber von dieser Verpflichtung entband. Eine ähnliche logische Lücke findet sich bei Professor Peter C. Phan von der Catholic University of America in Washington, D.C. Er zitiert offizielle kirchliche Dokumente und beschreibt die römisch-katholische Position so: 

„Das Alte Gesetz ist eine Vorbereitung auf das Evangelium. ... Es ist Prophezeiung und Vorzeichen für das Werk der Befreiung von der Sünde, das sich in Christus erfüllen wird: Es gibt dem Neuen Testament Bilder, ,Typen‘ und Symbole, um das Leben gemäß dem Geist auszudrücken“ (Nr. 1964). Über den Sabbat zum Beispiel, „das Herzstück des Gesetzes Israels“ (Nr. 348), erklärt der Katechismus, dass die zeremonielle Feier des Sonntags, der „der achte Tag“ ist (Nr. 349), für Christen „die des Sabbats ersetzt“(Nr. 2175) (Anti-Judaism, S. 79). 

In seinem preisgekrönten Buch The Mystery of Romans (Fortress Press, Minneapolis 1996) kommt Mark D. Nanos einem Verständnis für Paulus und seine Beziehung zu den Nichtjuden näher. Obwohl Nanos wie die meisten Theologen der Ansicht ist, dass Paulus Heidenchristen Abweichungen erlaubte, von Judenchristen aber mehr verlangte, kommentiert er, im Römerbrief habe der Apostel „sich vehement gegen die Anschuldigung gewehrt, er habe Antinomismus [gegen das Gesetz] für Heidenchristen gelehrt und keinerlei Sympathie für diejenigen übriggehabt, die ihn einer solchen Sünde bezichtigten“ (S. 8). 

Hätte Paulus einen Standpunkt gegen das Gesetz eingenommen, so wäre er im Widerspruch zur Einhaltung des Gesetzes gewesen. Dass er die Heidenchristen in bezug auf das Gesetzt etwas lehrte, das er selbst nicht praktizierte, ist undenkbar. 

Auf die Frage nach der Bedeutung von Paulus' Aussage in 1. Korinther   7, Vers 19 „Beschnitten sein ist nichts, und unbeschnitten sein ist nichts, sondern: Gottes Gebote halten“, antwortete Nanos, dies sei ein Thema für weitere Forschungen. Es ist, wie Nanos in seinem Buch schreibt: „Die Implikationen (der neuen Sichtweise) sind manchmal schwindelerregend“ (S. 13). 

SOLLEN CHRISTEN TUN, WAS JESUS TAT? 

Wohin führt nun dies alles? Es ist leider nicht unbedingt der Fall, dass ein Wandel im Verständnis bei jenen, die diese Dinge erforschen, auch zu einem Wandel in der Praxis führt. Allerdings sollte das neue Verständnis zu einer neuen Würdigung und Achtung, vielleicht auch Toleranz gegenüber denen führen, die die Praktiken der Urkirche befolgen. Auch sollte es dazu führen, dass diejenigen, die den Sabbat am siebten Tag feiern, in einer vernünftigeren Atmosphäre darüber sprechen können, was sie glauben und praktizieren. 

Wenn der heutige Nachfolger Christi wirklich seinem Vorbild nacheifern will, welche christliche Praxis des 1. Jahrhunderts sollte er dann imitieren? 

Wozu könnten diese neuen Perspektiven hinsichtlich der alltäglichen Praxis von Christen führen, die wirklich wissen wollen, was Christus und die Urkirche taten? Wenn der heutige Nachfolger Christi wirklich seinem Vorbild nacheifern will, welche christlichen Praktiken des 1. Jahrhunderts sollte er dann imitieren? 

Wenn man dafür plädieren will, das Christentum so zu praktizieren wie die Urchristen, scheint es vernünftig, mit diesen klaren Prämissen zu beginnen: Die ersten Anhänger Christi taten, was er tat. Er war schließlich ihr Herr. Ihre Praxis sollte nicht ohne direkte Offenbarung von ihm von der seinen abweichen. 

Wie „jüdisch“ waren Jesus und seine ersten Anhänger? Die Evangelien und die Apostelgeschichte wurden nach den meisten Briefen von Paulus, Petrus und Jakobus geschrieben. Trotzdem offenbaren sie immer noch Jesus und eine Gruppe von Männern und Frauen, die fest in den Praktiken eines althergebrachten religiösen Glaubenssystems standen. Die Kirche des Neuen Testaments fügte sich in ihre lange israelitische Tradition ein. 

Hielt sich die Urkirche an die Thora? Garr schreibt in Torah: Bane or Basis of Christian Faith?: „In der apostolischen Zeit stand noch außer Frage: ,Alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit‘ (2. Tim 3, 16), und ,Denn wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen ein einziges Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig. ... Redet so und handelt so wie Leute, die durchs Gesetz der Freiheit gerichtet werden sollen‘ (Jak. 2, 10. 12).“ 

Doch die Urchristen, die das Gesetz Gottes einhielten, taten dies mit einem tieferen Verständnis. Sie lasen zum Beispiel Paulus' Lehre in Römer 8 und verstanden, dass es möglich war, das Gesetz im Geist zu erfüllen, nicht dass das Gesetz aufgelöst war. 

Als C. E. B. Cranfield in den 1970er Jahren seinen Kommentar zum Römerbrief schrieb, kam er zu einigen wichtigen Schlüssen über Römer 8, Vers 3-4, wo es heißt: „Denn was dem (mosaischen) Gesetz unmöglich war, das, worin es wegen (des Widerstandes) des Fleisches ohnmächtig war, - Gott hat (es vollbracht), (nämlich) die Sünde im Fleisch verurteilt, indem er seinen Sohn in der Gleichgestalt des Sündenfleisches und um der Sünde willen sandte, damit die Rechtsforderung des Gesetzes ihre Erfüllung fände in uns (oder: an uns), die wir nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geiste (Menge-Übersetzung). 

Cranfield erkennt, dass manche Theologen ihrer Voreingenommenheit gegen das Gesetz Ausdruck verliehen haben: 

„Die Verwendung des Singulars ,Rechtsforderung‘   ist bedeutsam. Sie verweist darauf, dass die Gebote des Gesetzes eine Wesenseinheit sind. Die Vielzahl der Gebote ist nicht eine wirre oder verwirrende Anhäufung, sondern ein erkennbares und verstehbares Ganzes, der väterliche Wille Gottes für seine Kinder. Gottes Absicht im ,Verurteilen‘ der Sünde war, seinem Gesetz in uns Geltung zu verschaffen, sodass wir es endlich wirklich und aufrichtig halten - die Erfüllung der Verheißungen von Jeremia 31, Vers 33 und Hesekiel 36, Vers 26.“ 

Cranfield fügt diese Fußnote hinzu: 

„Jeremia 31, Vers 31-34 lautet: ,Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloß, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: ,Erkenne den HERRN‘, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.‘ Diese Passage wird oft als Verheißung eines neuen Gesetzes verstanden, das an die Stelle des alten tritt, ... oder als Verheißung einer Religion ganz ohne Gesetz. Doch das Neue, das in Vers 33 verheißen wird, ist in Wirklichkeit weder ein Gesetz noch Freiheit vom Gesetz, sondern ein aufrichtiger innerer Wunsch, die Entschlossenheit des Volkes Gottes, dem bereits gegebenen Gesetz zu gehorchen (,mein Gesetz‘).“ 

In seinem Buch über den Römerbrief schreibt John Stott über diese Passage in Römer 8: 

„,Die wir nun nicht nach dem Fleisch leben, sondern nach dem Geist‘ ... Es ist dieser Ausdruck, der unsere Aufmerksamkeit auf gesetzestreues christliches Verhalten als eigentlichen Zweck des Handelns Gottes durch Christus lenkt. In diesem Fall bezieht sich die dikaioma oder ,Rechtsforderung‘ ... auf die Gebote des moralischen Gesetzes als Ganzheit, von dem Gott will, dass es in seinem Volk ,erfüllt‘ wird (d. h. das Volk soll ihm ,gehorchen‘, nicht ,Genüge tun‘). ... Dies ist nicht Perfektionismus; es bedeutet einfach, dass Gehorsam ein notwendiger und möglicher Aspekt christlicher Jüngerschaft ist. Das Gesetz kann diesen Gehorsam nicht gewährleisten, aber der Geist kann es“ (Romans: God's Good News for the World, InterVarsity Press, Downers Grove, Illinois 1994, S. 221). 

Stott spricht sicher nur dafür, das moralische Gesetz zu lehren; die Logik dessen, was wir hier entdecken, ist aber, dass in der Urkirche die Notwendigkeit gelehrt wurde, dem Gesetz zu gehorchen, wie Jesus und Paulus es verstanden - als „gute Juden“, erfüllt mit dem Geist Gottes. Wenn die Urchristen zum Beispiel die Speisegesetze des 3. Buches Mose (Levitikus)   befolgten, verstanden sie die Trennung von der Unreinheit besser, die ein Christ verkörpern muss. Auch ist es unvorstellbar, dass Christus und Paulus die Speisegesetze nicht hielten. Doch das Kommen Christi hat der physischen Einhaltung solcher Praktiken einen tieferen Sinn gegeben. 

Was folgt daraus wiederum für diejenigen, die heute Christus nachfolgen wollen? Die Antworten sind in den Briefen des Neuen Testaments und den Beispielen der ersten Christen zu finden. So schreibt Paulus in 1. Korinther 5, Vers 8 über das Fest der Ungesäuerten Brote: „Darum laßt uns das Fest feiern nicht im alten Sauerteig, auch nicht im Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern im ungesäuerten Teig der Lauterkeit und Wahrheit.“ 

THEOLOGEN: AUGEN WEIT GESCHLOSSEN 

Wie es scheint, sind die Gelehrten, die den Mut bewiesen haben, von den theologischen Irrtümern der Vergangenheit umzukehren, in ihrem Denken noch nicht bis zum logischen Schluss gelangt. Darum ist in ihren Schriften eine Bereitschaft zu erkennen, an einigen ihrer früheren Lehren festzuhalten. Wenn es um Paulus geht, scheuen sie sich, zu schließen, dass er gelehrt habe, die Heidenchristen müssten das Gesetz befolgen wie er selbst. 

Wie es scheint, sind die Theologen, die den Mut bewiesen haben, umzukehren von den theologischen Irrtümern der Vergangenheit, in ihrem Denken noch nicht bis zum logischen Schluß gegangen. 

Wir wissen aber, dass Christus das Gesetz befolgte. Wir wissen, dass Paulus uns lehrt, dass wir den Geist Christi haben. Wir wissen, dass Paulus die Heidenchristen lehrte, ihm zu folgen, wie er Christus folgte. Hinzu kommt, was wir gerade im Römerbrief über Gehorsam und den Geist gelesen haben. Und dann ist da David Wenhams Argument, dass Paulus in seinem Denken und seiner Lehre in Übereinstimmung mit seinem Herrn war. Das ist ein starkes Argument dafür, das Christentum so zu praktizieren, wie die Urchristen es taten. 

Was die Theologen, die in diesem Gebiet arbeiten, noch nicht zugeben können, ist, dass Paulus in der alltäglichen Praxis des Christentums unmöglich gegen seine eigene Lehre oder das Beispiel Christi gehandelt haben kann. 

Pawlikowski kommt dem Schluss am nächsten, dass ein Heidenchrist vielleicht so leben sollte, wie Paulus es offenbar tat: 

„Sich an die Thora zu halten, war in Paulus' Augen nicht unbedingt etwas Schlechtes, solange man die eigentliche Quelle der Erlösung erkannte. Tatsächlich sind einige Theologen heute überzeugt, dass Paulus wahrscheinlich dafür war, die Praxis der Thora für Judenchristen beizubehalten. Und wenn ein Heidenchrist sich frei dazu entschied, sich an die Thora zu halten, so deutet nichts in der paulinischen Lehre, wie sie heute ausgelegt wird, darauf hin, dass ein solcher Mensch seinen Glauben oder seine Erlösung gefährdete. Deshalb ist der traditionelle Kontrast zwischen Judentum als Religion des Gesetzes und Christentum als Religion der Freiheit/Gnade eine grobe Verkürzung“ (Anti-Judaism, S. 33). 

Dies ist ein überraschendes und kühnes Eingeständnis von Pawlikowski. Innerhalb der neuen projüdischen Literatur dürfte es einem richtigen Verständnis von Glauben und Praxis der neutestamentlichen Kirche am nächsten kommen. Manche Theologen scheinen sich Schritt für Schritt der Erkenntnis zu nähern, dass die Nachfolger Christi im ersten Jahrhundert, Paulus eingeschlossen, ihrem Herrn nacheiferten und dass einige der Heidenchristen Paulus nachgeeifert haben könnten. Es besteht sogar eine Bereitschaft, anzuerkennen, dass Gottes Plan für Israel noch nicht abgeschlossen ist (ebensowenig wie für den größten Teil der Menschheit). Das jüdische Volk zur Zeit des Paulus war noch nicht erlöst. Die Verheißung seiner Erlösung war und ist nach Paulus noch immer unerfüllt. 

Der römisch-katholische Theologe Peter Phan schreibt über die heutige katholische Position: „Im Hinblick auf Paulus' Einstellung insbesondere gegenüber der Thora muss man bedenken, ,dass er nie auch nur andeutete, das Gesetz (Thora) hätte aufgehört, Gottes Wille für das jüdische Volk zu sein‘, und dass Paulus über die Juden und die Thora sagte, ,selbst nach der Gründung der Kirche bleibe die Beziehung bestehen und gültig, denn Gottes Gaben und Berufung sind unwiderruflich‘“ (Anti-Judaism, S. 88). 

Wenn dies der Fall ist, scheint es unvernünftig, zu meinen, Jesus, Paulus und Gott im Himmel würden vom gesamten Volk Gottes - ob Juden oder Nichtjuden - weniger verlangen als Gehorsam gegenüber dem Gesetz des Reiches. 

Frederick Holmgren, Forschungsprofessor für Altes Testament an einem Chicagoer Priesterseminar, schreibt: 

„Jesus glaubte an die Thora des Mose; er kam nicht, sie aufzulösen, sondern sie zu erfüllen (Mt. 5, 17) - ihre Lehre weiterzutragen. Denen gegenüber, die zu ihm kamen und das ewige Leben suchten, erklärte er sie als die wesentliche Lehre, die sie beachten sollten (Lk. 10, 25-28). Trotz seines Konflikts mit bestimmten Schriftgelehrten seiner Zeit sehen ihn sowohl jüdische als auch christliche Theologen als einen, der das Gesetz ehrte und befolgte. Wenn Jesus das kommende Reich Gottes verkündet, spricht er nirgends über den inneren Charakter seiner Herrschaft. Das ist nicht nötig, denn dieser wurde schon im Alten Testament beschrieben, und im Judentum wurde davon gesprochen“ (Anti-Judaism, S. 72). 

Die römisch-katholische Untersuchung der Judenfeindlichkeit hat eine Fülle kommentierender Literatur hervorgebracht. In Bezug auf Christus und das Gesetz sind folgende Details aus offiziellen Verlautbarungen des Vatikans bedeutsam: 

„Jesus akzeptierte und befolgte das Gesetz (vgl. Gal. 4, 4; Lk. 2, 21-24), er rühmte den Respekt ihm gegenüber und lud ein, ihm zu gehorchen (Mt. 5, 17-20). Deshalb kann es nie richtig sein, die Lehre Jesu (das Evangelium) in grundsätzlichem Gegensatz zur Thora zu sehen. Die dynamische Wirklichkeit, die das jüdische Gesetz ist, sollte nie als ,verknöchert‘ oder reiner ,Legalismus‘ dargestellt werden“ (Anti-Judaism, Fußnote S. 88). 

„Das Alte Testament und die jüdische Tradition, die darin gründet, dürfen nicht so gegen das Neue Testament abgesetzt werden, dass das erstere eine Religion zu sein scheint, in der es nur Recht, Furcht und Legalismus gibt, aber keinen Appell, Gott und den Nächsten zu lieben (vgl. 5. Mose 6, 5; 3. Mose 19, 18, Mt. 22, 34-40)“ (Anti-Judaism, Fußnote S. 88). 

Wir sind an einem möglicherweise entscheidenden Wendepunkt im theologischen Verständnis angelangt. Wenn die in diesem Artikel untersuchten Indizien für Judenfeindlichkeit akzeptiert und die logischen und praktischen Konsequenzen gezogen werden, dann könnte das populäre Christentum revolutioniert werden. Es könnte der Glaube werden, „der ein für allemal den Heiligen überliefert ist“, für den Judas uns ermahnt, zu kämpfen. 

Allerdings weist einiges darauf hin, dass die Lektion noch nicht gelernt ist und vielleicht nie gelernt werden wird. Zum Fortschritt in der römisch-katholischen Einstellung gegenüber der Judenfeindlichkeit macht Pawlikowski einen alarmierenden Kommentar: „Eine parallele neue Untersuchung des protestantischen Materials, die noch in Arbeit ist, ergibt weniger klare Resultate; einige der alten Klischees sind noch nicht ausgeräumt oder tauchen sogar in den Texten bestimmter Konfessionen wieder auf“ (Anti-Judaism, S. 30). 

Mit anderen Worten: Es ist noch ein langer Weg bis zu der Einsicht, wie zutiefst jüdisch Jesus und die Urkirche waren. Trotzdem gebührt den Theologen Dank für die Kühnheit, die gefährlichen Irrtümer aufzuspüren, die im Namen des Gründers des Christentums und seiner ersten Anhänger verbreitet worden sind. 

Einstweilen bietet Peter Tomson einen geeigneten Schluss für diese Erörterung. Er schreibt: „Um Paulus richtig zu verstehen, muss man das antike Judentum angemessen berücksichtigen, und beides erfordert eine reflektierte Distanz zur christlichen Tradition. Dies alles bedeutet nichts weniger als einen Paradigmenwechsel in den Grundauffassungen, Zielen und Methoden der etablierten christlichen Theologie“ (Paul and the Jewish Law, S. 7). 

Wir von Vision teilen diesen Wunsch und das Bestreben, auf dieser Grundlage zu lehren und zu praktizieren.