Biologische Bomben entschärfen

Globale Gefahren für die Zukunft der Menschheit werden als „existenzbedrohend“ bezeichnet, weil sie uns alle gefährden. Die Liste ist lang und umfasst oft Krankheitserreger – sei es aus der Natur oder aus Menschenhand – mit der Fähigkeit, sich rasch und manchmal weit zu verbreiten.

Piers Millett ist Senior Research Fellow am Institut für Zukunftsforschung der Universität Oxford, dem „Future of Humanity Institute“. Er sprach mit Vision-Herausgeber David Hulme über die potenziellen biologischen Katastrophen weltweiten Ausmaßes, die durch Risiken wie Bioterrorismus, Pandemien und sogar Genmanipulation ausgelöst werden können.

Piers Millett of the Future of Humanity Institute

Piers Millett ist Mitbegründer einer Beratungsfirma, die für staatliche Stellen, Wirtschaftsunternehmen und akademische Einrichtungen tätig ist. Darüber hinaus berät er die Weltgesundheitsorganisation und er hat mehr als ein Jahrzehnt am internationalen Vertrag der Vereinten Nationen zum Verbot biologischer Waffen mitgearbeitet.

Photo: Future of Humanity Institute

DH Pandemien (weltweite Epidemien) hat es schon früher gegeben, mit katastrophalen Folgen: Pest, Pocken, Spanische Grippe. Wie wahrscheinlich ist eine ähnlich gefährliche biologische Katastrophe von weltweitem Ausmaß heute?

PM Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering. In der Natur kommen sie sehr selten vor; häufiger könnten sie werden, wenn der Mensch mitmischt.

DHWenn Gefahren dieser Art nur vereinzelt vorkommen, warum sollte man dann Zeit und Mühe darauf verwenden, wenn doch viele wichtigere Dinge zu tun sind?

PMWenn es um Risiken geht, denken wir sowohl an Wahrscheinlichkeit als auch an Folgen. Meine Forschung gilt nicht den wahrscheinlichsten Ereignissen, sondern den folgenreichsten. Mit der Kombination dieser beiden Faktoren – Wahrscheinlichkeit und Folgen – bekommen wir eine Risikoabschätzung. Existenzgefährdende und katastrophale Risiken mögen unwahrscheinlich sein, aber sie haben unglaublich hohe Folgen. Deshalb ist es klug, einen Teil unserer Zeit und Ressourcen für die Forschung über Ereignisse aufzuwenden, deren Folgen sehr hoch sein könnten, selbst wenn die Ereignisse selbst sehr unwahrscheinlich sind.

DHPandemien sind vielleicht ein Beispiel für Risiken, die wir gern herunterspielen. Wir neigen zu der Vorstellung, wenn eine Pandemie die Runde gemacht hat, sei sie ein für allemal vorbei. Wie steht es mit dem generationsübergreifenden Aspekt eines Ausbruchs?

PMDas ist eine interessante Frage. Die echte Grippe ist hier das beste Beispiel. Eine Grippe-Pandemie kommt etwa alle 50 Jahre vor. Tatsächlich meinen Grippeforscher, dass die nächste längst überfällig ist. Wir beginnen einige wissenschaftliche Fakten dahinter zu verstehen; anscheinend bleibt uns die Immunität, die wir bekommen, wenn die Krankheit um die Welt geht, ein Leben lang erhalten – und bestimmte Unterarten von Erregern können uns für den Rest unseres Lebens nichts mehr anhaben. Wir beginnen, zu erkennen, wie man diese Kraft freisetzen könnte, um natürlichen Krankheiten vorzubeugen und sie zu behandeln. Das bedeutet hoffentlich, dass man Pandemien künftig wirksamer begegnen kann.

DHAber leben wir, was das Potenzial für Pandemien betrifft, in einer einzigartigen Zeit?

PMWir leben in der Tat in einer sehr speziellen Zeit. Wir wissen erst seit gut einem Jahrhundert, dass Krankheiten von Erregern ausgelöst werden. Wir leben in einer Zeit, in der die Kraft der Biologie freigesetzt wird, um Dinge zu erschaffen und Probleme zu lösen. Und das bedeutet, dass wir sehr viel Macht haben, Biologie zu nutzen. Wir haben sehr viel Macht, sie auf die Fragen um Krankheiten anzuwenden. Aber im Moment wissen wir nicht unbedingt, wie man diese Macht, diese Technologie, verantwortungsvoll oder sicher anwendet. Wir wissen nicht, was die langfristigen Folgen sein werden. Wie gesagt, die Zeitspanne, seit der wir diese Erkenntnisse haben, ist relativ kurz.

„Ich glaube an die Kraft dieser Technologie. Ich möchte in einer Zukunft leben, in der wir Biologie nutzen, um Probleme zu lösen.“

Piers Millett

Ich möchte in einer Zukunft leben, in der viele Menschen diese Technologien nutzen, um die Welt zu verbessern. Die Frage ist deshalb für mich, wie kommt man, indem man diese Nutzeffekte freisetzt, von da, wo wir jetzt sind, zu dieser Zukunft?

DHWas ist die Theorie von der Optimalvirulenz und welchen Beitrag leistet sie zu der Erforschung weltweiter biologischer Katastrophen?

PMDie Idee dabei ist, dass zwei Merkmale wichtig sind, wenn ein Erreger eine Krankheit auslöst. Erstens: Was ist seine Fähigkeit, krank zu machen? Wie krank macht er? Wie wahrscheinlich ist es, dass man daran stirbt? Das nennt man Pathogenität oder Virulenz. Das zweite Merkmal ist die Übertragbarkeit: Wie leicht kann er sich ausbreiten? Dieser Theorie zufolge schließen sich beide Merkmale gegenseitig aus. Wenn also ein Erreger pathogener wird (d. h. gefährlicher), ist es weniger wahrscheinlich, dass er sich ausbreitet. Und wenn seine Fähigkeit zur Ausbreitung steigt, wird er wahrscheinlich weniger pathogen sein.

Die Frage hier ist, ob wir als Menschen – als Wissenschaftler, als Ingenieure – das umgehen könnten und dann, wenn wir es wissenschaftlich besser verstehen, Erreger bauen könnten, die diese Eigenschaften hätten und schlimmer wären als alles, was wir in der Natur gesehen haben. Es gibt einen anhaltenden Strom von Forschungsprojekten über die Produktion potenzieller Pandemie-Erreger, in denen dieser Bereich erkundet wird.

DHWie wahrscheinlich ist ein Bio-Terroranschlag?

PMIch glaube, dass die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist. Terroranschläge sind generell recht sporadisch. Solche mit Biowaffen sind sogar noch sporadischer. Es ist eine reale Gefahr. Es gibt ein reales Risiko. Aber wir müssen nicht in größerer Breite durchdenken, wer das einsetzen würde, warum jemand das einsetzen würde und was die wahrscheinlichen Folgen dieses Ereignisses wären.

DHSie unterscheiden also zwischen Biokriminalität, Bioterror und biologischer Kriegsführung.

PMAbsolut. Wie gesagt, der Einsatz biologischer Waffen kann hinsichtlich der verschiedenartigen Folgen und der Motivation dahinter enorm unterschiedlich sein. Deshalb verwenden wir traditionell drei Bereiche, um die verschiedenen Arten des Einsatzes von Waffen zu definieren.

Zuerst der Bereich Verbrechen. Hier würde eine Person im Wesentlichen biologische Wirkstoffe oder Toxine einsetzen, um jemand anderen zu schädigen oder zu vergiften. Man könnte daran denken, dass ein Mann seine Frau umbringt oder eine Frau ihren Mann oder dass ein Forscher sich an Kollegen rächt, weil man ihn bei der Beförderung übergangen hat. In vielen Fällen geschieht das, wenn Biologie das einfachste, zugänglichste oder bequemste Mittel ist, das man als Waffe verwenden könnte.

Im Bereich Terrorismus muss man an Auswirkungen in einem größeren Maßstab denken – vielleicht Dutzende oder Hunderte von Menschen, normalerweise mit einer Art politischer Motivation, wahrscheinlich mit etwas mehr Ressourcen und mit der Absicht, gezielt Chaos zu schaffen.

Auf der nächsthöheren Stufe haben Staaten in der Vergangenheit definitiv Programme für Angriffswaffen gehabt. Sie haben gezielt biologische Waffen hergestellt und eingesetzt.

Die Art der Nutzung ist unterschiedlich, von Mord an einzelnen Menschen bis hin zu einem großen Zielgebiet, wo Tausende oder Zehntausende Opfer beabsichtigt sind.

DHWas sind die Gefahren von Doppelnutzungstechnik im Bereich der Biologie?

PMUnter Wissenschaftlern gilt es als ziemlich klar, dass praktisch alles an Wissen und Technologie auf zwei Arten genutzt werden kann. Damit meine ich, dass es genutzt werden kann, um großartige Dinge zu tun; es wird wichtig sein, um Probleme in Landwirtschaft, Ernährung und Energie zu lösen; wir werden es einsetzen, um unser Leben zu verbessern. Aber gleichzeitig ist es möglich, dass andere sie nutzen könnten, um bewusst zu schaden. Das nennen wir das Dilemma der Doppelnutzung.

DHSie haben geschrieben: „Wir sollten erwarten, dass es in den nächsten hundert Jahren gefährliche biotechnologische Durchbrüche geben wird, die wir uns heute kaum vorstellen können.“ Worauf beruht diese Warnung?

PMEin gutes Beispiel ist etwas, das wir als  „Genantrieb“ bezeichnen könnten. Traditionell haben wir bei biologischen Risiken an einen Erreger gedacht, der eine Krankheit auslöst. Jetzt beginnen wir, etwas mehr zu verstehen, dass es bei Krankheiten in Wirklichkeit darum geht, dass das gesunde Funktionieren eines biologischen Systems gestört wird. Und es gibt viele Formen, in denen das zu einem ungesunden Zustand verändert werden kann.

Wir beginnen, die Entwicklung von Technologien zu sehen, die biologische Systeme auf verschiedene Weise verändern, an die wir nicht unbedingt denken können, aber die außerhalb des traditionellen Musters „Erreger–Krankheit“ liegen. Ein Genantrieb ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Das ist eine sehr wirksame Technik, die verwendet werden könnte, um viele Fragen über Krankheit oder invasive Spezies zu lösen. Aber es ist auch eine sehr wirksame Technik, die missbraucht werden könnte – potenziell, um Schaden zu bewirken.

Das ist ein gutes Beispiel für etwas, das in den letzten fünf Jahren aufgekommen ist, an das wir vorher nicht gedacht hatten und das uns dazu gebracht hat, über die Dinge, die uns Sorgen machen, auf andere Weise zu denken.

DHWas sehen Sie als die nächsten Schritte, um den Gefahren entgegenzuwirken, die durch weltweite biologische Katastrophen drohen?

PMVor allem möchte ich, dass nicht länger die Wissenschaftler und Ingenieure – die Leute, die hoch entwickelte Biotechnologie entwickeln und einsetzen – zu Unrecht als Teil des Problems bezichtigt werden (jemand, der reguliert werden und auf Armeslänge gehalten werden muss), sondern dass sie als Teil der Lösung gesehen werden. Sie sind in einer besseren Ausgangslage als jeder andere, um etwas davon zu verstehen, was die Auswirkungen dieser Techniken sein werden. Sie sind in einer besseren Ausgangslage als jeder andere, um in ihren eigenen Reihen Verhaltensmuster zu erkennen, die ihnen nicht geheuer sind oder die nicht den Normen der Gesellschaft dafür entsprechen, wie wir die Macht der Technik freisetzen. Und deshalb möchte ich wirklich, dass wir die Art unserer Beziehung zu Wissenschaftlern und Ingeneuren im Bereich Biologie ändern und es ihnen möglich machen, dass sie uns helfen, die sehr positive Zukunft zu erreichen, in der diese Technologien genutzt werden, um Probleme der Welt zu lösen, statt Schaden anzurichten.

Das Interessante im Zusammenhang mit Risiken weltweiter biologischer Katastrophen ist die Weise, in der sie mit anderen Katastrophenrisiken interagieren können. Es gibt eine ganze Literatur zum Thema Dominoeffekte – wo sich Risiken kombinieren könnten. Wenn irgendetwas tatsächlich eine gesellschaftliche Zerrüttung weltweiten Ausmaßes bewirken würde, wäre ich wirklich überrascht, wenn Krankheit dabei keine Rolle spielte.

Ich möchte Sie und Ihre Leser und Zuschauer anregen, darüber nachzudenken, wie Risiken verschiedener Arten zusammenpassen können, wie das eskalieren und sich in einer Weise kombinieren könnte, die sehr schwer vorhersehbar ist.