Medizin oder Vorbeugung?

Ein Plädoyer für beides

Iss dich gesund“ heißt es seit Jahrzehnten. Kann unser Wunsch nach „natürlichen“ Lösungen für unsere Gesundheitsprobleme mit einer wohlüberlegten Anwendung moderner Pharmazie abgestimmt werden?

Niemand bezweifelt die Notwendigkeit von Medikamenten. Nun – fast niemand. Es gibt durchaus Menschen, die den menschlichen Körper für ein solches Wunderwerk halten, dass es unser größter Fehler ist, vielleicht sogar ein Krankmacher, ihn nicht so natürlich wie möglich zu erhalten.

In ihrer extremen Form können solche Naturabsolutisten eine leichte Zielscheibe sein. Elizabeth Nolan Brown, leitende Redakteurin der Zeitschrift Reason, hat für die Anhänger der heutigen Gesundheitsbewegung die wenig schmeichelhaften Rollenbezeichnungen „Proteinmaximierende Gesundheitsapostel, rohmilchtrinkende Nur-Ehefrauen, giftstoffängstliche Food-Babes, impfkritische Insta-Mamas, unschlittgläubige Beauty-Promoterinnen und alle möglichen anderen Körper-als-Tempel-Typen, [die] neue Lösungen verkaufen, neue Sündenböcke liefern und […] neue Vorstellungen davon anbieten, was tugendhafte Lebensführung bedeutet“ übrig. Einige Kritiker der modernen Medizin sind sogar noch weiter gegangen und behaupten, es gebe in Wirklichkeit gar keine Keime; Infektionen würden nicht durch von außerhalb des Körpers eindringende Mikroben verursacht, sondern unsere Beschwerden seien auf Störungen unseres inneren Gleichgewichts zurückzuführen.

Ulric Williams (1890–1971), Verfechter eines alternativen Gesundheitssystems namens „Terraintherapie“, behauptete kühn, richtige Ernährung sei (zusammen mit anderen guten Angewohnheiten) das bessere Heilmittel, nicht Medizin. „Zu lange schon denken wir wie Idioten, ernähren uns wie Narren und handeln wie Spitzbuben; und dann schlucken wir Gifte oder lassen Stücke aus uns herausschneiden, in der Hoffnung, uns der Konsequenzen zu entledigen.“

Markige Worte – und Williams hatte nicht unrecht damit, dass unsere Lebensweise eindeutig etwas ausmacht. Aber die Frage ist nicht, ob man der Natur oder der Wissenschaft trauen sollte. Es geht darum, klug aus beidem zu schöpfen.

Wie in vielen Bereichen menschlicher Probleme und Meinungen werden wir derzeit leider auch in unserem Denken über Gesundheit polarisiert. Wandeln wir nur auf dem Pfad der Medikalisierung – wollen wir für jedes Wehwehchen eine Pille und ignorieren dabei, wie wir leben, denken und essen? Oder sind wir auf dem Weg zum anderen Extrem: Meiden wir Medikamente als unnatürlich, eher toxisch als therapeutisch? Wo ist die Ergänzung, der Optimalpunkt, an dem der richtige Einsatz von Medizin und richtiges Wissen um die Fähigkeit des Körpers zur Krankheitsabwehr und Selbstheilung ineinandergreifen?

Das biomedizinische Modell

Der Körper ist ein Wunderwerk. Trotzdem sind den meisten Menschen die Eingriffe der modernen Medizin willkommen, und sie glauben an die Richtigkeit von Antibiotika, Impfstoffen und anderen Medikamenten. Diese Mittel wirken, denn erstens stimmt die Keimtheorie – Pasteur hatte recht: Mit Abwässern verschmutzte Flüsse sollte man meiden. Sauberes Wasser ist wichtig. Und zweitens verstehen wir inzwischen recht gut, wie der menschliche Körper chemisch funktioniert.

Dies ist das biomedizinische Modell der Gesundheit. Es ist gut für uns, dass die Physiologie der Krankheit entdeckt und Medikamente entwickelt wurden, um spezifische Funktionsstörungen zu lindern oder zu bekämpfen. Schließlich leben wir länger als jemals seit Beginn der Geschichtsschreibung, und das ist weitgehend auf die Eindämmung von Infektionen und anderen Krankheiten durch medikamentöse Therapien zurückzuführen.

Dennoch ist dieses Modell nicht perfekt. Auch vorbeugendes Verhalten trägt dazu bei, länger und gesünder zu leben. So erklärt die Keimtheorie zwar Infektionen, aber wie wir leben und essen und die Umwelt, die auf uns einwirkt, sind ebenfalls wichtig; es ist nicht „das eine oder das andere“, es ist „das eine und das andere“. Wenn in der modernen Medizin etwas falsch ist, ist es die Tendenz, komplexe Beschwerden auf Einzelursachen zurückzuführen und Einzellösungen für sie zu verschreiben. Mit den Worten des Verhaltensforschers G. Pattishall (1921–2003): „Wir gehen offenbar in der blinden Hoffnung vor, dass wir irgendwie fähig sein werden, den Menschen zu verstehen, wenn wir nur seine kleinsten Bestandteile isolieren können. Wir geben uns mit einem Verständnis der Mechanik statt des Prozesses zufrieden, mit der Einzelvariablen statt der Multivariablen, mit den isolierten Teilen statt dem integrierten Ganzen, mit Irrelevanz statt Bedeutung.“

Generell ist das Problem nicht, dass Medikamente nicht wirken, sondern dass die Art, wie sie entwickelt, erprobt und abgegeben werden, manchmal das Vertrauen der Öffentlichkeit untergraben kann. Naturwissenschaft ist keine Debatte, bei der die ansprechendste Hypothese gewinnt; ihre Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit liegen in den Daten. Was allerdings nicht bedeutet, dass in der Naturwissenschaft keine Fehler gemacht würden. Und da pharmazeutische Entwicklung ein Geschäft ist, können Gewinn- und Marktorientierung die Daten oder ihre Auslegung korrumpieren.

Jerry Avorn, Professor für Medizin am Brigham and Women’s Hospital von Harvard, hat 1998 die Division of Pharmacoepidemiology and Pharmacoeconomics gegründet, um das Wissen über Wirksamkeit, Notwendigkeit, Nebenwirkungen und Kosten von Medikamenten zu erweitern. In Rethinking Medications: Truth, Power, and the Drugs You Take berichtet er, dass wir zwar unglaubliche Erkenntnisse über die Biologie von Krankheiten gewonnen, diese Erkenntnisse aber nicht immer gut an den Mann gebracht haben: „Unsere bemerkenswerten wissenschaftlichen Triumphe sind nicht mit vergleichbaren Fortschritten darin einhergegangen, diese Entdeckungen zu denen zu bringen, die sie brauchen, oder mit genug Engagement für die Sicherung von Wirksamkeit, Sicherheit und Bezahlbarkeit der Medikamente, die die Menschen nehmen.“

Avorn definiert Pharmakoepidemiologie als die Erforschung dessen, „was richtig läuft und was falsch läuft, nachdem Moleküle das Labor verlassen und auf die Reise in den Körper von Menschen gehen. Manchmal ist der Weg schnell und direkt und führt zu ausgezeichneten Ergebnissen. Aber manchmal nimmt er unerwartete Wendungen, die zu furchtbaren Ergebnissen führen können.“ Seine Analyse sei „direkt relevant für jeden, der ein Medikament nimmt oder verschreibt oder jemanden gernhat, der das tut, aber auch für jeden, der Steuern oder Krankenkassenbeiträge zahlt, unabhängig davon, wo wir leben mögen.“

Ich ermutige zur Skepsis. Ich finde nicht, dass man einfach in eine Sprechstunde gehen und ,Ja, ja, ja, ja‘ sagen sollte. Tatsächlich liebe ich es, wenn meine Patientinnen und Patienten mich ausfragen. [...] Wenn Sie gegoogelt haben und Fragen haben, weiß ich jetzt genau, welchen Weg ich nehmen muss, um Ihnen zu einer Entscheidung zu verhelfen, die für Sie und Ihre Familie richtig ist.“

Mikhail Varshavski, Arzt für Osteopathie

Avorn rät: „Diesen Weg zu verstehen kann erkennen helfen, welche Medikamente man nehmen oder vielleicht hinterfragen sollte und was in einer Arztpraxis geschehen muss.“

Ein wichtiger Teil dieses Wegs ist die Forschung, die der Erfindung und Entwicklung des Wirkstoffs selbst zugrunde liegt. Ein besorgniserregender Aspekt der pharmazeutischen Entwicklung ist, dass Unternehmen ihre Wirksamkeitstests selbst planen und durchführen dürfen. Ergebnisse, die nicht zu ihren Forschungs- oder Marketingzielen passen, können manchmal geheim gehalten werden. Solche Praktiken untergraben das Vertrauen nicht nur in die Medikamente, sondern in die Medizin selbst (siehe unten, „Das Pharma-Business“).

Die Erkenntnis, dass Fehler vorkommen – sogar haarsträubende oder illegale Fehler –, bedeutet nicht, dass wir den grundsätzlichen Wert von Medikamenten oder die biologischen Grundlagen, auf denen sie beruhen, aus den Augen verlieren sollten. Andere Behandlungsmodelle wie z. B. die Terraintherapie haben lobenswerte Ziele und liefern wichtige Erkenntnisse (etwa die Notwendigkeit, sich um seinen Körper zu kümmern), aber die Argumentation, auf der sie fußen, dürfte in einigen Fällen wissenschaftlich haltlos sein.

Eine falsch verstandene Beobachtung

In der Terraintherapie, die im 19. Jahrhundert als Gegenentwurf zu Louis Pasteurs Werk in Frankreich aufkam, gelten Bakterien und Viren als Symptome statt Ursachen: Man glaubte, dass sie als Folge von Krankheit im Körper entstehen und wachsen. Bei dieser Sichtweise ist es von höchster Bedeutung, wie wir leben und mit unserem Körper (dem „Terrain“) umgehen. Aber wenn Bakterien außerhalb des Körpers gemäß dieser Sichtweise harmlos sind, bedeutet das dann, dass es doch in Ordnung ist, in abwasserverseuchten Flüssen zu schwimmen?

Die Terraintherapie scheint recht nützlich zu sein, wenn man nur ihr Ziel berücksichtigt: einen Körper in gesundem Gleichgewicht. Steigt man aber tiefer in die Terraintheorie ein, so werden fehlerhafte Grundlagen offenbar, die ihre Erklärungen und Lehren nicht stützen.

Die Theorie kam auf, als Pierre Antoine Béchamp seine eigene Krankheitstheorie vorstellte. Damals war bekannt, dass Gärung und Fäulnis mit Bakterien und Pilzen zu tun haben, und der Ursprung dieser Mikroben war noch strittig. Béchamps Lösung waren bis dahin unbekannte Partikel, die er Mikrozyme nannte und für die unzerstörbare Grundeinheit des Lebens hielt. „Sie funktionieren in jeder Zelle, jedem Organ und jedem anatomischen System, natürlich, chemisch und physiologisch für sich selbst, und dabei behalten sie ihre Individualität“, schrieb er. Er glaubte, dass sie die Partikel seien, die in den zeitgenössischen Zellendiagrammen als „Pünktchen“ visualisiert wurden. Heute würden wir dies als das Zytoplasma der Zelle bezeichnen – die Flüssigkeit und die Strukturen, die wir nun als gewöhnliche Bestandteile von Zellen erkennen, z. B. Ribosome, Vakuolen und dergleichen.
 

Diese Zeichnung von verschiedenen Zellenarten (links) illustriert den Wissensstand von 1847. Mikroskope hatten eine geringe Auflösung; fotografische Analyse gab es noch nicht. Was man heute Zytoplasma nennt, wurde als mysteriöse Körnchen dargestellt (siehe die Vergrößerung rechts). Béchamp glaubte irrigerweise, dass diese Tüpfel das Geheimnis des Lebens offenbarten – Leben gebende Mikrozyme.

Quelle: Wikimedia Commons 

Béchamp glaubte, die Mikrozyme steuerten die Bildung von Proteinen und der Zelle selbst. Wenn der Körper gestört sei, würden die Mikrozyme fehlreguliert und entwickelten sich zu Bakterien, die dann den Krankheitszustand hervorriefen. Er schloss: „Die Ursache unseres Krankseins liegt immer in uns selbst. Äußere Ursachen können nur zur Entwicklung des Leidens und somit der Krankheit beitragen, weil sie eine materielle Veränderung des Mediums bewirkt haben, in dem die letzten Partikel der organisierten Materie leben, die uns konstituiert – nämlich die Mikrozyme.“

Menschen mit sauberen Systemen [Körperfunktionen] sind von Natur aus immun; aber Krankheitskeime, die in Ungesunden aufgetreten sind, können bei allen, die ungesundes Leben anfällig gemacht hat, Krankheit verbreiten.“

Ulric Williams, Terrain Therapy

Knapp 200 Jahre später wissen wir, dass dieses Narrativ falsch ist – clever und faszinierend, aber nicht richtig. Die Entwicklung von Antibiotika war z. B. ein Lebensretter, nicht eine Gefahr für den Körper. Dennoch schlug der Naturheilkundler Herbert Shelton (1885–1985) eine alternative Behandlungsform vor, die er „Natural Hygiene“ nannte – natürliche Gesundheitslehre. „Alle Medizin ist Gift“, insistierte er; es sei die Verunreinigung des Körpers, die Krankheit bewirke. „Was ist das wahre Ziel der Hygienebewegung? […] Hygiene muss das ganze Arzneisystem mit Stumpf und Stiel vernichten und den Menschen ein System der Geist‐Körper-Pflege geben, das auf den Gesetzen der Natur gründet.“

Diese Vorstellungen und modernere Versionen von ihnen wuchern im Internet weiter. Ein Lieferant Terraintherapie-ähnlicher Beratung und Nahrungsergänzung wurde 2020 von der FDA (Zulassungsbehörde der USA) sanktioniert, weil er unorthodoxe Coronakuren anbot. Die FDA verlangte, er müsse „alle anderen Behauptungen über Ihre Produkte und Leistungen überprüfen und unverzüglich aufhören, Behauptungen zu äußern, die nicht durch kompetente und zuverlässige wissenschaftliche Beweise untermauert sind“. Es wäre für uns alle nicht schlecht, das Gleiche zu tun, wenn wir auf extravagante Verheißungen von Heilmitteln stoßen, sei es im Internet oder in einer Arztpraxis. Der Reiz natürlicher Heilmittel ist verständlich. Wenn aber beim Streben nach Natur Beweise direkt verneint werden, wird es nicht heilsam, sondern fahrlässig.

Trotzdem gibt es durchaus wissenschaftlich fundierte natürliche Behandlungsformen. Und wenn sie von ordnungsgemäß approbierten Medizinern verordnet werden, können sie von unschätzbarem Wert sein, ebenso wie gut informierte Selbstfürsorge. Unser Körper ist „wunderbar gemacht“ (Psalm 139, 14), widerstandsfähig gegen Krankheit – dies allerdings entschieden weniger, wenn er schlechter Ernährung, psychischem Stress und Umweltgiften ausgesetzt wird.
 

Gegenseitige Ergänzung

Manche Autoren wiederholen noch immer die jahrzehntealte Warnung von Pattishall. Einfach einen Wirkstoff zu finden, der einen Biomarker verändert (z. B. einen ACE-Hemmer, der den Blutdruck senkt), löst nicht den Kern des Problems: Warum ist der Blutdruck überhaupt hoch? Wenn die Medizin noch heute gemäß diesem Paradigma arbeitete, hätten diese Kritiker recht. Aber die medizinische Forschung hat ihren Kurs korrigiert. Heute ist klar, dass beide Wege hilfreich sein können: eine medikamentöse Therapie und auch eine Verhaltensänderung, die bei zugrunde liegenden Ursachen ansetzt. Wir haben große Fortschritte darin gemacht, das „integrierte Ganze“ und seine Beziehung zur Gesundheit zu verstehen. Sehr wenige Ärzte oder Ärztinnen würden heute sagen: „Nehmen Sie einfach diese Pille und rufen Sie mich morgen Vormittag an“ und sich dabei vorstellen, die Geschichte der Gesundheitspflege sei damit auserzählt.

In einem Forschungsbericht steht: „Angesichts des gewachsenen Bewusstseins für die Bedeutung der Lebensweise bei der Krankheitsprävention sehen wir nun auch beim Krankheitsmanagement eine Renaissance der Ernährung bzw. generell der Lebensweise. In diesem Kontext umfasst Krankheitsmanagement nicht nur Maßnahmen bei der Lebensweise, um die allgemeine Gesundheit und das Wohlbefinden von Patienten zu verbessern, sondern auch Ernährungsstrategien, um den Krankheitsverlauf selbst zu stabilisieren oder sogar ,umzukehren‘.“

Wenn man jemanden sucht, der die Vorstellung bejaht, dass Essen eine Art Medizin sein kann, wird man sehr schnell fündig; die medizinische Community würde zustimmen. Unsere Wahl, was wir konsumieren – sowohl geistig als auch körperlich –, ist von großer Bedeutung für unser gesamtes Wohlbefinden. Doch diese Wahrheit tut dem Wert der Pharmazie keinen Abbruch.

Wir haben es hier mit einer Dualität zu tun, nicht einer falschen Dichotomie. Es ist nicht einfach Lebensweise oder Medikamente. Es ist Lebensweise für alle, und für die, denen sie hilft – mit hohem Risiko, die eine zusätzliche Schicht brauchen – ist medikamentöse Behandlung definitiv eine Option.“

Mikhail Varshavski, Arzt für osteopathische Medizin (Interview mit Eric Topol, Direktor und Gründer des Scripps Research Translational Institute)

Es gibt Gemeinsamkeiten, doch in der Praxis kann es schwierig sein, sie zu finden, denn die Reibung zwischen dem Lager der Pharmaziegegner und Naturheilkundler und den Befürwortern von Pharmazie ist extrem. In Super Agers: An Evidence-Based Approach to Longevity diskutiert der Kardiologe Eric Topol z. B. die Multivariablen der Lebensweise im Zusammenhang mit unseren Krankheiten. Topol leitet das Department of Translational Medicine bei Scripps Research. Die translationale Medizin erforscht, wie medizinische Daten und Entdeckungen für die Versorgung von Patienten anwendbar sind. 

Wenn die Rede von ‚gesunder Lebensweise‘ ist, bezieht sich dies gewöhnlich auf Ernährung, Bewegung, Schlaf und den Konsum von Alkohol, Kaffee und Tabak“, schreibt Topol. Weil die Faktoren, die unsere Gesundheit beeinflussen, nicht darauf beschränkt sind, plädiert Topol dafür, das Spektrum zu erweitern: „Meine viel breitere Definition ‚Lebensweise+‘ umfasst auch Umweltbedingungen wie den Einfluss von Toxinen einschließlich Luftverschmutzung, Mikroplastik, Ewigkeitschemikalien, sozioökonomischem Status, Einsamkeit und soziale Isolation.“

Zweifellos tragen alle diese Faktoren erheblich zu unserem Gesundheitszustand bei – Anhänger der Terraintherapie würden zustimmen, dass diese Liste aus bedeutenden Störfaktoren für unser körperliches Gleichgewicht besteht. Es bleibt unser Ziel, auf kurze Sicht Infektionen zu vermeiden und, wenn man länger lebt, die Belastungen und Krankheiten des Alterns zu verringern: chronische Krankheiten wie Krebs, Diabetes, Herz-Kreislauf-Belastung und neurodegenerativen Verfall. In vielen Fällen kann es das Leben verlängern oder sogar retten, wenn mit der richtigen Therapie eingegriffen wird – sei es mit Medikamenten, einer wissenschaftlich fundierten Naturheilmethode oder einer Änderung der Lebensgewohnheiten.

Die meisten Menschen sind, ehrlich gesagt, erst motiviert, wenn sie wissen, dass es ein Ziel gibt: Bekommen Sie nicht diese Krankheit, und dies wird Ihnen helfen, keine Krankheiten zu bekommen“, schreibt Topol. Ein solches Ziel könnte eine wichtige Veränderung bei einem bestimmten Biomarker sein – BP, LDL, CRP oder Herzfrequenz –, der anzeigt, dass es problematisch wird. „Und wir werden auch weitere Dinge dazunehmen, um zu helfen, nicht nur die Lebensweise“, fügt er hinzu. Der Supermarkt, die Apotheke und das Sportstudio: Sie alle können ergänzend Hilfe bringen.

Zurück zum Grundlegenden

Wir sind aufs Engste mit unserem Körper verbunden und notwendigerweise höchst interessiert an seinem Wohlergehen. Werden wir etwas tun, um für unsere eigene Gesundheit zu sorgen? Karen Hacker, Direktorin des US National Center for Chronic Disease Prevention and Health Promotion, resümiert die Lage, in der wir uns befinden, und die Entscheidungen, vor denen wir stehen: „Wenn wir in Bezug auf Änderungen unserer Lebensweise in die Zukunft blicken, werden wir sowohl mit den Herausforderungen für die Prävention als auch mit den Chancen durch technologische Innovation zu kämpfen haben. Gleichzeitig können die wachsenden pharmazeutischen Optionen z. B. für die Behandlung von Diabetes und Fettleibigkeit Prävention weniger dringlich machen. Warum schließlich auf Umweltveränderungen fokussieren, wenn man das behandeln kann?“ Das potenzielle Dilemma ist zunehmend real, und die Versuchung, die eine scheinbar einfache Abhilfe bedeutet, kann stark sein.

Es gibt immer mehr Belege dafür, dass […] nachhaltige Änderungen der Lebensweise besonders in den ersten Stadien der Krankheit keineswegs schlechter sind als medikamentöse Behandlung und die Störung oft wirksamer stabilisieren oder sogar rückgängig machen.“

Renger Witkamp und Klaske van Norren: Let Thy Food Be Thy Medicine […] When Possible

Wenn es jemandem von uns akut sehr schlecht geht, braucht er oder sie vielleicht wirklich sofort ein Medikament. Aber können wir auch sehen, dass es der bessere Weg ist, diese Notwendigkeit nach Möglichkeit ganz zu vermeiden? Wenn wir besser verstehen, wo die Pharmaindustrie versagt und wo sie erfolgreich ist, kombiniert mit genauerem Wissen über die Herkunft von Gegenbehauptungen, die die legitime ärztliche Beratung unterhöhlen, sind wir gerüstet, bessere Entscheidungen für die Gesundheitspflege zu treffen.

Ohne Prävention in aller Welt“, warnt Hacker, „werden wir wahrscheinlich weitere Zunahmen chronischer Krankheiten bei jüngeren Menschen und all die damit verbundenen Konsequenzen wachsender Sterblichkeit und wirtschaftlicher Folgen sehen. Angesichts der Vorliebe der Öffentlichkeit für einfache Abhilfen wird dies auch eine Herausforderung für die Lebensweise als Medizin sein.“

Manchmal ist die „einfache Abhilfe“ die einzig verfügbare Abhilfe. Manchmal haben wir auch unser „Terrain“ und die Einflüsse darauf nicht unter Kontrolle. Doch unabhängig davon, in welcher Situation wir gerade sind, gibt es klügere und weniger kluge Entscheidungen darüber, was als Nächstes zu tun ist: Medikament nehmen oder nicht nehmen?

Wenn es darum geht, unsere Gesundheit zu verbessern, kann dann Essen unsere Medizin sein? Natürlich, und das Gleiche gilt für Bewegung, Schlaf, Gemeinschaft und Freunde. Jeden Tag einen Apfel essen, und vielleicht brauchen wir dann keinen Arzt. Aber wenn das nicht hilft, könnte ein Statin oder GLP-1-Regulator das sein, was gesund hält – wenn sie der richtigen Person zur richtigen Zeit verordnet werden. Weisheit liegt nicht darin, entweder Natur oder Wissenschaft zu wählen, sondern darin, klug aus beidem zu schöpfen.

Das Pharmabusiness

Es ist nicht zu bezweifeln, dass Pharmazeutika im letzten Jahrhundert sehr viel für unsere Lebenserwartung, unser körperliches und psychisches Wohlbefinden und generell unsere Gesundheit getan haben. Aber die moderne medizinische Versorgung beruht nicht nur auf einer Chemikalie in einer Pille oder Spritze. Sie ist abhängig von ehrlicher Wissenschaft bei der Prüfung und Erprobung von Wirkstoffen, Ärzten und Ärztinnen, die nicht von Pharmavertretern beeinflusst sind, und unserer eigenen Fähigkeit, Kosten und Nutzen einer bestimmten Medikation zu verstehen.

Dieser Rahmen kann zerbrechen. Die ehemalige Pharmavertreterin Lisa Ratta warnt: „Wenn ein Arzt Ihnen ein Medikament verschreibt, fragen Sie, ob er ein Sprecher für dieses Mittel oder den Hersteller ist. Fragen Sie, ob er Tagungen eines Unternehmens besucht, das alle Kosten übernimmt. Wenn ja – laufen Sie weg.“

Arzneimittel sind Produkte – sie werden hergestellt, vermarktet und verkauft. Und manchmal zu teuer verkauft. In Rethinking Medications schreibt Jerry Avorn, dass die Verpflichtung von Unternehmen, Gewinne zu erwirtschaften, zwar dort aufhören soll, wo gegen geltendes Recht verstoßen wird, aber „wenn es einen Weg gibt, das Recht zu modifizieren […], dann gehört das auch zur Arbeit des Unternehmens.“

Avorn empfiehlt Patienten eindringlich, proaktiver zu sein, und dies auf zwei Ebenen: „der persönlichen – sich aktiver an Entscheidungen über seine Medikamente zu beteiligen, und der politischen – die Politik umzugestalten, die in diesen Bereichen herrscht“.

Auf der persönlichen Ebene rät Avorn, bei jedem Medikament Folgendes zu tun:

  • Fragen Sie die verordnende Person: „Dient dieses Mittel zur Behandlung oder zur Vorbeugung?
  • Fragen Sie: „Was ist das Ziel dieser Behandlung?“
  • Fragen Sie: „Woran werde ich erkennen, dass dieses Ziel erreicht ist?“
  • Fragen Sie: „Welches sind die wichtigsten Nebenwirkungen?“
  • Bringen Sie all Ihre Arznei- und Nahrungsergänzungsmittel mit in die Arztpraxis oder Apotheke – ob (von all Ihren Ärzten und Ärztinnen) verschriebene Medikamente, frei verkäufliche Mittel, pflanzliche Mittel oder Vitamine/Mineralstoffe –, damit synergetische (aus der Kombination rührende) Nebenwirkungen mit dem neuen Medikament vermieden werden können. Verlassen Sie sich nicht darauf, dass KI gefährliche Kombinationen erkennt.